Reinhard Opitz

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Reinhard Opitz (* 2. Juli 1934 in Beuthen; † 3. April 1986 in Köln) war ein deutscher Journalist, Privatgelehrter und Sozialwissenschaftler.

Leben, Wirken[Bearbeiten]

Reinhard Opitz besuchte in Halle und Leipzig ein humanistisches Gymnasium. 1951 verließ er mit seiner Familie die DDR. Er studierte zunächst Germanistik und Philosophie an der Freien Universität (FU) in Westberlin und wechselte 1955 nach Tübingen. Dort trat er dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei. Opitz gründete 1956 eine Studentische Aktion gegen die Wiederbewaffnung und erhielt aufgrund eines Flugblattes dieser Vereinigung eine universitäre Disziplinarstrafe. Er wechselte 1956 zurück an die Freie Universität in Berlin. Dort engagierte er sich in der Redaktion des Studenten-Kurier aus dem 1957 die Zeitschrift Konkret entstand. Opitz wurde deren Westberliner Redakteur. 1959 wurde er zusammen mit einer Konkret-Gruppe aus dem SDS ausgeschlossen.

Ab 1960 engagierte sich Opitz in der Deutschen Friedens-Union (DFU) und war in Köln von 1960 bis 1965 ihr Pressereferent. Ab 1965 arbeitete er zunächst als freier, ab 1974 als fest angestellter Lektor im Pahl-Rugenstein Verlag. Opitz war Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik.

Reinhard Opitz war ein deutscher Linksintellektueller, der von Mitte der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre vielbeachtet im damaligen links-publizistischen Milieu, zahlreiche zeitkritische Beiträge veröffentlichte, vor allem zur Rolle des Faschismus in Deutschland und zum Gesellschaftskonzept der „Formierten Gesellschaft“.

Opitz wurde 1973 als „Externer“ am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften (FB 03) der Universität Marburg (Gutachter Hans Heinz Holz) mit einer politikhistorischen Studie über den deutschen Sozialliberalismus während der Weimarer Republik zum Dr. phil. promoviert. Später publizierte er grundlegende politikgeschichtliche Arbeiten, wie zum Beispiel die Edition „Europastrategien des deutschen Kapitals“ (1977) und „Faschismus und Neofaschismus“ (1984). Von 1984 bis zu seinem Tod wirkte er als Dozent in den Fachbereichen Politik, Geschichte und Gesellschaftslehre an der „Kölner Schule Institut für Publizistik e. V.“ (heute „Kölner Journalistenschule“).

Über zahlreiche zeitgebunden-ideologiekritische Arbeiten hinaus war Opitz auch als öffentlicher Redner und Referent zwanzig Jahre lang aktiv.

Wirkung[Bearbeiten]

Im politikwissenschaftlich-zeitgeschichtlichen Mainstream genießt Reinhard Opitz als Wissenschaftler und Publizist posthum bleibende Anerkennung (nicht zu verwechseln mit Zustimmung).

Sein Name fällt bei der Behandlung der Geschichte des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland als der des bedeutendsten Kritikers des Erhardschen Antipluralismus, der Formierten Gesellschaft, p.e. mit einem Kernsatz zitiert – zwar in halber Distanzierung von der Position, die übers Ziel hinausschieße, doch uneingeschränkt als Zeichen dafür, dass die Zeit in Bewegung kam, also als Intellektuellen in Habermas‘schem Sinne.[1]

Seine Dissertation von 1973 bei Hans Heinz Holz über "Ideologie und Praxis des deutschen Sozialliberalismus 1917-1933", im selben Jahr im Kölner Pahl-Rugenstein Verlag veröffentlicht, sichert ihm einen Platz in der politikwissenschaftlichen Liberalismusdiskussion.[2]

Auch in der politikwissenschaftlichen Faschismusdiskussion sind seine Veröffentlichungen präsent: Im Literaturanhang zum Artikel Faschismus/ Faschismustheorie von Günter Rieger für den Band 7 des Nohlenschen Lexikons der Politik: Politische Begriffe, hrsg. von Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze und Suzanne S. Schüttemeyer. München ( Beck) 1998, ist Reinhard Opitz mit „Faschismus und Neofaschismus“ von 1996 einer von sechs (1/6) erwähnten Autoren, neben T.W. Adorno 1973: Studien zum autoritären Charakter, Ffm. (engl. zuerst 1950), W. Laqueur 1997: Faschismus: gestern – heute – morgen, Bln., E. Nolte 1963: Der Faschismus in seiner Epoche, Köln, R. Saage 41997: Faschismustheorien, Baden-Baden (zuerst: 1976) und Wippermann, W. 71997: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmst. (zuerst: 1972). In Riegers gleichnamigem Beitrag zu Nohlen/ Grotz (eds.) Kleines Lexikon der Politik, München (Beck) 2007, ist Opitz nach Aktualisierung und Hinzufügung von A. Bauerkämper 2006: Der Faschismus in Europa 1918-1945, Stg., S. Breuer 2005: Nationalismus und Faschismus, Darmstadt und R. Kühnl 2006: Faschismustheorien, Heilbronn, einer aus neun (1/9). Vergleiche ebenso die erweiterte Ausgabe desselben Lexikons 2011.

Bauerkämper 2006 nennt ihn zusammen mit Reinhard Kühnl als Vertreter der marxistischen Faschismustheorie (S 24; Register), und in Reinhard Kühnl 2006, der den Beiträgen von Reinhard Opitz zur Faschismustheorie von Beginn an große Aufmerksamkeit gewidmet hat, findet sich 1990/ 2006 die Darstellung des Opitzschen Ansatzes unter dem Rubrum "Faschismus als Diktatur des Monopolkapitals", deren Kenntnis bei jeder Äußerung zu Opitz' Theorie als Minimalvoraussetzung gelten muß.

Publikationen[Bearbeiten]

  • Der große Plan der CDU: Die „Formierte Gesellschaft“, in: „Blätter für deutsche und internationale Politik“, Jg. 9, 1965; Sonderdruck „Argumente zur Zeit“ 17, 5. Auflage.
  • Grundfragen oppositioneller Alternative und Strategie, in: „Alternativen der Opposition“, hgg. von Friedrich Hitzer und Reinhard Opitz, Pahl-Rugenstein, Köln 1969, S. 395-406
  • Thesen über den Faschismusbegriff, in: „Neofaschismus in der BRD. Analysen - Argumente - Dokumentationen“, Röderberg, Frankfurt am Main 1971, S. 25-28
  • Wie bekämpft man den Faschismus? In: „Faschismus. Entstehung und Verhinderung. Materialien zur Faschismus-Diskussion“, Röderberg, Frankfurt am Main 1972, S. 46-64
  • Der deutsche Sozialliberalismus 1917-1933, Pahl-Rugenstein, Köln 1973
  • Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus, in: „Das Argument“, H. 87, 1974, S. 543-603
  • (Mitautor): Antifaschistische Politik heute. Faschismus und Militarismus/Erfahrungen und Lehren, in: „Antifaschistische Politik heute [...]“, Röderberg, Frankfurt am Main 1975
  • (Hg.) Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945, Pahl-Rugenstein, Köln 1977
  • Zur Entwicklungsgeschichte der Totalitarismustheorie, in: Frank Deppe u. a., „Marxismus und Arbeiterbewegung. Josef Schleifstein zum 65. Geburtstag“, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1980, S. 106-122
  • Die Faschismus-Definition Dimitroffs und ihre Bedeutung für die aktuelle Faschismus-Diskussion, in: „Reden und Beiträge. Internationales Kolloquium der Marx-Engels-Stiftung [...] aus Anlaß des 100. Geburtstages Georgi Dimitroffs“, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1982, S. 116-125
  • Faschismus und Neofaschismus, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984 + Akademie-Verlag, [Ost-]Berlin 1984
  • Faschismus und Neofaschismus, 2 Bde., 1: Der deutsche Faschismus bis 1945, 2: Neofaschismus in der Bundesrepublik, Pahl-Rugenstein, Köln 1988
  • Juden raus – Türken raus – Demokratie raus. Zur Geschichte und Aktualität reaktionärer und faschistischer Strategien, [Dokument] in: „1999 – Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts“, Jg. 1, 1989, S. 84-100
  • Bitburg 1985 und der 8. Mai 1945, in: „Z - Zeitschrift Marxistische Erneuerung“, H. 122, 1995, S. 9-18
  • Ilina Fach/Rainer Rilling (Hgg.): Liberalismus - Faschismus - Integration, 3 Bde., I: Liberalismus*Integration, II: Faschismus, III: Die ´Röhm-Affäre, BdWi-Verlag, Marburg [Dezember] 1999

Über Reinhard Opitz[Bearbeiten]

„[...] Marxistischer Politikwissenschaftler, Faschismustheoretiker, politischer Polemiker und Musik- und Kunstliebhaber mit enzyklopädischen Interessen. Für die Stationen seines politischen Lebens standen [...] VVN, konkret, SDS, DFU oder BdWi. Er publizierte in Zeitschriften und Verlagen wie Röderberg und Pahl-Rugenstein, im Argument, dem Forum Wissenschaft, der DVZ/die tat, den Marxistischen Blättern und den Blättern für deutsche und internationale Politik, deren langjähriger Herausgeber er war [...] Einer der bedeutendsten marxistischen Publizisten der Bundesrepublik und vielleicht der scharfsinnigste Faschismustheoretiker der deutschen Linken.“

UTOPIE kreativ[3]

„Arbeitslos, ausserhalb der etablierten Wissenschaftsinstitutionen und in tradierten politischen Apparaten der bundesdeutschen Linken marginalisiert, arbeitete Opitz bis zu seinem Tod [...] in seiner Kölner Wohnung bis zuletzt wissenschaftlich weiter, insbesondere an seinem 1984 erschienenen Buch zum ´Neofaschismus´, das als sein Hauptwerk gelten kann.“

Fach/Rilling [Hg.][4]

„Vermissen werden wir seine nicht enden wollenden Sätze, die ständige Spannung, ob er nicht doch noch seine wildbewegte Brille in hohem Bogen in die Zuhörerschaft schleudert, die Freude über seine wache, an allem interessierte Art des radikalen Denkens, seine unbeirrte politische Standfestigkeit. [...] Dennoch hatten die Schärfe und Unerbittlichkeit seines wissenschaftlichen Denkens ihren Preis: eine selbstironisch, oft spitzbübisch aufgefangene, zuweilen geradezu ins Asoziale umkippende Skurrilität des Auftretens und Verhaltens, die sich vermittelte über die verblüffende Ernsthaftigkeit, mit der alles und jedes gründlichster intellektueller Begutachtung unterworfen wurde.“

Rainer Rilling (nachruf)[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Albrecht, Reinhard Opitz’ These der Bewußtseinsfalsifikation. 30 Jahre später, in: Topos – Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, H. 24, 2005, S. 124-146;[6]
  • Richard Albrecht, Sozialwissenschaft ist nicht so schön wie Kunst. Macht aber genauso viel Arbeit, in: „SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert“, Aachen 2008, S. 5-18[7]
  • Richard Albrecht, Von der Geschichte des deutschen Sozialliberalismus zur genetischen Faschismustheorie. Reinhard Opitz´ These der Bewußtseinsfalsifikation. In: Hintergrund, 25 (2013) II, S. 13-31; kostenfreie online-Version [8]
  • Phillip Becher und Jürgen Lloyd, Der übersehene Klassiker. Vor 30 Jahren erschien die Studie »Faschismus und Neofaschismus« des Sozialwissenschaftlers Reinhard Opitz. In: junge Welt, 12. April 2014, S. 10
  • Georg Biemann, Kinderbilder für einen Weggefährten. Zur Biographie des Publizisten und Politikwissenschaftlers Reinhard Opitz, in: Forum Wissenschaft, H. 1, 1998, S. 50-54[9]
  • Ilina Fach / Rainer Rilling (Hgg.), Vorwort zu: "Liberalismus * Faschismus * Integration. Edition in drei Bänden" [...], 1999, hier: Band 1, 1999, S. 11-18[10]
  • Jean Kremet, Zwischen Treue und Erkenntnis. Von einem, der sich nicht vereinnahmen lassen wollte [...], in: Jungle World, 29. März 2000[11]
  • Marxistische Blätter Heft 1-2012, 50. Jg., mit dem Schwerpunktthema "Strategien des deutschen Kapitals. Zur Erinnerung an Reinhard Opitz"[12]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In Edgar Wolfrums halboffizieller "Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart: Die geglückte Demokratie", Stg. 2006/ Bonn 2007, S. 218f., mit Quellenverweis und Aufnahme ins Literaturverzeichnis: Blätter für deutsche und internationale Politik.
  2. vgl. die qualifizierte Erwähnung in den Artikeln Liberalismus, in: Nohlen/ Grotz (eds.) Kleines Lexikon der Politik, München (Beck) 2007, S. 304, und in Dieter Nohlen (ed.), Lexikon der Politik. Sieben Bände, München (Beck) 1992-1997, Band 1: Politische Theorie, hrsg. von Dieter Nohlen und Rainer-Olaf Schultze, 302 und 305/ Literaturverzeichnis, beide verfasst von Theo Schiller
  3. UTOPIE kreativ, H. 118, 2000: 805
  4. Fach/Rilling [Hg.], Vorwort zur Edition in drei Bänden [1999], hier Band 1: 12 f.
  5. Rainer Rilling, Ein waches, radikales Denken. Reinhard Opitz ist tot, in: „Deutsche Volkszeitung/die tat“, Nr. 15, 11. April 1986, S. 3
  6. erweiterte, kostenlose Netzfassung (2004)
  7. Shaker Verlag
  8. http://soziologisch.files.wordpress.com/2014/02/richard-albrecht-reinhard-opitz-sozialliberalismus-faschismus-2013.pdf
  9. Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler / BdWi
  10. BdWi
  11. jungle-world.com
  12. Neue Impulse Verlag