Kathedrale von Rouen

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Die Kathedrale von Westen mit dem eisernen Vierungsturm

Die Kathedrale von Rouen, Notre-Dame de l’Assomption (Mariä Himmelfahrt), Krönungsort und Grablege der normannischen Herzöge sowie Metropolitankirche der Normandie, zählt zu den bedeutenden Kirchenbauten Frankreichs im gotischen Stil. Notre-Dame de l’Assomption ist bis heute Kathedrale des Erzbischofs von Rouen.

Baugeschichte[Bearbeiten]

Der Bau ersetzt den romanischen Kathedralbau des 11. Jahrhunderts, der in der Amtszeit von Bischof Robert an der Stelle einer karolingischen Vorgängerkirche begonnen worden war. Im Jahre 1144[1] nahm Bischof Hugo (IV.) von Amiens an der Einweihung des Chores der Kathedrale von Saint-Denis auf Einladung seines Freundes Suger teil. Mitte der 1140er Jahre[2] begann Erzbischof Hugo mit dem Bau des Romanusturms (Tour-St-Romain), der wohl bis 1164 dauerte. Der Turm war damals ein freistehender Campanile und hatte keine bauliche Verbindung mit dem existierenden romanischen Kirchenschiff und seiner turmlosen Westfassade, die etwas östlich der heutigen Fassade vermutet wird. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Baumaßnahmen am Kirchenbau, ein Neubau war also offenbar noch nicht beabsichtigt.

Das Langhaus, ca. 1180-1210

Der frühgotische Neubau der Kathedrale begann erst um 1180, also einige Jahrzehnte nach dem Baubeginn des Romanusturms. Anders als allgemein üblich begann man den Neubau nicht im Osten mit dem Chor, sondern errichtete zunächst ein neues Langhaus. Der Neubau geschah also von West nach Ost. Die erste Bauphase betraf die unteren Teile der Westfassade mit ihren Portalen. Wahrscheinlich wurde die neue Fassade westlich vor dem weiterbestehenden romanischen Vorgängerbau errichtet. In einer zweiten Bauphase in den 1190er Jahren entstanden die ersten, westlichen Joche des Langhauses mitsamt der „falschen Emporen“. Dabei handelt es sich um Öffnungen im zweiten Geschoss der Mittelschiffswand, die einen korrespondierenden Emporenraum in den Obergeschossen der Seitenschiffe vermuten lassen, der jedoch nicht existiert und nie existiert hat: die Seitenschiffe haben keine Zwischendecken. Diese ungewöhnliche Baustruktur könnte auf den romanischen Vorgängerbau Bezug nehmen, der vielleicht Emporen hatte. Die Achse des Baus wurde in dieser Bauzeit leicht verändert. Erst jetzt wurde eine bauliche Verbindung zum Romanusturm hergestellt. Nach einem Brand des Kathedralbezirks in der Osternacht 1200, der jedoch keine wesentlichen Schäden am Neubau verursachte, führte man in der dritten Bauphase den Bau bis zum fünften Pfeilerpaar (von Westen gezählt) fort. Vor allem entstanden nun die oberen Partien des in den vorherigen Bauphasen errichteten Westteils der Kirche. Dazu gehört das Triforium mit seine weitgespannten Segmentbögen. Die ersten fünf Joche waren damit weitgehend vollendet. Der Ostteil des Langhauses mit weiteren fünf Jochen entstand anschließend in einer vierten Bauphase ab 1206/1207. In dieser Zeit wird der Baumeister Jean d’Andely genannt. Seine Architektur folgt im Wesentlichen den Formen der Westteile, doch änderte er die Dimensionen der Joche.

Der Chor, errichtet ab ca. 1220

Erst nach der Vollendung des Langhausbaus nahm man ab ca. 1210 die Vierung mit den Querarmen in Angriff, darauf folgend ab ca. 1220 den Chor. In den 1230er Jahren geschah der Ausbau des Vierungsturms und der oberen Teile der Westfassade. Um 1235/1237 war der Bau vollendet. In den 1260er und 1270er Jahren wurden an die Seitenschiffe Kapellen angefügt. Ab ca. 1280 erneuerte man die Querhausfassaden in hochgotischem Stil, es entstand das Portail des Libraires (Nordquerhaus) und das Portail de la Calende (Südquerhaus). Ab 1302 entstand die Achskapelle des Chores als Marienkapelle auf größerem Grundriss neu.

Westfassade mit Sankt-Romanus-Turm und Butterturm (rechts)

Seit den 1370er Jahren ging man an den Ausbau der Westfassade durch eine Schirmfassade mit zahllosen Statuen, die um 1450 fertiggestellt war. In den 1460er Jahren setzte man dem Romanusturm ein Obergeschoss auf, und in den 1480er Jahren erhielt der Romanusturm ein Pendant auf der Südseite, den Butterturm. Nach der Vollendung des Butterturms im Jahr 1506 zeigten sich Bauschäden an der Westfassade, die zur Erneuerung des Mittelportals 1508-11 führten. Nach dem Brand des Vierungsturms im Jahr 1514 errichtete man 1538-1557 einen neuen, größeren Vierungsturm, der 128 m Höhe erreicht haben soll. Dieser Turm wurde 1822 Opfer eines durch Blitzeinschlag verursachten Feuers. Bis 1884 entstand der heutige Vierungsturm aus Gusseisen.

Architektur[Bearbeiten]

Grundriss Osten ist oben

Die Kathedrale Notre-Dame von Rouen steht heute auf den Grundmauern einer romanischen Kathedrale und verfügt über insgesamt sieben Türme: den Tour Saint-Romain (Sankt-Romanus-Turm), dessen untere Partie etwa um 1145-64 entstanden ist, während die oberen Teile erst im 15. Jahrhundert aufgesetzt wurden und den 75 Meter hohen Tour de Beurre (Butterturm) an der Westfassade, der im Flamboyant-Stil des späten 15. Jahrhunderts errichtet wurde und in einer achteckigen Krone gipfelt. Dazu kommen die vier Querschiffarme und die Vierung mit aufgesetztem Turm.

Der 75 Meter hohe sechsgeschossige Butterturm wurde 1506 fertiggestellt und ist ein ausgeprägtes Beispiel für die Kunst des späten Flamboyant, der in einer achteckigen Krone gipfelt, deren ausgeklügeltes Strebewerk vier große und vier kleine Fialen abschließen. Seinen Namen verdankt der Turm einer Tradition: Zur Fastenzeit war im Allgemeinen der Genuss von Butter und anderen Milchprodukten verboten. Durch die vorübergehende Aufhebung dieses Verbots konnte mit den aus dem Butterverkauf erzielten Einnahmen der Bau des Glockenturms finanziert werden.

Im 19. Jahrhundert wurde der alte Vierungsturm, eine bleiverkleidete Holzkonstruktion, durch Blitzschlag zerstört. Die schon von weitem sichtbare Turmspitze (151,5 Meter) wurde im Jahre 1877 fertiggestellt und ist komplett aus Gusseisen. Bis zur Fertigstellung des Kölner Doms im Jahr 1880 war damit die Kathedrale das höchste Gebäude der Welt.

1944, während des Zweiten Weltkrieges, fielen sieben Bomben auf die Kathedrale. Ein tragender Pfeiler des zentralen Turmes wurde knapp verschont, aber Teile des südlichen Seitenschiffes und zwei Fensterrosen wurden zerstört. Bei einem zweiten Bombenangriff brannte der nördliche Turm aus.

1999 fiel bei einem heftigen Sturm eine 26 Tonnen schwere Fiale vom Hauptturm herunter und beschädigte den Chor. Sie wurde bis heute nicht ersetzt.

Ausstattung[Bearbeiten]

Blick auf die Orgel

Die Orgel geht zurück auf ein Instrument, das Ende des 17. Jahrhunderts erbaut wurde - als Ersatz für ein mittelalterliches Instrument, das bei einem Sturm im Jahre 1683 zerstört worden war. Im Laufe der Zeit haben verschiedene Orgelbauer das Instrument restauriert und bearbeitet, u.a. die Orgelbauer Clicquot und Merklin. Das heutige Orgelwerk wurde 1956 eingeweiht; es stammt aus der Werkstatt des Orgelbauers Jacquot-Lavergne. Es hat 68 Register auf vier Manualwerken und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind elektropneumatisch.[3]

I Positif expressif C–c4
Bourdon 16'
Montre 8'
Flûte harmonique 8'
Bourdon 8'
Gambe 8'
Prestant 4'
Flûte douce 4'
Nazard 22/3'
Doublette 2'
Tierce 13/5'
Fourniture IV
Cromorne 8'
Trompette 8'
Clairon 4'
II Grand Orgue C–c4
Montre 16'
Bourdon 16'
Montre 8'
Flûte harmonique 8'
Bourdon 8'
Salicional 8'
Prestant 4'
Flûte octaviante 4'
Nazard 22/3'
Doublette 2'
Tierce 13/5'
Fourniture IV
Cymbale III
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'
III Récit expr. C–c4
Quintaton 16'
Diapason 8'
Flûte harmonique 8'
Bourdon 8'
Gambe 8'
Voix céleste 8'
Flûte 4'
Octavin 2'
Fourniture IV
Bombarde 16'
Voix humaine 8'
Basson-Hautbois 8'
Trompette 8'
Clairon 4'
Tremolo
IV Bombarde expr. C–c4
Bourdon 16'
Diapason 8'
Flûte 8'
Gambe 8'
Unda maris 8'
Flûte ouverte 4'
Prestant 4'
Grande Fourniture IV
Cornet V
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'
Pédale C–f1
Soubasse 32'
Flûte 16'
Soubasse 16'
Flûte 8'
Basse 8'
Grosse Quinte 51/3'
Flûte 4'
Quinte 22/3'
Bombarde 32'
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'

Glocken[Bearbeiten]

Die Kathedrale beherbergt ein 56-stimmiges Carillon aus den Jahren 1914 und 1954 sowie eines der mächtigsten Geläute Frankreichs, das auf beide Westtürme verteilt ist. Die große Glocke hängt separat im Nordturm, auch Sankt-Romanus-Turm genannt, in einem massiven hölzernen Glockenstuhl am Holzjoch.[4] Diese rund 9.600 Kilogramm schwere Glocke wurde 1959 von der Glockengießerei Paccard gegossen. Sie ersetzt die 16.000 Kilogramm schwere Vorgängerin von 1914, die in derselben Gießerei geschaffen, aber beim Bombenangriff 1944 zerstört wurde. Der Name der Glocke erinnert an die Heilige Jeanne d'Arc, die 1431 in Rouen verbrannt wurde. Die fünf weiteren Läuteglocken hängen im Südturm, auch Butterturm genannt, an tief verkröpften Jochen. Sie wurden in den Jahren 1914 und 1959 gegossen.[5]

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm, ca.)
Masse
(kg, ca.)
Schlagton
(HT-1/16)
Turm
 
1 Jeanne d'Arc 1959 Glockengießerei Paccard 2.520 9.600 f0 ±0 Nord
2 Germaine 1959 Glockengießerei Paccard 1.950 4.600 a0 ±0 Süd
3 Agnès 1959 Glockengießerei Paccard 1.550 2.000 c1 ±0 Süd
4 Alyette 1914 Glockengießerei Paccard 1.330 1.200 d1 ±0 Süd
5 Marie-Blanche 1959 Glockengießerei Paccard 1.220 950 e1 ±0 Süd
6 Bernadette 1959 Glockengießerei Paccard 1.130 700 f1 ±0 Süd

Rezeption in der Malerei[Bearbeiten]

Kathedrale Rouen, Gemälde von Claude Monet, 1893

Die beeindruckendsten Darstellungen der Kathedrale verdanken wir Claude Monet, dessen impressionistische Bilderserie Kathedrale von Rouen mit Darstellungen des Gebäudes unter den verschiedensten Lichteinflüssen zu den bedeutendsten Werken des Malers zählt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Werner Schäfke. Die Normandie (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 85
  2. Baugeschichte der früh- und hochgotischen Teile nach Dorothee Heinzelmann: Die Kathedrale Notre-Dame in Rouen – Untersuchungen zur Architektur der Normandie in früh- und hochgotischer Zeit, (Beiträge zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Renaissance ; Bd. 9). Rhema-Verlag, Münster 2003, ISBN 978-3-930454-21-1, S. 345-349.
  3. Informationen zur Orgel (französisch)
  4. Videoaufnahme der großen Glocke
  5. Videoaufnahme des Vollgeläuts

Literatur[Bearbeiten]

  • Anne-Marie Carment-Lanfry: La cathédrale Notre-Dame de Rouen, 1999.
  • Dorothee Heinzelmann: Die Kathedrale Notre-Dame in Rouen – Untersuchungen zur Architektur der Normandie in früh- und hochgotischer Zeit, (Beiträge zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Renaissance ; Bd. 9). Rhema-Verlag, Münster 2003, ISBN 978-3-930454-21-1.
  • Pascal Krafft : Brève étude de quelques fleurons du patrimoine campanaire de Seine-Maritime, in Patrimoine Campanaire, Nr 67, 2011 (zum Geläut).
  • Yves Lescroart: La cathédrale Notre-Dame de Rouen, éditions du patrimoine, Paris, 2000. ISBN 2-85822-152-9.
  • Les stalles de la cathédrale de Rouen : histoire et iconographie, Université de Rouen, 2001 ISBN 2-87775-351-4.
  • Markus Schlicht: La cathédrale de Rouen vers 1300, Société des antiquaires de Normandie, 2005 ISBN 2-9510558-3-8.
  • Rouen, la cathédrale retrouvée, éditions Point de vues, Bonsecours, 2006. ISBN 2-915548-10-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kathedrale von Rouen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

49.4402777777781.0947222222222Koordinaten: 49° 26′ 25″ N, 1° 5′ 41″ O