Hatra

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35.57583333333342.728333333333Koordinaten: 35° 34′ 33″ N, 42° 43′ 42″ O

Karte: Irak
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Hatra

Hatra (arabisch ‏الحضرal-Ḥaḍr; aramäisch ḥṭrʾ) war in der Antike die Hauptstadt eines mesopotamischen Kleinfürstentums im Machtbereich des Partherreichs. Aufgrund seiner Denkmälerfülle ist Hatra einer der aussagekräftigsten Fundorte der Partherzeit und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Ruinen der Stadt liegen im heutigen Irak.

Geschichte[Bearbeiten]

Hatrene[Bearbeiten]

Hatra liegt etwa 110 Kilometer südwestlich von Mosul und 4 Kilometer westlich des Wadi al-Tharthar, einem im Dschabal Sindschar entspringenden, nur zeitweilig Wasser führenden Fluss (Wadi). Damals wurde das Gebiet um die Stadt Hatrene genannt. Es stellte zu parthischer Zeit (bis 224 n. Chr.) ein Klientelkönigreich der Parther dar, das zum Machtbereich der Parther gehörte, jedoch von einem eigenen König regiert wurde. Auf diese Weise konnten die Arsakiden, die in Parthien herrschten, einen erheblichen Teil der Araberstämmer der Region kontrollieren.

Herausbildung der Stadt[Bearbeiten]

Am Rande der Steppe im weiteren Grenzbereich zwischen den Großmächten der damaligen Zeit, dem Partherreich der Arsakiden und dem Römischen Reich, bildete sich im 1. Jahrhundert nach Christus ein von nomadischen Stämmen getragenes städtisches Zentrum heraus. Der Name Hatra (aramäisch ḥṭrʾ) bedeutet in etwa "Umwallung" oder "Niederlassung". Die Stadt war eng mit dem Arsakidenreich verbunden. Im Verlauf des 2. Jahrhunderts wurde sie zu einer umwallten, über 300 Hektar umfassenden, in der Grundform einem Kreis angenäherten Anlage mit zentralem Temenosbereich (Tempelbezirk) ausgebaut. Bedeutung und Stärke Hatras werden u. a. deutlich in den mehrfachen, vergeblichen Versuchen römischer Kaiser (u. a. Trajan 117 und Septimius Severus 197 und 199), die Stadt zu erobern. In den sechziger Jahren des 2. Jahrhunderts nahm der Herrscher Hatras den Titel König der Araber an. Dessen Bedeutung ist in der Forschung umstritten. Höchstwahrscheinlich wurde der Titel vom arsakidischen Partherkönig verliehen, zu dessen Reich Hatra gehörte[1].

Ruinen in Hatra

224/26 stürzten die Sassaniden im Iran die Arsakidendynastie. Hatra blieb wie Armenien der alten Dynastie treu und suchte nun offenbar die Unterstützung des Imperium Romanum: Drei Inschriften römischer Soldaten aus den Jahren 235 und 238 belegen die zumindest zeitweilige Präsenz kaiserlicher Truppen in der Stadt.[2] Doch letztlich konnten die Römer, deren Reich seit 235 zunehmend durch andere Probleme gebunden war (siehe auch Reichskrise des 3. Jahrhunderts), den Fall Hatras nicht verhindern. Nach einer mindestens zweijährigen, enorm aufwändigen Belagerung nahm der Sassanidenkönig Ardaschir I. (oder erst sein Sohn Schapur I.?) die Stadt 240 oder 241 ein. Einer späteren Legende nach verdankten die Sassaniden ihren Sieg dem Verrat der Tochter des Königs von Hatra, die sich in Schapur I. verliebt haben soll und ihm einen Weg in die Stadt eröffnete. Wie neueste Untersuchungen zu den umfangreichen Belagerungsanlagen[3] zeigen, zu denen auch die zweite Rundmauer um Hatra gehört haben dürfte, war der Fall Hatras aber wohl schlicht das Ergebnis der sehr systematischen Belagerung durch die Sassaniden, gepaart mit der Unfähigkeit der Römer und der nomadischen Verbündeten der Stadt, sie erfolgreich zu entsetzen. Die Eroberung Hatras war für die sassanidischen Perser eine wichtige Voraussetzung für die folgenden Attacken auf römisches Gebiet, die das Imperium Romanum in den Jahren bis 260 schwer in Mitleidenschaft ziehen sollten.

Die Herrscher von Hatra[Bearbeiten]

mrj´ (Marja, "Herr")

mlk´ (König)

Forschung[Bearbeiten]

Der erste Forscher der Neuzeit, der das Gebiet der Stadt 1836 und 1837 untersuchte, war der britische Arzt, damals am britischen Generalkonsulat in Bagdad, John Ross.[4] Zum ersten Mal systematisch erforscht wurde Hatra von den Archäologen der Deutschen Orient-Gesellschaft, die unter Leitung von Walter Andrae im 50 km entfernten Assur arbeiteten. Zwischen 1906 und 1911 fertigten sie auf ihren Tagesausflügen einen Gesamtplan der Stadt und ihres Erhaltungszustandes an. In den 1930er Jahren wurden Luftbilder von der Stätte gemacht. 1951 begann die irakische Altertumsverwaltung mit erneuten Ausgrabungen. Seither wurden große Teile der Stadt freigelegt. Die Ausgrabungsteams haben dabei das Glück, dass nach der Zerstörung 240/41 niemals größere Menschenmengen in der Nähe gelebt haben, die, wie es bei anderen Ruinenstätten oft geschehen ist, die Überreste der Stadt als Quelle für Baumaterial genutzt haben.

In einem Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs "Differenz und Integration" werden die Gründe für die Herausbildung der Stadt vor dem Hintergrund der ökonomischen und politischen Interaktion von Nomaden, Sesshaften und Staat diskutiert. Anschließend steht die Frage der Beziehungen zwischen der Stadt, dem König der Araber und den Großmächten, insbesondere dem Arsakidenreich, im Mittelpunkt. Die Funktion Hatras wird dabei als "dimorph", als Bindeglied zwischen Nomaden und Staat, beschrieben. Erst 2006 wurden mit Hilfe der Luftbildarchäologie gewaltige Wehranlagen östlich der Stadt entdeckt, die als das befestigte Lager der Sassaniden während der Belagerung Hatras um 239/40 identifiziert werden konnten.

Filmkulisse[Bearbeiten]

Die Tempelruinen von Hatra dienten dem 1973 gedrehten Horrorfilm Der Exorzist als Filmkulisse. In der Anfangssequenz ist dort der Schauspieler Max von Sydow zu sehen.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Beyer: Die aramäischen Inschriften aus Assur, Hatra und dem übrigen Ostmesopotamien. Göttingen 1998, ISBN 3-525-53645-3.
  • Lucinda Dirven (Hrsg.): Hatra. Politics, Culture and Religion between Parthia and Rome. (Oriens et Occidens 21), Stuttgart 2013, ISBN 978-3-515-10412-8.
  • Peter M. Edwell: Between Rome and Persia. The middle Euphrates, Mesopotamia and Palmyra under Roman control. London 2008, ISBN 978-0-415-42478-3.
  • Stefan R. Hauser: Hatra und das Königreich der Araber. In: Josef Wiesehöfer (Hrsg.): Das Partherreich und seine Zeugnisse. (Historia-Einzelschrift 122), Stuttgart 1998, S. 493-528
  • Michael Sommer: Hatra. Geschichte und Kultur einer Karawanenstadt im römisch-parthischen Mesopotamien. Mainz 2003, ISBN 3-8053-3252-1.
  • David J. Tucker, Stefan R. Hauser: Beyond the World Heritage Site. A huge enclosure revealed at Hatra. In: Iraq 68 (2006), S. 183–190.
  • Francesco Vattioni: Le iscrizioni di Ḥatra. Neapel 1981.
  • Francesco Vattioni: Hatra. Neapel 1994.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Hauser 1998
  2. Vgl. Vattioni 1981, S. 109-110.
  3. Vgl. Tucker/Hauser 2006
  4. John Ross, Notes on Two Journeys from Baghdád to the Ruins of Al Hadhr, in Mesopotamia, in 1836 and 1837. Journal of the Royal Geographical Society of London 9 (1839), S. 443-470 (online).
  5. Bild.de: Drehort für Kult-Horrorfilm: ISIS erobert „Exorzisten“-Tempel

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hatra – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien