Hendrik de Man

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Hendrik de Man (französisch Henri de Man; * 17. November 1885 in Antwerpen; † 20. Juni 1953 nahe Murten) war ein belgischer Sozialpsychologe, Theoretiker des Sozialismus und Politiker.

Biographie[Bearbeiten]

Bis 1918[Bearbeiten]

Hendrik de Man wuchs in Antwerpen in einer bürgerlichen Familie auf und studierte nach dem Abitur an der Universität Brüssel und der Universität Gent Mathematik. 1905 wurde er der Universität Gent verwiesen, weil er sich an einer Demonstration für die aufständischen russischen Arbeiter beteiligt hatte, und ging nach Deutschland, das ihm als "das gelobte Land des Marxismus erschien." [1] Nach Anfängen als Korrespondent für sozialistische belgische Zeitungen wurde er Redakteur der "Leipziger Volkszeitung". Neben seiner journalistischen Arbeit studierte er an der Universität Leipzig Nationalökonomie, Geschichte, Philosophie und Psychologie und wurde zum Dr. phil. promoviert. Ein Semester 1907/08 verbrachte er an der Universität Wien. Während seiner Leipziger Journalistenjahre hatte er persönlichen Kontakt zu August Bebel, Karl Kautsky, Karl Radek, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Gemeinsam mit Liebknecht und Ludwig Frank leitete er von 1906 bis 1908 das internationale Sekretariat der sozialistischen Jugendorganisationen. 1910 trat er in London der Social Democratic Federation bei. Nach seiner Rückkehr 1911 verursachte er durch seine radikalen Ansichten beinahe eine Spaltung der Belgischen Arbeiterpartei Parti Ouvrier Belge (POB; flämisch: Belgische Werklieden Partij (BWP)).

Zwischenkriegszeit: Professor und Minister[Bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg lehrte er Sozialpsychologie an der University of Washington in Seattle und engagierte sich dort für ausgebeutete Farmarbeiter. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten verlor er den Lehrauftrag. Zwischen 1922 und 1926 unterrichtete er an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main. 1929 wurde er Lehrbeauftragter für Sozialpsychologie und Sozialpädagogik an der Universität Frankfurt (bis 1933). Zur Abwehr des Faschismus entwickelte er den mit Franklin Delano Roosevelts New Deal vergleichbaren "De-Man-Plan" (Het Plan De Man), mit dem eine Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als sozialer Ursache des Faschismus durch Planwirtschaft erreicht werden sollte. 1935 trat er als Arbeitsminister der Regierung Paul van Zeeland bei, 1936 übernahm er das Finanzministerium. Als Minister ohne Geschäftsbereich wurde de Man 1938 von König Leopold III. beauftragt, Belgien aus dem sich abzeichnenden Krieg herauszuhalten.

Zweiter Weltkrieg: Kollaboration und Rückzug[Bearbeiten]

Auch auf sein Anraten hin entschied sich der König nach der Besetzung Belgiens durch die deutsche Wehrmacht, nicht der Regierung ins Exil zu folgen, sondern im Land zu bleiben, was letztendlich zu seiner Abdankung 1951 führte. Nach der Kapitulation begrüßte de Man diese in seinem Manifest vom 28. Juni 1940 als "Niederlage des parlamentarischen Regimes und der kapitalistischen Plutokratie"[2]. Die Besatzung erschien ihm als eine Opportunität für eine neutralistische soziale und wirtschaftliche Aktion. Die Belgische Arbeiterpartei (POB), deren Präsident er seit 1938 war, löste er auf und half, eine vom Nazi-Regime geduldete, der DAF entsprechende Einheitsgewerkschaft zu installieren. Aufgrund seines Eintretens für die belgischen Interessen wurde ihm jedoch ein Rede- und Auftrittsverbot auferlegt, weswegen er sich in eine Hütte in La Clusaz (Haute-Savoie) zurückzog.

Nachkriegszeit: Exil und Tod[Bearbeiten]

Im August 1944 setzte er sich in die Schweiz ab, wo ein sozialistischer Mitstreiter für ihn politisches Asyl erwirkte. Am 12. September 1946 wurde er von einem Militärgericht in Abwesenheit des Hochverrats für schuldig befunden und zu 20 Jahren Haft und 10 Millionen Franc Schadenersatz verurteilt. Seine Bemühungen um Rehabilitation scheiterten. Am 20. Juni 1953 starben er und seine Frau, als ihr Auto auf einem Bahnübergang nahe dem Ort Murten von einem Zug erfasst wurde.

Familie und Privates[Bearbeiten]

Henri de Man ist der Enkel des flämischen Dichters Jan van Beers.

Durch seine Vermittlung erhielt sein Neffe Paul de Man 1940 die Stelle als Redakteur bei der Zeitung Le Soir, die diesem nach seinem Tod den Vorwurf der Kollaboration mit dem Nationalsozialismus eintrug.

In seiner Freizeit beschäftigte sich Hendrik de Man mit seinem Hobby, dem Angeln, und verfasste zwei Bücher darüber.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Au pays du Taylorisme, Bruxelles: Verlag "Le Peuple" 1919
  • Zur Psychologie des Sozialismus, Jena: E. Diederichs 1927
  • Au-delà du marxisme, Bruxelles: L'Églantine 1927. (Neuausg., Paris: Alcan 1929) (Text: [1])
  • Socialisme et marxisme, Bruxelles: L'Églantine 1928
  • Joie du travail, Paris: Librairie Félix Alcan 1930
  • Réflexions sur l'économie dirigée, Bruxelles: L'Églantine 1932
  • Nationalisme et socialisme, Paris 1932
  • Der neu entdeckte Marx, 1932
  • Die sozialistische Idee, Jena: E. Diederichs 1933
  • Pour un plan d'action, Paris: M. Rivière [1934]
  • Le Plan du travail, Bruxelles: Institut d'économie européenne 1934
  • Corporatisme et socialisme, Bruxelles: Éditions Labor 1935
  • Masses et chefs, Bruxelles: La Nouvelle églantine 1937
  • Après coup, mémoires, Bruxelles et Paris: Éditions de la Toison d'or et PUF [1941]
  • Réflexions sur la paix, Paris/Bruxelles: Editions de la Toison d'Or 1942.
  • Cahiers de ma montagne, Bruxelles: Éditions de la Toison d'or 1944.
  • Au delà du nationalisme. Vers un gouvernement mondial, Genf: Éditions du Cheval ailé 1946.
  • Cavalier seul. 45 années de socialisme européen, Genève: Éditions du Cheval ailé 1948.
  • Vermassung und Kulturverfall: Eine Diagnose unserer Zeit, Bern: Francke 1951 (2. Auflage, München: Lehnen 1952; 3. Auflage, Bern/München: Francke 1970)
  • Gegen den Strom. Memoiren eines europäischen Sozialisten, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1953.
  • Fliegenfischen leicht gemacht. Anleitung zum Angeln mit der künstlichen Fliege, Rüschlikon: Müller 1951
  • Anglerfreuden. Erlebnisse eines Sportfischers in Europa und Amerika, Rüschlikon: Müller 1952

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Hendrik de Man: Gegen den Strom. Memoiren eines europäischen Sozialisten, Stuttgart 1953, S. 70.
  2. “débâcle du régime parlementaire et de la ploutocratie capitaliste”