Bildungsbürgertum

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A Song Without Words (Gemälde von George Hamilton Barrable um 1888 – für „Töchter aus höherem Hause“ galt im 19. Jahr­hundert eine musische Ausbil­dung als wünschens­wert, das Bild fängt die Ästhetik und unter­schwellige Erotik des Augen­blicks ein, die auch dazu diente, eine standes­gemäße Heirat herbei­zu­führen)

Als Bildungsbürgertum oder Bildungsbürger wird eine einflussreiche Gesellschaftsschicht bezeichnet (Bildungsschicht, Bildungselite), die humanistische Bildung, Literatur, Wissenschaft und Engagement in Staat und Gemeinwesen für sehr wichtig erachtet und pflegt. Das europäische Bildungsbürgertum entstand Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem unter Professoren, Ärzten, reichen Kaufleuten und leitenden Beamten. Als moderne Bildungsbürger werden gelegentlich der Schriftsteller Thomas Mann oder die Familie Weizsäcker hervorgehoben. Umgangssprachlich haben Bildungsbürgertum und bildungsbürgerlich vor allem eine abwertende Nebenbedeutung, die sich gegen als übertrieben kultur­interessiert und gebildet eingestufte Menschen richtet bzw. gegen ein einseitiges Bildungsideal ohne politischen und wirtschaftlichen Einfluss, wie es in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert verbreitet war.

Bedeutung[Bearbeiten]

Die gesellschaftliche Relevanz, die dem Bildungsbürgertum als Deutungselite kultureller Erscheinungen zukam, beruhte in großem Maße auf der dominanten Stellung sowohl in Universitäten und Schulen, wie auch in der Produktion und Verbreitung einer öffentlichen Meinung. Dadurch baute das Bildungsbürgertum Bildungs- und Sprachbarrieren auf, die es zu einer elitären Schicht werden ließ, zu der Ungebildete nur schwer Zutritt gewannen. Andererseits übernahmen Bildungsbürger oft auch Verantwortung für die Gemeinschaft und die Erziehung.

18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im frühen Bildungsbürgertum waren akademische und freie Berufe besonders stark vertreten, vor allem Professoren, Pastoren, Lehrer, Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Kaufleute, Musiker, Künstler, Ingenieure und leitende Beamte. Diese Berufsgruppen verband ein neuartiges soziales Merkmal: Sie alle waren (ihrem Selbstverständnis nach) aufgrund eigener Leistung in ihre beruflichen und gesellschaftlichen Positionen gelangt – und nicht aufgrund eines geburts­ständischen Anrechts.

Ursache für die Herausbildung dieser sozialen Schicht war der spätabsolutistische Verwaltungsstaat, der für seine Reformtätigkeit eine große Zahl gut ausgebildeter Beamter benötigte, welche das alte System nicht hervorzubringen vermochte. Im Rahmen dieser Politik richtete der Staat Bildungs­anstalten ein, deren Zahl besonders in den größeren deutschen Staaten im Verhältnis zum übrigen Europa beachtlich war. Die jeweiligen Staaten sicherten sich die Loyalität des entstehenden Beamtentums durch Verleihung von Steuerprivilegien, Befreiung vom Kriegsdienst und Bevorzugung vor Gericht. Auf diese Weise entstand eine neue außerständisch-bürgerliche Schicht, die sich weder politisch noch wirtschaftlich, sondern administrativ-kulturell definierte und somit entscheidend zur Entwicklung einer gesamtdeutschen Nationalidee beitrug.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts zeichnet sich nach dem deutschen Germanisten Klaus Vondung durch folgende Eigenschaften aus:

  • akademische Ausbildung
  • „In-Group-Verhalten“, hervorgebracht durch ähnliche Bildungswege; über dieses Verhalten grenzte sich die Schicht von anderen sozialen Teilgruppen ab
  • hohe Selbstrekrutierung
  • gesellschaftliches Prestige ist wichtiger als wirtschaftliche Prosperität
  • überwiegend protestantische Konfession
  • gilt als „kulturelle Elite“
  • besetzt Berufe, die die bürgerlichen Ordnungsentwürfe weitervermitteln und so sozial dominant werden lassen

In Deutschland entwickelte sich zuerst das Beamten- und Bildungsbürgertum, erst mit dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland (ab 1850) gewann das Wirtschaftsbürgertum an Einfluss. Damit nahm die Entwicklung des deutschen Bürgertums grundsätzlich eine andere Richtung als in den Nachbarstaaten Frankreich und England – für das Bürgertum dieser Länder war die Teilhabe an wirtschaftlicher Macht der zentrale Punkt. Über diese konnten sie als Vertreter der Allgemeinheit die Teilhabe an politischer Macht fordern. Das deutsche Beamten- sowie Bildungsbürgertum begann erst im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, politisch aktiv zu werden. Die von ihm initiierte 1848er Revolution scheiterte allerdings an der Uneinigkeit des Bildungsbürgertums. Nach dem Scheitern der Revolution zog es sich aus der Politik zurück und kehrte erst in den 1860er Jahren in das öffentliche Leben zurück. Der sich daraus ergebene Unterschied in der innenpolitischen Entwicklung Deutschlands und z. B. Frankreichs (und das Verharren Russlands im Absolutismus andererseits) wird oftmals als Ursache für die Logik eines „deutschen Sonderweges“ (Wehler) gesehen, und damit einen der ideologischen Faktoren für den Ersten Weltkrieg.

Signifikant ist die Unterscheidung zwischen den französischen Begriffen Citoyen (etwa: Staatsbürger, Bildungsbürger) und Bourgeois (etwa: Besitzbürger, Herrschaftsbürger). Der gebildete Citoyen denkt im Gegensatz zum typischen Besitzbürger nicht nur an sich selbst und das Geld, wobei ein überdurchschnittliches Einkommen bzw. Vermögen in diesen Kreisen meist vorausgesetzt wird. Als Kapital wird in diesen Kreisen das Vorhandensein von Wissen, Beziehungen und Verbindungen verstanden, was sie als das ursprünglichere und bedeutendere Kapitalvermögen begreifen als das Geldkapital. Kaufleute oder gar Handwerker finden nur schwer Anerkennung in diesen intellektuellen Kreisen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Henrik Bispinck: Bildungsbürger in Demokratie und Diktatur. Lehrer an höheren Schulen in Mecklenburg 1918 bis 1961, München 2011.
  • Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungmusters. Insel, Frankfurt am Main 1994, Suhrkamp 1996, ISBN 3-518-39070-8
  • Werner Conze, Jürgen Kocka (Hrsg.): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert. Klett-Cotta, Stuttgart
    • 1. Bildungssystem und Professionalisierung in internationalen Vergleichen. 1985, ISBN 3-608-91254-1
    • 2. Bildungsgüter und Bildungswissen. 1990
    • 3. Lebensführung und ständische Vergesellschaftung. 1992, ISBN 3-608-91558-3
    • 4. Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation. 1989 (darin u. a.: Hermann Bausinger: Volkskundliche Anmerkungen zum Thema „Bildungsbürger“, Volltext)
  • Christopher Dowe: Auch Bildungsbürger. Katholische Studierende und Akademiker im Kaiserreich, Göttingen 2006.
  • Ulrich Engelhardt: Bildungsbürgertum. Begriffs- und Dogmengeschichte eines Etiketts, Stuttgart: Klett-Cotta, 1986 (Industrielle Welt. Bd. 43).
  • Manfred Fuhrmann: Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt am Main 1999, erweiterte Neuausgabe 2004.
  • Lothar Gall: Bürgertum, liberale Bewegung und Nation. Ausgewählte Aufsätze. Orbis-Verlag, München 2000, ISBN 3-572-01175-2.
  • Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-593-37151-0
  • Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4, Lexikon-Lemma Bildungsbürgertum, S. 102
  • Oskar Köhler: Bürger, Bürgertum. In: Staatslexikon. Band 1, Herder, Freiburg/B. 1985, Sp. 1040 ff. (mit weiterführender Literatur)
  • M. Rainer Lepsius: Bürgertum und Bildungsbürgertum. In: Demokratie in Deutschland. Göttingen 1993, ISBN 3-525-35763-X
  • Pia Schmid: Deutsches Bildungsbürgertum. Bürgerliche Bildung zwischen 1750 und 1830. Phil. Diss., Universität Frankfurt am Main 1984.
  • Klaus Vondung (Hrsg.): Das wilhelminische Bildungsbürgertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, ISBN 3-525-33393-5