Sozialistischer Deutscher Studentenbund

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) war ein politischer Studentenverband in Westdeutschland und West-Berlin, der von 1946 bis 1970 bestand. Anfangs der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) nahestehend, wurde er nach der erzwungenen Trennung von der Mutterpartei zum Sammelbecken der Neuen Linken und spielte eine bedeutende Rolle in der Studentenbewegung der 1960er Jahre.

Geschichte[Bearbeiten]

(Bundes-)Vorsitzende des SDS[1]
Name Amtszeit
von bis
Heinz-Joachim Heydorn / Alfred Hooge* 1946 1947
Helmut Schmidt / Karl Wittrock 1947 1948
John van Nes Ziegler / Rolf Recknagel 1948 1949
John van Nes Ziegler 1949 1951
Günther Bantzer 1951 1952
Ulrich Lohmar 1952 1955
Otto Fichtner 1955 1956
Johannes Reinhold 1956 1957
Wolfgang Büsch 1957 1958
Oswald Hüller 1958 1959
Günter Kallauch 1959 1960
Michael Schumann 1960 1961
Eberhard Dähne 1961 1962
Dieter Sterzel 1962 1963
Manfred Liebel 1963 1964
Helmut Schauer 1964 1966
Reimut Reiche 1966 1967
Karl-Dietrich Wolff 1967 1968**
* 1946 bis 1949 je ein Vorsitzender für die brit. und US-Besatzungszone
** 1968 bis 1970 nur kommissarische Vorstände ohne Vorsitzenden

Der SDS wurde am 2. September 1946 in Hamburg als formell unabhängiger, gleichwohl der SPD nahestehender Studentenverband gegründet. Die Nähe zur Partei nahm in den ersten Jahren noch zu, als auf Druck der Parteiführung unter Kurt Schumacher zahlreiche Kommunisten aus dem Verband ausgeschlossen wurden. Da in den Nachkriegsjahren zudem viele ehemalige Soldaten und Offiziere im SDS aktiv waren, hatte er in Teilen der „Facharbeiter-SPD“ alsbald den Ruf eines „linken Offiziersklubs“.

Der SDS widmete sich Anfang der 1950er Jahre an den Universitäten zunächst dem Kampf gegen das Wiedererstehen der Studentenverbindungen. 1954 erreichte der SDS, dass die SPD auf Betreiben von Erich Ollenhauer[2] einen Unvereinbarkeitsbeschluss auf dem Parteitag vom 4. Mai 1954[3] in Berlin fasste, der aber nach Gesprächen mit den studentischen Verbänden in den 1960er Jahren wieder aufgegeben wurde, als sich die SPD im Rahmen ihres Godesberger Programms mehr der politischen Mitte öffnete.

Ab Mitte der 1950er Jahre traten zunehmend Spannungen zwischen SDS und SPD auf, die sich an der Frage der Wiederbewaffnung, der Anti-Atomtod-Bewegung sowie vor allem am Godesberger Programm der SPD entzündeten. Eine aus Mitarbeitern der Zeitschrift konkret bestehende Fraktion um die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und den Bundesvorsitzenden Oswald Hüller versuchte, den SDS durch Kritik an der Aufrüstungspolitik des Westens auf eine DDR-freundliche Linie zu bringen. Am 3. Juni 1959 wurde Hüller vom SDS-Bundesvorstand abgesetzt und ein Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber Mitarbeitern der Zeitschrift konkret gefasst. Diese wurden vom neuen Bundesvorstand (Günter Kallauch, Jürgen Seifert) rigoros aus dem SDS ausgeschlossen, die konkret-Fraktion dadurch entmachtet.

Dennoch fasste die SPD-Führung schließlich 1961 einen Unvereinbarkeitsbeschluss, der SDS-Mitglieder und -Sympathisanten aus der Partei ausschloss. Bereits im Jahr zuvor hatte sich der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) als parteitreue Abspaltung gebildet, der sich jedoch später im Zuge der Studentenbewegung ebenfalls radikalisierte (siehe dort).

Der SDS wurde nach der unfreiwilligen Trennung von der Mutterpartei in den sechziger Jahren zunehmend zum Sammelbecken der Neuen Linken. 1964 schloss der SDS-Bundesvorstand mit anderen linksgerichteten Studentenverbänden das Höchster Abkommen zur gegenseitigen Unterstützung bei AStA-Wahlen sowie im Dachverband VDS.

Anfang 1965 traten Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann und Bernd Rabehl aus dem Umkreis der späteren Kommune I in den Berliner SDS ein und gewannen dort alsbald erheblichen Einfluss, vor allem in „Projektgruppen“ über sozialistischen Internationalismus und die Dritte Welt. Bereits am 28. Februar 1965 wurde Rudi Dutschke in den Politischen Beirat des Berliner SDS gewählt.

Unter ihrer Führung wandelte sich ein Großteil des SDS zu einer in ihrem Selbstverständnis antiautoritären, undogmatisch-linken Organisation mit teilweise anarchistischen Zügen. Ihr Verhältnis zu den sozialistischen Staaten Osteuropas war uneinheitlich. Dem Bericht eines Stasi-Spitzels im SDS zufolge soll Dutschke etwa vom „Scheiß-Sozialismus“ der DDR gesprochen haben. Gleichzeitig blieb ein orthodoxer Flügel, der weiterhin für enge Zusammenarbeit mit Ost-Berlin eintrat, erhalten; gegen die antiautoritäre Fraktion konnte er sich jedoch nicht durchsetzen. Deshalb wurde im November 1966 unter anderem von Horst Mahler, Walter Barthel, Klaus Meschkat, Johannes Agnoli und Carl Guggomos die aus DDR-nahen Linken bestehende „November-Gesellschaft“ gegründet, aus der 1967 die „Republikanischen Clubs“ hervorgingen.[4]

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurde der SDS als strategisch planende und taktisch operierende Kerntruppe der Außerparlamentarischen Opposition (APO)[5] gegen die Notstandsgesetze wahrgenommen. Mitte 1967 hatte der SDS nach eigenen Angaben 1600–1800 Mitglieder, davon rund 300 in Berlin, 200 in Frankfurt und 200 in Marburg.[6] Er war unter anderem an der Organisation der Anti-Schah-Demonstration beteiligt, bei der am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten, der auch IM der Stasi war, erschossen wurde, was in der Folge bundesweite Studentenproteste auslöste. Auf deren Höhepunkt 1968 hatte der SDS mit bundesweit rund 2.500 Mitgliedern seine Hochphase, jedoch wurde er zunehmend von inneren Richtungskämpfen zerrissen.

Die örtlichen Zentren der marxistischen Traditionalisten waren in Köln, Marburg und München. An der Kölner Universität waren unter den SDS-Mitgliedern die Juristen stark vertreten, in München gab es eine starke Gruppe an der Kunstakademie. Die Mitgliederzahl in Berlin betrug 1968 etwa 500, in Frankfurt 400. In diesen beiden Städten konzentrierte sich die antiautoritäre Fraktion des SDS, die von den Traditionalisten als „Anarcho-Syndikalisten“ und „kleinbürgerliche Abweichler“ beschimpft wurde. Ende 1969 schlossen sich einige SDS-Gruppen des orthodoxen Flügels zur Assoziation Marxistischer Studenten zusammen, aus der später der Marxistische Studentenbund Spartakus hervorging. Andere SDSler vornehmlich aus dem vormals antiautoritären Flügel schlossen sich später den entstehenden K-Gruppen an oder engagierten sich in den verschiedensten neuen sozialen Bewegungen.

Am 21. März 1970 wurde der SDS-Bundesverband schließlich auf einer „mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte(n) Versammlung im Frankfurter Studentenhaus“ per Akklamation aufgelöst. Nur vereinzelt arbeiteten danach noch örtliche SDS-Gruppen weiter, so zum Beispiel in Heidelberg bis zum Verbot der dortigen Gruppe am 24. Juni 1970, oder in Köln, wo noch im Sommersemester 1971 eine SDS-Liste zur Studentenparlamentswahl antrat.

Von 1960 bis 1970 gab der Bundesvorstand des SDS die neue kritik – Zeitschrift für sozialistische Theorie und Politik heraus. 1968 waren die Herausgeber namentlich Wolfgang Abendroth, Hans-Jürgen Krahl, Herbert Lederer, Klaus Meschkat, Oskar Negt, Bernd Rabehl, Helmut Schauer, Klaus Vack, Frank Wolff, Karl Dietrich Wolff. Sie erschien im Abstand von zwei Monaten und befasste sich vornehmlich mit sozialistischer Theorie. Ihre Artikel spiegeln die unterschiedlichen Fraktionen und Strömungen des Studentenverbandes wider.

Der im Mai 2007 gegründete Studentenverband Die Linke.SDS trägt in bewusster Anknüpfung an die 68er-Bewegung ebenfalls den Namen SDS, steht mit diesem jedoch in keiner organisatorischen Verbindung.[7]

Plakate[Bearbeiten]

Immer wieder gab es geschichtsträchtige Plakate vom SDS. Als im Frühling 1967 der Schah nach Deutschland kam, wurden in der Nacht vom 30. zum 31. Mai durch SDS-Mitglieder und der Konföderation Iranischer Studenten (CIS) in ganz Berlin Plakate geklebt. Auf dem Plakat befand sich ein Steckbrief des Schahs mit der Überschrift „Mord“.[8]

Das wohl berühmteste Plakat war eine Persiflage auf ein Plakat der Deutschen Bundesbahn (DB). Jürgen Holtfreter und Ulrich Bernhardt kreierten ein Bild mit den Köpfen von Karl Marx, Friedrich Engels und Lenin und dem Slogan „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Das Plakat bekam Kultstatus und hing schnell in vielen Studentenwohnungen und an vielen anderen Orten.

Am 10. Dezember 1966 fand eine Vietnam-Demonstration in Berlin statt. Dabei wurde ein Weihnachtsbaum, der mit einem Sternenbanner geschmückt war, sowie ein Transparent „Spießer aller Länder, vereinigt Euch!“ verbrannt.[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hochschule in der Demokratie, Hochschuldenkschrift des Sozialistischen Deutschen Studentenverbandes (SDS), Berlin 1961.
  • Tilman Fichter, Siegward Lönnendonker: Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von Helmut Schmidt bis Rudi Dutschke, 4. überarb. und erg. Aufl., Essen, Klartext-Verlag 2007 (Erstausgabe Berlin 1977, 2008 als Bd. 705 in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung übernommen).
  • Tilman Fichter, Siegward Lönnendonker: Dutschkes Deutschland: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, die nationale Frage und die DDR-Kritik von links - Eine deutschlandpolitische Streitschrift mit Dokumenten von Michael Maukebis Rudi Dutschke, Essen, Klartext-Verlag 2011.
  • Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der Neuen Linken, Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger, Bonn 1994, ISBN 3-8012-4053-3.
  • Tilman Fichter: SDS und SPD. Parteilichkeit jenseits der Partei, Opladen, Westdeutscher Verlag 1988 ISBN 3-531-11882-X.
  • Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin, Propyläen 1999 ISBN 3-549-05589-7.
  • Siegward Lönnendonker, Bernd Rabehl, Jochen Staadt: Die antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD, Bd. 1: 1960–1967, Opladen, Westdeutscher Verlag, 2002.
  • Bernd Rabehl: Feindblick. Der SDS im Fadenkreuz des „Kalten Krieges“, Berlin, Philosophischer Salon 2000 ISBN 3-9807231-0-0.
  • Uwe Rohwedder: Helmut Schmidt und der SDS. Die Anfänge des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes nach dem Zweiten Weltkrieg, Bremen, Edition Temmen 2007, ISBN 3-86108-880-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Angaben nach Willy Albrecht: Der SDS, Bonn 1994, S. 497–500, sowie Tilman Fichter/Siegward Lönnendonker: Kleine Geschichte des SDS. Essen 2007, S. 241–244.
  2. Convent 53, 71 unter Verweis auf Ollenhauers Kampfansage im SDS-Organ Unser Standpunkt im November 1953
  3. Die Unvereinbarkeit galt nur für „aktive“ (also studierende) Korporationsmitglieder
  4. Kleine Geschichte der SDS, Rotbuch-Verlag, Berlin, 1977, ISBN 3-88022-174-X
  5. Claus Gennrich: Deutschlands Revolutionäre. Der SDS, Kerntruppe der Außerparlamentarischen Revolution, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. März 1968.
  6. Wer ist der SDS? In: Welt am Sonntag, 17. Juni 1967, S. 4.
  7. Über die Linke.SDS
  8. http://archiv.hanflobby.de/archiv/68er-ohnesorg.html
  9. Von der Freien zur Kritischen Universität - Geschichte der Krise an der Freien Universität Berlin, Wintersemester 1966 in Publikationen auf astafu.de, Rudi Dutschke und die Studentenrevolution (I) von Gretchen Dutschke, DER SPIEGEL 34/1996 auf spiegel online