Alexander Michailowitsch Gortschakow

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Alexander Gortschakow

Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakow (russisch Александр Михайлович Горчаков; * 4. Junijul./ 15. Juni 1798greg. in Haapsalu; † 11. März 1883 in Baden-Baden) war russischer Diplomat, Außenminister und Kanzler.

Leben[Bearbeiten]

Jugend[Bearbeiten]

Alexander Michailowitsch Gortschakow entstammte einer alten russischen Adelsfamilie, die ihre Ursprünge auf die Rurikiden zurückführte. Er war der Vetter von Feldmarschall Michail Gortschakow. Geboren in Haapsalu, Estland, ging er im Lyzeum von Zarskoje Selo in der Nähe von Sankt Petersburg zur Schule. Einer seiner Mitschüler war der Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin. Nach der Schule trat er in den Auswärtigen Dienst ein.

Diplomat[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus, Unter den Linden 63, in Berlin-Mitte

Seine erste Station als Diplomat war Stuttgart. Er nahm an den Kongressen von Laibach und Verona teil.

Während der Revolutionen von 1848 soll er eine Rolle bei der Abdankung des Kaisers Ferdinand I. zugunsten von Franz Josef I. gespielt haben.

1850 lernte er als russischer Gesandter beim Deutschen Bund in Frankfurt den jungen Otto von Bismarck kennen, der dort in gleicher Funktion Preußen vertrat. Die beiden wurden Freunde (Bismarck war 1859 bis 1862 Gesandter in Sankt Petersburg), galten aber ab den 1870er Jahren als außenpolitische Rivalen. Bismarck hatte sich mehrfach negativ über seine Charaktereigenschaften ausgesprochen.

Nach der Frankfurter Zeit ernannte ihn Zar Nikolaus I. – unzufrieden mit dem bisherigen Botschafter Baron Meyendorff – 1855 zum Gesandten in Wien. Im Vorfeld des Krimkrieges warnte er, dass sich Großbritannien und Frankreich den russischen Ambitionen entgegenstellen würden. Die Haltung der Österreicher während des Krimkrieges gilt als Ursache dafür, dass er und der Zar Österreich-Ungarn später oft ablehnend gegenüberstanden. Er nahm an den Verhandlungen zum Pariser Frieden vom 20. März 1856 über die Beendigung des Krimkrieges aktiven Anteil, lehnte es aber ab, an der Unterzeichnung des Vertrages teilzunehmen. Am 8. Februar 1863 unterzeichneten er und der preußische Generaladjutant Gustav von Alvensleben für ihre beiden Staaten in Sankt Petersburg die Alvenslebensche Konvention.

Staatsmann[Bearbeiten]

Zar Alexander II ernannte ihn 1856 als Nachfolger von Karl Robert von Nesselrode zum Außenminister (bis 1882). Im Juli 1863 wurde er zusätzlich Kanzler.

In den Deutschen Einigungskriegen verhielt sich Russland unter seiner Führung neutral.

Während des Dreikaisertreffens zwischen dem deutschen Kaiser Wilhelm I., Kaiser Franz-Josef I. von Österreich-Ungarn und dem Zaren Alexander II. in Berlin vom 9. bis 11. September 1872 verhandelte Gortschakow mit Bismarck und Graf Andrássy über eine engere Zusammenarbeit zwischen den drei Kaiserreichen. Die Verhandlungen führten zum Dreikaiserabkommen von 1873.

1875 schaltete sich Gortschakow in die Krieg-in-Sicht-Krise zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich ein.

Der erneute Russisch-Osmanischer Krieg (1877–1878) (Balkankrise) endete für Gortschakow enttäuschend. Durch den Berliner Kongress 1878 konnte ein Krieg zwischen den Großmächten verhindert werden. Russland musste seine Ansprüche auf Landgewinne und Einfluss auf dem Balkan und in Anatolien aber reduzieren. Insbesondere konnte Gortschakow das im Frieden von San Stefano vorgesehene Großbulgarien nicht durchsetzen.

Er bezeichnete den Kongress später als die größte Niederlage seiner Laufbahn.

In Zentralasien führt das stetige Vordringen Russlands in Richtung Indien zu Spannungen mit Großbritannien, das seine Interessen in Britisch-Indien (Great Game) bedroht sah. Dieser Teil russischer Außenpolitik entzog sich aber weitgehend Gortschakows Kontrolle, da für Zentral- und Ostasien ein eigenes Asienministerium bzw. die russische Armee zuständig waren. Er erklärte aber die Notwendigkeit, Russlands Südgrenze mit Gewalt zu befrieden.

Der „Ohrfeigenbrief“ und seine Folgen[Bearbeiten]

Gortschakow-Denkmal in Sankt Petersburg

Zu einer ernsten Verstimmung im Deutsch-Russischen Verhältnis führte der sogenannte Ohrfeigenbrief von Zar Alexander II. an seinen Onkel, den deutschen Kaiser Wilhelm I. Der Zar beschuldigte den deutschen Reichskanzler Bismarck darin indirekt, wegen persönlicher Differenzen mit Fürst Gortschakow die Deutsch-Russischen Beziehungen zu gefährden. Bismarck hatte bemerkt: Gortschakow ist eine Kalamität für Russland und für dessen Freunde; der beste Wille der letzteren reicht nicht hin, um die Folgen seiner Torheiten gut zu machen.[1]

Ein Treffen des Kaisers mit dem Zaren im September 1879 entspannte die Situation. Der Zar soll den fordernden Ton seines Briefes bedauert haben.[2]

Wie der Krimkrieg zur Zeit seines Vorgängers Karl Robert von Nesselrode das enge Einvernehmen mit Österreich-Ungarn beendete, führte der „Ohrfeigenbrief“ nach dem Berliner Kongress zu einer deutlichen Abkühlung der Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Russland. Sowohl Nesselrode als auch Gortschakow hatten von ihren Verbündeten als Dank für in der Vergangenheit geleistete Gefälligkeiten vergeblich Rückendeckung – zumindest wohlwollende Neutralität – hinsichtlich Russlands Ambitionen gegenüber dem osmanischen Reich erwartet. In der Folge betrieb Gortschakow eine Annäherung zwischen Russland und Frankreich, die unter seinen Nachfolgern zu einem Bündnis führte.

Die letzten Jahre[Bearbeiten]

Gortschakow blieb noch bis 1882 Außenminister, verbrachte aber die letzten Jahre meist im Ausland. Sein Nachfolger wurde Nikolai Karlowitsch de Giers, der mit einer seiner Nichten verheiratet war.

Trivia[Bearbeiten]

  • In Berlin erinnert seit dem 10. November 1998 eine Gedenktafel an der dortigen russischen Botschaft an ihn.
  • Sein Mitschüler, der Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin, hat ein Portrait von ihm gezeichnet und ihn in einem seiner frühen Gedichte als Glückskind bezeichnet und ihm eine erfolgreiche Laufbahn vorausgesagt.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alexander Michailowitsch Gortschakow – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Randbemerkung Bismarcks in einem Privatbrief des Gesandten Radowitz vom 8. August 1878, in:Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. Hrsg. im Auftrag des Auswärtigen Amtes von J. Lepsius u. a., 3. Band, Berlin 1926, S. 6.
  2. Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. Hrsg. im Auftrag des Auswärtigen Amtes von J. Lepsius u. a., 3. Band, Berlin 1926, S. 36 ff.


Vorgänger Amt Nachfolger
vakant
(Peter von Oubril bis 1847)
Russischer Gesandter beim Deutschen Bund
1850-1855
Philipp von Brunnow
Pjotr Kasimirowitsch Meyendorff Russischer Gesandter in Österreich
1855-1856
vakant
(Ab 1860 Viktor Petrowitsch Balabin)
Ioannis Kapodistrias Außenminister des Russischen Reiches
1856–1882
Nikolai Karlowitsch de Giers
? Kanzler des Russischen Reiches
1863–1882
?