Nahrungsmittelallergie

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Klassifikation nach ICD-10
K52.2 Allergische und alimentäre Gastroenteritis und Kolitis
-Gastroenteritis oder Kolitis durch Nahrungsmittelallergie
L27.2 Dermatitis durch aufgenommene Nahrungsmittel
T78.0 Anaphylaktischer Schock durch Nahrungsmittelunverträglichkeit
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Die Nahrungsmittelallergie oder Lebensmittelallergie ist eine besondere Form der Nahrungsmittelunverträglichkeit. Sie ist gekennzeichnet durch eine spezifische Überempfindlichkeit (Allergie) gegen bestimmte Stoffe, die in der Nahrung enthalten sind und mit ihr aufgenommen werden.

Symptome und Beschwerden[Bearbeiten]

Das Ausmaß der allergischen Reaktion kann interindividuell stark variieren. Nahrungsmittelallergien äußern sich in Reaktionen der Schleimhaut, zum Beispiel in Form von Schleimhautschwellungen im gesamten Mund-, Nasen- (allergische Rhinitis) und Rachenraum und Anschwellen der Zunge. Symptome im Magen-Darm-Bereich sind z. B. Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Nahrungsmittelallergien können aber auch zu Reaktionen der Atemwege mit Verengung der Bronchien (allergisches Asthma) und der Haut (atopisches Ekzem, Juckreiz und Nesselsucht) sowie sehr selten zu Gelenkerkrankungen (Arthritis) führen. Im Extremfall kann es zu einem lebensbedrohlichem allergischen Schock kommen.

Nahrungsmittelallergien im Säuglings- und Kleinkindalter[Bearbeiten]

Besonders Säuglinge und Kleinkinder mit Nahrungsmittelallergien können unter heftigem Erbrechen und Durchfällen leiden, was in weiterer Folge auch die normale Entwicklung (Größenwachstum, Gewichtszunahme) beeinträchtigen kann. Typische Nahrungsmittelallergien im Säuglings- und Kleinkindalter sind Allergien gegen Milch, Eier, Fleisch, Fisch, Nüsse und in zunehmendem Ausmaß Soja. Bei starken Sensibilisierungen kommt es auch zu allergischen Reaktionen auf die Muttermilch, die alle Allergene derjenigen Nahrungsmittel enthalten kann, welche die Mutter zu sich nimmt.

Laut einer Studie[1] werden Nahrungsmittelallergene wie beispielsweise Milchbestandteile, Haselnüsse, Meeresfrüchte, Ovalbumin oder Fischallergene in vitro durch Simulierung der sauren Magenverdauung mit Pepsin innerhalb von wenigen Minuten komplett verdaut, bei pH-Wert-Anhebung allerdings nicht. Daraus folgerten die Forscherinnen, dass Nahrungsmittelallergieprobleme mit einem erhöhten pH-Milieu des Magens in Zusammenhang stehen könnten. Säuglinge hätten erst am Ende des zweiten Lebensjahres Magensäurewerte wie Erwachsene. Auch Personen mit verminderter Magensäuresekretion oder nach Einnahme von Antazida, Sucralfat, H2-Rezeptor-Blockern oder Protonenpumpeninhibitoren haben erhöhte pH-Werte im Magen.

Die optimale Ernährung für Neugeborene ist das ausschließliche Stillen während mindestens der ersten vier Lebensmonate, wobei zu beachten ist, dass Kuhmilch-Allergene und Ei-Allergene [und andere?] über die Muttermilch übertragen werden und die stillende Mutter dann auch diese Risiko-Nahrungsmittel vermeiden sollte[2]. Spätestens ab dem sechsten Lebensmonat sollte mit der Zufütterung begonnen werden. Für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern, die entweder nicht gestillt werden können und ein erhöhtes Allergie-Risiko haben oder die unter Nahrungsmittelallergien leiden, gibt es eine Reihe von Spezialprodukten. Hypoallergene Formula Nahrung (oder HA-Nahrung) besteht aus stark hydrolysierten Molken- oder Vollmilchproteinen. Hier liegen sämtliche Proteine nur noch in sehr kleinen Bruchstücken vor, die von IgE-Antikörpern nicht mehr erkannt werden können und somit auch keine allergischen Reaktionen mehr auslösen können. Ein Nachteil von hydrolysierten Babynahrungen ist ihr sehr bitterer Geschmack. Die Möglichkeit, Kuhmilch zu vermeiden, bietet Babynahrung auf Basis von Soja-Proteinen oder auf Basis von Reis-Proteinen. Nahrungen auf Soja-Basis sind jedoch ebenfalls sehr allergisierend und enthalten zusätzlich Phytosterole, die andere unerwünschte Wirkungen haben können. Nahrungen auf Soja-Basis sind deshalb für Säuglinge, insbesondere bei erhöhtem Allergie-Risiko, nicht empfehlenswert, 20–-30% der Säuglinge, die eine Kuhmilchallergie haben, haben gleichzeitig eine Sojamilchunverträglichkeit[3].

Die meisten Kinder „wachsen“ aus der Nahrungsmittelallergie bis zu ihrem 5. Lebensjahr heraus. Da diese Kinder aber offensichtlich eine Prädisposition für allergische Erkrankungen haben, kann es dann oft zu neuen Sensibilisierungen kommen, zum Beispiel gegen Pollenallergene, die sich dann auch in anderen Krankheitsformen (Asthma bronchiale, allergische Rhinitis) äußern können. Dieses Phänomen wird auch mit allergic march bezeichnet.

Nahrungsmittelallergien im Jugend- und Erwachsenenalter[Bearbeiten]

Nahrungsmittelallergien im Jugend- und Erwachsenenalter sind häufig keine genuinen Allergien im Sinne einer ursprünglichen Sensibilisierung gegen bestimmte Nahrungsmittel. Vielmehr handelt es sich um sekundäre Nahrungsmittelallergien infolge von Kreuzallergien, bei denen die ursprüngliche Sensibilisierung gegen zum Beispiel ein Inhalationsallergen gerichtet ist. Meist sind es hier das oral allergy syndrome (OAS) bei Birkenallergikern, bei denen eine Sensibilisierung gegen das Hauptallergen im Birkenpollen vorliegt. Aufgrund der Kreuzreaktivität der Antikörper mit einem ähnlichen Protein im Apfel, können bei Birkenpollenallergikern beim Verzehr von Äpfeln allergische Symptome − typischerweise an der Mundschleimhaut − auftreten.

Dennoch gibt es auch im Jugend- und Erwachsenenalter „echte“ Sensibilisierungen gegen Nahrungsmittel.

Besonders schwerwiegend ist die Erdnussallergie (lat. Arachis hypogaea). Hier kann es besonders häufig durch Erdnussallergene zu heftigen allergischen Reaktionen und zum anaphylaktischen Schock kommen. Deshalb muss auf Lebensmitteln deklariert werden, wenn Erdnüsse enthalten sind. Es ist oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich, ob ein Lebensmittel Erdnüsse bzw. Erdnussbutter enthält (Eiscremes, Dessertcremes, Müsli-Mischungen, Schoko-Riegel, etc.).

Ursachen[Bearbeiten]

Der wiederholte Verzehr bestimmter Lebensmittel oder deren Inhaltsstoffe, aber auch Pollen über eine Kreuzallergie, führen zu einer Antigen-Antikörper-Reaktion als grundlegendem immunologischem Mechanismus der Allergie. Die genaue Ursache dafür ist unbekannt. Fast alle Patienten zeigten vorher andere allergische Beschwerden wie Heuschnupfen, Asthma oder allergisch bedingte Hautentzündungen. Es wurden Theorien erstellt, so zum Beispiel die Hygienehypothese, die besagt, dass eine Unterforderung des Immunsystems besonders in jungen Kinderjahren aufgrund von übertriebener Hygiene die Entstehung einer Allergie fördert, da sich in dieser Zeit das Immunsystem ausprägt. Aber auch der frühe Konsum von Medikamenten und exotischen Früchten können Ursachen einer Allergie sein.

Verbreitung[Bearbeiten]

Bei Erwachsenen treten Nahrungsmittel-Allergien in etwa 1 bis 5 % der Fälle auf, bei Kindern etwas öfter mit etwa 5 bis 10 %. Nahrungsmittelintoleranzen kommen mit durchschnittlich etwa 30 % hingegen deutlich öfter vor.[4]

Auslöser und Kennzeichnungspflicht[Bearbeiten]

Grundsätzlich kann jedes Lebensmittel - bzw. dessen Inhaltsstoffe - allergen wirken, jedoch sind die allergischen Potenziale unterschiedlich.

Die EU-Richtlinie 2007/68/EG[5] vom 27. November 2007 schreibt vor, dass folgende 14 Zutaten (und daraus gewonnene Erzeugnisse) als mögliche Auslöser von Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten auf verpackten Lebensmitteln angegeben werden müssen, da sie am häufigsten zu Reaktionen vom so genannten Soforttyp führen:

  1. Glutenhaltige Getreide, d. h. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut oder deren Hybridstämme. (Die Gluten-Intoleranz Zöliakie gehört zu den immunologisch bedingten, nicht IgE-vermittelten Nahrungsmittelunverträglichkeiten)
  2. Eier
  3. Erdnüsse
  4. Fische
  5. Krebstiere
  6. Lupinen
  7. Milch (einschließlich Laktose)
  8. Schalenfrüchte, d. h. Mandeln, Haselnüsse, Walnüsse, Kaschunüsse, Pekannüsse, Paranüsse, Pistazien, Makadamianüsse und Queenslandnüsse
  9. Schwefeldioxid und Sulfite in Konzentrationen von mehr als 10 mg/kg oder 10 mg/l, ausgedrückt als SO2.(Hierbei handelt es sich um eine Pseudoallergie)
  10. Sellerie
  11. Senf
  12. Sesamsamen
  13. Sojabohnen
  14. Weichtiere (z. B. Muscheln, Schnecken, Tintenfische)

Chylomikronen als Antigen-Vehikel[Bearbeiten]

In einer Studie an Mäusen konnte erstmals gezeigt werden, dass die Resorption der unverdauten Nahrungsproteine hauptsächlich über den Chylomikronen-Transport geschieht, insbesondere wenn die Nahrung viel Triglyzeride enthält, wie z. B. bei Erdnüssen, Eiern und Milch. Zusätzlich besitzen Protein-Antigene entsprechende Emulgator-Eigenschaften, wodurch sie eine hohe Affinität zu Chylomikronen haben. [6]

Diagnose[Bearbeiten]

Die einfachste und effektivste Methode ist das Führen eines Ernährungs- und Beschwerdentagebuches, mit dessen Hilfe der zeitliche Zusammenhang zwischen Aufnahme der potenziell unverträglichen Nahrungsmittels und den Symptomen aufgedeckt werden kann. Am besten geht man von einer Basisdiät mit einigen – vermutlich verträglichen – Lebensmitteln aus und erweitert die Ernährung alle paar Tage um ein weiteres Lebensmittel. Mit dieser Methode können andere, nicht-immunologische Nahrungsmittelreaktionen (z. B. Nahrungsmittel-Intoleranzen) zwar nicht abgegrenzt, aber doch erfasst werden.

Wird ein bestimmtes Lebensmittel als unverträglich bzw. allergen verdächtigt, sollte eine mehrwöchige Ausschlussdiät mit Nahrungsmittelkarenz sowie einer anschließenden Provokationsdiät erfolgen. Ausschlussdiät und Provokationsdiät werden für die einzelnen Lebensmittel jeweils nacheinander durchgeführt, z.B. Milch, Schalentiere, etc. Eine andere empfohlene Methode ist eine Rotationsdiät, bei der potenziell allergieauslösende Lebensmittel in einem bestimmten Turnus gegessen werden.

Weitere ärztliche Diagnoseverfahren:

  • Hauttests mit verschiedenen Nahrungsmittelextrakten (z. B. Prick-Test)
  • Bestimmung des Gesamt-IgE im Serum
  • Bestimmung von allergenspezifischen IgE-Antikörpern im Serum (z. B. RAST-Test)
  • Bestimmung von allergenspezifischen IgE-Antikörpern in verschiedenen Abschnitten des Verdauungstraktes (z. B. Gastrointestinale Lavage)
  • Methylhistamin-Bestimmung im 24-Stunden-Urin während einer üblichen Ernährung und danach zum Vergleich während einer mehrtägigen, wenig allergenen Kartoffel-Reis-Diät (siehe unten).

Es gibt Anbieter von nicht geeigneten Testverfahren zum Nachweis von angenommenen Nahrungsmittelallergien. Beispielsweise ist ein IgG-Test nicht generell zur Diagnose einer Nahrungsmittelallergie geeignet. Allergologenverbände [7] sowie das Deutsche Ärzteblatt [8] sind diesbezüglich kritisch (siehe auch ALCAT-Test).

Unbedenkliche Nahrungsmittel[Bearbeiten]

Es gibt nur wenige Nahrungsmittel, gegen die Menschen fast nie allergisch sind, zum Beispiel Artischocken, Blattsalate, und jede Art von Reis.

Vorbeugung[Bearbeiten]

Zur Vorbeugung von Lebensmittelallergien ist es sinnvoll, nicht zu oft und vor allem nicht täglich die gleichen Lebensmittel zu essen. Grundsätzlich ist bei Allergien der häufige Kontakt ein weitverbreiteter Auslöser. Zum Beispiel sollte nicht jeden Tag die gleiche Gemüsemischung in Salaten gegessen werden, weil hier viele potenziell allergieauslösende Stoffe zusammen aufgenommen werden.

Stillen ist eine gute vorbeugende Maßnahme. Kinder, die ausschließlich gestillt werden, leiden deutlich seltener an Nahrungsmittelallergien als Kinder, die nicht gestillt wurden.[9][10]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Susanne C. Diesner, Isabella Pali-Schöll, Erika Jensen-Jarolim, Eva Untersmayr: Mechanismen und Risikofaktoren für Typ 1 Nahrungsmittelallergien: Die Rolle der gastrischen Verdauung; doi:10.1007/s10354-012-0154-4
  2. A. Auer, D. Grach, E. Fattinger:Muttermilch als Allergen-Überträger. Sinn und Unsinn einer allergen-vermeidenden Diät während der Stillzeit, Ernährung / Nutrition, Vol. 34, 10 (2010), pdf-Datei
  3. P.Altmeyer, M.Bacharach-Buhles: Dermatologie Allergologie Umweltmedizin, Springer Verlag, Berlin, 2002, ISBN 3-540-41361-8, Seite 857, teilweise einsehbar bei Google-Books
  4. Einteilung der Reaktionen auf Nahrungsmittel. Webseite NMI-Portal. Abgerufen am 19. Juni 2012.
  5. RICHTLINIE 2007/68/EG der EU-Kommission vom 27. November 2007.
  6. Wang Y, Ghoshal S, Ward M, de Villiers W, Woodward J, Eckhardt E: Chylomicrons promote intestinal absorption and systemic dissemination of dietary antigen (ovalbumin) in mice. In: PLoS ONE. 4, Nr. 12, 2009, S. e8442. doi:10.1371/journal.pone.0008442. PMID 20041190. PMC: 2793525 (freier Volltext).
  7. Allergologenverbände warnen vor unseriösem Test auf IgG
  8. Jörg Kleine-Tebbe, et al: Nahrungsmittelallergie und - unverträglichkeit Dtsch Arztebl 2005; 102: A 1965–1969 [Heft 27]
  9. AOK.de
  10. dha-allergien.de: Ernährung bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten, abgerufen am 5. Mai 2013.

Literatur[Bearbeiten]

  • Arnold Hilgers, Inge Hoffmann: Food Intolerance. Mosaik, München 1997, ISBN 3-576-10742-8
  • Hans Steinhart, Angelika Peschke, Katy Zunker: Lebensmittelallergie – eine individuelle Gefahr. In: Biologie in unserer Zeit. 31(6), 2001, ISSN 0045-205X, S. 398-407
  • Karin Buchart: Nahrungsmittelallergie. Ein Leitfaden für Betroffene. 2., überarb. Aufl. Studien-Verlag, Innsbruck 2005, ISBN 3-7065-1905-4
  • Karin Buchart: Gut leben mit Nahrungsmittelallergien. Ratgeber mit Diätplan und Rezepten für alle Betroffenen. 3., überarb. Aufl. Löwenzahnverlag, Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7066-2417-6
  • Simone Graebner: Allergiefächer/Foodfan - Lebensmittel, Allergien, Intoleranzen, Malabsorption. 1. Aufl. Behr's Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-89947-857-0
  •  Zopf, Yurdagül et al.: Differenzialdiagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. In: Dtsch Arztebl Int. Nr. 106(21), 2009, S. 359-369 (Artikel).
  • Olivier CE. Food Allergy. J Allergy Ther. 2013;S3:004 URL

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Nahrungsmittelallergie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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