Peter Greenaway

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Peter Greenaway

Peter Greenaway, CBE (* 5. April 1942 in Newport, Wales, Vereinigtes Königreich) ist ein britischer Filmregisseur, Experimentalkünstler, Drehbuchautor, Kameramann und Cutter.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Peter Greenaway wurde in Newport, Wales am 5. April 1942 geboren und lebte in Amsterdam und London. Er ist einer der großen Regisseure unserer Zeit , ein innovativer Kurator und ein anspruchsvoller Philosoph des Kinos. Als ein Avantgardist mit einem breiten Zugang zum Mainstream-Kino, offenbart die einzigartige visuelle Sprache Peter Greenaways einen starken Einfluss von seiner Ausbildung als Maler, seiner strukturellen Linguistik und Philosophie. Als offener Kritiker an der "Hollywood" -Art Filme zu machen, glaubt er, das Kino sollte viel mehr außerhalb seiner Sklaverei der Erzählung zu bieten haben. Als ein Künstler, der ein Anhänger der subversiven Kraft des Bildes ist, drückt Peter Greenaway seine kritische Beziehung zu unserer aktuellen visuellen Kultur in verschiedenen Formen aus - von Gemälden und Filmen, Fernsehen, Multimedia-Formate, Oper, bis zum VJ- ing. Das Ergebnis seiner konstanten Erkundungen des filmischen Mediums ist die Schaffung einer Bildsprache, die unglaublich reichhaltig von der Renaissance- Malerei beeinflusst ist. Seine Architektur steht der Natur gegenüber, und erkundet die Grenzen der provokanten Erotik, sexueller Lust und Tod.

Peter Greenaway beschloss im Alter von zwölf, Maler zu werden und ging zum Walthamstow College of Art. Er spezialisierte sich auf Staffelei, Wandmalerei, Malerei und Zeichenkunst welche von zentraler Bedeutung für ihn war. Seitdem führte er seine Untersuchungen fort welche simultan zur Produktion von Romanen, Filmen und Opern führte. Er verwendete Collagen als Hauptmittel, um seine Überzeugung, dass Malerei sein könnte wie die Werke der Poesie und der Literatur, zu demonstrieren. Auf vielschichtige Art und Weise wollte er eine alternative Strukturierung von Themen durch die Ablehnung der üblichen Erzählweise zum Ausdruck bringen. Dennoch wurde sein Interesse, stark in Richtung Musik, Text und Regie gezogen, und damit stark an das filmische Vokabular.

Im Alter von 22 Jahren, beschloss Peter Greenaway seine zukünftige Entwicklung auf die Filmindustrie zu konzentrieren und kaufte seine erste Kamera, eine 16mm-Bolex-Kamera. Nachdem er von der Royal College of Art Filmschule abgelehnt wurde, begann er seine Karriere als Cutter und Regisseur am Central Office of Information, einer britischen Regierungsbehörde welche für die Veröffentlichung von Informationsfilmen verantwortlich ist. Diese Arbeitserfahrung wurde bald in seine obsessiven Erforschung der Absurdität der Bürokratien, sowie in die Möglichkeiten der dokumentarischen Form übersetzt. Parallel zu seiner täglichen Arbeit, begann Peter Greenaway bald seine ersten experimentellen Kurzfilme. In „Train“ (1966), schuf er ein mechanisches Ballett, als eine Dampfeisenbahn in den Bahnhof kommt. In „Baum“ (1966) konzentrierte er sich auf das Leben von Bäumen gegenüber dem Beton auf den Straßen von London. Sein Werk „Voice-over in Windows“ (1975) erzählt eine Geschichte über die Häufigkeit von Fensterstürzen in der Stadt, während die idyllische Landschaft durch die Fenster gefilmt wird. Doch diese Werke brachten ihm nicht viel Anerkennung, erst als er 1980 mit seinem bis dahin ambitioniertesten Werk, der dreistündigen fiktiven Dokumentation „The Falls“, rund um ein absurdes „Violent Unknown Event“ in Rotterdam auf einem Filmfestival vertreten war, wurde er bekannter und geriet an den niederländischen Produzenten Kees Kasander, der fortan seine Filme produzierte. Greenaways Spielfilme kreisen um die großen Themen Kunst, Sex, Gewalt, Religion und Tod. Sein erster Spielfilm „Der Kontrakt des Zeichners“ war ein kriminologisches Puzzle um einen eitlen Maler im England des ausgehenden 17. Jahrhunderts, dem bald darauf der surreale Spielfilm „ZOO – A Zed & Two Noughts“ über Tiere, Verwesung, Symmetrie, Schicksal und den Maler Jan Vermeer sowie die Filme „Der Bauch des Architekten“ und „Drowning by Numbers“ (dt. „Verschwörung der Frauen“) folgten. Eine weitere Steigerung seiner Publizität erreichte er 1989 durch die skandalöse, kulinarische schwarze Komödie „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“. Neue visuelle Dimensionen schuf Greenaway dann 1991 in seiner Shakespeare-Verfilmung „Prosperos Bücher“ mit Sir John Gielgud in der Hauptrolle. Die selbst für Greenaway überspitzte und oft obszöne Kirchensatire „The Baby of Mâcon“ fiel bei Kritik und Publikum durch, wurde aber durch deren Begeisterung für den gut inszenierten „Die Bettlektüre“ mit Vivian Wu und Ewan McGregor ausgeglichen. Mit „8½ Women“ schuf Greenaway eine witzige Hommage an Fellini voller sexueller Obsessionen, die aber die Komplexität und den Anspielungsreichtum früherer Werke nicht erreichte.

The Tulse Luper Suitcases[Bearbeiten]

Greenaways monumentales Projekt „The Tulse Luper Suitcases“[1] umfasst drei Spielfilme, eine Fernsehserie, 92 DVDs, CD-ROMs und Bücher über das Leben von Tulse Luper und seine 92 Koffer mit obskurem Inhalt. Tulse Luper taucht als Figur und Mitarbeiter (so z. B. Production Assistant für „A Walk Through H“) in mehreren Filmen Greenaways auf, so in „The Falls“ oder in den Kurzfilmen „Vertical Features Remake“ und „A Walk Through H“. In Greenaways Filmen entfaltet sich rund um Luper eine Art Mythologie, zu der eine Reihe immer wieder auftretender Charaktere gehört (z. B. Lupers Gegenspieler Van Hoyten). In Saskia Bodekkes (Greenaways Ehefrau) Inszenierung von „Gold – 92 bars in a crashed car“ am Schauspiel Frankfurt / Main im November 2001, das Bodekke und Greenaway gemeinsam erarbeitet hatten, taucht die Zahl 92 ebenfalls auf.

Erneut Malerei[Bearbeiten]

Ab 2007 beschäftigte er sich von den „flämischen Meistern“ mit detektivischer Hingabe zunächst mit Rembrandt van Rijn („Nightwatching“), flankiert von zahlreichem Begleitmaterial und -veranstaltungen. Der Film, mit dem er beansprucht, die definitive Auslegung der Nachtwache aufgedeckt zu haben, wurde als Rückkehr zu Stil und Thematik des Kontrakt des Zeichners angekündigt und auch verstanden. Selbst bekennende Greenaway-Gegner empfanden den vergleichsweise emotionalen Film als erträglich.[2] Nicht als Neuanfang zu werten ist es ein Schritt in eine andere Richtung geworden, in eine geringfügig leichter zugängliche.[3] Den Umstieg zum digitalen Kino hat der produktive Filmemacher offenbar vollzogen. Dem ließ er als VJ Mitte 2008 ein Live-Remix von da Vincis Das Abendmahl in Mailand folgen.[4]

Filmsprache[Bearbeiten]

Greenaways künstlerischer Anspruch ist, die Sprache des Films – die nach seiner Auffassung seit den 1960er Jahren keine Entwicklung mehr erfahren habe – grundlegend zu erneuern. Dabei verweigert er rational nachvollziehbare Geschichten und setzt vorwiegend auf Kraft und Schönheit der Bilder. Kennzeichen seiner Filme sind lange Totaleinstellungen auf minuziös durchgestaltete, statische Arrangements von Dekorationen und Schauspielern, die den Zuschauer zu hoher Aufmerksamkeit und genauem Hinsehen nicht nur einladen, sondern auch zwingen, wenn er der Handlung folgen will und ebenfalls lange anorganisch wirkende Kamerafahrten. Regelmäßig nutzt Greenaway für die Sprache seiner Filme auch Ausdruckselemente anderer Kunstformen, z. B. der Bildenden Kunst („Der Kontrakt des Zeichners“), der Architektur („Der Bauch des Architekten“) oder der Kalligraphie („The Pillow Book“). Sein Schaffen orientiert sich an der Idee des Gesamtkunstwerks, wobei er seine Filme stets nach formalen Systemen organisiert. Hervorzuheben sind dabei Verweissysteme aus der Semiotik, Zahlenreihen der Kabbala und Kodifizierung. Im Film „Drowning by Numbers“ (Verschwörung der Frauen) hat Greenaway die Zahlen 1 bis 100 in chronologischer Reihenfolge in die Bilder und den Dialog eingebaut. Außerdem enthält der Film 100 Sterne, die von einem Seil springenden Mädchen benannt werden, wie auch 100 Objekte, die mit einem „S“ beginnen. Seit der in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Tom Philipps entstandenen TV-Produktion „A TV-Dante. cantos 1-8“ und dem Film „Prospero’s Books“ (1991) setzt Greenaway verstärkt HDTV- und Postproduction-Technologie ein und lässt dabei unter anderem ineinander verschachtelte Frames auf der Leinwand erscheinen und verschwinden. Diese Art von Filmsprache wendet er ferner in „The Pillow Book“ und äußerst exzessiv in „The Tulse Luper Suitcases“ an. Davon abgesehen ist Greenaway auch als beeindruckender Redner bekannt.[5]

Musik[Bearbeiten]

Ein weiteres Erkennungszeichen seiner Filme ist die Verwendung einer zwar reizvollen und interessanten, jedoch kühlen Musik, die die Ironie der Bilder unterstreicht und ein emotionales Mitgehen des Zuschauers gänzlich ausschließt. Die Musik zu sechs der Filme von Greenaway („The Falls“, „Der Kontrakt des Zeichners“, „Ein Z und zwei Nullen“, „Verschwörung der Frauen“, „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ und „Prosperos Bücher“) schrieb der englische Komponist Michael Nyman. Die Musik zu „Der Bauch des Architekten“ schrieb Wim Mertens. Die Musik zu der Trilogie „The Tulse Luper Suitcases“ stammt unter anderem von Borut Krzisnik.

Greenaway selbst schrieb Anfang der 1990er Jahre eine Serie von zehn Opernlibretti unter dem gemeinsamen Titel „Death of a composer“ (Tod eines Komponisten). Unter den zehn getöteten Komponisten befinden sich als reale Personen Anton Webern und der 1980 ermordete John Lennon.

Im Jahr 1983 erschien unter dem Titel Four American Composers eine Sammlung von vier Dokumentationen über die Komponisten Robert Ashley, John Cage, Philip Glass und Meredith Monk.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Zitate[Bearbeiten]

„Wir sind in Gefahr, die alten Formensprachen zu verlieren. Aber, und das ist wahrscheinlich typisch postmodern, wir müssen fähig sein, die alten Sprachen zu rekapitulieren und wiederaufzunehmen, uns ihrer geschichtlichen Kontinuität bewußt zu bleiben. In meinen Filmen kann man sehen, daß ich ein waschechter Atheist bin, aber in Theologie hatte ich immer die besten Noten.“

Peter Greenaway[8]

„Im Kino müssen wir uns erst einmal von der Tyrannei befreien, und es sind deren vier: die Tyrannei des Texts, die Tyrannei des Schauspielers, die Tyrannei des Bildausschnitts und, am allerwichtigsten, die Tyrannei der Kamera. Der Film muß sich von der Kamera trennen, um sich aus der Sklaverei zu befreien. Denn da bin ich mir ganz sicher: Die Kamera steht dem Film im Weg.“

Peter Greenaway[9]

Filmografie (Auszüge)[Bearbeiten]

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Micha Braun: In Figuren erzählen. Zu Geschichte und Erzählung bei Peter Greenaway. transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2123-5 (Verlagsinfo mit Leseprobe).
  •  Axel Roderich Werner: System und Mythos. Peter Greenaways Filme und die Selbstbeobachtung der Medienkultur. transcript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1514-2 (Verlagsinfo mit Leseprobe).
  •  Wolfgang Schlüter (Autor): Gruß, Greenaway!. Matthes & Seitz, Berlin 2010, ISBN 978-3-88221-533-5.
  •  Hannah Hurtzig: Richtiges Kino kommt erst noch. In: Heinrich v. Pierer, Bolko v. Oetinger (Hrsg.): Wie kommt das Neue in die Welt?. Hanser, Wien 1997, ISBN 3-446-19127-5.
  •  Keum-Dong Kim: Formale Struktur, Narrativität und Wahrnehmung des Zuschauers. Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Marburg 2003 (Volltext, urn:nbn:de:hebis:77-4443).
  •  Detlef Kremer: Peter Greenaways Filme: vom Überleben der Bilder und Bücher. Metzler, Stuttgart 1995, ISBN 3-476-01345-6.
  •  Jean Lüdeke: Die Schönheit des Schrecklichen: Peter Greenaway und seine Filme. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1996, ISBN 3-404-61344-9.
  •  Georg Schmid: Die Spur und die Trasse. Wien 1988.
  •  Alexandra Stäheli: Materie und Melancholie. Passagen, Wien 2004 (Zu Greenaway bes. S. 189 ff.).
  •  Georg Schmid: Die Spur und die Trasse. Wien 1988.
  •  Alexandra Stäheli: Materie und Melancholie. Passagen, Wien 2004 (Zu Greenaway bes. S. 189 ff.).
  •  Michael Schuster: Malerei im Film: Peter Greenaway. Olms, 1998, ISBN 3-487-10663-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Peter Greenaway – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „sein Hauptthema ist, daß es keine Historie gibt, sondern nur Historiker“ (Greenaway). Splatting Image, siehe Weblinks
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatScott Tobias: Toronto Film Festival ’07: Day Three. In: A. V. Club. 9. September 2007, abgerufen am 31. Januar 2009 (englisch).
  3. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatLee Marshall: Nightwatching. In: ScreenDaily.com. 12. September 2007, abgerufen am 31. Januar 2009 (englisch).
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatElisabetta Povoledo: A Filmmaker Adds a Cinematic Scope to a Storied Painting. In: The New York Times. 2. Juli 2008, abgerufen am 3. Februar 2009 (englisch).
  5. Hurtzig, S. 31: „in perfektem Oxford-Englisch druckreif gesprochen“.
  6. BBC (abgerufen 3. Februar 2009).
  7. Peter Greenaway CBE To Receive The BAFTA For Outstanding British Contribution To Cinema, Pressemitteilung der BAFTA, 10. Februar 2014.
  8. Peter Greenaway im Gespräch mit Hannah Hurtzig: Richtiges Kino kommt erst noch. „Wie kommt das Neue in die Welt?“ (geführt etwa 1997), S. 33.
  9. a.a.O., S. 32.
  10. imdb.com