Reet

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Traditionelle Reethäuser in Altefähr auf der Insel Rügen
Reetdach auf einem Nachbau eines eisenzeitlichen Hauses in Hampshire, England

Reet (auch: Reeth, Reth, Reith, Ried, Riet, Rohr und Ähnliches) bezeichnet das an Ufern oder auf sumpfigem Gelände wachsende Schilfrohr, das vielerorts in getrocknetem Zustand zur Dacheindeckung verwendet wird und in früheren Zeiten zu vielen ähnlichen Zwecken diente, so etwa zum Besticken neuer Deiche mit der Deichnadel.

Der Name Reetdach hat sich bundesweit für diese Eindeckungsform durchgesetzt, mitunter wird sie auch Rohrdach genannt.[1] Ein mit Reet gedecktes Haus wird auch als Reethaus bzw. Reethus bezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Reet bzw. Schilf war eines der ersten Bedachungsmaterialien der sesshaft gewordenen Menschen; dies ist vor allem auf seine Eigenschaften als Wasserpflanze und seine lokale Verfügbarkeit zurückzuführen. Die ersten Reetdächer waren einfache Eindach-Häuser.

Im Mittelalter wurde aufgrund der Brandgefahr in dicht bebauten Gebieten das Reetdach in den Städten durch Hartdächer ersetzt. Auf dem Lande behielt das Reet jedoch bis in die heutige Zeit eine gewisse Bedeutung. Die ersten nachgewiesenen Reetdächer (Pfahlbauten am Bodensee) gab es bereits um 4000 v. Chr. Es war leicht aufgebundenes Reet, das mit Haselnussstöcken als Schachtstange und eingeweichten Weidenstöcken auf den Dachstuhl gepresst wurde.

Verbreitung[Bearbeiten]

Kunstvolle Firste in Devon
Reetdach wird erneuert.

In vielen Landschaften Europas, Asiens und Afrikas kennt man Reetdächer. Vielfach werden diese jedoch besonders mit dem Nord- und Ostseeküstenraum in Verbindung gebracht, wo man zum Beispiel in Nordfriesland vollständig reetgedeckte Gebäude oder auch die Reeteindeckung ostfriesischer Gulfhöfe findet. Auch das für Nordfriesland typische Uthlandfriesische Haus ist traditionell mit einem Reetdach versehen. In einigen Orten, wie etwa Kampen auf Sylt, gibt es Satzungen, die die ausschließliche Verwendung von Reet, also die so genannte „Weichbedachung“ vorschreiben. In den Nachbarorten Keitum und Wenningstedt gibt es Ortsteile oder Bereiche, in denen ebenfalls ausschließlich Reetdächer gebaut werden dürfen. Auf der Halbinsel Eiderstedt werden die markanten großen Bauernhäuser, die Haubarge, traditionell mit Reet gedeckt. Die Reet- oder Rohrdachdeckerei ist ein eigener Geschäftszweig, so dass es im norddeutschen Raum spezielle Reetdachdecker gibt, die ausschließlich diese Dächer erstellen und reparieren.

In den Midlands von England und in Cornwall sind Reetdächer ebenfalls weit verbreitet. Tradition sind besonders kunstvoll verbaute Firstabdeckungen. Eine Variante ist das auf der dänischen Insel Læsø traditionelle Dach aus Seetang.

Aufbau[Bearbeiten]

Grundparameter eines Reetdachs[2]

Ein Reetdach kann traditionell als Kaltdach (mit Hinterlüftung) ausgeführt werden, früher wurde das Reet- oder Strohdach ohne Hinterlüftung als Warmdach konstruiert. Dabei kam die hervorragende Isolationswirkung des Baustoffes Schilf zum Tragen: Aufgrund der geringen Rohdichte von Schilf sorgt Reet für guten sommerlichen Wärmeschutz und gute Wärmedämmung im Winter. Im Zuge moderner Bautechniken haben sich die Reetdächer allerdings ihrem Unterbau angepasst und werden heutzutage mit Hinterlüftung (gemäß DIN 4108) als Kaltdach gebaut. Die Hinterlüftung führt entstehende Feuchtigkeit ab und sorgt so für eine höhere Lebensdauer des Reetdaches.

Die korrekte Ausführung muss einige Anforderungen und Parameter einhalten. Reetdächer sollten eine Dachneigung von über 45° haben. Die hohe Dachneigung ist erforderlich, damit die einzelnen Wassertropfen von Halm zu Halm gleiten können. Bei einem funktionierenden Reetdach wird so nur die oberste Schicht der Dachdeckung durchfeuchtet. Reetdächer haben als konstruktiven Bautenschutz einen großen Dachüberstand (Traufüberstand) von mindestens 50 cm, da keine Regenrinne das Wasser abführt, tropft es in ausreichendem Abstand zum Mauerwerk ab und versickert in einem Kiesbett oder wird durch eine Rinne abgeführt. Der Schornsteinaustritt muss laut Feuerungsverordnung (FeuVO) mindestens 0,8 m über dem First liegen.

Der First des Reetdaches ist von Region zu Region unterschiedlich gefertigt. In Regionen, in denen Heidekraut wächst, wird dieser mit Heidekraut gedeckt. In den Niederlanden, Flandern und Frankreich sind Tonkappenfirste (in naturrot gebrannt oder taubengrau gedämpft) üblich. In Nordfriesland ist der Grassodenfirst zu finden und in den skandinavischen Ländern sowie der Region Kappeln/Flensburg Hängeholzer (Eichenholzreiter), die auf einer Seegrasschicht hängen.

Verarbeitung[Bearbeiten]

Dachdeckerarbeit mit Reet
Dachdecker auf einem Reetdach 1963

Ein Reetdach kann auf drei verschiedene Arten hergestellt werden: als geschraubtes, genähtes oder gebundenes Dach. Das Reet wird in geschnürten Bündeln geliefert, auf den Dachlatten verteilt und dann so verschoben, dass die unteren Reethalmenden eine schräge einheitliche, durchgehende Fläche bilden. Die Wurzelenden des Schilfs zeigen zum Boden. Die erste Schicht, die sog. Traufschicht, wird unter Spannung durch die Bindung am Dach gehalten. Die Spannung erhält die Deckung dadurch, dass die Auflagekante an der Traufe (Kniep) fünf bis sieben Zentimeter höher liegt als die Dachlattenebene. Bei den gebundenen und den geschraubten Dächern wird ein Haltedraht (Schacht) auf die zirka einen Meter breiten und 10–20 cm starken Lagen gelegt und durch einen geschraubten oder gebundenen Draht auf die Lage gedrückt. Mit dem Klopfbrett werden die Lagen hochgeklopft und in Form gebracht. Dies wird Lage für Lage bis zum Erreichen des Dachfirsts fortgeführt, durch das Überdecken der einzelnen Lagen liegt die Bindung in der Mitte der Deckschicht. Das genähte Reetdach kommt ohne Haltedraht aus und ist aufwändiger zu verarbeiten.

Lebensdauer[Bearbeiten]

grün (links): stark bemoostes Reet
dunkelbraun (Gaube): gealtertes Reet
blaßbraun: gekämmtes Reet
braungelb: Ausbesserung mit neuem Reet

Ein Reetdach hält im Durchschnitt 30 bis 50 Jahre, es sind aber auch Dächer dokumentiert, die über 100 Jahre alt wurden. Die Lebensdauer eines Reetdaches ist von unterschiedlichen Kriterien abhängig:

  • Form und Ausführungsdetails (zum Beispiel Dachneigung, Anzahl der Gauben, Halmneigung)
  • Belüftung des Reetdaches (Lüftungsgewohnheiten der Bewohner)
  • Konstruktion des Daches (traditionell hinterlüftet oder nicht hinterlüftet)
  • Qualität des verwendeten Dachreets (Einbaufeuchte)
  • Lage des Reetdaches (Lage des Reetdaches im Gelände, in der Region)
  • Pflege und Wartung des Reetdaches (regelmäßige Pflege und Reparatur z. B. durch sog. Kämmen)

Besiedlungszyklus[Bearbeiten]

Das Schilfrohr Phragmites australis beherbergt zahlreiche andere Arten.[3] Mit fortschreitender Lebensdauer des Daches wechselt die Besiedelung. Die folgenden Stufen zeigen den typischen Bewuchs. Diese Wuchsfolge kann durch Witterungseinflüsse und Wartungsarbeiten gestört werden. Die Zusammensetzung der Arten unterscheidet sich regional und ist auch an einem einzigen Dach abhängig von der Himmelsrichtung und Beschattung.

  • Während der ersten Jahre: Beginn der Besiedelung mit Luftalgen, Grünalgen, Kieselalgen und Krustenflechten.
  • Ab dem 6. Jahr: Weitere Besiedelung mit Blattflechten und Krustenflechten .
  • Ab dem 10. Jahr: Nun folgt das Gabelzahnperlmoos Dicranoweisia cirrata.
  • Ab dem 15. Jahr: Auf den bestehenden Moospolstern siedeln sich verschiedene epigäische Moosarten an, je nach der lokalen Feuchtigkeit
  • Ab dem 20. Jahr beginnen Blütenpflanzen (Kraut- und Straucharten) die Moose abzulösen.

Metalle[Bearbeiten]

Unter den Fachleuten herrscht derzeit eine rege Diskussion darüber, ob Kupferprodukte, zum Beispiel Bindedrahte aus Kupfer oder quaternäre Ammoniumverbindungen zur Pflege eines Reetdaches eingesetzt werden können, um die Haltbarkeit und somit die Lebensdauer eines Reetdaches zu verlängern.

Kupfer in der Firstregion wird nachgesagt, dass die durch den Regen freigesetzten Ionen den Moos- und Flechtenbewuchs auf der Dachfläche reduzieren. Andererseits hat das Reet einen Einfluss auf Metalle. Wenn z. B. im Eingangsbereich eine Regenrinne konstruiert wird, sollte sie aus einem säurebeständigen Material bestehen. Zink wird in wenigen Jahren zerfressen. Aluminium und Kupfer haben sich eher bewährt.

Reetproblematik heute[Bearbeiten]

Gegenwärtig wird Reet nach Deutschland auch importiert, weil die Nachfrage über dem inländischen Angebot liegt. Heute wird etwa die Hälfte des Reets aus Rumänien importiert, ferner aus der Ukraine und Ungarn; etwa zehn Prozent stammen aus der Türkei und China (mit anderen Erntezeiten verbunden).[4] In diesem Zusammenhang wurden Befürchtungen laut, durch den Import könnten Schädlinge eingeschleppt werden, die keine natürlichen Feinde haben und die Haltbarkeit bzw. Lebensdauer der Dachdeckung reduzieren würden.

Viel Aufmerksamkeit gewannen Berichte über geheimnisvolle Pilzarten,[5] die in den Medien zu „Killer-Pilzen“ stilisiert wurden.[6][7] Solche neuartigen Pilze, angeblich eingeschleppt durch Importe aus Südosteuropa, und ihre Wirkung wurden jedoch durch keine Untersuchungen nachgewiesen, und einigen Hinweisen zufolge sei die Quelle einiger dieser Theorien der Hersteller eines angeblichen Mittels gegen die Pilze.[5]

Forschungen an der Universität Greifswald und anderen beteiligten Universitäten in Norddeutschland konnten keinen Beleg für einen solchen Pilz oder Schädling finden. Die Forschungen ergaben, dass lediglich Lignin (Holz) abbauende Pilze (Weißfäulepilze) für die vorzeitige Alterung von Reetdächern verantwortlich sein können, falls ihnen durch Dauerfeuchte ein entsprechendes Milieu geboten wird.[8] Dieses Milieu wird jedoch erst durch bauphysikalische Fehler geschaffen.

Die niederländische Innung Vakfederatie Rietdekkers vermutet ähnlich,[4] die Ursache für das Verfaulen vieler Reetdächer liege eher in der Nichteinhaltung der Grundprinzipien des Dachaufbaus (zum Beispiel die Dachneigung) und in der Verwendung von minderwertigem Reet, was zu erhöhter Feuchtigkeit führt; das minderwertige Reet kommt allerdings nicht unbedingt aus Südosteuropa allein nach Deutschland – auch Reetreste, die in den Niederlanden mangels Qualität keine Verwendung finden, werden nach Deutschland importiert.[4]

Brandgefahr[Bearbeiten]

Überreste eines abgebrannten Reetdachhauses

Reetdächer sind, vor allem im Hochsommer, feuergefährdet, wenn sie von der Sonnenbestrahlung ausgetrocknet sind. Aber auch das Silvesterfeuerwerk stellt eine Gefahr dar, so dass auf den nordfriesischen Inseln das Abbrennen von Feuerwerkskörpern grundsätzlich verboten wurde. Ein Brand breitet sich in der Regel binnen einer halben Stunde großflächig aus; die geschnürten Reetbündel lösen sich und rutschen brennend von der Dachfläche, so dass es schwierig sein kann, aus dem Gebäude zu entkommen. Die Feuerwehren raten zumeist dazu, bei einem Brand das Gebäude sofort zu verlassen. Diese Problematik ist seit Jahrhunderten bekannt, so dass sich ab dem späten 18. Jahrhundert, örtlich auch früher, sogenannte Brandtüren verbreitet haben (siehe auch Foto „Uthlandfriesisches Haus“) Diese befinden sich an den Längsseiten des Hauses und verfügen über einen eigenen Spitzgiebel, so dass sie beim Verlassen des Gebäudes vor den brennenden Reetbündeln schützen. Aufgrund der gegenüber einem Hartdach erheblich höheren Brandgefahr sind die Prämien für Feuerversicherungen bei traditionell reetgedeckten Häusern höher. Ein öffentlicher Realbrandversuch an der FH Lübeck hat gezeigt, dass die aktuelle Bindetechnik mit geschraubten V2A-Drähten und ohne Hinterlüftung auf einem Massivholzdach (Regionalhaus Lübecker Bucht (R)) zu einem Abbrand auf der Dachfläche führte. Das Reet rutscht nicht herab. Die LBO-SH § 34 wurde daraufhin 2009 entsprechend geändert.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Brigitta Seidel: Unterm Reetdach. Husum, 2007, ISBN 978-3-89876-327-1.
  • Walter Schattke: Das Reetdach. Hinweise für richtige Bauausführung und zweckmäßige Behandlung der Weichbedachung. Verlag Schleswiger Druck- und Verlagshaus, 1981, ISBN 3-88242-060-X.
  • Walter Schattke: Das Reetdach. Natürliches Wohnen unter sanftem Dach - von der Urzeit bis heute. Verlag Christians, Hamburg 1996, ISBN 3-7672-1140-8.
  • Mila Schrader: Reet & Stroh als historisches Baumaterial. Edition Anderweit, 1998, ISBN 3-931824-09-8.
  • Bernd Grützmacher: Reet- und Strohdächer. Alte Techniken wiederbelebt. Verlag Callwey, München 1981, ISBN 3-7667-0554-7.
  • Rinus Spruit: Der Strom, der uns trägt. Eine Familiengeschichte. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. dtv, München 2011, ISBN 978-3-423-24864-8. (nl. Original: De rietdekker. Een familiegeschiedenis. Amsterdam 2009; Lebensgeschichte eines alten Reetdachdeckers aus der niederländischen Provinz Seeland)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Reetdächer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Neue Dächer - Altes Handwerk. Bundesamt für Naturschutz, 2005, abgerufen am 29. Oktober 2011.
  2. Siehe auch die Seiten der Reetdachdeckerinnung Reetdachdeckung.de
  3. Lebensgemeinschaften auf Reetdächern. In: Berndt Heydemann: Neuer biologischer Atlas. Ökologie für Schleswig-Holstein und Hamburg. Verlag Wachholtz, Neumünster 1997, ISBN 3-529-05404-6.
  4. a b c Dirk Asendorpf: Oben modert's. Die Zeit, 2. August 2007, abgerufen am 29. Oktober 2011.
  5. a b Reetdach–Fehlinformationen. 12. Januar 2010, abgerufen am 29. Oktober 2011.
  6. Aggressiver Pilz lässt Dächer verrotten. Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2009, abgerufen am 29. Oktober 2011.
  7. Killer-Pilz lässt die Reetdächer verrotten. Stader Tageblatt, 18. Januar 2007, abgerufen am 29. Oktober 2011.
  8. Frieder Schauer: Warum verrotten Reetdächer vorzeitig? Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 21. Dezember 2010, abgerufen am 29. Oktober 2011.