Karpatendeutsche

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Als Karpatendeutsche (früher auch: Mantaken) bezeichnet man deutschstämmige Menschen auf dem Gebiet der heutigen Slowakei sowie im östlichen Karpatenbogen, der heute zur Ukraine gehörenden Karpatoukraine. Der Begriff Karpatendeutsche wurde durch den Historiker Raimund Friedrich Kaindl geprägt.

Der Begriff Karpatendeutsche[Bearbeiten]

Der Name Karpatendeutsche stammte vom Historiker Raimund Friedrich Kaindl. Zunächst wurden darunter alle Deutschen in den Kronländern Galizien und Bukowina, der ungarischen Hälfte der k. u. k. Doppelmonarchie, Bosnien und Herzegowina sowie Rumänien gezählt. Mit den territorialen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese Definition allerdings unüblich. Seitdem bezeichnen sich nur noch die Deutschen in der damaligen Slowakei (mit der Karpatoukraine) als Karpatendeutsche.

Geschichte[Bearbeiten]

Besiedlung[Bearbeiten]

Deutsche Siedler haben die Slowakei vom 12. bis zum 15. Jahrhundert, vor allem jedoch nach dem Mongoleneinfall von 1241, besiedelt. Ihren Höhepunkt nahm die Besiedlung im 14. Jahrhundert. Im Gebiet von Pressburg (Bratislava) gab es wohl auch schon etwas früher Deutsche. Sie haben vor allem ältere slowakische Städte (v. a. Pressburg), Markt- und Bergbausiedlungen besiedelt und wurden meist von den Königen als Spezialisten (Handwerker, Bergleute) angeworben. Ungefähr bis zum 15. Jahrhundert bestand die Führungsschicht aller slowakischen Städte fast ausschließlich aus Deutschen.

Verbreitungsgebiet[Bearbeiten]

Die drei Hauptsiedlungsgebiete waren Bratislava und Umgebung, die deutschen Sprachinseln in der ZipsZipser Sachsen«) sowie das Hauerland. Hinzu kamen ab dem 18. Jahrhundert in der Karpatoukraine im Tereschwa- bzw. Mokrantal sowie bei Munkatsch noch zwei weitere kleine deutsche Sprachinseln. Zusammen stellten die Bewohner der fünf Siedlungsgebiete aber keine homogene Gruppe dar, oftmals hatten sie nicht einmal Kenntnis voneinander.

Die zahlenmäßig größte Gruppe der Deutschen im Habsburger Reich lebte in der Stadt Pressburg, die bis ins 20. Jahrhundert hinein noch mehrheitlich deutsch geprägt war. Bei der Volkszählung im Sommer 1919 waren Deutsche noch die größte Gruppe: Ihr gehörten 36 % der Bürger an, 33 % waren Slowaken und 29 % Ungarn.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten]

Zwar waren die Karpatendeutschen genauso wie viele Slowaken in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einem starken Magyarisierungsdruck ausgesetzt, aber in zahlreichen Orten stellten die Deutschen immer noch die Bevölkerungsmehrheit. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges plädierten die meisten Karpatendeutschen für den Verbleib der Slowakei bei Ungarn, danach für eine slowakische Autonomie innerhalb der Tschechoslowakei. Nach 1918 veränderte sich die Situation für die Karpatendeutschen grundlegend, denn mit der Erhebung Pressburgs zur Landeshauptstadt und dem Zustrom an Slowaken wurden sie, trotz Wegzug vieler Ungarn, zu einer Minderheit in der Bevölkerung. In den anderen Siedlungsgebieten ging es ähnlich vonstatten.

Gedenktafel zum Gedenken an die Vertriebenen

Die meisten Karpatendeutschen waren bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Slowakei ins Deutsche Reich geflüchtet oder wurden von den deutschen Behörden evakuiert. Dies war nicht zuletzt eine Reaktion auf den slowakischen Nationalaufstand im Spätsommer 1944, bei dessen Niederschlagung von den Partisanen Grausamkeiten an Deutschen und von der SS Grausamkeiten an Slowaken verübt wurden.

Aus der Zips sind die meisten Deutschen zwischen Mitte November 1944 und dem 21. Januar 1945 dank einer Initiative Adalbert Wanhoffs und den Vorbereitungen des Bischöflichen Amtes der deutschen evangelischen Kirche vor der heranrückenden Roten Armee nach Deutschland oder in das Sudetenland evakuiert worden. Die Deutschen von Bratislava wurden im Januar und Februar 1945 nach langen Verzögerungen evakuiert, jene des Hauerlandes flüchteten Ende März 1945 aus ihren Orten. Die Rote Armee erreichte Bratislava am 4. April 1945.

Nach dem Ende des Krieges am 8. Mai 1945 ist zunächst etwa ein Drittel der zuvor evakuierten und geflüchteten Deutschen nach Hause in die Slowakei zurückgekehrt. Ab dem 2. August 1945 wurde ihnen – zusammen mit den Sudetendeutschen in Tschechien und mit den Ungarn in der Südslowakei – durch das Beneš-Dekret Nr. 33 die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit aberkannt. Sie wurden in Sammellagern interniert (in Bratislava-Petržalka (dt. Engerau), Nováky, Handlová). 1946/47 sind schließlich etwa 33.000 Deutsche als Folge des Potsdamer Abkommens aus der Slowakei vertrieben worden, während ca. 20.000 Personen infolge besonderer Umstände in der Slowakei bleiben konnten. Von rund 128.000 Deutschen in der Slowakei im Jahre 1938 sind also 1947 etwa 20.000 (16 %) geblieben.

Der Gegensatz zwischen Slowaken und Karpatendeutschen war von jeher weit geringer als der zwischen Sudetendeutschen und Tschechen. Man kann sagen, dass die Vertreibung der verbliebenen Karpatendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg kein slowakisches, sondern ein tschechisches Projekt war.

Heute leben nach einer Volkszählung nur noch weniger als 6.000 Deutsche in der Slowakei, die aber seit der samtenen Revolution sämtliche politische Rechte genießen. Die Karpatendeutsche Landsmannschaft in Stuttgart arbeitet mit dem Karpatendeutschen Verein in der Slowakei und dessen Jugendverband und mit der slowakischen Regierung zusammen und betreibt u. a. Traditionspflege. Größtes Problem der deutschen Minderheit ist die Assimilation der mittleren und jüngeren Generationen an das slowakische Umfeld, die in den meisten Fällen so weit geht, dass Sprache und Brauchtum verloren gegangen sind. Es gibt jedoch immer noch zwei karpatendeutsche Dörfer, Hopgarten und Metzenseifen. In Hopgarten ist die Einwohnerschaft noch mehrheitlich deutschstämmig und deutschsprachig.

Der prominenteste Angehörige dieser Volksgruppe ist der zweite slowakische Präsident Rudolf Schuster.

Zu den karpatendeutschen Mundarten gibt es eine aus den 50er/60er Jahren stammende Materialsammlung in der Redaktion des Sudetendeutschen Wörterbuches, die bislang wissenschaftlich nicht aufbereitet ist.

Anzahl der Deutschen auf heutigem slowakischen Staatsgebiet[Bearbeiten]

  • 1880: 228.799/221.771 (9,3 %/9,1 %) – Volkszählung, Muttersprache, Umrechnung auf das Gebiet der heutigen Slowakei (erste Zahl lt. Kronika Slovenska 2000, zweite Zahl laut Slovensko-ľud 1974)
  • 1910: 198.385/198.755 (6,8 %) – Volkszählung, Muttersprache, Umrechnung auf das Gebiet der heutigen Slowakei (erste Zahl lt. Kronika Slovenska 2000, zweite Zahl laut Slovensko-ľud 1974)
  • 1921: 139.900 (4,7 %) – Volkszählung, Nationalität
  • 1930: 148.214 (4,5 %) – Volkszählung, Nationalität
  • 1938: 128.000 (? %) – lt. Encyklopédia Slovenska
  • 1947: 24.000 (0,7 %) – Schätzung
  • 1961: 6.266 (0,2 %) – Volkszählung, Nationalität
  • 1980: 4.093 (0,1 %) – Volkszählung, Nationalität
  • 1991: 5.414 (0,1 %) – Volkszählung, Nationalität
  • 2001: 5.405 (0,1 %) – Volkszählung, Nationalität
  • 2011: 4.690 (0,1 %) – Volkszählung, Nationalität[1]

Der Karpatendeutsche Verein (KDV) mit zirka 4.800 Mitgliedern und die slowakische Regierung schätzen jedoch, dass der Anteil der Deutschen bei etwa 10.000-12.000 Personen liegt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Aurel Emeritzy & Erich Sirchich: Nordkarpatenland – Deutsches Leben in der Slowakei. Eine Bilddokumentation (Herausgegeben von Karpatendeutschen Kulturwerk, Karlsruhe und Arbeitsgemeinschaft der Karpatendeutschen, Stuttgart, Mitarbeiter: Ruprecht Steinacker). Badenia, Karlsruhe 1979, ISBN 3-7617-0168-3.
  • Ernst Hochberger: Das große Buch der Slowakei, Hochberger, Sinn 2003, ISBN 3-921888-08-5.
  • Ortfried Kotzian: Die Umsiedler – Die Deutschen aus West-Wolhynien, Galizien, der Bukowina, der Dobrudscha und in der Karpatenukraine, Langen Müller, München 2005, ISBN 3-7844-2860-6.
  • Nikolaus G. Kozauer: Die Karpaten-Ukraine zwischen den beiden Weltkriegen, Langer, Esslingen am Neckar 1979 (ohne ISBN).
  • Ernst Schwarz: Von den „Walddeutschen“ in Galizien, „Schlesien“ Jh. V. Z. III. S. 147–156.
  • Walter Ziegler (Hrsg.): Die Vertriebenen vor der Vertreibung Teil 2, Ludicum, München 1999, ISBN 3-89129-046-2.
  • Wojciech Blajer. Bemerkungen zum Stand der Forschungen uber die Enklawen der mittelalterlichen deutschen Besiedlung zwischen Wisłoka und San. (Walddeutsche) In: Późne średniowiecze w Karpatach polskich. Redaktion Jan Gancarski. Krosno. 2007, ISBN 978-83-60545-57-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. PDF bei portal.statistics.sk