Sōka Gakkai

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Zentrale der Sōka Gakkai in Tokio

Sōka Gakkai (jap. 創価学会, dt. „Werteschaffende Gesellschaft“) ist eine buddhistische Religionsgemeinschaft, die 1930 in Japan gegründet wurde und auf dem Nichiren-Buddhismus basiert. Bis 1991 (1997) der Nichiren-Shōshū angegliedert, entwickelt sich die Soka Gakkai als reine Laienbewegung zunächst in Japan zu einer großen Religionsgemeinschaft, die dort kontrovers diskutiert wird und zu den neuen religiösen Bewegungen, den sog. Shinshūkyō, gezählt wird. 1975 entstand die Sōka Gakkai International (SGI) als Dachverband der nationalen Sōka-Gakkai-Gemeinschaften, der heute weltweit, nach eigenen Angaben, etwa zwölf Millionen Mitglieder in 190 Ländern angehören. Die große Mehrheit der Anhänger befindet sich in Japan und beläuft sich dort nach Angaben der SGI auf ca. 8,27 Mio.[1] Von Außenstehenden wird diese Zahl immer wieder angezweifelt wobei das Amt für kulturelle Angelegenheiten im Jahre 2000 von ca. 5,42 Mio. Anhängern in Japan ausgeht, somit dürfte Anzahl von Anhängern nicht klar zu beziffern sein.[2] Die SGI ist seit 1983 als Nichtregierungsorganisation (NGO) bei den Vereinten Nationen (UNO) vertreten.

Gründung[Bearbeiten]

Sōka Gakkai Makiguchi Memorial Hall, Tokio

Die Sōka Gakkai wurde ursprünglich 1930 durch den Pädagogen Tsunesaburō Makiguchi unter dem Namen Sōka Kyōiku Gakkai (創価教育学会, dt. „Werteschaffende Erziehungsgesellschaft“) in Tokio gegründet. Wobei die erste Generalversammlung erst im Jahr 1937 statt fand.[3]

Im politischen Klima des japanischen Nationalismus wurde sie während des Zweiten Weltkriegs verboten.

Makiguchi und sein Nachfolger Josei Toda wehrten sich gegen die Anbringung eines shintoistischen Talisman in den Tempeln der Nichiren-Shōshū und wurden 1943 wegen „kriegsfeindlicher Aktivitäten“ inhaftiert. Makiguchi starb in der Haft. In seinen Werken stellte sich Makiguchi jedoch nicht generell in Opposition zur japanischen Expansionspolitik.[4] Ab 1945 wurde die Sōka Gakkai unter der Leitung von Josei Toda wieder aktiv.

Grundlagen, Ziele und Engagement[Bearbeiten]

Sōka Gakkai-Gohonzon

Die ursprünglich als Laienbewegung innerhalb der Nichiren-Shōshū, und von dieser mittlerweile ausgeschlossen, gegründete Gemeinschaft bezieht sich auf den buddhistischen Gelehrten und Reformer Nichiren, der im 13. Jahrhundert das Lotos-Sutra als die Essenz und letztendliche Lehre des Religionsstifters Shakyamuni deklarierte.

Die zentrale Ausübung ist die wiederholte Rezitation (Chanten genannt) des Mantras: „Nam Myoho Renge Kyo“ (Daimoku) vor einem Gohonzon (auch als sog. O-Mamori-Gohonzon erhältlich). Durch das Chanten soll die im Menschen grundsätzlich existierende Buddhanatur manifestiert werden.

Die Sōka Gakkai zielt in ihrem Engagement auf eine Verbreitung der buddhistischen Lehre und humanistischen Philosophie Nichirens. Die erklärten Ziele sind: Frieden, Wohlstand, Gesundheit und persönliches Glück der Menschen. Darüber hinaus betont sie die individuelle Entwicklung jedes Menschen (als menschliche Revolution bezeichnet) als Voraussetzung und Basis für einen weltweiten Frieden.

Die japanische Sōka Gakkai zählt gegenwärtig, nach eigenen Angaben, etwa acht Millionen Haushalte. Sie ist damit die größte religiöse Organisation in Japan.

Die Sōka Gakkai International, mit Sitz in Tokio, ist in Europa, Nordamerika, Südamerika, Asien, Australien, Afrika und somit, nach eigenen Angaben, weltweit in 190 Ländern vertreten. Die Organisation unterteilt sich dabei in Landesgruppen, Regionalgruppen und in Einzelgruppen aufgeteilte Ortsgruppen.

Charakteristisch für die Sōka Gakkai Japan ist auch ihr Engagement in der japanischen Politik, welches zur Gründung der Kōmeitō führte. Seit 1970 darf zwischen der Komeito und der Sōka Gakkai keine Ämterkumulation stattfinden, dennoch sagt man der Sōka Gakkai Einfluss auf die Programm- und Personalpolitik der Partei nach.

Sōka Gakkai International[Bearbeiten]

Sōka-Universität, Daisaku-Ikeda-Auditorium, Tokio

Die 1975 gegründete Sōka Gakkai International (SGI) bezeichnet sich als Gesellschaft für Frieden, Kultur und Erziehung.

Sie ist seit 1983 als Nichtregierungsorganisation (NGO)[5] den Vereinten Nationen angegliedert und hat beratenden Status im UN Economic and Social Council (ECOSOC) und seit 1989 in der UNESCO.

Der ehemalige Sōka-Gakkai-Präsident und derzeitige Präsident der SGI Daisaku Ikeda unterbreitet seit 1983 jährlich den Vereinten Nationen UNO einen Friedensvorschlag [6] zur internationalen Friedensförderung, der sowohl konkrete Maßnahmen als auch spirituelle Aspekte aus buddhistischer Sicht erläutert. Für seinen Einsatz erhält er 1983 den Friedenspreis der Vereinten Nationen.

Durch seine Initiative gründet die Sōka Gakkai International (SGI) zahlreiche offene Einrichtungen in der Friedensforschung, höheren Bildung und Kulturförderung. Darunter das Toda Institute for Global Peace and Policy Research, das Boston Research Institute for the 21st Century, die Sōka-Universität in Tokio und Kalifornien sowie die Min-On-Konzertvereinigung, das Tokyo Fuji Art Museum und das Institut für Orientalische Philosophie (IOP).

SGI-D[Bearbeiten]

Die SGI in Deutschland (SGI-D) [7]besteht seit 1970 und hat, nach eigenen Angaben, derzeit etwa 6000 Anhänger. Zahlen zu Austritten werden, zumindest offiziell, nicht veröffentlicht. Kritiker vermuten, mangels offizieller Daten, dass die Anhängerzahl auf der Verleihung des Gohonzon basiert. Gemäß geltendem Vereinsrecht sind Anhänger der SGI-D nicht gleichzeitig Vereinsmitglieder der SGI-D e.V.. Seit 1986 befindet sich die Zentrale der SGI-D in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt am Main. In Bingen am Rhein besteht außerdem seit 1997 das Kulturzentrum der SGI-D Villa Sachsen.

Zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen werden durch die SGI-D zu den Themen Frieden, Kultur und Erziehung organisiert. Darunter etwa die seit 1999 regelmäßig in Zusammenarbeit mit UNESCO und UNICEF initiierte Kinderbilderausstellung Kinder – Botschafter des 21. Jahrhunderts in verschiedenen Städten Deutschlands oder auch die Wanderausstellung Seeds of Change, die seit 2005 als Gemeinschaftsprojekt mit der Earth Charter Initiative zur Entwicklung einer Lösungsperspektive der globalen, ökologischen und sozialen Probleme veranstaltet wird.

Ausschluss durch die Nichiren-Shōshū[Bearbeiten]

Immer wieder tauchten Konflikte zwischen der Sōka Gakkai und Nichiren-Shōshū auf. Beide Seiten führten hierfür Unterschiede in der Interpretation der Lehre Nichirens als auch machtpolitische Gründe an. Bereits 1974 führten diese Auseinandersetzungen zum Ausschluss der Myōshinkō (heutiger Name: Kenshōkai) und im Jahre 1980 zur Gründung der Shōshinkai (正信会, „Gesellschaft des rechten Glaubens“) einer Gruppierung von Laiengläubigen sowie ca. 200 Priestern der Nichiren-Shōshū.[8] Beide Gruppierungen kritisierten nebst Richtungs- und Nachfolgestreitigekeiten innerhalb der Nichiren-Shōshū auch den zu grossen Einfluss der Sōka Gakkai.

Zum endgültigen Bruch kam es dann im Jahre 1991, als die Nichiren-shōshū der Sōka Gakkai ihren Status als Laienorganisation der Nichiren-shōshū entzog. Bis in das Jahr 1997 jedoch betrachtete sie die einzelnen Mitglieder der Sōka Gakkai als Gläubige der Nichiren-shōshū (Hier sei angemerkt, dass nur Gläubige das Innere des Taiseki-ji Tempels betreten dürfen). Die Mehrzahl der Anhänger entschied sich jedoch für einen Verbleib bei der Sōka Gakkai. Zuverlässige Angaben dazu, wie viele Laiengläubige sich keiner der beiden Gruppen zugehörig fühlten, bzw. zu anderen Nichiren-Schulen wechselten, gibt es jedoch von keiner der beiden Seiten. Im Zuge der Auseinandersetzungen verzeichnete jedoch die Hokkekō Rengō Kai, als Laienorganisation der Nichiren-Shōshū, besonders in den 1900er Jahren einen Zuwachs an Anhängern. Der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen währten lange und ist bis heute nicht völlig beigelegt, da auch Gerichte Streitpunkte juristischer Natur zu klären haben. Obgleich in puncto Auslegung der Lehre Nichirens, gerade in Hinsicht auf Nichiren als Buddha, für den Außenstehenden nur wenig Uneinigkeit zu herrschen scheint, so lehnt die Sōka Gakkai die in der Nichiren-shōshū praktizierte Form des Priestertums unter der Führung eines Hohen Priesters strikt ab. Da die Sōka Gakkai mit ihrer Anhängerschaft in Japan durchaus auch einen politischen Einfluss hat, sei dahingestellt, ob nicht auch klare machtpolitische Gründe für die Trennung von Sōka Gakkai und Nichiren-shōshū sprachen. Beide Seiten führen zumindest offiziell religiöse Gründe für den Bruch an, wobei der Nichiren-shōshū mit den Anhängern der Sōka Gakkai auch ein großer Teil ihrer finanziellen Unterstützung verloren ging.

Kontroversen[Bearbeiten]

Die Sōka Gakkai sowie deren politische Abspaltung Kōmeitō haben vor allem in Japan öffentliche Kontroversen hervorgerufen[9][10]. Hintergrund der anhaltenden Diskussionen um die Soka Gakkai und deren Verbindung mit Komeito sind Grundsatzfragen um Artikel 20 der japanischen Verfassung, der eine Verbindung von Religion und Staat untersagt [11][12]. Die organisatorische Verbindung zwischen Soka Gakkai und Kōmeitō endete 1994 mit der Auflösung der Kōmeitō. Die später gegründete "Neue Kōmeitō" ist angeblich von Sōka Gakkai unabhängig. Bemängelt wird, dass die führenden Politiker der Komeito gleichzeitig auch Anhänger der Sōka Gakkai sind und auch die Anhängerschaft vor allem unter den Anhängern der Sōka Gakkai rekrutiert wird.[13] Japanische Medienbeobachter attestieren, dass das Wahlverhalten der Gakkai-Anhänger in Japan sich stark an den komeitofreundlichen Äußerungen Daisaku Ikedas orientiert und weniger an den Inhalten des Parteiprogramms. Begründet wird dies mit einem starken Wir-Gefühl, das beide Organisationen verbindet. Ein schlechtes Abschneiden in vergangenen Wahlperioden wird somit Wechselwählern zugeschrieben, die den Auslandseinsatz japanischer Truppen ebenso ablehnten, wie das Stillhalten der Komeito bei Besuchen des Premiers am Yasukuni-Schrein. Die Stammwählerschaft wird von Politikwissenschaftlern weiterhin bei den Anhängern der Soka Gakkai angesiedelt.[14]

Ein weiterer Grund für Kontroversen war, zumindest in der Vergangenheit[15], die teilweise aggressiv anmutende Form der Bekehrung bzw. Anwerbung neuer Anhänger, die als Shakubuku (jap. 折伏; dt.: „brechen und unterwerfen“) bezeichnet wird. Obwohl man sich von einer aggressiv anmutenden Form der Rekrutierung neuer Anhänger distanziert hat, wird der Terminus weiterhin benutzt.[16] Dennoch kommt es auch heute immer wieder zu Vorwürfen dass Seitens von Anhängern der SGI die Bekehrung und Anwerbung mitunter forciert betrieben wird. [17][18][19].

Eine zunehmende Bedeutung in der SGI erfährt in den letzten Jahren die sog. Meister-Schüler-Beziehung, wobei die bisherigen Präsidenten der SGI, Tsunesaburō Makiguchi, Josei Toda und Daisaku Ikeda als die Drei Ewigen Meister/Mentoren bezeichnet werden. Im engeren Sinn liegt das Hauptgewicht jedoch auf einer Meister-Schüler-Beziehung zwischen Daisku Ikeda und den Anhängern der Sōka Gakkai. Diese Beziehung zu vertiefen und zu kultivieren wird den Anhängern der Sōka Gakkai nahegelegt. Die Interpretation der sog. Mentor (Meister)/Schüler – Beziehung wird von ehemaligen Anhängern und Kritikern der SGI als Indiz eines Personenkultes um Herrn Ikeda angesehen[20], der von seinen Anhängern auch als Sensei bezeichnet wird.

Im Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" von 1998 heisst es, unter anderen auch zur SGI, dass sie "durch ihre Einbindung in eine internationale, anderenorts bedeutsame und konfliktbehaftete Organisation latent problematisch" bleibe[21].

Quellen[Bearbeiten]

  1. http://www.relnet.co.jp/relnet/brief/r3-01.htm
  2. http://www.relnet.co.jp/relnet/brief/r3-01.htm
  3. Levi McLaughlin: Handbook of Contemporary Japanese Religions. Brill Handbooks on Contemporary Religion, ISBN 978-90-04-23435-2, Seite 282
  4. Brian Daizen Victoria, Senior Lecturer Centre for Asian Studies, University of Adelaide, Engaged Buddhism: A Skeleton in the Closet? [1]
  5. Bundeszentrale für politische Bildung [2]
  6. Summary 2009
  7. https://www.handelsregister.de
  8. http://www.fujimon.or.jp Offizielle Shoshinkai Website (japanisch)
  9. Religion und Politik in Japan: Soka Gakkai und Komeito: [3] (PDF; 2,2 MB)
    Rethinking the Komeito Voter, George Ehrhardt, Appalachian State University, Japanese Journal of Political Science 10 (1) 1–20
  10. Levi McLaughlin, Did Aum Change Everything?, Japanese Journal of Religious Studies http://ncsu.academia.edu/LeviMcLaughlin/Papers/1636042/Did_Aum_Change_Everything_What_Soka_Gakkai_Before_During_and_After_the_Aum_Shinrikyo_Affair_Tells_Us_About_the_Persistent_Otherness_of_New_Religions_in_Japan
  11. Japanische Verfassung in Englischer Sprache: [4]
  12. Lecture by Levi McLaughlin at Princeton University on SGI http://www.youtube.com/watch?v=jx1st9FSK98
  13. George Ehrhardt: Rethinking the Komeito Voter. In: Japanese Journal of Political Science. 2009, 10 (1), S. 1–20.
  14. George Ehrhardt: Rethinking the Komeito Voter, Cambridge University Press 2009, S. 17-19.
  15. Daniel B. Montgomery: Fire in the Lotus, Mandala 1991, S. 185-186
  16. http://kuscholarworks.ku.edu/dspace/bitstream/1808/1135/1/CEAS.1963.n6.pdf
  17. OCweekly
  18. riverdalepress
  19. [5]
  20. http://www.ekd.de/ezw/Lexikon_2714.php
  21. Endbericht der Enquete-Kommission Sogenannte Sekten und Psychogruppen, S.105 (PDF; 6,5 MB)

Literatur[Bearbeiten]

  • Die Sōka Gakkai International – Deutschland – Geschichte – Struktur – Mitglieder von Robert Kötter, erschienen 2006 in der REMID Schriftenreihe, Marburg, ISBN 978-3-934759-03-9
  • Encountering the Dharma. Daisaku Ikeda, Sōka Gakkai, and the Globalization of Buddhist Humanism. By Richard Hugh Seager. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 2006, ISBN 0-520-24577-6
  • Sōka Gakkai in America: Accommodation and Conversion. By Phillip E. Hammond and David W. Machacek. London: Oxford University Press, ISBN 0-19-829389-5
  • Buddhism in the Modern World, „By Imperial Edict and Shogunal Decree“ – Politics and Issue of Ordination Platform in Modern Lay Nichiren Buddhism by Jacquelin I. Stone, Chapter 8, published by Steven Heine, Charles S Prebish, Oxford University Press US, ISBN 0-19-514698-0
  • Wissenschaftlicher Artikel zu Soka Gakkai „The Sōka Gakkai in Australia: Globalization of a New Japanese Religion“ by Daniel A. Metraux

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sōka Gakkai International – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien