Gertrud Bäumer

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Gertrud Bäumer

Gertrud Bäumer (* 12. September 1873 in Hohenlimburg heute Hagen; † 25. März 1954 in den v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel) war eine deutsche Frauenrechtlerin und Politikerin.

Gertrud Bäumer auf einer bundesdeutschen Briefmarke

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Ausbildung[Bearbeiten]

Gertrud Bäumer kam wie viele Frauen der damaligen Zeit über ihren Beruf als Lehrerin zur bürgerlichen Frauenbewegung, die sich zuerst als Frauenbildungsbewegung verstand.

Sie entstammte einer Pfarrersfamilie. Der Urgroßvater, Wilhelm Bäumer (1783–1848), war Pfarrer in Dortmund-Bodelschwingh. Als Kirchenpolitiker setzte sich dieser für den Fortbestand der Presbyterialsynodalverfassung in der 1815 gegründeten preußischen Provinz Westfalen und darüber hinaus in ganz Preußen ein. Wilhelm Bäumer, der mit Friedrich Schleiermacher (1768–1834) korrespondierte, gehörte damit in den größeren Gesamtzusammenhang des kirchlichen und politischen Frühkonstitutionalismus.

Gertrud Bäumers Vater, Emil Bäumer (1845–1883), starb jung, und ihre Mutter musste die drei Kinder mit Hilfe der Verwandtschaft durchbringen. Die Leere im Leben ihrer Mutter und ihre Abhängigkeit von anderen war für Gertrud Bäumer eine schmerzvolle, aber lehrreiche Erfahrung. Die Öde im großmütterlichen Hause lastete auf ihr: „War dies das Frauenleben – diese Spirale um die eigene Achse?“[1] Ihr Entschluss, einen Beruf zu ergreifen, stand daher schon sehr früh fest: „Ich wollte – und mußte aus wirtschaftlichen Gründen – Lehrerin werden.“[2]

Gertrud Bäumer 1894 an der Elementarschule in Kamen

Sie besuchte die „Höhere Töchterschule“ in Halle (Saale) und absolvierte im Anschluss daran das Lehrerinnenseminar in Magdeburg. Ab 1894 unterrichtete sie an Volksschulen in Halberstadt, Kamen und Magdeburg und konnte so auch ihre Mutter finanziell unterstützen. Bald darauf, durch ältere Kolleginnen vermittelt, knüpfte sie Kontakte zum Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverband (ADLV), dessen Vorstand sie ab 1901 angehörte. Weil sie glaubte, den dort an sie gestellten Anforderungen nicht entsprechen zu können, entschloss sie sich, ihre Bildung durch ein Universitätsstudium zu vertiefen.[3] 1898 wechselte sie deshalb nach Berlin, wo sie zwei Jahre später ihr Oberlehrerinnenexamen bestand, das die Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums war. Der Wunsch zu studieren war auch für Frauen „aus gutem Haus“ ungewöhnlich. Erst 1908 wurde in Preußen die Immatrikulation von Frauen erlaubt, bis dahin waren sie auf das Wohlwollen der einzelnen Professoren angewiesen.

Es ist bezeichnend, dass Gertrud Bäumer sich das Geld für ihr Studium ersparen musste, und keine Unterstützung des Hoffmannschen Familienstipendiums erhielt, die ansonsten jedem männlichen Studenten ihrer Verwandtschaft gewährt wurde:

„Auf den Gedanken einer Ausnahmeregelung oder einer Statutenänderung kam man damals noch nicht, obgleich dieser im Hinblick auf den frühen Tod des Vaters besonders nahe gelegen hätte.“[4]

An der Universität belegte sie Theologie, Germanistik, Philologie und Nationalökonomie und promovierte 1904 über Goethes Satyros.

Helene Lange und die Arbeit für die Frauenbewegung[Bearbeiten]

In Berlin kam sie in engeren Kontakt mit Helene Lange, die als unbestrittene Führerin der Lehrerinnenbewegung galt. Als Gertrud Bäumer hörte, dass sie durch eine Augenkrankheit zunehmend in ihrer Arbeit behindert wurde, bot sie sich sofort als Hilfe an. Helene Lange schreibt in ihren Lebenserinnerungen dazu: „In dieser Zeit der schwersten geistigen Not ist Gertrud Bäumer zu mir gekommen. Ich brauche kaum ein Wort weiter hinzuzufügen.“[5] Sehr rasch entwickelte sich nicht nur eine rege gemeinsame publizistische Arbeit, sondern auch eine intensive Freundschaft. Für Gertrud Bäumer bedeutete die Begegnung mit Helene Lange eine „Lebensentscheidung“:[6] „Mein Leben mußte im Ziel und Kern der ebenbürtigen und vollen Einschaltung der Frauen in die Kulturkräfte ihres Volkes dienen […].“[7] Marianne Weber charakterisierte später das Verhältnis der beiden Frauen als „Wahlmutter- und Wahltochterschaft“:[8] „Gemeinsame Ideale und gemeinsamer Einsatz für sie verliehen ihr die überpersönliche Weihe.“[9]

Helene Lange erkannte sehr rasch das geistige Potential und die Begabung Gertrud Bäumers. In ihr sah sie die Nachfolge gesichert:

„Ich wußte, das Werk, an dessen Grundlagen ich mitgeschaffen hatte, war nun sicher, emporzuwachsen, dem Licht entgegen. Was ich persönlich nicht mehr zu sehen hoffen durfte, die Zukunft würde es verwirklichen.“[10]

Es war daher nur folgerichtig, dass Gertrud Bäumer trotz ihres jungen Alters sehr rasch in Vorstandsfunktionen des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) präsent war. 1910 löste sie Marie Stritt als Vorsitzende ab; kriegsbedingt dauerte ihre Amtsperiode bis 1919. Während dieser Zeit war sie maßgeblich am Aufbau des Nationalen Frauendienstes beteiligt, einer Wohlfahrtsorganisation, die um eine Koordinierung der Nahrungsmittelversorgung und des freiwilligen Kriegseinsatzes der Frauen innerhalb von Industrie und Wirtschaft bemüht war.[11] Auch als sie ihren Vorstandsvorsitz abgab, behielt sie weiterhin großen Einfluss.[12] Vielen ihrer Nachfolgerinnen war sie mit Rat und Tat behilflich.

Ihre hauptsächliche Arbeit für die Frauenbewegung erstreckte sich auf die Arbeit innerhalb des BDF und der monatlich erscheinenden Zeitschrift Die Frau, die als das Sprachrohr der bürgerlichen Frauenbewegung gilt. Daneben übernahm sie 1916 mit Marie Baum den Aufbau und die Leitung (bis 1920) des Sozialpädagogischen Instituts in Hamburg, einer höheren Fachschule für Wohlfahrtspflegerinnen.[13] Die intensive und persönlich gehaltene Zusammenarbeit mit den damaligen Schülerinnen führte in den darauffolgenden Jahren zu wiederkehrenden Treffen des ehemaligen Kreises.

Die Politikerin[Bearbeiten]

Bäumer übernahm auch politische Verantwortung und engagierte sich in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), deren stellvertretende Vorsitzende sie auch wurde, zog in die Weimarer Nationalversammlung ein und hatte von 1920 bis 1932 ein Reichstagsmandat, davon später von 1930 bis 1932 als Mitglied in der umbenannten Deutschen Staatspartei (DStP). 1920 wurde Gertrud Bäumer zudem als Ministerialrätin in das Reichsinnenministerium berufen, wo sie für die Referate Jugendwohlfahrt und Schulwesen zuständig war. Daneben war sie von 1926 bis 1933 Delegierte der Reichsregierung beim Völkerbund in Genf. Ihre publizistische Arbeit im Rahmen der Frauenbewegung war so unermüdlich, dass viele der Frauen aus ihrer Umgebung sich fragten,

„… woher sie die Kraft zu ihrer unablässigen, stetigen, aber niemals angestrengt wirkenden Arbeit nahm, woher die Zeit, um neben Staatsdienst, parlamentarischen Pflichten und den Ansprüchen des öffentlichen Lebens ihre vielen Aufsätze und Bücher zu schreiben. [Die Antwort lautete,] dass Begabung und vorzügliche Gesundheit sich mit einer von Jugend auf geübten strengen Selbstdisziplin verbanden.“[14]

Die Schriftstellerin[Bearbeiten]

Das Jahr 1933 bedeutete für Gertrud Bäumer auch ganz persönlich einen Schnittpunkt: Aus dem Beruf gedrängt und aller öffentlichen Ämter enthoben, war sie einerseits ein Opfer der Nationalsozialisten, andererseits profitierte sie von der ihr nun zur Verfügung stehenden Zeit, die sie für historische Studien, Reisen, schriftstellerische Arbeiten und den Rückzug ins Privatleben nutzte.

Im Frühsommer 1933 schrieb sie ihre Autobiographie Lebensweg durch eine Zeitenwende, die sie offenbar als „geistige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“ verstand.[15] Allerdings endet das Buch mit einem unmissverständlichen Bekenntnis zur „nationalsozialen Idee, deren Werden wir erhoffen“[16] und für die sie Hitler und Mussolini als Protagonisten nennt. Anfang des Jahres 1934 zog sie mit ihrer Freundin Gertrud von Sanden weg von Berlin nach Gießmannsdorf in Schlesien. In einem Brief an Emmy Beckmann schrieb sie über diesen „Bruch“ in ihrem Leben:

„Ich weiß, daß ich mich auch wieder in die andere Lebensform des ‚freien‘ Schriftstellers hineinleben werde, obgleich die ‚Freiheit‘ heute eine sehr zweifelhafte Sache ist. Vielleicht haben wir, die wir alle ersten Versuche auf einmal machen mußten, darüber das Persönliche ein bißchen zu sehr versäumt. Jetzt kommt eine Zeit, in der man ganz einfach seelsorgerisch aus persönlicher Verbundenheit arbeiten muß, das Äußere wird unwichtiger, weil man da nicht viel wird machen können.“

– Brief vom 13. April 1933[17]

In einem Brief an ihren Onkel Werner Schede ging sie noch stärker auf die Auswirkungen ein, die ihre Weiterarbeit unter den Nationalsozialisten für sie persönlich bedeutet hätte:

„Ich bin also mit Pension und auch unter Anrechnung meiner früheren Lehrerinnenzeit entlassen. Persönlich ist das für mich die reinlichere Lösung. Wäre ich im Amt, so müsste ich referatsmäßig jetzt z. B. die Verfügungen über die jüdischen Kinder in den Schulen machen oder die bevorstehende Verfügung für den Geschichtsunterricht, durch die alles, was seit dem Zusammenbruch geschehen ist, defamiert [i.O.] werden soll. Das wäre mir selbst auch tatsächlich unmöglich.“

– Brief vom 28. April 1933[18]

Trotz des 1939 gegen sie ergangenen Redeverbots hielt sie weiter Vorträge, vor allem in evangelischen Kreisen.[19] „Ihr Heim wurde Treffpunkt für Freunde und Zufluchtsstätte für Verfolgte.“[20]

Der Einfluss Friedrich Naumanns auf Gertrud Bäumer[Bearbeiten]

Gertrud Bäumer gehörte zu den Vertreterinnen eines Feminismus, die dem »weiblichen Prinzip« die Aufgabe zuschrieben, zur Humanisierung des Lebens beizutragen. Politisch identifizierte sie sich mit dem durch seine soziale Note bestimmten Liberalismus Friedrich Naumanns, mit dem sie ab 1906 eng zusammenarbeitete; ab 1912 war sie für den Kulturteil seiner 1894 gegründeten Zeitschrift Die Hilfe [21] redaktionell verantwortlich, nach seinem Tod 1919 wurde sie zeitweilig die alleinige Herausgeberin. Auch mit Friedrich Naumann verband sie nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft, sondern eine intensive Freundschaft.[22]

Friedrich Naumann kam durch seine Tätigkeit als Pfarrer mit den ärmeren Bevölkerungsschichten in Berührung. Er verschloss sich deren Problemen jedoch nicht, sondern suchte nach Lösungsmöglichkeiten, die er in einer Verbindung von ‚national‘ und ‚sozial‘ fand. Er war der Überzeugung, dass nur eine nationale Machtpolitik nach außen die sozialen Reformen im Innern sichern könnte. Diesen Zielen war der 1896 von ihm gegründete National-soziale Verein verpflichtet. In § 1 der Satzung hieß es:

„Wir stehen auf nationalem Boden, in dem wir die wirtschaftliche und politische Machtentfaltung der deutschen Nation nach außen für die Voraussetzung aller größeren sozialen Reformen im Innern halten […]. Wir wünschen darum eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen.“[23]

Die Sogwirkung, die die Sozialdemokraten auf die Arbeiterklasse ausübten, betrachtete Naumann mit Argwohn. Er wollte die Arbeiterschaft für Staat, Nation und ‚soziales Kaisertum‘ gewinnen. Der Verein löste sich aber schon 1903 wieder auf, nachdem er bei der Reichstagswahl 1903 gescheitert war, und Naumann wechselte mit seinen Gesinnungsgenossen in die Freisinnige Vereinigung über.

Nach Abschaffung des preußischen Vereinsrechts im Jahre 1908 (das Frauen bis dahin den Eintritt in politische Parteien verbot), traten Gertrud Bäumer und Helene Lange der Freisinnigen Vereinigung, später der daraus hervorgegangenen linksliberalen Fortschrittliche Volkspartei (FVP) bei.

Im Jahr 1919 gründete Gertrud Bäumer gemeinsam mit Friedrich Naumann und anderen die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Theodor Heuss gehörte zu ihren ersten Mitgliedern. Die Hochschätzung, die Gertrud Bäumer innerhalb der Partei genoss, lässt sich wohl am besten daran ersehen, dass sie bis 1930 in Folge das Amt der dritten Vorsitzenden innehatte. Außerdem gehörte sie 1919 der Nationalversammlung und bis 1932 durchgängig dem Reichstag an.

Die Position von Gertrud Bäumer zum Nationalsozialismus vor 1933[Bearbeiten]

Ihre tagespolitischen Aufsätze hatte Gertrud Bäumer bis 1933 vor allem in der Zeitschrift Die Hilfe veröffentlicht. In dieser Zeitschrift, die personell eng mit der DDP verknüpft war und sich als Forum des national-sozialen Kreises um Naumann verstand, wurde dem Phänomen des aufkommenden Nationalsozialismus zunehmende Aufmerksamkeit geschenkt.

Als im Herbst 1923 in Bayern zunehmend Gerüchte eines „Marsches auf Berlin“ (nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom) und Verschwörungspläne zwischen Hitler und Teilen der Reichswehrführung bekanntwerden,[24] bezeichnet Gertrud Bäumer die Vorgänge in Bayern als

„skrupellose(n) Kampf um die Macht von solchen Leuten, denen das Reich nur so weit etwas wert ist, als  s i e  darin herrschen, heute wie vor dem Weltkrieg. Und das brave und leichtgläubige Bürgertum läuft ihnen nach und macht mit dem Tribut seiner Leiden, enttäuschten Hoffnungen und guten vaterländischen Gefühlen aus einem Staatsstreich der alten ‚Gesellschaft‘ eine Volksbewegung.“[25]

Als am 9. November 1923 tatsächlich der sogenannte Hitlerputsch stattfindet, kommentiert sie mit resignativen Worten:

„Schlimmer als dieses tragikomische Gaukelspiel ist die Tatsache, daß diese Klassenoffensive auch republikanische Parteien durchsetzt und ihre Kraft für die Verteidigung der Republik gebrochen oder doch gelähmt hat. Die wirtschaftlichen Machthaber in Deutschland sind bestenfalls Vernunftrepublikaner.“[26]

Mit dem zunehmenden Erfolg der „Bewegung“ warnte sie davor, dass „der politische Sieg dieser Stimmungswelle […] der deutsche Zusammenbruch [wäre]. Gefährlicher als diese Stimmungen selbst ist die Tatsache, daß auch von denen, die sie nicht teilen, ihre ganze Gefährlichkeit nicht gesehen wird.“[27]

Auch wenn sie Hitlers Mein Kampf ein „erstaunlich konfuse[s] Buch“ nannte,[28] blieb sie wachsam gegenüber einer Partei, die der Demokratie und dem Parlamentarismus offen den Kampf angesagt hatte:

„Der Nationalsozialismus, was auch immer an ihm wertvoll sein möge, ist so lange mehr zerstörerisch als aufbauend, als seine Führer unverantwortlich handeln: unverantwortlich in der durch keinen Wahrheitssinn gezügelten Herabsetzung der Gegner, unverantwortlich in der demagogisch-gefälschten Darstellung der deutschen Lage und der Machtverhältnisse, unverantwortlich in dem skrupellosen 'Appell an den Schweinehund im Menschen', wie im Reichstag mit Recht gesagt wurde, unverantwortlich in der hemmungslosen Ausbeutung der Urteilsunfähigkeit und im Mißbrauch anständiger und reiner Kräfte.“[29]

Sie selbst hoffte auf eine Erneuerung der Mitte,[30] wenngleich sie sich der Tatsache bewusst war, dass durch die Zerstrittenheit der Parteien ein gemeinsames politisches Profil der „Mitte“ kaum zu verwirklichen war. Die Grundlage musste aber immer „die Erhaltung der bürgerlichen Freiheit im Geiste der Reichsverfassung“ sein.[31] Allerdings lehnte sie nicht alle Vorstellungen und Ziele des Nationalsozialismus von vornherein ab. Sie erkannte sehr wohl, dass die Nationalsozialisten nicht nur aufgrund ihrer „Technik der Massenbearbeitung“[32] erfolgreich waren. Das Konglomerat an Ideen, wie es in der NS-Ideologie präsentiert wurde, sprach eine Vielzahl unterschiedlicher Interessen an. Keine Diskussion konnte es geben über den menschenverachtenden Antisemitismus und die „innerpolitische Greuelpropaganda“[33] dieser Partei, die ja eine „Bewegung“ sein wollte. Unbestritten konnte die NSDAP aber ein Defizit in der Parteipolitik füllen, sei es auch nur durch Versprechungen. Bäumer nahm die seelische Krise, die sich ihrer Meinung nach in den Erfolgen der Nationalsozialisten offenbarte, ernst. Wichtig war ihr eine Reformierung des Parlamentarismus, da dieser sich ihrer Meinung nach immer mehr in kleingläubigen Interessenpartikularismus zu entwickeln drohte.[34]

Die semantische Nähe der Begriffe „national-sozial“, wie sich der Hilfe-Kreis bezeichnete, und das „nationalsozialistisch“ der NSDAP führte zu einer ganz besonderen Aufmerksamkeit dieser Partei gegenüber. Den wesentlichen Unterschied sah Gertrud Bäumer jedoch darin, dass sich bei Naumann „der Nationalsozialismus mit der Demokratie“ verband,[35] und in diesem Sinne auch weitergetragen wurde. Die „Epigone[n] à la Hitler“, die Bäumer als „hysterische Schaumschläger“ bezeichnete, machten sie angesichts ihrer „wirtschaftspolitische[n] Kleinbürgerphantastik“[36] zornig:

„Wenn das, was sich heute Nationalsozialismus nennt, nicht, verflacht und verrannt zugleich, in seiner Gedankenarbeit klastertief unter dem Niveau bliebe, auf dem die alten Nationalsozialen gearbeitet haben, so müßte ernsthafte Jugend, die in dunkler Zeit nach einem Ziel und einem Weg sucht, hier eine Anknüpfung finden – manches einzelne umbildend und neugestaltend, aber der Generalidee folgend, die den Sozialismus aus der marxistischen Verengung heraushebt und als Aufgabe der Erschaffung der Nation von innen her erfaßt.“[37]

Als sie sich am 13. Oktober 1930 bei der Eröffnung des Reichstages das Spektakel der einziehenden SA-Männer ansehen musste, schrieb sie dazu: „Ein heißer Protest steht in einem auf gegen den Gewaltwillen, der sich in dem Aufzug dieser Truppe renommistisch ausdrückt.“[38] Einer inhaltlichen Auseinandersetzung oder gar einer Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten erteilte Gertrud Bäumer eine Absage. Es gelte vielmehr den Kampf zu führen,

„… gegen eine Macht, die auf Kosten der Achtung vor dem lebendigen Gewissen des Einzelnen und durch gewaltsame Stillegung aller anderen Anschauungen den Staatsbürger durch den politischen Soldaten ersetzen will – etwas im tiefsten Kern Undeutsches, Ungermanisches. Nur durch die rücksichtslose Bekämpfung dieser neuen deutsch-völkischen Auflage eines ungeheuerlichen Byzantinismus wird das Echte und Kräftige der Bewegung aus einer üblen und sehr unrassischen Legierung einmal befreit werden!“[39]

Wo allerdings das „Echte und Kräftige“ bei einer Partei sein kann, die ihre Politik unter dem Banner des Rassenhasses betrieb, bleibt unverständlich. Selbst wenn Gertrud Bäumer bei dieser Äußerung den Antisemitismus ignoriert haben mag, so bleibt doch die völlig undemokratische Struktur des Nationalsozialismus, die den Vorstellungen Naumanns, wie Gertrud Bäumer oft genug bestätigt hat, genau diametral gegenübergesetzt waren.

Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde auch Bäumer von ihren Ämtern enthoben und sie zog von Berlin nach Gießmannsdorf (heute Gościszów). Sie unternahm in den folgenden Jahren mit Ludwig von Niessen Studienreisen in die Schweiz und nach Italien und betätigte sich als Autorin. 1936 entstand ihr berühmtes Werk Adelheid – Mutter der Königreiche. Bis 1944 war sie Herausgeberin der Zeitschrift Die Frau, die vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten vom Bund deutscher Frauenvereine herausgegeben worden war. Während des Zweiten Weltkriegs floh sie 1944/45 nach Saalfeld/Saale (Körnerstraße 6) und weiter nach Bamberg. In der Nachkriegszeit war sie am politischen Aufbau und der Gründung der „Christlich-Sozialen Union“ (CSU) beteiligt.

Ehrungen[Bearbeiten]

Zahlreiche Schulen wurden nach Gertrud Bäumer benannt, darunter:

Ebenfalls wurden Straßen nach ihr benannt, so in Wiesbaden, Lünen und in Troisdorf bei Bonn.

Schriften[Bearbeiten]

  • Handbuch der Frauenbewegung. Teil I und II (Herausgeberschaft mit Helene Lange), Moeser, Berlin 1901
  • Die hoeheren Lehranstalten und das Maedchenschulwesen im Deutschen Reich (mit Conrad Rethwisch und Rudolf Lehmann), Asher, Berlin 1904
  • Geschichte der Gymnasialkurse für Frauen zu Berlin, Moeser, Berlin 1906
  • Von der Kinderseele, Voigtländers Verlag, Leipzig 1908, zusammen mit Lili Droescher
  • Frauenbewegung und Sexualethik. Beiträge zur modernen Ehekritik, Salzer, Heilbronn 1909
  • Die soziale Idee in den Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts. Die Grundzüge der modernen Sozialphilosophie, Salzer, Heilbronn 1910
  • Die Frau und das geistige Leben. C.F. Amelangs Verlag, Leipzig 1911 (→ Zusammenfassung der enthaltenen Darstellung Elisabeth Siewerts.)
  • Der Deutsche Frauenkongreß. Sämtliche Vorträge (Herausgeberschaft), 1912
  • Die Frau in Volkswirtschaft und Staatsleben der Gegenwart, DVA, Stuttgart/Berlin 1914
  • Studien über Frauen Herbig, Berlin 1921
  • Die seelische Krisis, Herbig, Berlin 1924
  • Grundlagen demokratischer Politik, 1928
  • Deutsche Schulpolitik, 1928
  • Heimatchronik während des Weltkrieges, Quelle & Meyer, Leipzig 1930
  • Sinn und Formen geistiger Führung, Herbig, Berlin 1930
  • Neuer Humanismus, Quelle & Meyer, Leipzig 1930
  • Lebensweg durch eine Zeitenwende, Wunderlich, Tübingen 1933
  • Adelheid – Mutter der Königreiche, Wunderlich, Tübingen 1936
  • Der Park – Geschichte eines Sommers, Herbig, Berlin 1937
  • Wolfram von Eschenbach, Cotta, Stuttgart 1938
  • Die Macht der Liebe – Der Weg des Dante Alighieri, Bruckmann, München 1941 (mit 829 Seiten eines ihrer umfangreichsten Werke)
  • Der ritterliche Mensch - Die Naumburger Stifterfiguren in 16 Farbaufnahmen von Walter Hege F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung Deutscher Kunstverlag, Berlin o.J (1941)
  • Frau Rath Goethe – Die Weisheit der Mutter, Wunderlich, Tübingen 1949
  • Die drei göttlichen Komödien des Abendlandes. Wolframs Parsifal. Dantes Divina Commedia. Goethes Faust, Regensberg, Münster 1949
  • Ricarda Huch, Wunderlich, Tübingen 1949
  • Otto I. und Adelheid. Wunderlich, Tübingen 1951
  • Das königliche Haupt. Eine Erzählung, Wunderlich, Tübingen 1951
  • Im Licht der Erinnerung, Wunderlich, Tübingen 1953 (Autobiographie)
  • Eine Woche im Mai – Sieben Tage des jungen Goethe, Wunderlich, Tübingen 1956
  • Des Lebens wie der Liebe Band. Briefe, herausgegeben von Emmy Beckmann, Wunderlich, Tübingen 1956
  • Bildnis der Liebenden – Gestalt und Wandel der Frau, Wunderlich, Tübingen 1958 (Das Schicksal bedeutender Frauengestalten – von Heloise und Vittoria Colonna bis zu Lou Andreas-Salomé und Eleonora Duse)
  • Eleonora Duse, Wunderlich, Tübingen 1958 (Porträt der italienischen Schauspielerin, mit der Bäumer persönlich bekannt war)
  • Der Berg des Königs – Das Epos des langobardischen Volkes, Wunderlich, Tübingen 1959

Literatur[Bearbeiten]

  • Marie Luise Bach: Gertrud Bäumer. Biographische Daten und Texte zu einem Persönlichkeitsbild. Mit einem Vorwort von Line Kossolapow. Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1989
  • Maximilian Buchka: Bäumer, Gertrud. In: Hugo Maier (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit. Lambertus, Freiburg i.Br. 1998. S. 64-68.
  • Ingeborg Drewitz: Gertrud Bäumer (1873–1954). In: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.): Frauen. Porträts aus zwei Jahrhunderten. Kreuz Verlag, Stuttgart 1987
  • Orla Maria Fels: Die deutsche bürgerliche Frauenbewegung als juristisches Phänomen dargestellt an der Erscheinung Gertrud Bäumers. Photodruck GmbH, Stuttgart 1959
  • Margit Göttert: Macht und Eros: Frauenbeziehungen und weibliche Kultur um 1900 – eine neue Perspektive auf Helene Lange und Gertrud Bäumer. Ulrike Helmer, Frankfurt/M. 2000
  • Susanne Maurer, Wolfgang Schröer: „Ich kreise um …“ Die Bildungstheorie der Mitte am Beispiel Gertrud Bäumer. In: Liegle, Treptow (Hrsg.): Welten der Bildung in der Pädagogik der frühen Kindheit und in der Sozialpädagogik Lambertus, Freiburg i.Br. 2002
  • Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Köln u. a. 2000. (Böhlau, L’homme-Schriften, Bd. 6. Umfangreiche Bibliographie der Schriften Gertrud Bäumers auf S. 367–373.)
  • Angelika Schaser: Bäumer, Gertrud. In: Hamburgische Biografie, Band 5, Wallstein, Göttingen 2010, S. 35–37.
  • Caroline Hopf & Eva Matthes (Hrsg): Helene Lange und Gertrud Bäumer. Ihr Engagement für die Frauen- und Mädchenbildung. Kommentierte Texte. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2001
  • Caroline Hopf und Eva Matthes (Hrsg): Helene Lange und Gertrud Bäumer. Ihr Beitrag zum Erziehungs- und Bildungsdiskurs vom Wilhelminischen Kaiserreich bis in die NS-Zeit. Kommentierte Texte. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2003
  • Marianne Weber: Vom Gestern zum Morgen. Eine Gabe für Gertrud Bäumer. Hans Bott, Berlin 1933
  •  Martin Schumacher, Katharina Lübbe, Wilhelm Heinz Schröder: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3. Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.

Kritisches[Bearbeiten]

  • Old Bäumerhand, der Schrecken der Demokratie von Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel. Kommentar zur Einführung des Gesetzes zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften. In: Die Weltbühne, 14. Dezember 1926, Nr. 50, S. 916.
  • Ulrike Prokop: Die Sehnsucht nach der Volkseinheit. Zum Konservativismus der bürgerlichen Frauenbewegung vor 1933. In: Gabriele Dietze (Hrsg.): Die Überwindung der Sprachlosigkeit: Texte aus der neuen Frauenbewegung. Luchterhand, Darmstadt 1979
  • Ulrike Prokop: Elemente des weiblichen Autoritarismus. Die Sehnsucht nach der „Volksgemeinschaft“ in der bürgerlichen Frauenbewegung vor 1933. In: Christel Eckhart und Dagmar Henze (Hrsg.): Sackgassen der Selbstbehauptung. Feministische Analysen zu Rechtsradikalismus und Gewalt. Jenior & Pressler, Kassel 1995
  • Gabriele Starke: Das frauenpolitische Wirken Gertrud Bäumers 1910–1933. Dissertation der Fakultät für Philosophie und Geschichtswissenschaft, Leipzig 1933

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bäumer 1933a, 101
  2. Bäumer 1933a, 96
  3. vgl. Bäumer 1933a, 135
  4. Gerstein 1971, 87
  5. Lange 1928, 216
  6. Bäumer 1933a, 157
  7. Bäumer 1933a, 157
  8. Weber 1935, 234
  9. Weber 1935, 253
  10. Lange 1928, 216
  11. vgl. Hering 1990
  12. vgl. Vom Gestern zum Heute 1933, 76ff
  13. vgl. Baum 1950, 209ff
  14. Velsen: 1956, 276
  15. Vogel 1973, 398
  16. S. 446
  17. Bäumer 1956, 49
  18. BA Koblenz, NL 76 Bäumer
  19. vgl. Schumacher 1991, 47
  20. Vogel 1973, 398
  21. Information über die Zeitschrift „Die Hilfe“ auf den Seiten der Friedrich-Naumann-Stiftung
  22. vgl. Bäumer 1933a, 250ff
  23. Naumann 1897, § 1
  24. vgl. Broszat/Frei: 1989, 182ff
  25. DH, 1. November 1923, 368
  26. DH, 1. Dezember 1923, 403
  27. DH, 5. März 1932, 221; Hervorhebung im Original gesperrt gedruckt.
  28. DH, 20. September 1930, 937
  29. DH, 26. März 1932, 309
  30. DH, 18. Juni 1932, 578
  31. DH, 18. Juni 1932, 579
  32. DH, 20. September 1930, 937
  33. ebd., 938
  34. vgl. DH, 1. Juni 1929, 268ff
  35. DH, 15. August 1924, 267; Hervorhebung im Original gesperrt gedruckt.
  36. ebd., 266
  37. ebd., 268f.
  38. DH, 18. Oktober 1930, 1033
  39. DH, 16. Juli 1932, 676