Koordinationsrat der Muslime in Deutschland

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Logo des Koordinationsrates der Muslime

Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) (auch Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland[1]) ist eine Arbeitsplattform der vier größten islamischen Organisationen in Deutschland, der während der Deutschen Islamkonferenz 2007 gegründet wurde. Ob und auf wie viele Muslime der KRM einen religiösen Vertretungsanspruch erheben kann, ist umstritten.[2]

Organisation[Bearbeiten]

Der KRM wurde am 11. April 2007 vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DİTİB), dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IR) und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) gegründet. Der KRM hat keine Rechtspersönlichkeit. Er ist kein eingetragener Verein, sondern beruht lediglich auf einer gemeinsamen Geschäftsordnung,[3] die von den vier ihn tragenden Verbänden am 28. März 2007 unterzeichnet wurde.[4] Eineinhalb Jahre nach der Gründung bemängelte die Islamische Zeitung, dass der KRM keine Angestellten, kein Budget, kein Lobby-Büro in Berlin, keine eigene Webseite und kaum eine klar ausgearbeitete Programmatik habe.[5] Seyran Ateş schreibt unter der Darstellung der Mitglieder des Koordinationsrates: Die meisten Islamverbände vertreten einen fundamentalistischen, strengen Islam. [6]

Geschäftsordnung[Bearbeiten]

Die Geschäftsordnung des Koordinationsrates gibt der DITIB ein Vetorecht[7] und drei stimmberechtigte Vertreter, während die anderen Verbände jeweils nur zwei Vertreter haben.[3] Weiter heißt es darin: „Mitglieder können nur Dachorganisationen werden“, …" über ihre Aufnahme entscheidet die Mitgliederversammlung" (des Koordinationsrates). "Eine Ablehnung der Mitgliedschaft braucht nicht begründet zu werden.[3][8] Der Koordinationsrat bekennt sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland" und dass „Koran und Sunna des Propheten Mohammed (…) die Grundlagen des Koordinationsrates (bilden). Dieser Grundsatz darf durch Änderungen dieser Geschäftsordnung nicht aufgegeben werden“.[9] Eine laut ZMD-Generalsekretär Aiman Mazyek bis Ende des Jahres 2007 geplante Weiterentwicklung der Geschäftsordnung zu einer verbindlichen Satzung für den KRM kam nicht zustande.[10] Eine Verschmelzung der Mitgliedsverbände ist nach Aussage von Ayyub Axel Köhler nicht geplant.[11] Es ist geplant, in jedem Bundesland eine Vertretung einzurichten.

Sprecher[Bearbeiten]

Der Posten des Sprechers des Koordinationsrates wechselt im halbjährlichen Turnus.

  • Erster Sprecher war von April bis September 2007 Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.
  • Sein Nachfolger war von Oktober 2007 bis März 2008 der Leiter der Abteilung für interreligiösen Dialog von DITIB, Bekir Alboğa. Ihm folgte
  • von April bis September 2008 der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland Ali Kizilkaya, darauf
  • bis März 2009 Erol Pürlü vom Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ).
  • Seit dem 3. Oktober 2011 war wieder Bekir Alboğa Sprecher, nachdem diese Funktion turnusmäßig auf den Leiter der Abteilung für interreligiösen Dialog des DITIB übergegangen war.
  • Am 1. April 2012 wurde es Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates.[2]

Es ist geplant, dass sich Außenstehende an den Sprecher des Koordinationsrates wenden können, um ihn zu den Islam in Deutschland betreffenden Themen zu befragen. So können beispielsweise die Haltung der Muslime zur Imam-Ausbildung, zum islamischen Religionsunterricht oder zum Schächten Thema solcher Anfragen sein. Der Sprecher bemüht sich, einen Konsens mit den drei anderen Vorsitzenden der vertretenen Organisationen zu erreichen.

Zeitraum Sprecher Organisation
04/2007-09/2007 Ayyub Axel Köhler Zentralrat
10/2007-03/2008 Bekir Alboğa DITIB
04/2008-09/2008 Ali Kizilkaya Islamrat
10/2008-03/2009 Erol Pürlü VIKZ
04/2009-09/2009 Ayyub Axel Köhler Zentralrat
10/2009-03/2010 Bekir Alboğa DITIB
04/2010-09/2010 Ali Kizilkaya Islamrat
10/2010-03/2011 Erol Pürlü VIKZ
04/2011-09/2011 Aiman Mazyek Zentralrat
10/2011-03/2012 Bekir Alboğa DITIB

Vertretungsanspruch[Bearbeiten]

Ziel und Zweck des Koordinationsrates ist nach § 2 seiner Geschäftsordnung, die Vertretung der Muslime in der Bundesrepublik zu organisieren und der Ansprechpartner für Politik und Gesellschaft zu sein ([3]). Die auch in der Präambel der KRM-Geschäftsordnung bekräftigte Absicht, "eine einheitliche Vertretungsstruktur der Muslime in der Bundesrepublik" zu schaffen, wird als Alleinvertretungsanspruch verstanden, der muslimische Vertretung außerhalb des KRM ausschließen möchte.[12]

Der Koordinationsrat vertritt sowohl sunnitische wie schiitische Muslime. Die Aleviten und die Ahmadiyya Muslim Jamaat werden vom KRM nicht vertreten. Die vier Mitgliedsorganisationen sind durchweg konservativ. [13] Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş ist kein unmittelbares KRM-Mitglied, sie dominiert aber den Islamrat und ist über diesen mittelbar beteiligt.

Der Koordinationsrat will von den 3,8 bis 4,3 Millionen Muslimen in Deutschland[14] über seine Mitgliedsvereine etwa 280.000 vertreten:

Laut KRM Sprecher Köhler vertrete man zudem "mit schätzungsweise 85 Prozent die Mehrheit der Moscheegemeinden in Deutschland"[17] und laut KRM Sprecher Pürlü "90 Prozent der organisierten Muslime in Deutschland".[18]

Laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge von 2008 ist jedoch der Koordinationsrat bei über 90 Prozent der Muslime in Deutschland unbekannt. Von den 9,6 Prozent Muslimen, denen der KRM bekannt ist, fühlen sich wiederum nur 22,7 Prozent durch den KRM vertreten (nicht vertreten: 59,5 %; teils/teils: 17,7 %).[14]

Von liberalen Muslimen wie Omid Nouripour, einem Bundestagsabgeordneten der Grünen oder Lale Akgün, der Islam-Beaftragten der SPD, wird kritisiert, dass der Koordinationsrat vor allem konservative Muslime vertrete und nicht für die Gesamtheit der Muslime in Deutschland sprechen könne.[15] Einige Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz stellen ebenfalls das Recht des KRM in Frage, für die Muslime in Deutschland sprechen zu können. So sagte Navid Kermani: „Niemand solle davon ausgehen, dass der KRM für alle hier lebenden Muslime spricht. Der KRM kann ein, aber niemals der Ansprechpartner des Staates sein.“ Teilnehmer Badr Mohammed, Vorsitzender des Europäischen Integrationszentrums Berlin e.V., meinte: „Sowenig wie irgendein Sportverein im Namen des deutschen Volkes auftreten kann, kann dieser Koordinierungsrat im Namen der deutschen Muslime sprechen.“ Der im KRM engagierte Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, betont jedoch: „Wir sind kein geschlossener Kreis. Jeder ist willkommen, der sich zu den fünf Säulen des Glaubens und sechs Glaubensartikeln des Islam bekennt.“[19]

Rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft[Bearbeiten]

Laut Geschäftsordnung will der Koordinationsrat "gemeinsam mit den bereits bestehenden muslimischen Länderstrukturen sowie den vorhandenen Lokalstrukturen an der Schaffung rechtlicher und organisatorischer Voraussetzungen für die Anerkennung des Islams in Deutschland im Rahmen von Staatsverträgen" wirken.[3]

Schon seit langem wurde von deutschen Politikern die Gründung eines Dachverbandes der in Deutschland lebenden Muslime gefordert, der als einheitlicher Ansprechpartner für die Politik dienen und die rechtliche Anerkennung der organisierten Muslime als Religionsgemeinschaft und darüber hinaus als Körperschaft des öffentlichen Rechts erleichtern sollte. Auch dem Koordinationsrat ist dies jedoch noch nicht gelungen - bisher sind islamische Gemeinden meistens in Form von Vereinen organisiert. Entsprechend nannte ein Sprecher des Innenministeriums die Gründung des Koordinationsrates einen „wichtigen und guten Schritt“.

Volker Beck äußerte die Meinung, dass der KRM noch nicht die Voraussetzungen einer Religionsgemeinschaft gemäß Art. 140 GG erfülle: „Ein reiner Dachverband ist nach unserem Recht noch keine Religionsgemeinschaft und erfüllt noch lange nicht die Voraussetzungen einer Körperschaft.“ Er riet auch zur Vorsicht im Umgang mit den überwiegend konservativen und fundamentalistischen Kräften innerhalb des KRM, obwohl er für eine Perspektive der Gleichberechtigung plädierte.[20]

Stellungnahmen des KRM[Bearbeiten]

  • Der KRM forderte am 13. April 2007 die sofortige Freilassung der deutschen Geiseln im Irak. [21]
  • In einem Interview vor dem 2. Treffen der Islamkonferenz erklärte der KRM-Sprecher, muslimische Eltern bei der Forderung nach einem getrennten Sportunterricht unterstützen zu wollen[22] und erntete dafür starke Irritationen und Kritik. [23] [24] [25]
  • Anlässlich des zweiten Treffens der Deutschen Islamkonferenz forderte der KRM von der Bundesregierung, eine „Roadmap“ vorzulegen und die Zielsetzungen zu konkretisieren. [26]
  • In einer Stellungnahme vom 24. Mai 2007 [27] [28] antwortete der KRM auf die Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Christen und Muslime in Deutschland „Klarheit und gute Nachbarschaft" vom 28. November 2006 [29]
  • am 3. Juli 2007 nahm der KRM zum Gesetzesentwurf zur Umsetzung aufenthalts– und asylrechtlicher EU-Richtlinien Stellung. [30] Türkische Organisationen hatten wegen des Gesetzes mit dem Rückzug vom Integrationsgipfel gedroht [31] und diesen schließlich boykottiert. Der KRM könne „verstehen, wenn sich die Ditib von dem Integrationsgipfel distanziert“. Aus dem Kreis der KRM-Mitgliedsverbände wird lediglich DITIB zu den Integrationsgipfeln eingeladen.
  • Im Sommer 2008 einigten sich erstmals die im KRM vertretenen Verbände auf eine gemeinsame Berechnungsgrundlage für Beginn und Ende des Fastenmonats Ramadan [32] und schufen damit die Voraussetzung, dass zum ersten Mal nahezu alle Muslime in Deutschland den Ramadan und das anschließend Fest des Fastenbrechens zur selben Zeit begehen.
  • Im September 2008 forderte der KRM die Ablösung von Prof. Muhammad Sven Kalisch und zog sich aus dem Beirat des Centrums für religiöse Studien (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zurück.[33]
  • Im Frühjahr 2012 kritisierte der Koordinationsrat der Muslime Äußerungen des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck.[34]. Gauck hatte den Satz seines Vorgängers "Der Islam gehört zu Deutschland" diskutiert.
  • Im Juni 2012 kritisierte der KRM ein Urteil das Landgerichts Köln, das die Beschneidung männlicher Säuglinge oder Kinder als strafbare Körperverletzung erkannte. (Näheres hier).[35]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Koordinationsrat der Muslime in Deutschland laut Pressemitteilungen, auch Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland genannt, beide Begriffe werden sowohl von den beteiligten Verbänden als auch den Medien nebeneinander verwendet.
  2. a b www.islamische-zeitung.de: Eigenwahrnehmung
  3. a b c d e KRM Geschäftsordnung auf http://www.religion-recht.de
  4. Berlin Aktuell vom 12. April 2007
  5. Einheit durch den KRM - Illusion oder Chance? Wer koordiniert die Position der Muslime wirklich, will Khalil Breuer wissen Islamische Zeitung vom 8. Oktober 2008
  6. 2007, Seyran Ateş: Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Ullstein, Berlin, S. 197, gebunden, ISBN 978-3-550-08694-6
  7. Der Prophet verbindet die Muslime, Kizilkaya: „jeder Verband nach seinem Organisationsgrad berücksichtigt“, Islamische Zeitung vom 11. April 2007
  8. Claudia Dantschke laut Dorothea Jung: „Einer für alle“, dlf vom 2. Mai 2007
  9. Hartmut Krauss: Zur Gründung des KRM, hdp vom 13. April 2007
  10. Kirchenkampf um die Moscheen - Muslime fordern ihre staatsrechtliche Anerkennung Tagesspiegel vom 13. April 2007
  11. „Wir sprechen mit einer Stimme“ WDR Interview vom 11. April 2007
  12. "Fundamentalisten haben die Mehrheit im Rat" Von Mariam Lau, Die Welt 21. April 2007
  13. Emma, Heft 1, 2011, S. 117
  14. a b "Muslimisches Leben in Deutschland", repräsentative Studie des Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Auftrag für die Deutsche Islamkonferenz, Juni 2009
  15. a b c d e Bedenken gegen Kooperation islamischer Verbände Berliner Zeitung vom 12. April 2007
  16. a b c d Islamische Verbände taz 12. April 2007
  17. Neuer Dachverband als zu konservativ kritisiert Die Welt 12. April 2007
  18. Die Zukunft der Muslime in Deutschland Erol Pürlü, KRM Sprecher, AGAH Hessen Tagung am 25. Okt. 2008
  19. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 15. April 2007
  20. Die Tageszeitung vom 16. April 2007
  21. Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) fordert die sofortige Freilassung der deutschen Geiseln im Irak, islam.de, 13. April 2007
  22. »Wir vertreten einen Mainstream-Islam« Die Zeit, 19. April 2007
  23. „"Fundamentalisten haben die Mehrheit im Rat." Böhmer gegen muslimisches Koordinationsgremium“, Mariam Lau, Die Welt, 21. April 2007
  24. Aiman Mazyek zu den Aussagen von Köhler, Jörg Lau, 21. April 2007
  25. "Große Idee, kleiner Plan", Spiegel Online, 23. April 2007, von Andrea Brandt und Cordula Meyer
  26. Koordinationsrat der Muslime zur Deutschen Islamkonferenz: „Roadmap“ und die Zielsetzungen müssen konkretisiert werden, islam.de, 1. Mai 2007
  27. PM des KRM: Profilierung auf Kosten der Muslime?, Pressemitteilung des Koordinationsrates der Muslime, 24. Mai 2007
  28. "Profilierung auf Kosten der Muslime?" IGMG, 24. Mai 2007
  29. Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Christen und Muslime in Deutschland „Klarheit und gute Nachbarschaft" vom 28. November 2006
  30. Stellungnahme des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland zum Gesetzesentwurf zur Umsetzung aufenthalts – und asylrechtlicher EU-Richtlinien vom 3. Juli 2007
  31. „Muslime drohen mit Rückzug vom Integrationsgipfel“, Tagesspiegel, 4. Juli 2007
  32. http://www.islam.de/10694.php
  33. Kalisch passt dem Rat der Muslime nicht von Canan Topçu, FR-online.de 12. September 2008
  34. KRM: Bundespräsident Gaucks Aussagen zum Islam sind irritierend
  35. KRM: Kölner Beschneidungsverbot ist ein massiver Eingriff in die Religionsfreiheit (27. Juni 2012) Religiös motivierte Beschneidung: Beschneidungsurteil kriminalisiert Muslime und Juden

Weblinks[Bearbeiten]