Rettungsaktion der Weißen Busse

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Weiße Busse des Schwedischen Roten Kreuzes 1945, vermutlich in der Nähe ihres Feldlagers in Friedrichsruh
Mitarbeiter des Schwedischen Roten Kreuzes vor ihren Bussen

Durch Weiße Busse, weiß gestrichene und mit Rot-Kreuz-Zeichen markierte Fahrzeuge unter schwedischer Flagge, wurden ab März 1945 rund 15.000 überwiegend norwegische und dänische Häftlinge aus deutschen Konzentrationslagern nach Skandinavien in die Freiheit gebracht. Der Vize-Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes, Folke Bernadotte, hatte diese humanitären Rettungsaktionen ab März 1945 mit Walter Schellenberg und Heinrich Himmler persönlich vereinbart.

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Hintergrund[Bearbeiten]

Mehrere Tausend Gegner der nationalsozialistischen deutschen Besatzer waren im Laufe des Zweiten Wltkriegs aus Norwegen und Dänemark in deutsche Konzentrationslager verschleppt worden. Angesichts der wachsenden Gefährung durch Kampfhandlungen auf deutschem Reichsgebiet und der Ungewissheit um das den Gefangenen zugedachte Schicksal schlug der norwegische Diplomat Niels Christian Ditleff im November 1944 dem schwedischen Außenministerium vor, als neutraler Staat eine Rettungsaktion unter Rotkreuz-Führung zu initiieren.

Graf Folke Bernadotte wurde mit den Verhandlungen über eine mögliche Rettungsaktion und später auch mit der Durchführung betraut. Er nahm Fühlung auf mit dem Leiter des SD-Auslandsnachrichtendienstes, Walter Schellenberg, und traf am 17. Februar 1945 mit Heinrich Himmler in Hohenlychen zusammen. Himmler, der über neutrale Personen und Institutionen Verbindungen zu den Westalliierten suchte und einen separaten Waffenstillstand anstrebte, verweigerte zwar die Freilassung von Gefangenen, stimmte aber zu, die skandinavischen politischen Gefangenen im Lager Neuengamme bei Hamburg sammeln und dort vom Schwedischen Roten Kreuz betreuen zu lassen. Für diese geheimzuhaltenden Transporte wurden jedoch von deutscher Seite keinerlei Fahrzeuge, Kraftstoffe und Personal bereitgestellt; die Transporte sollten von den Schweden selbst organisiert werden.

Rettungsaktionen[Bearbeiten]

Durch zähe Verhandlungen weitete sich die Rettungsaktion aus von einer zunächst zugestandenen bloßen Zusammenführung und Versorgung skandinavischer politischer Häftlinge über die Freilassung einer unbestimmten Zahl kranker Skandinavier bis zur Freisetzung auch anderer Häftlingsgruppen.

Sammellager Neuengamme[Bearbeiten]

Während der nächsten zwei Wochen liefen die Vorbereitungen zur ersten Rettungsaktion an, bei der alle skandinavischen Häftlinge im Lager von Neuengamme konzentriert und dort gut versorgt werden sollten. Bei weiteren Gesprächen in Berlin dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner und Walter Schellenberg erreichte Bernadotte, dass auch 423 dänischen Juden aus dem Ghetto Theresienstadt nach Neuengamme durften.

Das Schwedische Roten Kreuz verfügte nicht über ausreichend Transportmittel. Die schwedische Regierung stellte Militärbusse bereit. Am 8. März 1945 stand eine Kolonne von 75 Fahrzeugen - davon 36 Busse - und rund 250 in Hässleholm zu Einschiffung bereit. Zum Schutz vor Fliegerangriffen wurden alle Fahrzeuge weiß gestrichen und mit dem Rotkreuz-Zeichen versehen. Als Logistik-Stützpunkt für die Transporttruppe diente Friedrichsruh, der Sitz der Familie Bismarck.

Ende März 1945 war rund die Hälfte der Skandinavier aus diversen Stamm- und Außenlagern in Neuengamme angekommen. Dieses Lager war völlig überfüllt und konnte niemand mehr aufnehmen. Am 27. und 28. März 1945 schafften darum die Weißen Busse annähernd 2000 französische, russische und polnische Häftlinge aus Neuengamme in Außenlager bei Hannover und Salzgitter. Diese Gefangenen waren in sichtlich schlechterem Zustand als die Skandinavier.

Krankentransporte[Bearbeiten]

Am 2. März erreichte Benadotte in einer dritten Verhandlungsrunde die Genehmigung, dass alle dänischen Polizisten aus Neuengamme ins Heimatland und alle kranken Skandinavier nach Schweden geschickt werden dürfen. Da fast alle KZ-Insassen unter Krankheiten litten, war mit einer derartig weit auslegbaren Formulierung ein Damm gebrochen. Am 9. April verließ der erste Krankentransport Neuengamme zur Quarantänestation im dänischen Padborg. Erstmals sprangen dabei dänische Busse ein.

Räumung des Skandinavierlagers[Bearbeiten]

Zehn Tage später waren Planungen zur Räumung des Konzentrationslagers Neuengamme akut geworden. Nun sollten das Skandinavierlager in Neuengamme umgehend, spätestens bis zum 21. April, evakuiert werden. Innerhalb kürzester Frist musste der Transport für rund 4200 Personen organisiert werden. Die Dänen stellten zusätzlich 124 Fahrzeuge bereit, weiß angemalt und mit dänischer Flagge.

Einbeziehung anderer Gruppen[Bearbeiten]

Bei Verhandlungen am 21. April gestattete Himmler, alle Frauen aus dem KZ Ravensbrück nach Schweden zu holen. Diese Evakuierung unterstützte das Internationale Rote Kreuz durch einen Güterzug. Rund 7000 Frauen, überwiegend aus Frankreich, Belgien, Holland, Tschechien und Polen, erreichten mit den Weißen Bussen kamen damit in Sicherheit. Am 30. April 1945 wurden alle KZ-Häftlinge französischer Nationalität und einige Belgier und Niederländer rechtzeitig vor der Versenkung der Kap Arkona ans Ufer gebracht und mit den Weißen Bussen des schwedischen Roten Kreuzes zu zwei Dampfern transportiert, die sie nach Trelleborg übersetzten.[1]

Diese humanitäre Rettungsaktion wurde auch noch über die Kapitulation der deutschen Wehrmacht hinaus fortgesetzt und ermöglichte so die zügige Rückführung von weiteren ehemaligen Gefangenen über Schweden in ihre jeweiligen Heimatländer.

Deutungen[Bearbeiten]

Die Weißen Busse werden insbesondere in Dänemark und Norwegen heute noch als herausragende humanitäre Rettungsaktion verstanden, während sich andererseits Stimmen der Kritik an der Auswahl der zu Rettenden halten. Vor ihrem Abtransport nach Skandinavien wurden die Häftlinge in dem KZ Neuengamme gesammelt. Um dort für sie Platz zu machen, wurde der so genannte Schonungsblock von der SS geräumt. Rund 2000 zum Teil schwer kranke russische, polnische und französische Häftlinge wurden mit Hilfe der Weißen Busse in Nebenlager bei Hannover und Salzgitter gebracht. Für viele von ihnen bedeutete das den Tod.[2]

Bekanntere Retter[Bearbeiten]

Bekanntere Gerettete[Bearbeiten]

Aktionen und Debatten in Norwegen[Bearbeiten]

Die norwegische Organisation Hvite busser til Auschwitz (‚Weiße Busse nach Auschwitz‘)[3] organisiert Busfahrten in verschiedene europäische Gedenkstätten. Unter dem Stichwort Hvite Busser wird in Norwegen auch die Problematik von Schülerfahrten zu Holocaustgedenkstätten angesprochen. Bekannt wurde 2010 eine kontroverse Debatte in der norwegischen Aftenposten unter Beteiligung von Odd-Bjørn Fure, dem Leiter des norwegischen Zentrums für Studien zum Holocaust und religiösen Minderheiten.[4] Dabei ging es unter anderem darum, ob ein realistisches aktuelles Deutschlandbild vermittelt und die spezifisch norwegische Vorgeschichte ausreichend einbezogen würde. Gefragt wurde, wie solche Schülerfahrten pädagogisch sinnvoll ausgestaltet werden können.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sune Persson: Rettung im letzten Augenblick. Folke Bernadotte und die Befreiung Tausender KZ-Häftlinge durch die Aktion »Weiße Busse«. Åke Svenson: Die Weißen Busse (1945). Walter Schellenberg: Tagebuchskizze »Trosa-Memorandum« mit einer Einleitung von Stefan Scheil, Landt Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-938844-19-9
  • Oliver von Wrochem: Skandinavien im Zweiten Weltkrieg und die Rettungsaktion Weiße Busse. KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Metropol Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86331-060-8.
  • Trygve Bratteli: Fange i natt og take, Oslo 1980
  • Claudia Lenz: Vom Heldentum zum moralischen Dilemma - Die 'Weißen Busse' und ihre Deutungen nach 1945. In: Hilfe oder Handel? Rettungsbemühungen für NS-Verfolgte (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 10) Bremen 2007, ISBN 978-3-86108-874-5, S. 68–80

Filme[Bearbeiten]

  • Magnus Gösta von Gertten (Regie), Lars Åberg (Autor): Hafen der Hoffnung — Schweden und die Holocaust-Opfer. Schweden, 75 Min., 2012. Dokumentation mit zeitgenössischen Filmen von der Ankunft der Weißen Busse in Malmö. (Senderinformation, Information der Produktionsfirma - Autor Gertten hat anhand von Passagierlisten der in Schweden ankommenden Schiffe einzelne Menschen, die damals Kinder und Jugendliche waren, aus den Archivbildern identifiziert und in Schweden, in den USA und in Südafrika ausfindig gemacht. Schwed. und engl. Titel: Hoppets Hamn, Harbour of Hope. Erwähnt wird auch ein Treffen Überlebender 2005 in Malmö im Zusammenhang mit den Bussen).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rettungsaktion der Weißen Busse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Borgan Suchowiak: Mai 1945: Die Tragödie der Häftlinge von Neuengamme. Reinbek/Hamburg 1985, ISBN 3-499-15537-0, S. 138
  2. Jörg Wollenberg: Die weißen Busse des Grafen Bernadotte. Kritik an dem schwedischen Doppelspiel vom März/April 1945, in: Informationen zur schleswig-holsteinischen Zeitgeschichte, Heft 38(Oktober 2000)
  3. Webseite der Stiftung Hvite busser til Auschwitz
  4. HL-senteret - Webseite des Zentrums
  5. Med buss til Auschwitz, ODD-BJØRN FURE, Ledelsen i Hvite Busser oppfordres til å utvide og oppgradere sitt konsept for reiser med skoleungdom, skriver Odd-Bjørn Fure. Kan Hvite Busser fortsette å sluse skoleelever direkte inn drapsfabrikkene i Auschwitz uten kunnskap om den norske forhistorien til massedrapet? Aftenposten 24. April 2010