Sudetendeutsche

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Fahne der Sudetendeutschen (ohne Wappen)

Sudetendeutsche ist eine alternative Eigenbezeichnung der Deutschböhmen, Deutschmährer und Deutschschlesier seit dem Jahre 1902, als der Geograph Franz Jesser den Begriff in Anlehnung an die zusammenfassenden Bezeichnungen für die „Alpendeutschen“ und „Karpatendeutschen“ prägte. Seit der Zwischenkriegszeit setzte sich der Begriff rasch durch, besonders, als nach 1918 die Tschechen die Verwendung der Begriffe „Deutschböhmen“, „Deutschmährer“ und „Deutschschlesier“ untersagten. Nach 1945 verbindet sich mit dem Wort „Sudetendeutsche“ eine politische Konnotation, weil er mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Verbindung gebracht wird.[1]

Begriffsgeschichte und Begriffskontroverse[Bearbeiten]

Die Sudeten: der Hauptkamm des Riesengebirges mit Blick auf die Schneekoppe (Luftaufnahme aus ca. 300 m Höhe)

Der Name „Sudetendeutsche“ (im Egerländer Dialekt Suaderer) wurde vereinzelt schon im 19. Jahrhundert benutzt und setzte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem ab 1919 (d. h. nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Tschechoslowakei) als Sammelbegriff für die über drei Millionen Deutschen in den böhmischen Ländern durch und ersetzte die bis dahin übliche Bezeichnung „Deutschböhmen”.

Die Herkunft des Namens ist uneindeutig. Entweder beruht er auf dem Begriff „Sudetští Nĕmci” (dt. wörtlich ‚Sudeten-Deutsche‘) für den deutschen Bevölkerungsteil, den vor allem die Jungtschechen seit dem 19. Jahrhundert prägten. Oder er leitet sich vom Begriff Sudetenländer ab, der in der österreich-ungarischen Monarchie die Länder der Böhmischen Krone bezeichnete. Beiden Varianten liegt letztendlich der Bezug zum Gebirgszug der Sudeten zugrunde, der sich im Norden Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens auf 330 km Länge hinzieht. Der Begriff Sudetendeutsche umfasst somit auch Bevölkerungsgruppen, die nicht im Bereich des Gebirgszuges der Sudeten lebten, sondern im beinahe gesamten Grenzgebiet Böhmens und Mährens, sowie in den Sprachinseln Olmütz, Wischau, Brünn und Iglau und weiteren Städten.

Die erste Verwendung der Bezeichnung „Sudetendeutsche“ in größerem Stil begann in den zwanziger und dreißiger Jahren. Zum ersten Mal gab es einen einheitlichen Begriff für alle deutschen Bewohner Böhmens und Mährens, was das einheitliche Auftreten und der Bevölkerungsgruppe und eine Abgrenzung von der tschechischen Bevölkerung beförderte. Besonders die Gründung der Sudetendeutschen Heimatfront 1933 und die Bezeichnung Reichsgau Sudetenland ab 1938 führten den Begriff zum Durchbruch. Nach der Vertreibung war die unbestrittene Eigen- wie Fremdbezeichnung der deutschen Bevölkerung Böhmens und Mährens in der Bundesrepublik Deutschland „Sudetendeutsche“.

Im politischen Diskurs waren die Sudetendeutschen lange Zeit ein wichtiges Thema. So verkündete der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard 1954 auf dem Sudetendeutschen Tag in München die Schirmherrschaft Bayerns über die Sudetendeutschen. Er erklärte sie darüber hinaus zu einem „vierten Volksstamm Bayerns neben Altbayern, Schwaben und Franken“. Auch die CSU sah sich als „Anwalt der Sudetendeutschen“.[2] Diese konservative Ausrichtung und die politischen Forderungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft führten dazu, dass der Begriff „Sudetendeutsche“ in der deutschen Öffentlichkeit häufig mit revanchistischen Anschauungen in Verbindung gebracht wird.

Aus diesem Grund lehnen viele Nachkommen von Sudetendeutschen diesen Begriff als Eigenbezeichnung ab oder meiden ihn. Nicht wenige „Sudetendeutsche“ wie etwa Peter Glotz bezeichnen sich lieber als Deutschböhmen oder Deutschmährer, was ihnen politisch neutraler erscheint und was besonders in Österreich neben Schlesiern die seit jeher bevorzugte Bezeichnung ist. Auch die meisten Angehörigen der heutigen deutschen Minderheit in Tschechien bezeichnen sich nicht mehr als Sudetendeutsche.

Geschichte und Gegenwart[Bearbeiten]

Volksgruppe der Sudetendeutschen[Bearbeiten]

Die Geschichte der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien verlief Jahrhunderte lang nicht unter dem Begriff „Sudetendeutsche“. Die Konstituierung der Sudetendeutschen als Volksgruppe erfolgte in den zwanziger und dreißiger Jahren unter nationalpolitischen Gesichtspunkten. Die deutschen Bewohner der neugegründeten Tschechoslowakischen Republik positionierten sich unterschiedlich zum Staat. Die Aktivisten versuchten, diesen mit zu gestalten. Die in den dreißiger Jahren insbesondere unter Konrad Henlein dominant werdenden Negativisten boykottierten und hintertrieben den Staat. Seine dem Nationalsozialismus nahestehende Sudetendeutsche Heimatfront, später Sudetendeutsche Partei, prägte den politischen Diskurs durch Anschlussforderungen an das Deutsche Reich (Appell „Heim ins Reich“).

Inschrift über dem Eingang zum „Hof I“ der Kleinen Festung des KZ Theresienstadt

Infolge des Münchner Abkommens vom 29. September 1938 wurden die deutschsprachigen Gebiete vom Deutschen Reich annektiert und den Sudetendeutschen die Staatsbürgerschaft des Deutschen Reichs zuerkannt. Sozialdemokraten, andere Regimegegner und Juden wurden teilweise verhaftet, interniert, misshandelt und ermordet oder flohen davor.[3] Hunderttausende tschechische Bewohner der Gebiete mussten diese teilweise verlassen. Die beabsichtigte Trennung von Deutschen und Tschechen scheiterte, denn die neuen Grenzen des Deutschen Reiches umfassten auch Siedlungsgebiete mit tschechischer Bevölkerungsmehrheit, z. B. das Gebiet rund um Hohenstadt oder die Industriestadt Nesselsdorf. Die Gesellschaft der Sudetendeutschen wurde unter den Nationalsozialisten wie das Deutsche Reich gleichgeschaltet und umgebaut. Tschechen wurden unterdrückt und teilweise zu Zwangsarbeit gezwungen. Sudetendeutsche beteiligten sich am Holocaust, an der Ermordung von Sinti und Roma und weiteren Verbrechen des NS-Regimes. Auch unter Sudetendeutschen gab es Widerstand gegen den Nationalsozialismus.[4] In den letzten Tagen des Krieges verübten die verbliebenen SS-Einheiten noch zahlreiche Gräueltaten. Unter anderem löste dies am 5. Mai 1945, drei Tage vor Kriegsende, den Prager Aufstand aus, dem Angehörige der Wehrmacht und SS, aber auch zahlreiche deutsche Zivilisten zum Opfer fielen. So schreibt Peter Glotz in seinem Buch Die Vertreibung: „Dies alles erklärt die entfesselte Orgie gegen alles, was nicht tschechisch war, übrigens auch gegen unbestreitbare Antinazis.“[5]

Vertriebene Sudetendeutsche (1945)

Während und nach der Einnahme durch amerikanische und sowietische Truppen flüchteten viele Sudetendeutsche und es erfolgten „spontane Vertreibungen“ Deutscher aus dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei. Im Mai propagandierte Edvard Beneš die Notwendigkeit der Entfernung der Deutschen und stieß damit eine Folge teilweise blutiger „wilder Vertreibungen“ an, durch die bis zu 800.000 Menschen ihre Heimat verloren. Durch das Beneš-Dekret 108 wurde der gesamte deutsche Besitz konfisziert. Im Jahr 1946 wurden weitere ca. 2.256.000 Menschen offiziell ausgesiedelt. Lediglich einige benötigte Facharbeiter und Gegner und Verfolgte des NS-Regimes durften oder mussten bleiben. Aufnahmeländer waren die spätere Bundesrepublik Deutschland und insbesondere Bayern, die spätere Deutsche Demokratische Republik und in geringem Umfang auch Österreich. Die Eingliederung dieser neuen großen Bevölkerungsgruppe verlief nicht reibungslos und war eine große Herausforderung für Sudetendeutsche wie Zielländer. Spätestens in den siebziger Jahren gab es allerdings einen Trend zur Assimilation an die Mehrheitsbevölkerung. Konservative sudetendeutsche Kreise in Deutschland organisierten sich in der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die gegen viele Widerstände die Alleinvertretung der Sudetendeutschen beanspruchte und beansprucht. Die meisten Sudetendeutsche und deren Nachkommen sind allerdings nicht oder in anderen Verbänden organisiert und steht der Landsmannschaft und ihrer negativen Außenwirkung reserviert gegenüber. Ein kleiner Teil der Sudetendeutschen verblieb in der Tschechoslowakei und versteht sich heute als Deutsche Minderheit in Tschechien.

Bevölkerungsstatistik 1910, 1921 und 1930[Bearbeiten]

Umgangssprache (1910) bzw.
Volkszugehörigkeit (1921 und 1930)
 Volkszählungen in Böhmen, Mähren und Schlesien
1910 1921 1930
Tschechen 6.332.690 6.727.408 7.264.848
Deutsche 3.489.711 2.937.208 3.070.938
Polen 158.392 73.020 80.645
Slowaken 15.630 44.052
Nationaljuden 30.267 30.002
Russen 1.717 3.321 11.174
Magyaren 101 6.104 10.463
andere 1.659 2.671 4.125
Staatsfremde 87.162[6] 158.139

(Quelle: Statistisches Jahrbuch der Tschechoslowakischen Republik 1935)

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfred Bohmann: Das Sudetendeutschtum in Zahlen. Hrsg. vom Sudetendeutschen Rat, München 1959.
  • K. Erik Franzen: Der vierte Stamm Bayerns. Die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen 1954–1974 (Dissertation), Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2010, ISBN 978-3-486-59150-7.[7]
  • Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte. Mannheim 1978, ISBN 3-8083-1141-X.
  • Emil Franzel: Die Sudetendeutschen. Aufstieg Verlag, München 1980.
  • Jan Berwid-Buquoy: Integration und Separation der Sudetendeutschen in der ČSR 1918–1920. Theorien der Nationalismen (Dissertation), České Budějovice 2005, ISBN 3-924933-08-1.
  • Felix Ermacora: Die sudetendeutschen Fragen. Langen-Müller Verlag, München 1992, ISBN 3-7844-2412-0.
  • Walter Koschmal, Marek Nekula, Joachim Rogall (Hg.): Deutsche und Tschechen. Geschichte – Kultur – Politik. – Mit einem Vorwort von Václav Havel (= Beck’sche Reihe 1414), C.H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-45954-4. (in tschechischer Sprache: Češi a Němci. Dějiny – Kultura – Politika. Slovo úvodem: Václav Havel. Paseka, Prag 2001, ISBN 80-7185-370-4)
  • Peter Lang (Hrsg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten. Aus der Reihe: Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen. Frankfurt am Main 2007.
  • Rudolf Meixner: Geschichte der Sudetendeutschen. Nürnberg 1988, ISBN 3-921332-97-4.
  • Ferdinand Seibt: Deutschland und die Tschechen. Geschichte einer Nachbarschaft in der Mitte Europas. 3. Auflage, Piper, München 1997, ISBN 3-492-11632-9. (Standardwerk)
  • Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft. KVV konkret, Hamburg 2005, ISBN 3-930786-43-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Friedrich Prinz: Böhmen und Mähren. Deutsche Geschichte im Osten Europas. Siedler, Berlin 1993, ISBN 3-88680-202-7.
  2. K. Erik Franzen: Der vierte Stamm Bayerns. Die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen 1954–1974 (Dissertation), Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2010, ISBN 978-3-486-59150-7.
  3. Deutscher Sozialdemokrat in der CSR der Zwischenkriegszeit …, Webseite des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa; Die Deutsche Besetzung der Tschechoslowakei, Förderverein der Stadt Saaz/Žatec e. V. („Die wilde Vertreibung der Deutschen in Nordböhmen 1945“). Abgerufen am 17. September 2013.
  4. Ackermann-Gemeinde: „Vergessene Helden“: Sudetendeutscher Widerstand gegen das NS-Regime – ein tschechisches Forschungsprojekt
  5. Peter Glotz: Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück. München 2003, S. 202.
  6. nicht österreichisch-ungarische Staatsangehörige
  7. Rezension auf sehepunkte.de