Heimatbewegung

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Die Heimatbewegung, auch Heimatschutzbewegung, war eine Bewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts, deren Ziel die Stärkung nationaler Identität war und die schließlich in die Gründung zahlreicher regionaler Heimatvereine, Trachtenvereine, Geschichtsvereine und Volkskunstvereine und in die Bewegung der Wandervögel mündete. Spezifisch für die Heimatbewegung waren die starke Romantisierung und Idealisierung von Natur, die Fiktion eines „unverdorbenen Landlebens“ sowie die Zivilisationskritik an der industriellen Revolution und den damit einhergehenden Verarmungs- und Verstädterungsprozessen.

Geschichte[Bearbeiten]

In Deutschland war der Begriff Heimat schon mit den Befreiungskriegen und der gleichzeitigen Geistesbewegung der Romantik (ca. 1800–1850) politisch wirksam geworden. Spätestens seit der Reichsgründung wurde er mehr und mehr von der politischen Rechten okkupiert. Zwischen der Heimat- und Naturschutzbewegung und der Völkischen Bewegung gab es ideelle, personelle und organisatorische Überschneidungen.

Mit den Folgen der Industrialisierung etablierte sich nach 1900 besonders im Bildungsbürgertum ein antimodernistisches Krisenbewusstsein. Die oftmals polemische Kritik richtete sich gegen Überformung der eigenen Umwelt mit Elementen der modernen Zivilisation wie Straßen, Eisenbahnen und Industriebauten. Man befürchtete eine angebliche "Verflachung des geistigen Lebens". Heimat und Wandervereine integrierten die Ideen einer sich in ganz Deutschland formierenden "Heimatschutzbewegung". Berechtigte Anliegen des Natur und Heimatschutzes wurden mit agrarromantischen und großstadtfeindlichen Konzepten verbunden, die auf die Erhaltung eines bodenständigen deutschen "Volkstums" abzielten.[1]

In der völkischen Deutung wurden im Begriff Heimat deutsche „Kultur“ mit deutscher „Natur“ verbunden. Vertreter eines „völkischen Heimatschutzes“[2] hielten „germanisches Wesen“ und das „lateinische Christentum“ für „unabsehbare Gegensätze“[3] und forderten unter anderem eine Germanisierung des Christentums oder einen Rückgriff auf einen rekonstruierten vorchristlichen „Volksglauben“ (Neopaganismus). Heimatschutz wurde als Grundlage einer „unverwechselbaren völkischen Eigenart und Überlebensfähigkeit“ interpretiert, womit oft die Betonung völkischer Überlegenheit verbunden war.[4] Der Heimatbegriff wurde schließlich von der NSDAP aufgegriffen und in ihren Dienst gestellt.

Die in der Arbeiterbewegung wurzelnden sozialistischen Naturfreunde sympathisierten mit nicht-sozialistischen Natur- und Heimatfreunden wie Hermann Löns und Christian Wagner. Die ästhetisch begründeten Positionen des bürgerlichen Natur- und Heimatschutzes wurden übernommen. Selbst als Vereinszweck des TVdN (Touristenvereines „Die Naturfreunde“) wurden „Natur- und Heimatschutz“ 1910 übernommen und im Verbandsorgan explizit für Heimatschutz geworben.[5]

1904 wurde in Dresden der Deutsche Heimatbund gegründet. Zu seinen Schwerpunktaufgaben seit seiner Gründung gehören der Umwelt- und Naturschutz sowie die Denkmalpflege mit dem Erhalt der Kulturlandschaften.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Hartung: Konservative Zivilisationskritik und regionale Identität. Am Beispiel der niedersächsischen Heimatbewegung 1895 bis 1919. (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. 10). Hannover 1991, ISBN 3-7752-5856-6.
  • Edeltraud Klueting (Hrsg.): Antimodernismus und Reform. Zur Geschichte der deutschen Heimatbewegung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1991, ISBN 3-534-11528-7.
  • Friedemann Schmoll: Bedrohliche und bedrohte Natur. Anmerkungen zur Geschichte des Natur- und Heimatschutzes im Kaiserreich. In: Dieter Schott (Hrsg.): Das Jahr 1913. Aufbrüche und Krisenwahrnehmungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Transcript Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-2787-9.
  • Kai Detlev Sievers: Kraftwiedergeburt des Volkes – Joachim Kurd Niedlich und der völkische Heimatschutz. Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 978-3-8260-3377-3. (online)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rüdiger Haufe: Geistige Heimatpflege. Der „Bund der Thüringer Berg-, Burg- und Waldgemeinden“ in Vergangenheit und Gegenwart. In: Joachim Radkau, Frank Uekötter (Hrsg.): Naturschutz und Nationalsozialismus (= Geschichte des Natur- und Umweltschutzes. Band 1). Frankfurt am Main 2003, S. 438.
  2. Kai Detlev Sievers: Kraftwiedergeburt des Volkes: Joachim Kurd Niedlich und der völkische Heimatschutz. Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 978-3-8260-3377-3 (online)
  3. Kai Detlev Sievers: Kraftwiedergeburt des Volkes – Joachim Kurd Niedlich und der völkische Heimatschutz. Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 978-3-8260-3377-3, S. 290. (online)
  4. Ulrich Linse: „Fundamentalistischer“ Heimatschutz. Die „Naturphilosophie“ Reinhard Falters. In: Uwe Puschner, G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-20040-5, S. 156–159.
  5. Ulrich Linse: Die „freie Natur“ als Heimat. Naturaneignung und Naturschutz in der älteren Naturfreundebewegung. In: Wulf Erdmann, Jochen Zimmer (Hrsg.): Hundert Jahre Kampf um die freie Natur. Illustrierte Geschichte der Naturfreunde. Essen 1991, S. 63–77.