Ruthenische Sprache

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Dieser Artikel bezieht sich auf den historischen Vorläufer der heutigen ukrainischen und weißrussischen Sprache. Zu weiteren Bedeutungen siehe ruthenische Sprache (Begriffsklärung).
Ruthenisch

Gesprochen in

Osteuropa
Sprecher keine (Sprache ausgestorben)
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von Großfürstentum Litauen
Sprachcodes
ISO 639-1:

ISO 639-2:

sla (sonstige Slawische Sprachen)

Ruthenisch (ruthenisch: руский языкъ, auch русский языкъ[1][2], руська мова, d. h. russische Sprache, oder проста мова[3][4][5][6][7], d. h. einfache Sprache, oder Umgangssprache) war eine historische ostslawische Schriftsprache im Großfürstentum Litauen und nach 1569 in den ostslawischen Gebieten der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Sie entstand aus dem Altostslawischen und ist der Vorläufer des heutigen Ukrainischen, Weißrussischen und Russinischen. Daher wird sie häufig (vor allem von Ostslawen selbst) als „Altweißrussisch“ (wr. старабеларуская мова) oder „Altukrainisch“ (ukr. староукраїнська мова), in der russischen Forschung vor allem als „Westrussisch“ (russ. западнорусский язык) bezeichnet. Die historischen Sprecher dieser Sprache nannten sie selbst oft prostaja mowa (wörtlich „einfache Sprache“, in Abgrenzung vom Kirchenslawischen) oder ruskaja mowa, was in lateinischen Texten mit lingua ruthenica wiedergegeben wurde. „Ruthenisch“ ist daher der neutralste Begriff für diese pränationale Sprache.

Die Geschichte des Ruthenischen beginnt im 14. Jahrhundert, als der westliche Teil des ostslawischen Sprachgebiets an das Großfürstentum Litauen fiel, das ab 1386 in Personalunion mit dem Königreich Polen von den Jagiellonen regiert wurde. Schriftsprache im Großfürstentum Litauen war nicht das Litauische (dessen erste Sprachdenkmäler stammen aus dem 16. Jahrhundert), sondern eine slawische Sprache, die Merkmale aufwies, welche für das heutige Weißrussische und Ukrainische charakteristisch sind. Neben Urkunden und Rechtstexten entstanden auch religiöse Schriften, so u. a. in einer stark kirchenslawisch beeinflussten Variante die Bibelübersetzung des Franzischak Skaryna (erschienen in Prag 1517–1519) oder das stärker volkssprachlich geprägte Evangeliar von Peressopnyzja (1556–1561). Vor allem aber war Ruthenisch die Sprache der reichhaltigen konfessionellen Polemik (des literarischen Schlagabtauschs zwischen Orthodoxen, Unierten, Katholiken und Protestanten) in der zweiten Hälfte des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Die Prostaja mowa wurde in kyrillischer Schrift geschrieben, ab dem Ende des 16. Jahrhunderts war seltener auch die Lateinschrift im Gebrauch. Ferner verfassten die in Weißrussland ansässigen Tataren bis ins 19. Jahrhundert slawische Texte in arabischer Schrift (weißrussisches arabisches Alphabet).

Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Ruthenische vom Polnischen verdrängt, 1699 wurde es in Polen-Litauen offiziell als Amtssprache verboten.

In Österreich-Ungarn war es noch bis zu dessen Zerfall üblich, die ostslawischen Untertanen der Monarchie, vornehmlich Ukrainer, als "Ruthenen" und ihre Sprache als "Ruthenisch" zu bezeichnen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Danylenko, Andrii: „‘Prostaja mova’, ‘Kitab’, and Polissian Standard“. In: Die Welt der Slaven LI (2006), Nr. 1, S. 80–115.
  • Moser, Michael: „Mittelruthenisch (Mittelweißrussisch und Mittelukrainisch): Ein Überblick“. In: Studia Slavica Academiae Scientiarum Hungaricae 50 (2005), Nr. 1–2, S. 125–142.
  • Pugh, Stefan M.: Testament to Ruthenian. A Linguistic Analysis of the Smotryc’kyj Variant. Cambridge 1996 (= Harvard Series of Ukrainian Studies).
  • Stang, Christian: Die westrussische Kanzleisprache des Grossfürstentums Litauen. Oslo 1935 (= Skrifter utgitt av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo, Historisk-filosofisk Klasse 1935,2).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ж. Некрашевич-Короткая. Лингвонимы восточнославянского культурного региона (историчесикий обзор) // Исследование славянских языков и литератур в высшей школе: достижения и перспективы: Информационные материалы и тезисы докладов международной научной конференции / Под ред. В. П. Гудкова, А. Г. Машковой, С. С. Скорвида. — М., 2003. — С. 150 — 317 с. (PDF; 3,6 MB)
  2. Начальный этап формирования русского национального языка. — Ленинград — 1962. — С. 221
  3. А. И. Журавский. Деловая письменность в системе старобелорусского литературного языка // Восточнославянское и общее языкознание. — Moscow, 1978. — P. 185—191
  4. Мечковская Н. Б. Социальная лингвистика: Пособие для студентов гуманит. вузов и учащихся лицеев. — 2-е изд., испр. — Moscow: Аспект-Пресс, 2000. P. 106
  5. Языковая ситуация в Беларуси: этические коллизии двуязычия // Сацыякультурная прастора мовы (сацыяльныя і культурныя аспекты вывучэння беларускай мовы): На бел. і рус. мовах / С. Ф. Іванова, Я. Я. Іваноў, Н. Б. Мячкоўская. — Minsk: Веды, 1998.
  6. Лариса Пуцилева (Болонский университет). Между Польским королевством и Российской империей: поиски национальной идентичности в белорусской поэзии // Contributi italiani al 14. congresso internazionale degli Slavisti: Ohrid, 10-16 settembre 2008 / a cura di Alberto Alberti ... [et al.]. — Firenze: Firenze University Press, 2008. [1] (PDF; 3,1 MB) P. 202
  7. Ольга Лазоркина. Дипломатическая деятельность канцелярии Великого княжества Литовского в XVII в. // Журнал международного права и международных отношений 2008 — № 1