Leopold Vietoris

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Leopold Vietoris an seinem 110. Geburtstag

Leopold Vietoris (* 4. Juni 1891 in Bad Radkersburg, Steiermark; † 9. April 2002 in Innsbruck) war ein österreichischer Mathematiker und Supercentenarian – er starb im Alter von 110 Jahren und 10 Monaten. Er und seine Frau Maria Josefa Vincentia Vietoris, geb. Riccabona von Reichenfels (* 18. Juli 1901; † 24. März 2002) gehörten zu den ältesten Ehepaaren der Welt.[1]

Leben[Bearbeiten]

Leopold Vietoris war Sohn des Eisenbahningenieurs und späteren Oberbaurates der Stadt Wien Hugo Vietoris und dessen Ehefrau Anna, geborene Diller. Nach dem Abschluss des bekannten Stiftsgymnasiums Melk studierte er ab dem Studienjahr 1910/11 an der Technischen Hochschule Wien und ab 1911 an der Universität Wien Mathematik.[2] Während des Ersten Weltkrieges war er als österreichischer Soldat an der italienischen Front eingesetzt, wurde dabei mehrfach ausgezeichnet und zum Oberleutnant der Reserve befördert. Während der Genesung nach einer Verwundung im Jahr 1916 schrieb er seine erste mathematische Veröffentlichung, seine Dissertation über „stetige Mengen“ verfasste er 1918/19 zum Teil in italienischer Kriegsgefangenschaft.

Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer (1919/20) war er von 1920 bis 1922 Universitätsassistent an der Technischen Hochschule Graz, von 1922 bis 1927 am Mathematischen Institut der Universität Wien. 1923 habilitierte er sich mit einer Studie zur Mengentheorie, 1925/1926 verbrachte er im Rahmen eines Rockefeller-Stipendiums drei Semester an der Universität Amsterdam bei L. E. J. Brouwer. 1927 wurde er außerordentlicher Universitätsprofessor in Innsbruck, 1928 ordentlicher Professor an der Wiener Technischen Universität, 1930 schließlich ordentlicher Professor an der Universität Innsbruck, wo er – unterbrochen durch den durch eine Verwundung in den ersten Kriegstagen rasch beendeten Einsatz als Oberleutnant in der deutschen Wehrmacht – bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1961 tätig blieb. Einen Ruf an die Universität Wien lehnte er 1935 ab.

Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt Vietoris zahlreiche Auszeichnungen: 1935 korrespondierendes und ab 1960 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktorate der Technischen Universität Wien (1984) und der Universität Innsbruck (1994), Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (1970), Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1981), Medaille in Gold der Österreichischen Mathematischen Gesellschaft (1981), Verdienstkreuz der Stadt Innsbruck (1982). Vietoris war Ehrenmitglied der Österreichischen Mathematischen Gesellschaft (seit 1965) und der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (seit 1990).

Von 1928 bis 1935 war Vietoris mit Klara von Riccabona verheiratet, nach deren Tod im Kindbett heiratete er 1936 deren Schwester Maria, mit der er 66 Jahre verheiratet war.

In der Öffentlichkeit wurde Leopold Vietoris vor allem durch sein hohes Alter berühmt, er war bis zu seinem Tod der älteste Mann Österreichs. Selbst im hohen Alter war er noch wissenschaftlich aktiv, seine letzte Arbeit publizierte er mit 103 Jahren. Sein hohes Alter führte er selbst auf seine sportlichen Aktivitäten zurück, bis zu seinem 95. Lebensjahr nahm er regelmäßig an akademischen Schwimmmeisterschaften teil, das Bergsteigen gab er – erzwungen durch einen Oberschenkelhalsbruch – mit 101 Jahren auf. Vietoris verstarb knapp zwei Monate vor seinem 111. Geburtstag. Seine Frau war sechzehn Tage zuvor im Alter von 100 Jahren gestorben.

Vietoris verfasste zahlreiche Beiträge für die Wiener Sprachblätter.

Forschungsergebnisse[Bearbeiten]

Sein hauptsächliches Forschungsgebiet war die Topologie, zu der er viele wichtige Forschungsergebnisse lieferte, deren bekanntestes wohl die Mayer-Vietoris-Sequenz[3] (zusätzlich benannt nach Walther Mayer) der algebraischen Topologie ist. Weitere nach ihm benannte Erkenntnisse sind der Satz von Vietoris-Begle, die Vietoris-Topologie und die Vietoris-Homologie. Wichtige Beiträge leistete Vietoris auch zur Wahrscheinlichkeitstheorie und zum Bereich der Ungleichungen. Angeregt von seinen privaten Neigungen Bergsteigen und Skifahren beschäftigte sich Vietoris aber auch mit Fragen einer „Geometrie des Bergsteigens“, dem „Schifahren im Lichte der Festigkeitslehre“ und mathematischen Grundlagen der Orientierung im Gebirge – Arbeiten, die er selbst besonders schätzte.

Literarische Verarbeitung[Bearbeiten]

Die Figur des Mathematikers Carl Jacob Candoris in Michael Köhlmeiers Roman „Abendland“ ist teilweise von Vietoris inspiriert, oder, wie es der Autor ausdrückt, eine „kleine Hommage“ an ihn.[4]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Magistrat der Landeshauptstadt Innsbruck: Innsbruck informiert, Servicebeilage
  2. Nachruf auf Leopold Vietoris der Universität Innsbruck
  3. Vietoris Über die Homologiegruppen der Vereinigung zweier Komplexe, Monatshefte für Mathematik, Band 37, 1930, S. 159–162
  4. Köhlmeiers Buch „Abendland“ für Deutschen Buchpreis nominiert. 30. August 2007 (archivierte Version)