Gustav Nachtigal

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Gustav Nachtigal
Gustav Nachtigal als Altmärker (1854)[1]
Nachtigaldenkmal in Stendal von Ríchard Anders
Das Regierungsgebäude in Douala (Kamerun) mit der Grabstätte Nachtigals 1894

Gustav Nachtigal (* 23. Februar 1834 in Eichstedt (Altmark); † 20. April 1885 vor der Küste Westafrikas) war ein deutscher Afrikaforscher.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Studium: 1834–1863[Bearbeiten]

Gustav Nachtigal, Sohn des Pfarrers Carl Friedrich Nachtigal, wuchs nach dem frühen Tod des Vaters, der 1839 an Lungenschwindsucht starb, in Stendal auf. Er besuchte dort das Winckelmann-Gymnasium[2] und studierte Medizin in Halle, Würzburg und Greifswald. Er war Corpsschleifenträger der Palaiomarchia (1854), Pomerania (1877) und Nassovia (1878).[3] 1858 wurde er preußischer Militärarzt in Köln.

Tätigkeit in Nordafrika: 1863–1868[Bearbeiten]

Nachtigal erkrankte an Tuberkulose und begab sich zur Genesung nach Nordafrika. Zunächst lebte er in Algerien, ab 1863 in Tunis, wo er als Feldarzt am Feldzug gegen die aufständischen Stämme des Maghreb teilnahm und anschließend am Hof in Tunis Leibarzt des Beys wurde. Hier lernte er auch Arabisch.

1868 traf Nachtigal den Forscher Gerhard Rohlfs, der 1868 von König Wilhelm I. von Preußen mit der Übergabe von Geschenken an den Sultan von Bornu im heutigen Nigeria beauftragt worden war. Rohlfs übertrug diese Aufgabe an Nachtigal. In Murzuk traf Nachtigal mit der niederländischen Afrikaforscherin Alexandrine Tinne zusammen.

Die große Afrikareise: 1869–1874[Bearbeiten]

Nachtigal brach am 17. Februar 1869 von Tripolis aus auf, durchquerte die Sahara, hielt sich in Fessan auf und ging dann in das vorher von keinem Europäer betretene Gebiet der Tibbu, das Land Tibesti. Die dort lebenden Teda bedrohten Nachtigal jedoch mit dem Tod und raubten ihn aus, so dass er nach Murzuk fliehen musste, wo er dann den Winter verbrachte. Im Gegensatz zu anderen Afrikaforschern nutzte er dieses Erlebnis nicht, um die Afrikaner zu diffamieren, sondern bemühte sich zu verstehen, weshalb die Tibbu in ihm einen feindseligen Eindringling hatten sehen müssen.

Im Juli 1870 erreichte er Kuka, die Residenz des Sultans von Bornu, und überreichte diesem die Geschenke des preußischen Königs. Nachtigal bereiste danach Kanem (Region) und Borkou und kehrte im Januar 1872 wieder nach Kuka zurück. Darauf wendete er sich nach Bagirmi und in die südlichen, damals noch von Heiden bewohnten Gebiete. Nachdem er im Herbst 1872 wieder nach Kuka zurückgekehrt war, reiste Nachtigal zum Fluss Chari im heutigen Tschad und von dort weiter in das Sultanat Wadai (heute östlicher Tschad). Im Sommer 1873 reiste er von der Hauptstadt Abeschr bis zur südlichen Landesgrenze und gelangte 1874 zunächst in das Sultanat Darfur und im Sommer 1874 in das Sultanat Kordofan. Er lernte unterwegs weitere regionale Sprachen und sammelte wissenschaftliche Daten über die Kultur der Afrikaner, wodurch er zu einem Vorläufer der modernen ethnographischen Feldforschung wurde. Nachtigal war bei der Interpretation der Forschungsergebnisse bemüht, keine negativen Rückschlüsse auf die Afrikaner zu ziehen, wie dies bei anderen Afrikareisenden seiner Zeit – etwa Henry Morton Stanley – der Fall war. Nachtigal war bei seiner Expedition auch Augenzeuge von Sklavenjagden geworden, die er schonungslos beschrieb.

Schließlich erreichte Nachtigal Khartum, die Hauptstadt des von Ägypten besetzten Sudan. Von hier aus reiste er entlang des Nils nach Kairo in Ägypten und kehrte 1875 schließlich nach Deutschland zurück.

Tätigkeiten in Berlin und Tunis: 1875–1884[Bearbeiten]

Nachtigal schrieb in Berlin die Ergebnisse seiner Reisen nieder. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde als Vorsitzender der Gesellschaft für Erdkunde und der Afrikanischen Gesellschaft eingesetzt. Außerdem war er Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 1882 wurde Nachtigal von Reichskanzler Otto von Bismarck zum Generalkonsul in Tunis ernannt. Offizielle Berichte kritisierten, dass sich der Konsul Nachtigal zu sehr der Erforschung der islamischen Kultur Nordafrikas widme und sich nur unzureichend für die Interessen der deutschen Exportwirtschaft einsetze.

Kolonialverwaltung in Westafrika: 1884–1885[Bearbeiten]

Im Jahre 1884 wurde Nachtigal zum Reichskommissar für Deutsch-Westafrika ernannt und damit in die deutsche Kolonialpolitik eingespannt. Seine unveröffentlichten Briefe und Tagebücher zeigen, dass ihm diese Aufgabe widerstrebte. Lediglich die Hoffnung, durch eine europäische Intervention dem Sklavenhandel einen Riegel vorzuschieben, ließ ihn Bismarcks Auftrag annehmen. Im Frühjahr 1884 reiste er als kaiserlicher Kommissar nach Kapitaï und Koba sowie an den Golf von Guinea. Am 5. Juli 1884 errichtete Nachtigal die sogenannte deutsche „Schutzherrschaft“ über das Gebiet von Togoland (heute Togo bzw. Teilgebiet von Ghana). Am 14. Juli stellte er Kamerun „unter deutschen Schutz“. Im selben Jahr beglaubigte er die teilweise betrügerisch erworbenen Rechte bzw. Landerwerbungen der Firma Lüderitz im heutigen Namibia („Lüderitzland“), zeigte aber Bedenken gegenüber einer Konfrontation mit Frankreich wegen Kapitaï und Koba in Guinea.

Er hielt sich noch einmal in Kamerun auf und stellte am 11. März 1885 das Mahinland unweit des Nigerdeltas „unter deutschen Schutz“. Auf der Rückreise nach Europa erkrankte er an Tuberkulose und starb am 20. April 1885 an Bord des Kanonenbootes SMS Möwe. Am 21. April 1885 wurde er auf Kap Palmas beigesetzt. 1888 wurden seine sterblichen Überreste nach Kamerun überführt, wo ihm beim ehemaligen Gouvernementsgebäude ein Denkmal errichtet wurde.

Ehrung und Einordnung[Bearbeiten]

Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber den deutschen Kolonialerwerbungen wurde Gustav Nachtigal in der deutschen Presse zum Kolonialhelden stilisiert. Seine teilweise abwertenden Äußerungen – u. a. über die Lobby der deutschen Schnapsexporteure – wurden auf offiziellen Druck hin nie veröffentlicht.

Nach ihm wurde das Schiff Nachtigal benannt, das 1914 infolge des Ersten Weltkrieges in Kamerun sank.

In der DDR-Geschichtsschreibung wurde der Forscher unkritisch mit Carl Peters gleichgestellt. Angesichts der veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften Nachtigals ist jedoch zu sagen, dass er neben Heinrich Barth nicht nur als der wissenschaftlichste Afrikaforscher überhaupt, sondern auch eine der wenigen Persönlichkeiten der Forschungsgeschichte gelten darf, die den Afrikanern nicht als überhebliche, mit Rassenvorurteilen beladene Durchreisende oder als brutale Eroberer gegenübertraten.

Gustav Nachtigal hatte namhaften Anteil an der Aufklärung des Schicksals von Eduard Vogel.

In Stendal wurde ihm zu Ehren westlich des Nachtigalplatzes (Ende Bahnhofsstraße) eine Bronze-Büste aufgestellt.

Sonstiges[Bearbeiten]

Nachtigals Neffe, der Sohn seiner Schwester Marie Luise Nachtigal, Rudolf Prietze wurde ebenfalls Afrikaforscher und gilt als einer der Väter der modernen Afrikanistik (Sprachwissenschaft).

Werke[Bearbeiten]

  • Sahara und Sudan. 3 Bände, Berlin; Leipzig 1879–1889. - als Reprints erhältlich.
  • Tibesti. Die Entdeckung der Riesenkrater und die Erstdurchquerung des Sudan, 1868–1874. Hg. v. Heinrich Schiffers. Tübingen und Stuttgart 1978 ISBN 3-7711-0305-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nach den KKL 1910 und den KCL 1960 trug Nachtigal drei Schleifen, kein Band
  2.  Gerhard Richter, Altmärkisches Museum Stendal (Hrsg.): Stendal. Herz der Altmark. (Stadtführer). 3. Auflage. Volksdruckerei Stendal, 1965, S. 2.
  3. Kösener Korps-Listen 1910, 208, 395; 103, 83; 93, 553

Literatur[Bearbeiten]

  • Dorothea Berlin: Ein deutsches Freundespaar aus besserer Zeit: Rudolf Berlin und Gustav Nachtigal. Behr, Berlin 1928
  • Claus Priesner: Nachtigal, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 682–684 (Digitalisat).
  • Gustav Nachtigal 1869/1969. (Bonn-)Bad Godesberg 1969.
  • Gedenkschrift Gustav Nachtigal. 1874–1974 (= Veröffentlichungen aus dem Übersee-Museum Bremen. Reihe C, Band 1), Bremen 1977
  • Werner Hartwig: „Weißes Gold“ - auf den Spuren Gustav Nachtigals. Weltbild (Ferienjournal) 1977
  • A. Tunis: Gustav Nachtigal. Ein Philanthrop im Staatsdienst. In: Baessler-Archiv. Band 44, 1996, S. 407–424. [1]
  • August K. Stöger: Marsch ins Ungewisse HOCH-Verlag Düsseldorf 1972 1.Lizenzausgabe Druck: F.Sailer, Wien

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gustav Nachtigal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Gustav Nachtigal – Quellen und Volltexte