Robert Michels

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Willhelm Robert(o) Eduard Michels (* 9. Januar 1876 in Köln; † 3. Mai 1936 in Rom) war ein deutsch-italienischer Soziologe. Er gehört zu den Gründervätern der modernen Politikwissenschaft. Sein politischer Lebensweg führte ihn vom Linkssozialismus in der deutschen SPD über den Syndikalismus zum italienischen Faschismus. Michels gilt als einer der bedeutendsten politiksoziologischen Parteienkritiker des 20. Jahrhunderts.

Michels Hauptwerk ist die zuerst 1911 erschienene Studie über das sozialistisch-sozialdemokratische Parteiwesen. Hier entwickelt Michels das für Elite-Theorien zentrale „Ehernes Gesetz der Oligarchie“: die machtpolitisch bedingte Verschiebung idealistischer Zielsetzungen durch eine nur noch am eigenen Machterhalt interessierten Parteiclique. Michels illustriert seine Leitthese mit empirischen Materialien aus der deutschen Sozialdemokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Michels stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Köln. Nach Privatunterricht besuchte er von 1885 bis 1889 das Collège Français in Berlin und wechselte danach zum Carl Friedrich-Gymnasium in Eisenach, wo er 1894 das Abitur machte. 1895 leistete er einen einjährigen Militärdienst an der Kriegsschule in Hannover, Niedersachsen und in Weimar, Thüringen ab. Von 1896 bis 1900 studierte er Geschichte und Nationalökonomie an der Sorbonne in Paris und an den Universitäten München, Leipzig, Halle an der Saale und Turin. An der Universität Halle hört er u.a. Vorlesungen von Prof. Theodor Lindner, seinem späteren Schwiegervater.

Im Jahr 1900 promovierte er mit der Dissertation „Zur Vorgeschichte von Ludwig XIV. Einfall in Holland“ zum Dr. phil. und heiratete Gisela Lindner. 1901 trat Michels dem Partito Socialista Italiano (PSI) in Italien sowie 1903 in Marburg der SPD bei, für die er im gleichen Jahr erfolglos für ein Reichstagsmandat im Wahlkreis Alsfeld im Vogelsberg (Großherzogtum Hessen) kandidierte. Er war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen von 1903 (in Dresden), 1904 (in Bremen) und 1905 (in Jena). Die Erfahrungen dieser Parteitage prägten sein Werk. Wegen seiner Teilnahme an sozialistischer Agitation wurde ihm in Deutschland die Habilitation verwehrt. Auch Max Weber setzte sich vergeblich für Michels ein.

1907 verließ Michels Deutschland und ging als Privatdozent nach Turin. Im gleichen Jahr nahm er am internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart teil. Dann verließ er die sozialistischen Parteien und wandte sich dem revolutionären Syndikalismus zu. Im Jahr 1913 wurde Michels italienischer Staatsbürger. Bald darauf (1914) erhielt er einen Ruf als Professor für Nationalökonomie und Statistik an die Universität Basel. Michels unterhielt in der Folge engen Kontakt mit Vilfredo Pareto.

1928 trat Michels dem Partito Nazionale Fascista (PNF) von Benito Mussolini bei. In Benito Mussolini sah er den Führer (duce) einer Bewegung, die sein Ideal vom selbstlosen Menschen verwirklichen wollte (und der wie er ebenfalls aus der syndikalistischen Richtung des Sozialismus gekommen war). Mussolini soll auch dafür gesorgt haben, dass Michels 1928 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Nationalökonomie und Korporationswesen in Perugia berufen wurde, um dort seine fascistische Theorie des Korporatismus weiter zu entwickeln.

Familie[Bearbeiten]

Die Eltern von Robert Michels waren der Textilkaufmann Julius Michels und Anna Schnitzler. Julius Michels wurde am 29. September 1842 in Köln geboren, Anna Schnitzler am 4. Januar 1854 ebenfalls in Köln. Sie heirateten am 3. Juli 1873 in Köln. Robert hatte eine Schwester: Ella Klara Michels wurde am 10. September 1879 in Köln geboren. Sie heiratete den Rittergutsbesitzer Alfred Winzer zu Groß-Görnow.

Seine Frau Gisela Lindner wurde am 14. Oktober 1878 geboren und starb am 9. November 1954. Sie war Verfasserin zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen. Ihre Eltern waren der Historiker Professor Theodor Lindner und Agnes Kügler (1843–1926). Theodor Lindner ist am 29. Mai 1843 in Breslau geboren und starb am 24. November 1919 in Halle. Er war Professor u.a. an der Universität Halle, wo er u.a. seinen späteren Schwiegersohn Robert Michels unterrichtete.

Aus der Ehe von Robert Michels mit Gisela Lindner gingen vier Kinder hervor:

  • Italia (1900-1900)
  • Mario (* 1901)
  • Manon(* 1904)
  • Daisy (* 1906)

Mario starb relativ früh in Basel.

Manon Michels heiratete 1933 Professor Mario Einaudi, Gründer der Fondazione Einaudi in Turin und Mitbegründer des Einaudi-Verlags, einen Sohn des italienischen Staatspräsidenten Luigi Einaudi. Sie hatten drei Kinder: Luigi, Roberto und Marco. Mario Einaudi unterrichtete an der Harvard University und Fordham University in USA und starb 1994 in Piemont in Italien.

Daisy Michels heiratete Filippo Gallino aus einer der reichsten Familien Italiens.

Werke[Bearbeiten]

  • Storia del marxismo in Italia. Compendio critico con annessa bibliografia, Rom, 1910
  • Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig: Werner Klinkhardt, [=Philosophisch-soziologische Bücherei XXI], 1911 (4. Aufl., Kröner, Stuttgart 1989, ISBN 978-3-520-25004-9)
  • Probleme der Sozialphilosophie, B. G. Teubner, Leipzig 1914
  • Wirtschaft und Rasse, in: Grundriß der Sozialökonomik, II. Abteilung, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1914, 97-102.
  • Sozialismus und Fascismus als politische Strömungen in Italien. Historische Studien, München 1925
  • Materialien zu einer Soziologie des Fremden. In: Jahrbuch für Soziologie, 1, 1925, S. 296–371
  • Die Psychologie der antikapitalistischen Massenbewegungen, in: Grundriß der Sozialökonomik, IX. Abteilung, 1. Teil, Tübingen 1926, S. 241–359
  • Soziologie als Gesellschaftswissenschaft. Mauritius, Berlin 1926, [= Lebendige Wissenschaft IV]
  • Bedeutende Männer. Charakterologische Studien, Quelle & Meyer, Leipzig 1927
  • Der Patriotismus. Prolegomena zu seiner soziologischen Analyse, München/Leipzig 1929; 2. Auflage, mit einer Einführung und einem Nachwort von Rolf Rieß, Duncker & Humblot, Berlin 2013, ISBN (Print & E-Book) 978-3-428-84008-3, E-Book 978-3-428-54008-2, Print 978-3-428-14008-4.
  • Das psychologische Moment im Welthandel, Leipzig 1931
  • Eine syndikalistisch gerichtete Unterströmung im deutschen Sozialismus (1903–1907). In: Festschrift für Carl Grünberg zum 70. Geburtstag, C. L. Hirschfeld, Leipzig 1932, S. 343–364
  • Zur Soziologie der Bohème und ihrer Zusammenhänge mit dem geistigen Proletariat. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Jg. 136, 1932, I, S. 801–816
  • Masse, Führer, Intellektuelle, Campus-Verlag, Frankfurt/Main, 1933
  • Historisch-Kritische Untersuchungen zum politischen Verhalten der Intellektuellen. In: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche, Jg. 57, 1933, I, S. 807–836
  • Umschichtungen in den herrschenden Klassen nach dem Kriege, W. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin 1934

Bibliografie[Bearbeiten]

  • Opere di Roberto Michels. in: Studi in memoriam di Roberto Michels. CEDAM [R.Università degli studi di Perugia. Annali della facoltà di guirisprudenzan, ser. V, vol. XV], Padova 1937, S. 39–76

Literatur[Bearbeiten]

  • Harald Bluhm, Skadi Krause (Hrsg.): Robert Michels’ Soziologie des Parteiwesens. Wiesbaden 2012
  • Andreas Burtscheidt: Mehr Bewunderung als Kritik? Mussolini und das faschistische Italien in der Analyse von Robert Michels und Edmund Freiherr Raitz von Frentz. In: Zum Ideologieproblem in der Geschichte. Herbert Hömig zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Erik Gieseking [u. a.] (Subsidia Academica, Reihe A: Neuere und neueste Geschichte, Bd. 8), Lauf a. d. Pegnitz 2006, S. 405–418. ISBN 3-931070-46-8
  • Timm Genett: Der Fremde im Kriege – Zur politischen Theorie und Biographie von Robert Michels 1876–1936. 2008.[1] ISBN 978-3-05-004408-8
  • Timm Genett (Hrsg.): Robert Michels: Soziale Bewegungen zwischen Dynamik und Erstarrung – Essays zur Arbeiter-, Frauen- und nationalen Bewegung. 2008. ISBN 978-3-05-004388-3
  • Timm Genett: Antiquierter Klassiker? Zum ideengeschichtlichen Status von Robert Michels’ „Soziologie des Parteiwesens“, in: Bluhm, Fischer, Lllanque (Hg.): Ideenpolitik, Berlin 2011, S.383-296
  • Timm Genett: Demokratische Sozialpädagogik in der Krise der Aufklärung – zur Ambivalenz eines Klassikers der Elitetheorie, in: Bluhm, Krause (Hg.): Robert Michels‘ Soziologie des Parteiwesens, Wiesbaden 2012, S. 69-85.
  • Timm Genett: Lettere di Ladislaus Gumplowicz a Roberto Michels (1902-1907), in: Annali della Fondazione Luigi Einaudi, Vol. XXXI, Torino 1997, S. 417-473.
  • Timm Genett: Lettere di Roberto Michels e di Julius Springer (1913-1915), in: Annali della Fondazione Luigi Einaudi, Vol. XXX, Torino 1996, S. 533-555.
  • Dirk KaeslerMichels, Robert. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 17, Duncker & Humblot, Berlin 1994, ISBN 3-428-00198-2, S. 451 f. (Digitalisat).
  • Wilfried Röhrich: Robert Michels. Vom sozialistisch-syndikalistischen zum faschistischen Credo, Duncker & Humblot, Berlin 1972.
  • Heinrich August Winkler: Robert Michels in Hans-Ulrich Wehler Deutsche Historiker, Band 4, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1972

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Max Bloch: Rezension zu: Genett, Timm: Der Fremde im Kriege. Zur politischen Theorie und Biographie von Robert Michels 1876–1936. Berlin 2008. In: H-Soz-u-Kult, 27. März 2009