Marc Bloch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Marc Bloch

Marc Bloch (* 6. Juli 1886 in Lyon; † 16. Juni 1944 in Saint-Didier-de-Formans nahe Lyon) war als Mitbegründer der Annales-Schule einer der bedeutendsten französischen Historiker des 20. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Marc Bloch entstammte einer ursprünglich im Elsass ansässigen jüdischen Familie, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 das Elsass Richtung Frankreich verlassen hatte. Sein Vater Gustave Bloch war Professor für Alte Geschichte. Bloch besuchte in Paris das Lycée Louis-le-Grand und absolvierte danach von 1904 bis 1908 ein Studium an der École Normale Supérieure. Nach der Ableistung seines Wehrdienstes setzte er 1908/09 seine Studien in Berlin und an der Universität Leipzig fort. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Frontsoldat der französischen Armee teil. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Croix de Guerre und wurde in die Ehrenlegion aufgenommen.

1919 wurde Bloch Dozent und 1921 Professor für Mittelalterliche Geschichte in Straßburg. 1919 heiratete er Simone Vidal, aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.[1] 1929 gründete er mit Lucien Febvre die Zeitschrift Annales. Im Jahr 1936 ging er als Professor für Wirtschaftsgeschichte an die Sorbonne in Paris. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er noch einmal Soldat und kämpfte als Offizier bis zur Niederlage Frankreichs im Juni 1940.

In seinem Buch Die seltsame Niederlage. Frankreich 1940 schrieb Bloch von den „demokratischeren Umgangsformen“ in der deutschen Armee: „Auf allen Ebenen der Hierarchie spürt man deutlicher die Bereitschaft zum einträchtigen Zusammenwirken.“ Die Grobheit des Mystizismus, der das zustande gebracht habe, dürfe einen nicht über die „ungeheure Kraft“ hinwegtäuschen, die dem innewohne.[2] Dagegen kristierte er die innere Zerrissenheit Frankreichs nach Jahren der Auseinandersetzung zwischen Rechten und Linken über die Volksfrontregierung, den Egoismus der Parteien und Gewerkschaften und den übertriebenen Pazifismus der Linken. Marc Bloch wusste, wovon er sprach, als er die politische und militärische Führung Frankreichs der »Unfähigkeit« zieh, »den Krieg zu denken«, und sie anklagte, das Versagen eines der Mutterländer der modernen Demokratie vor der nationalsozialistischen Aggression verschuldet zu haben[3].

Da er als „Jude“ in Paris nicht mehr lehren konnte, berief ihn das Vichy-Regime zunächst nach Clermont-Ferrand und 1941 nach Montpellier. Während dieser Zeit bemühte sich Bloch auch um einen Ruf an die New School for Social Research in New York, den er aber schließlich mit Rücksicht auf seine Familie ablehnte, da diese ihn nicht hätte begleiten können. Nach der Besetzung Südfrankreichs im November 1942 tauchte Bloch unter und schloss sich der aktiven Résistance an. Im März 1944 wurde er in Lyon von der Gestapo gefangen genommen und schwer gefoltert. Am 16. Juni 1944 wurde er zusammen mit anderen Gefangenen auf freiem Feld in der Nähe von Lyon erschossen. Obwohl die genauen Umstände seiner Ermordung nicht ganz geklärt sind, wurde er nicht als "Jude" ermordet, sondern als "normaler Widerstandskämpfer"[4].

Wirkung[Bearbeiten]

Als Mitbegründer der historischen Schule der Annales, benannt nach der 1929 gegründeten Fachzeitschrift Annales d’histoire économique et sociale, zählt Bloch zu den einflussreichsten Historikern des 20. Jahrhunderts. Sein Spezialgebiet war die Mediävistik. Das Neuartige seines wissenschaftlichen Ansatzes bestand dabei in der Einführung einer vergleichenden Geschichtsforschung der europäischen Gesellschaften an Stelle der traditionellen Nationalgeschichtsschreibung. Mit seinen Forschungen trug er darüber hinaus maßgeblich zur Etablierung der Mentalitäts- und vor allem der Strukturgeschichte bei, die er als umfassende Geschichtsschreibung verstand, als „histoire totale“.

Ehrungen[Bearbeiten]

Gedenktafel an der nach Bloch benannten ehemaligen Université Strasbourg II (heute Universität Straßburg)

Zu Ehren von Bloch wurde 1992 ein deutsch-französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Berlin-Mitte benannt, das „Centre Marc Bloch“. Seine Gründung wurde auf einem französisch-deutschen Gipfeltreffen im Oktober 1990 in Berlin beschlossen. Aufgrund von Mittelkürzungen im Jahre 2008 seitens des französischen Außenministeriums war das Centre Marc Bloch eine zeitlang in seinem Bestand gefährdet.[5] Inzwischen ist es jedoch als "An-Institut" der Humboldt-Universität zu Berlin dauerhaft gesichert. Zu Blochs Ehren trägt eine der drei Universitäten in Straßburg seit 1998 den Namen Université Marc Bloch (Strasbourg II der Universität Straßburg).

Werke[Bearbeiten]

  • Les rois thaumaturges: Étude sur le caractère surnaturel attribué à la puissance royale particulièrement en France et en Angleterre. Istra, Paris 1924.
  • Les caractères originaux de l’histoire rurale française. Aschehoug, Oslo 1931.
  • La Société féodale. 2 Bände. Michel, Paris 1939/40.
    • Übersetzung: Die Feudalgesellschaft. Propyläen, Frankfurt am Main/Wien 1982, ISBN 3-549-07629-0.
  • L’étrange défaite. Témoignage écrit en 1940. Société des éd. Franc-tireur, Paris 1946.
    • Übersetzung: Die seltsame Niederlage: Frankreich 1940. Der Historiker als Zeuge. S. Fischer, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-10-021603-2.
  • Apologie pour l’histoire ou Métier d’historien. Colin, Paris 1949 (posthum).
    • Übersetzung: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-94170-3.
  • Histoire et historiens. Colin, Paris 1995, ISBN 2-200-21655-6.
    • Übersetzung: Aus der Werkstatt des Historikers. Zur Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. Campus, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36279-1.

Literatur[Bearbeiten]

  • Carole Fink: Marc Bloch. A Life in History. Cambridge University Press, Cambridge 1989, ISBN 0-521-37300-X.
  • Carole Fink: Marc Bloch (1886–1944), in: Helen Damico, Joseph B. Zavadil (Hrsg.): Medieval Scholarship. Biographical Studies on the Formation of a Discipline, Volume 1: History (= Garland Teference Library of the Humanities, Bd. 1350), Garland Publishing, New York 1995, ISBN 0-8240-6894-7, S. 205–217.
  • Ulrich Raulff: Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch. S. Fischer, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-10-062909-4.
  • Peter Schöttler (Hrsg.): Marc Bloch. Historiker und Widerstandskämpfer. Campus, Frankfurt am Main/New York 1999, ISBN 3-5933-6333-X.
  • Peter Schöttler: Marc Bloch. In: Lutz Raphael (Hrsg.): Von Edward Gibbon bis Marc Bloch. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54118-6 (Klassiker der Geschichtswissenschaft. Bd. 1).
  • Peter Schöttler/Hans-Jörg Rheinberger (Hrsg.), Marc Bloch et les crises du savoir. Berlin 2011 (MPI für Wissenschaftsgeschichte, preprint 418). http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/Preprints/P418.PDF
  • Peter Schöttler Die deutsche Geschichtswissenschaft und Marc Bloch. Die ersten Nachkriegsjahrzehnte, in: Ulrich Pfeil (Herausgeber) Die Rückkehr der deutschen Geschichtswissenschaft in die „Ökumene der Historiker.“ Ein wissenschaftsgeschichtlicher Ansatz, München: Oldenbourg, 2008 (Pariser Historische Studien, 89), Perspectiva.net

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Schöttler (Hrsg.): Marc Bloch. Historiker und Widerstandskämpfer. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 1999, ISBN 3-593-36333-X, S. 277.
  2. Stephan Speicher in der Süddeutschen Zeitung vom 3. September 2009; Marc Bloch, Die seltsame Niederlage, Frankfurt am Main: S. Fischer 1992, S. 140.
  3. http://www.zeit.de/1992/16/als-frankreich-sich-selbst-aufgab/seite-2
  4. http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-22394/03_sch%C3%B6ttler_bloch.pdf
  5. Centre Marc Bloch sieht sich vor dem Aus. In: Tagesspiegel, 12. Dezember 2008.