Horst Niggemeier

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Horst Niggemeier (* 10. Mai 1929 in Datteln; † 1. Oktober 2000 ebd.) war Gewerkschafter, Journalist und sozialdemokratischer Politiker.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Niggemeier war der Sohn des Bergmanns Walter Niggemeier und seiner Frau Anna, geb. Linn. Er wuchs in der Dattelner Bergmannssiedlung Beisenkamp auf. Er besuchte die Volksschule in Datteln und dann die Realschule in Oer-Erkenschwick – mittels einer Art Begabtenförderung, da seine Eltern das damals auch für einen Realschulbesuch zu zahlende Schulgeld nicht hätten aufbringen können. Diese Schul-Förderung wurde nur (weiter-)gezahlt, wenn der Geförderte jeweils zu den fünf besten Schülern seines Jahrgangs gehörte. Dieser Erfolgsdruck mag zu dem auch später auffallenden Ehrgeiz Niggemeiers beigetragen haben. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurde Niggemeier mit 15 Jahren noch zum Volkssturm eingezogen, allerdings fiel er bald aufgrund einer Verletzung durch Granatensplitter aus. Nach Kriegsende gründete er mit Freunden die Band Kolibris, die in Datteln und Umgebung auftrat und insbesondere Tanzmusik spielte. Niggemeier übernahm das Management der Band, organisierte die Auftritte und handelte das Honorar aus (in der Zeit der Mangelwirtschaft vor der Währungsreform oft in Gestalt von Lebensmitteln für die Band-Mitglieder).

Nach dem erfolgreichen Realschulabschluss machte Niggemeier eine kaufmännische Lehre und arbeitete dann als Angestellter auf der Zeche Emscher-Lippe in Datteln. Hobbymäßig begann er Artikel für die Lokalzeitung Dattelner Morgenpost zu schreiben. Über sein gewerkschaftliches Engagement wurde er 1954 hauptberuflicher Redakteur der Mitgliederzeitung der IG Bergbau und Energie, Einheit. Von 1966 bis 1994 war er Chefredakteur dieser Zeitung.

Seit 1952 war Niggemeier Mitglied der SPD und war von 1968 bis 1986 Vorsitzender des Unterbezirks Recklinghausen. Für die Partei saß er von 1956 bis 1992 im Stadtrat von Datteln. Seit 1962 war er stellvertretender Bürgermeister, von 1967 bis 1992 Bürgermeister von Datteln. Außerdem gehörte er von 1969 bis 1994 dem Kreistag des Kreises Recklinghausen an und war dort von 1975 bis 1994 Fraktionsvorsitzender. Daneben war er von 1987 bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er wurde dabei zweimal im Wahlkreis Recklinghausen II direkt gewählt. Außerdem war Niggemeier Mitglied zahlreicher weiterer Gremien und Organisationen (z. B. Rundfunkrat des WDR, Verwaltungsrat der VEW, Präsidium des Städte- und Gemeindebundes NRW). Weiterhin war er Major der Reserve.

Wie viele gewerkschaftsnahe Sozialdemokraten, die in Ruhrgebietsstädten politische und administrative Verantwortung trugen, war Niggemeier ein Vertreter des pragmatischen rechten Flügels der SPD, der sogenannten Kanalarbeiter, die später im Seeheimer Kreis der deutschen Sozialdemokratie aufgingen. Diesem gehörte damals auch Gesine Schwan an. Mit ihr und anderen engagierte er sich publizistisch gegen eine unkritische Zusammenarbeit der SPD insbesondere mit der SED der damaligen DDR – so u. a. in dem Buch Wohin treibt die SPD?, 1987 hrsg. von Jürgen Maruhn und Manfred Wilke.

Über Kontakte zum israelischen Gewerkschaftsbund Histadrut besuchte er Israel erstmals in den 1960er Jahren und knüpfte Kontakte zur dortigen Sozialdemokratischen Partei (s. Mapam und Avoda) sowie zur Kibbuz-Bewegung. Es trug zu seinem „rechten Image“ bei, dass Niggemeier fortan sowohl als Chefredakteur der Einheit als auch in freien Beiträgen für andere Zeitungen (nicht zuletzt in Gastkommentaren für Die Welt und Welt am Sonntag), sich vehement für das Existenzrecht Israels einsetzte und die PLO scharf wegen ihrer Terrorakte gegen Israel kritisierte. Niggemeier trug zu der Städtepartnerschaft zwischen Recklinghausen (Datteln gehört zum Kreis Recklinghausen) und Akkon in Nord-Isarael bei.

Als Chefredakteur der Einheit trug er zu dem politisch moderaten Image der IG Bergbau bei, die die Sozialverträglichkeit des Strukturwandels im Ruhrgebiet – insbesondere Vermeidung von Entlassungen im Bergbau – nicht in klassenkämpferischer Ausrichtung zu erreichen versuchte, sondern in pragmatischen Arrangements mit Politik (auch mit der Regierung Kohl) und Wirtschaft.

Als Kommunalpolitiker war er bestrebt, seine Heimatstadt Datteln weiterzuentwickeln. Im Sinne des Strukturwandels, den das Auslaufen des Bergbaus im nördlichen Ruhrgebiet mit sich brachte, betrieb er die Ansiedelung anderer Industriezweige wie Rheinzink in Datteln. Zusammen mit dem damalige medizinischen Direktor, Prof. Heinrich Rodeck, betrieb er den Ausbau der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, zusammen mit dem damaligen Dechant Pfr. Emmanuel Wethmar den Neubau des Dattelner St. Vincenz Krankenhauses. Auch versuchte er, Datteln ein besonderes Image zu geben. Dazu etablierte er Anfang der 1970er Jahre u. a. das Dattelner Kanalfestival, ließ von Sven Olsen & die Equilis den Schlager Komm mal mit zum Dattelner Kanal einspielen und einen klaren westfälischen Korn als Dattelner Kanalwasser brennen und vertreiben. Im Bemühen um Aussöhnung und Völkervständigung auf kommunaler Ebene initiierte er die Städtepartnerschaft von Datteln, das am Ende des Zweiten Weltkriegs heftige britische Bombenangriffen erlitten hatte (gezielt wurde auf die strategisch wichtigen Schleusen, getroffen wurde vor allem die Zivilbevölkerung), mit der englischen Bergbau- und Industriestadt Cannock. Nach der Demokratischen Revolution in der DDR im Herbst 1989 etablierte Niggemeier auch eine „innderdeutsche“ Städtepartnerschaft Dattelns mit Genthin in Sachsen-Anhalt.

Anfang der 1980er Jahre engagierte er sich als Befürworter der vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt betriebenen Nachrüstung und als Gegner der Friedensbewegung. Nach der Beendigung der sozial-liberalen Koalition im Herbst 1982 war Niggemeier auf dem SPD-Parteitag in Köln 1983 einer der wenigen Delegierten, die mit Helmut Schmidt und dem ehemaligen Verteidigungsminister Hans Apel weiterhin für die Durchführung des Nato-Doppelbeschlusses stimmten. Ganz auf der Linie der IG Bergbau und Energie und ihres langjährigen Vorsitzenden, Adolf Schmidt, war Niggemeier ein Verfechter des sog. Energiemixes von Kohle und Atom in der Stromversorgung. Er war antikommunistisch und lehnte die Zusammenarbeit seiner Partei mit den Grünen ab, ebenso eine Kooperation mit der SED. Daneben übte er Kritik an einer zu laxen Handhabung des Asylrechts.[1] Hingegen setzte Niggemeier sich nachdrücklich für die türkischen MitbürgerInnen Dattelns ein, u. a. für ihr Recht auf einen angemessenen Gebetsraum. Hier mag eine Rolle gespielt haben, dass viele der türkischstämmigen Dattelner im Bergbau tätig gewesen waren – dem wiederum Niggemeier als hauptberuflicher Chefredakteur der IG-Bergbau-Zeitung Einheit sich besonders verbunden fühlte.

Niggemeier eignete sich aufgrund seiner politischen Ausrichtung und seines kämpferischen Auftretens (etwa als „Kommunistenfresser“) als Feindbild für viele, die sich als „links“ verstanden. So arbeitete sich der Bochumer Gymnasiallehrer und Krimi-Autor Reinhard Junge mehrfach an Niggemeier mit seiner Romanfigur Ekel von Datteln ab.[2]

Niggemeier wurde u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz sowie mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Vom Bund der Steuerzahler erhielt er den Eisernen Steuergroschen.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hinweise zur Rolle Niggemeiers in der Asyldebatte
  2. Reportage von Thomas Meiser