Matthias Politycki

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Matthias Politycki
Matthias Politycki, 2008

Matthias Politycki (* 20. Mai 1955 in Karlsruhe) ist ein deutscher Schriftsteller. Er hat Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays sowie Hörbücher publiziert und gilt als Weltreisender unter den deutschen Autoren. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Weiberroman und seine Kreuzfahrtsatire In 180 Tagen um die Welt. Seine Bücher wurden ins Englische, Französische und Italienische übersetzt; vielbeachtet wurden auch einige seiner Artikel, mit denen er in Debatten des Feuilletons eingegriffen oder sie angeregt hat.

Leben[Bearbeiten]

Matthias Politycki ist in München aufgewachsen und besuchte dort das Maria-Theresia-Gymnasium. Nach dem Abitur 1974 leistete er den Grundwehrdienst beim Jägerbataillon 541 in Neuburg/Donau ab, entschloss sich nach seiner ersten Wehrübung jedoch, den Wehrdienst nachträglich zu verweigern und wurde am 21. Dezember 1977 als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Von 1975 bis 1987 studierte er Neuere deutsche Literatur, Philosophie, Theater- und Kommunikationswissenschaft an den Universitäten München und Wien. 1981 erlangte er den Grad eines Magisters, 1987 promovierte er bei Walter Müller-Seidel in München mit einer Arbeit über Umwertung aller Werte? Deutsche Literatur im Urteil Nietzsches zum Doktor der Philosophie. Nach drei Semestern Lehrtätigkeit als Akademischer Rat am Münchner Institut für Deutsche Philologie wechselte er 1990 zum Beruf des freien Schriftstellers, wobei er bis 1999 noch als fester freier Lektor für den Verlag C.H. Beck in München tätig war. Matthias Politycki ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Er lebt in Hamburg und München.

Literarisches Werk[Bearbeiten]

Mit seinem 1987 erschienenen, vielbeachteten Romandebüt Aus Fälle / Zerlegung des Regenbogens. Ein Entwickelungsroman wurde Politycki in der Kritik für ein hochreflektiertes Prosastück in der Nachfolge von Arno Schmidt und James Joyce gefeiert. Schon in den beginnenden 1990er Jahren hat der „formfixierte Avantgardist[1] sich dann immer wieder vehement gegen diese Zuschreibung gewehrt, er forderte „Literatur muss sein wie Rockmusik“, propagierte eine „Neue Lesbarkeit“ der Deutschen Literatur und löste damit eine breite Feuilletondebatte aus.

Der 1997 erschienene Weiberroman wurde schließlich zum Bestseller und „Kultroman[2] und gilt als zentraler Text der literarischen Postmoderne in Deutschland. Politycki begründete mit dem Roman zudem seinen Ruf als „eminenter Humorist“ [3] und „Akrobat der Erinnerung“ [4].Gleichzeitig löste er mit dem Weiberroman eine Debatte über die sog. „78er Generation[5] aus, die er in der Nachfolge und in strenger Abgrenzung von der gesinnungslastigen 68er-Generation verortete.

Mit seinem 2005 erschienenen Kuba-Roman Herr der Hörner legte Politycki dann einen „dionysisch überbordenden Mammut-Roman“ [6] vor, der vom Überlebenskampf eines aufgeklärten Europäers in einer von archaischen Ritualen geprägten Kultur erzählt. An den Publikumserfolg seines Weiberromans konnte er jedoch erst mit seinem 2008 erschienenen Schelmenroman In 180 Tagen um die Welt anknüpfen, in dem er einen „zeitgenössischen Simplicissimus die Rituale der Reichen und der Superreichen“ [7] beschreiben lässt.

2013 erschien Samarkand Samarkand, nach eigener Aussage ein Werk, das Matthias Politycki bereits sein halbes Leben umtreibt. Der Roman führt in das Jahr 2026 und ins sagenumwobene Samarkand. Alexander Kaufner, Gebirgsjäger und Grenzgänger begibt sich darin auf die Suche nach einer geheimnisvollen Kultstätte. „Samarkand, Samarkand ist eine wortgewaltige, orientalisch bunte Reise- und Abenteuererzählung, die bis zum Herzen der Finsternis vordringt.“ [8]

Als seine literarischen Vorbilder hat Politycki u.a. Laurence Sterne, Diderot, Gottfried Benn sowie Vladimir Nabokov genannt und in den letzten Jahren auch Ernest Hemingway. Politycki hat auch ein umfangreiches Lyrik-Werk vorgelegt, mit dem er immer wieder Bühnenprogramme bestritten hat: 1996/97 trat er gemeinsam mit Robert Gernhardt im Lyrikprogramm Wein, Weib und Gesang auf, 2004/2005 mit Hellmuth Opitz und Steffen Jacobs im Programm Frauen. Naja. Schwierig. Von 2000 bis 2005 hat Politycki − er suchte immer wieder die ästhetische bzw. poetologische Diskussion mit Zeitgenossen − zudem die „Ohne Titel“-Tagungen von Autoren, Lektoren und Kritikern auf Schloss Elmau veranstaltet. 2011 war er Kurator beim Literaturfest München.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Matthias Politycki wurde für seinen ersten Roman AusFälle / Zerlegung des Regenbogens. Ein Entwickelungsroman u. a. 1987 mit dem Civitas-Literaturpreis und 1988 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat zahlreiche Stipendien im In- und Ausland erhalten, u.a. in Dänemark, Österreich und den USA. Die Reederei Hapag-Lloyd vergab 2006 erstmals die Stelle eines Schiffsschreibers auf ihrem Kreuzfahrtschiff Europa an Matthias Politycki, der damit die Möglichkeit erhielt, als writer-in-non-residence an einer halbjährigen Weltreise teilzunehmen. 2009 erhielt er den Ernst-Hoferichter-Preis und war Writer in Residence am Queen Mary College der Universität London. 2010 wurde er mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet. Für die Arbeit an seinen Romanen Herr der Hörner und Samarkand Samarkand erhielt er 2004 und 2012/13 jeweils ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds.

Werke[Bearbeiten]

Autograph

Romane und Erzählungen[Bearbeiten]

  • Samarkand Samarkand, Hoffmann und Campe, Hamburg 2013, ISBN 978-3-455-40443-2.
  • Freischwimmer. Drei Erzählungen, Svato Verlag, Hamburg 2011. Mit 11 farbigen Linolschnitten von Svato Zapletal.
  • Jenseitsnovelle, Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, ISBN 978-3-455-40194-3.
  • In 180 Tagen um die Welt. Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl, marebuchverlag, Hamburg 2008
  • Herr der Hörner. Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2005
  • Das Schweigen am andern Ende des Rüssels, Hoffmann und Campe, Hamburg 2001
  • Ein Mann von vierzig Jahren, Luchterhand Literaturverlag, München 2000
  • Weiberroman, Luchterhand Literaturverlag, München 1997
  • Der böse Einfluß der Bifi-Wurst. Ein End- und ein Nachspiel, Verlag Ulrich Keicher (= Roter Faden 44), Warmbronn 1996
  • Taifun über Kyoto, Luchterhand Literaturverlag, Hamburg 1993
  • Sonnenbaden in Sibirien. Dreiseitige Geschichten, Verlag Ulrich Keicher (= Roter Faden 30), Warmbronn 1991
  • Aus Fälle / Zerlegung des Regenbogens. Ein Entwickelungsroman, Weismann Verlag, München 1987

Lyrik[Bearbeiten]

  • London für Helden. The Ale Trail - Expedition ins Bierreich, Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, ISBN 978-3-455-40323-7
  • Die Sekunden danach. 88 Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, ISBN 978-3-455-40145-5
  • Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe. 66 Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg 2003
  • Die zwei Arten, den Caipirinha zu bestellen. Ein Gedicht, Verlag Ulrich Keicher (limitierter Sonderdruck), Warmbronn 2000
  • Jenseits von Wurst und Käse. 44 Gedichte, Luchterhand Literaturverlag, Hamburg 1995
  • Die Wahrheit über Kaffeetrinker. Ein Gedicht, Verlag Ulrich Keicher (limitierter Sonderdruck), Warmbronn 1993
  • Im Schatten der Schrift hier. 22 Gedichte, Weismann Verlag, München 1988

Essays[Bearbeiten]

  • Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft. Bestimmte Artikel 2006-1998. Essays, Hoffmann und Campe, Hamburg 2007
  • Marietta - die Idee, der Datensatz und der Strohhut. Schreiben und Schreiben-Lassen im Internet, Franz Steiner Verlag (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Abhandlung Nr.1/2000 der Klasse der Literatur), Stuttgart 2000
  • Die Farbe der Vokale. Von der Literatur, den 78ern und dem Gequake satter Frösche, Luchterhand Literaturverlag, München 1998

Herausgeberschaft und Sonstiges[Bearbeiten]

  • DAS GEDICHT No 20. Das Beste aus 20 Jahren – und für die nächsten 20 Jahre, Jubiläumsausgabe, mit A. Leitner, Weßling 2012, ISBN 978-3-92943-372-2
  • London, Signale aus der Weltmaschine, Gastgeber: Matthias Politycki, Corso Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86260-015-1
  • Marietta / Ein Mann von vierzig Jahren, Dokumentation des ZDF-Projekts „Novel in Progress“ auf der Homepage von Aspekte; ZDF.Online / Luchterhand Literaturverlag (CD-ROM), München [u.a.] 1999
  • Hundert notwendige Gedichte. Und ein überflüssiges, Luchterhand Literaturverlag, Hamburg-Zürich [u.a.] 1992

Fachbücher[Bearbeiten]

  • Umwertung aller Werte? Deutsche Literatur im Urteil Nietzsches, De Gruyter, Berlin [u.a.] 1989
  • Der frühe Nietzsche und die deutsche Klassik. Studien zu Problemen literarischer Wertung, Münchner Hochschulschriften, Straubing [u.a.] 1981

Hörbücher[Bearbeiten]

  • London Für Helden. The Ale Trail (mit Peter Lohmeyer und Colin Soleman), Verlag Antje Kunstmann, München 2011
  • Jenseitsnovelle, (mit Nina Petri), Radioropa/Technisat, Daun 2009
  • Das Schiff. Erlebnisse einer Weltreise mit Matthias Politycki, Hörbuch von Wolfgang Stockmann, Logbuchtexte und Erzähler: Matthias Politycki, Verlag Antje Kunstmann, München 2008
  • Des Teufels Amulett, MünchnerFrühlingVerlag (in der Reihe "einmaleingedicht"), München 2007
  • Frauen. Naja. Schwierig, (mit Hellmuth Opitz und Steffen Jacobs), Hoffmann und Campe, Hamburg 2005
  • Das Schweigen am andern Ende des Rüssels, Hoffmann und Campe, Hamburg 2001
  • Ein Mann von vierzig Jahren, Hörbuch Hamburg/Deutschlandradio, Hamburg 2000

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Killy-Literaturlexikon
  2. Munzinger
  3. Reinhard Baumgart in Die Zeit, 5/9/1997
  4. Verena Auffermann in Süddeutsche Zeitung, 19. u. 20/7/1997
  5. Reinhard Mohr
  6. Wolfgang Schneider in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21/2/08
  7. Uwe Wittstock in Die Welt, 21/6/08
  8. Martin Haller in FAZ, 23/08/13