Slowakischer Nationalaufstand

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Slowakischer Nationalaufstand
Teil von: Zweiter Weltkrieg
Denkmal des Nationalaufstands in Banská Bystrica
Denkmal des Nationalaufstands in Banská Bystrica
Datum 29. August bis 28. Oktober 1944
Ort Slowakei
Ausgang Niederschlagung des Aufstandes
Konfliktparteien
Tschechoslowakei 1920Tschechoslowakei Tschechoslowakische Armee in der Slowakei

Sowjetunion 1923Sowjetunion Partisaneneinheiten der 3. ukrainische Front

Deutsches Reich NSDeutsches Reich (NS-Zeit) 1. Panzerarmee
Slowakei 1939Slowakei Domobrana
Flag of the Hlinka Guard (variant).svg Bereitschaftseinheiten der Hlinka-Garde
Befehlshaber
1. tschechoslowakische Armee1. tschechoslowakische Armee Ján Golian
1. tschechoslowakische Armee1. tschechoslowakische Armee Rudolf Viest
Deutsches Reich NSDeutsches Reich (NS-Zeit) Gottlob Berger
Deutsches Reich NSDeutsches Reich (NS-Zeit) Hermann Höfle
Truppenstärke
60.000 Soldaten, 18.000 Partisanen[1] 48.000–50.000 Soldaten[2]
Verluste
1.500–3.000 Soldaten, 5.000 Zivilisten[3]

Slowakischer Nationalaufstand (slowakisch: Slovenské národné povstanie, kurz SNP) auch Aufstand im Jahr 1944 (slowakisch: Povstanie v roku 1944) ist die Bezeichnung für eine militärische Erhebung in der Mittelslowakei getragen von Teilen der slowakischen Armee unter dem Oberbefehl eines in der Stadt Banská Bystrica/Neusohl geheim gebildeten slowakischen Nationalrates. Wegen eines ernsten Zwischenfalls, der eine deutsche Strafmaßnahme in Gang setzte, wurde der Aufstand vorzeitig ausgerufen und damit der Einmarsch von Kampfgruppen der Waffen-SS und des Heeres aus Sicht der deutschen Führung legitimiert.

Der Slowakische Nationalaufstand richtete sich ursprünglich gegen die autoritäre slowakische Kollaborationsregierung unter Staatspräsident Jozef Tiso und der Slowakischen Volkspartei Hlinkas. Er dauerte bis zum 28. Oktober 1944, als die militärische Führung der Aufständischen unter General Rudolf Viest den offenen Kampf gegen die Wehrmacht aufgeben musste. Partisaneneinheiten führten ihn lokal bis zur völligen Besetzung der Slowakei durch die Rote Armee im April 1945 fort.

Der Slowakische Nationalaufstand ist neben dem Warschauer Aufstand die einzige herausragende Rebellion eines Volkes im deutschen Herrschaftsbereich während des Zweiten Weltkrieges[4], der 29. August ist in der heutigen Slowakei ein Staatsfeiertag. Nicht zu verwechseln ist der Slowakische Nationalaufstand mit dem Slowakischen Aufstand von 1848–1849. Er war auch kein tschechoslowakischer Aufstand, wie ihn an der Wiederherstellung der Tschechoslowakei interessierte Kreise umdeuteten.

Auslösung[Bearbeiten]

Ähnlich dem Warschauer Aufstand, der am 1. August 1944 begann, allerdings für einen Erfolg von Anbeginn von russischer Hilfe abhängig war, wurde der slowakische Nationalaufstand ursprünglich ebenfalls unter rein nationalen Gesichtspunkten von einem Slowakischen Nationalrat geplant, der zum militärischen und politischen Zentrum des Aufstandes wurde. Er berief einen militärischen Stab, an dessen Spitze Ján Golian stand, Stabschef der Landstreitkräfte in Banská Bystrica. Golian konnte aber die im Untergrund bestehende Kommunistische Partei nicht übergehen. Die damit über alle Vorhaben bestens informierte Sowjetunion nutzte dies zu einer eigenen Planung. Partisanenverbände in der Ost- und Mittelslowakei sollten demnach, zusammen mit von der slowakischen Regierung abgefallenen militärischen Verbänden, dazu zählte vor allem das 1. Slowakische Armeekorps, das bis dahin nicht von deutschen Truppen besetzte Land vom nationalsozialistischen Einfluss befreien, damit aber zugleich den Weg über die Karpatenpässe nach Wien frei machen. Als Anerkennung erwartete man auf Seiten des Nationalrates von der Sowjetunion die Gewährung nationaler Eigenstaatlichkeit der Slowakei.

Der Abfall Rumäniens – es war am 23. August 1944 den Alliierten beigetreten – und der Sturz der Regierung in Bukarest (am 9. September 1944) war beispielhaft für die sich aus einem Regierungswechsel ergebenden militärischen Möglichkeiten, die aber nicht mit den Überlegungen des Slowakischen Nationalrats übereinstimmten.

Der Aufstand wurde durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall vorzeitig ausgelöst. Die aus Rumänien ausgewiesene deutsche Militärmission wurde auf der Bahnfahrt nach Deutschland am 27. August 1944 aufgehalten und am Morgen des 28. in Svätý Martin unter ungeklärt gebliebenen Umständen auf einem Kasernenhof erschossen. Der Vorgang wurde rasch bekannt und verlangte nach sofortigem Handeln auf deutscher Seite, die von Norden Einheiten der deutschen Wehrmacht, von Nordwesten her SS-Einheiten einrücken ließ. Dem konnte seitens des Nationalrates nun nur noch mit vorzeitiger, sich über bestehende Planungen hinwegsetzender Ausrufung des Nationalaufstands begegnet werden. Man hoffte, in jedem Falle die Ost- und Mittelslowakei zu halten, bis die von den Kommunisten stets betriebene sowjetische Unterstützung des doch ursprünglich rein national gedachten Aufstandes unverzichtbar wurde. Deutscherseits war dem drohenden Verlust in der Mittel- und Ostslowakei gelegener Gebiete, wie der Zips mit starkem deutschem Bevölkerungsanteil, vorzubeugen, da diese als Rückhalt für die zu verteidigenden Karpatenpässe dienten.

Militäraktionen[Bearbeiten]

Karte der Geschehnisse während der ersten zwei Tage des Aufstandes

Obwohl die deutsche 1. Panzerarmee in schwere Abwehrkämpfe im Raum Tarnów-Dębica verwickelt war, löste sie ihre einzige Armeereserve, ein starkes Regiment, aus der Front und brachte es südlich Neu-Sandez mit Lastkraftwagen über die slowakische Grenze bis Kezmarok/Käsmark, das die Aufständischen gerade einzunehmen im Begriff waren.

In leichten bis mittelschweren Gefechten wurden die aufständischen Truppenteile in wenigen Tagen aus der Zips und bis ins Gran-Tal verdrängt. Erst im Vorfeld von Brezno/Bries gelang ihnen der Aufbau einer Widerstandslinie. Bei Telgárt kam es sogar zu vorübergehend erfolgreichen Gegenangriffen. Man versuchte damit möglichst nahe dem Duklapass zu bleiben, der nach dem ursprünglichen Konzept des Nationalrates ja durch das 1. slowakische Armeekorps vor dem Eintreffen deutscher Truppen besetzt und für den Durchmarsch der Roten Armee freigehalten werden sollte.

Das Misslingen dieses Planes war darauf zurückzuführen, dass seitens der deutschen Wehrmacht in kürzester Zeit die Reserve der 1. Panzerarmee sowie fünf rasch zusammengestellte Kampfgruppen mit starken Anteilen gut ausgerüsteter SS-Verbände zur Niederwerfung des Aufstandes eingesetzt werden konnten. Mitte September waren alle wichtigen Orte rund um das Aufstandszentrum in Banská Bystrica/Neusohl "befreit" – so die offizielle Lesart – das 1. Slowakische Korps erlitt schwere Niederlagen, die Karpatenpässe wurden schon in ihrem Vorfeld von der deutschen 1. Panzerarmee gesichert. Das OKW hatte die dort zur Verteidigung eingesetzten Verbände sogar auf fünf Divisionen und zwei Kampfgruppen verstärkt, um einen sowjetischen Durchbruch zum Aufstandsgebiet zu verhindern. Bis Ende Oktober 1944 gelang es der Roten Armee trotz Übermacht nur, die deutsche Verteidigung vom Vorfeld bis zu den Passhöhen zurückzudrängen. Zudem folgten keineswegs alle eingeplanten slowakischen Verbände den Befehlen aus Banská Bystrica. Viele ergaben sich und legten die Waffen nieder. Auch an anderen Abschnitten lösten sich slowakische Verbände auf, viele Soldaten gingen in Gefangenschaft, andere schlossen sich den Partisanen an. Die Westslowakei wurde auf diese Weise in kurzer Zeit besetzt, die starken Garnisonen Bratislava/Preßburg und Nitra/Neutra ergaben sich kampflos.

Zentrum des Aufstandes war bis zum Tag seiner Einnahme im Zuge einer von Ungarn ausgegangenen deutschen Offensive Banská Bystrica/Neusohl, doch wurde das unter seinem Einfluss stehende Gebiet zunehmend eingeengt. Sowjetische Flugzeuge brachten zwar allnächtlich Waffen, Munition und Medikamente, aber die Mengen blieben unzulänglich. Die den Aufstand beendende Offensive begann am 17. Oktober. Am 27. Oktober 1944 ergab sich Banská Bystrica. Die dort bis zuletzt kämpfenden Aufständischen wurden gefangen genommen, viele desertierten in letzter Minute oder liefen zu Partisanengruppen über, die den Widerstand bis zum Eintreffen sowjetischer Verbände fortführten.

In den von Partisanen und Aufständischen befreiten Gebieten herrschte lokal und gelegentlich auch regional starker repressiver Druck. Bei der Verfolgung des unterlegenen Gegners kamen nicht so sehr Wehrmachteinheiten, deren Anteil an der Niederwerfung des Aufstandes zahlenmäßig eher gering war, als die Waffen-SS mit ihrer Hilfs-Truppe Heimatschutz, die aus rekrutierten Volksdeutschen bestand, und die Bereitschaftseinheiten der Hlinka-Garde unter Führung von Otomar Kubala zum Einsatz. Einige Dörfer wie Nemecká, Kalište und Telgárt wurden wegen Beteiligung und Unterstützung des Aufstandes niedergebrannt, die Männer in Konzentrationslager gebracht oder an Ort und Stelle erschossen.

Von Beginn des Aufstandes an bis zur vollständigen Besetzung der Slowakei durch die Rote Armee wurden nachträglich mehr als 5.000 zivile Opfer genannt.[5] Die Gesamtzahl der im Zuge des Aufstandes gefallenen oder auf andere Weise getöteten slowakischen Soldaten und Zivilisten wurde sogar auf 20.000 geschätzt.

Im Verlauf des Aufstandes kam es in karpatendeutschen Ortschaften zu äußerst gewaltsamen Übergriffen durch Partisanen, unter anderem in Glaserhau im Hauerland (Massaker von Glaserhau).

Vorfälle dieser Art waren Auftakt zur Flucht Vorausschauender und schließlich zur Aussiedelung der Deutschen, sowie großer Teile der ungarischen Bevölkerung. Die mehrheitlich von Ungarn bewohnten Gebiete der Slowakei wurden bis zum Ende des Ersten WeltkriegsOberungarn“ genannt, dann durch Friedensvertrag in die neu entstandene Tschechoslowakei integriert und fielen nach begrenzter Selbstständigkeit von 1939 bis 1945 wieder an diese zurück.

Literatur[Bearbeiten]

Bibliografie[Bearbeiten]

Deutsche Literatur[Bearbeiten]

Slowakische Literatur[Bearbeiten]

  • Jozef Jablonický: Z ilegality do povstania. (Kapitoly z občianskeho odboja) [Aus der Ilegalität in den Aufstand. (Kapitel aus dem bürgerlichen Widerstand)] 2. Auflage, DALI-BB / Múzeum SNP, 2009, ISBN 978-80-89090-60-0.
  • Jozef Jablonický: Slovník slovenského národného povstania. [Wörterbuch des Slowakischen Nationalaufstands.] Epocha, Bratislava 1970.
  • Martin Lacko: Slovenské národné povstanie 1944. [Der Slowakische Nationalaufstand 1944.] Slovart Verlag, Bratislava 2008, ISBN 978-80-8085-575-8.
  • Martin Lacko: Problematika partizánskych násilnosti 1944–1945 [Die Problematik partisanischer Gewalttaten 1944–1945.] In: Peter Sokolovič (Hrsg.): Perzekúcie na Slovensku v rokoch 1938–1945 [Persekutionen in der Slowakei in den Jahren 1938–1945.] Ústav pamäti národa, Bratislava 2008, ISBN 978-80-89335-08-4, S. 296-304.
  • Stanislav Mičev, et al: Slovenské národné povstanie 1944. [Der Slowakische Nationalaufstand 1944.] Múzeum slovenského národného povstania, Bratislava 2009, ISBN 978-80-970238-3-6.
  • Miroslav Pekník (Hrsg): Slovenské národné povstanie 1944. Súčast európskej antifašistickej rezistencie v rokoch druhej svetovej vojny. [Der Slowakische Nationalaufstand 1944. Bestandteil der europäischen antifaschistischen Resistenz in den Jahren des Zweiten Weltkrieges.] Ústav politických vied SAV VEDA / Múzeum SNP, Bratislava 2009, ISBN 978-80-224-1090-8.

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

  • Milan S. Ďurica: Dejiny Slovenska a Slovákov v časovej následnosti faktov dvoch tisícročí [Geschichte der Slowakei und der Slowaken in zeitlicher Abfolge der Fakten von zwei Jahrtausenden.] Lúč, Bratislava 2007, ISBN 978-80-7114-610-0.
  • Dušan Kováč: Dejiny Slovenska [Geschichte der Slowakei.] NLN, Prag 2000, ISBN 80-7106-268-5.
  • Martin Lacko: Slovenská republika 1939–1945 [Die Slowakische Republik 1939–1945.] Perfekt/Ústav pamäti národa, Bratislava 2008, ISBN 978-80-8046-408-0.
  • Peter Sokolovič: Hlinkova garda 1938–1945 [Die Hlinka-Garde 1938–1945.]
  • František Vnuk: Stopäťdesiat rokov v živote národa. Slovensko v rokoch 1843–1993 [Hundertfünfzig Jahre im Leben des Volkes. Die Slowakei in den Jahren 1843–1993.] Lúč, Bratislava 2004, ISBN 80-7114-440-1.

Memoiren[Bearbeiten]

Quellen und Dokumente[Bearbeiten]

  • Ladislav Suško (Hrsg): Das Deutsche Reich und die Slowakische Republik 1938–1945. Band I Buch 2. Lúč, Bratislava 2008, ISBN 978-80-7114-679-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kováč: Dejiny, S. 237.
  2. Mičev: Slovenské, S. 158.
  3. Martin Lacko: Slovenské národné povstanie 1944, S. 200-201.
  4. Roland Schönfeld: Slowakei. S. 141.
  5. Alexander von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld (Hrsg.): Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich. Böhlau, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77753-3, S. 58.