Schloss Chambord

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das Schloss Chambord; der von den mittleren zwei Türmen flankierte Teil ist das eigentliche quadratische Corps de Logis, die Verbindungstrakte zu den beiden äußeren Türmen sind Galerien von geringer Bautiefe, an die beiden äußeren Türme schließen sich die Seitentrakte an
Luftbild der Schlossanlage

Schloss Chambord (französisch Château de Chambord, historisch auch Chambourg) ist das größte Schloss der Loireregion. Es liegt ca. 15 Kilometer östlich von Blois in einem ausgedehnten früheren Jagdgebiet. Es wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter König Franz I. als Prunk- und Jagdschloss errichtet und gilt als das prächtigste aller Loireschlösser.

Geschichtlicher Überblick[Bearbeiten]

16. und 17. Jahrhundert[Bearbeiten]

Beim Regierungsantritt Franz I. war das Tal der Loire mit seinen Schlössern und Burgen das gesellschaftliche und kulturelle Zentrum des höfischen Frankreichs. Unter dem Einfluss und dem Mäzenatentum des Königs etablierte sich die Kunst der aus Italien stammenden Renaissance endgültig im Land und führte zu zahlreichen Neubauten, die noch heute die Region des Loiretals prägen.

Neben dem Schloss von Fontainebleau war das 1519 begonnene Schloss Chambord das aufwändigste Projekt Franz I. Das Schloss war ein Bau mit großer Bedeutung: Es sollte einerseits dem Hof als Jagdschloss dienen, doch wichtiger war, mit dem Bau als Symbol der Macht die Leistungsfähigkeit und Stärke Frankreichs zu demonstrieren – ähnlich wie das Schloss Versailles des Sonnenkönigs eineinhalb Jahrhunderte später. Franz I. machte sich Hoffnungen, Kaiser Karl V. die Krone entwinden zu können und an seiner Statt die Herrschaft über das Heilige Römische Reich zu erlangen. Diesem Unterfangen sollte Chambord als steinernes Sinnbild der französischen Vormacht dienen. Die Hoffnungen des Königs erfüllten sich nicht, und so blieb Chambord nur ein überdimensioniertes Jagdschloss; es diente weder ihm noch einem anderen französischen Herrscher als dauerhafte Residenz. Der an seinen ambitionierten Plänen gescheiterte König Franz verbrachte in Chambord insgesamt nur wenige Wochen. Immerhin gelang es ihm, den habsburgischen Rivalen Karl V. 1539 zu einem Besuch zu laden, der das Schloss als den Inbegriff dessen, was menschliche Kunst hervorzubringen vermag bezeichnete.[1]

Auch wenn sich in Chambord kein fester Hof etablierte, so nahm das Schloss als Jagdsitz doch eine bedeutende Rolle ein. Während der großen Jagden wurden hier mehrere tausend Personen beherbergt. Abgesehen von den Jagdgesellschaften stand der riesenhafte Bau weitgehend leer. 1552 wurde hier der Vertrag von Chambord unterzeichnet. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. nutzte es gelegentlich für opulente Feste. In seiner Regierungszeit wurde Molières Ballett Der Bürger als Edelmann 1670 im Schloss uraufgeführt. Chambord war, wie alle frühen Königsschlösser, die nicht Hauptresidenz waren (im Unterschied zum späteren Schloss Versailles), nicht ständig möbliert. Sollte es zu Jagd- oder sonstigen Zwecken genutzt werden, mussten Personal und Mobiliar aus den königlichen Möbeldepots herangekarrt werden.

18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Von 1725 bis 1733 diente das Schloss als Residenz des exilierten polnischen Königs Stanislaus I. Leszczyński. Von 1748 bis zu seinem Tode 1750 erhielt es der französische Marschall Moritz von Sachsen als Wohnsitz. Der bei seinen Soldaten beliebte und zeitlebens ungeschlagene Feldherr ließ die umliegenden Sümpfe trockenlegen, um Seuchengefahren vorzubeugen. Außerdem unterhielt er eine große Menagerie in der Nähe des Schlosses. Für deren Ausstattung beantragte er beim Kurfürsten von Sachsen im Februar 1738 die Übersendung von 100 lebendigen Rehen. Sächsische Forstbedienstete sollten Rehkitze einfangen, das Jahr über aufziehen und im Herbst nach Torgau bringen. Von dort sollten die Rehe mit einem Schiff über Hamburg nach Paris gebracht werden.

Schloss Chambord auf einem Stich des 19. Jahrhunderts

Das von ihm bewohnte Appartement ließ der Marschall wohnlich einrichten: die nackten Steinwände wurden mit Holztäfelungen versehen, Parkett wurde verlegt, und – die wichtigste Komfortsteigerung – Moritz ließ sich in seiner Heimat vier riesige Kachelöfen aus Porzellan anfertigen und in seinen Räumen aufstellen. Mit diesen in Frankreich unbekannten Öfen konnte er das Beheizungsproblem, das durch die vorhandenen offenen Kamine nur dürftig gemildert wurde, beheben. Der Marschall ließ außerdem in einem der Korridore ein Theater errichten.

Die vier Öfen, die vom Grafen Moritz von Sachsen für Schloss Chambord angeschafft wurden, bestehen nicht aus Meißener Porzellan, sondern aus Fayence und sind vom Töpfermeister J. M. Schmidt 1748/49 in Danzig angefertigt worden. Das sächsische Wappen unter der Ofenbekrönung trägt, entgegen dem üblichen Wappen mit der schrägrechts verlaufenden sächsischen Raute, einen sogenannten Bastardfaden mit einer schräglinks verlaufenden Raute.[2]

Zur Zeit der Französischen Revolution wurde das Schloss geplündert und das wenige verbliebene Inventar geraubt. Eine zeitlang drohte Chambord sogar der Abbruch.

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart[Bearbeiten]

Als der Dichter Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert durch die verwaisten Räume des riesigen Schlosses schlenderte, sinnierte er über dessen seltsames Geschick: Es ist alles gegeben worden, so als ob niemand es haben oder behalten wollte. Es sieht aus, als ob es so gut wie nie benutzt worden und immer zu groß gewesen sei. Es ist wie ein verlassenes Hotel, in dem die Reisenden nicht einmal ihre Namen an den Wänden hinterließen.

Napoléon übergab das Schloss zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Louis-Alexandre Berthier. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 bis 1871 diente es als Lazarett, und während des Zweiten Weltkrieges wurden hier Teile der Sammlungen des Louvre ausgelagert.

Schloss Chambord war das Vorbild für den Um- und Neubau des ursprünglichen Schweriner Schlosses in den Jahren 1845 bis 1857. Schloss Chambord mit seinem Park steht seit 1981 auf der Unesco-Weltkulturerbeliste. Es ist das größte und bekannteste der Loire-Schlösser und für Besucher zugänglich. Im Schloss sind die Prunkräume zu besichtigen, außerdem beherbergt es wechselnde Ausstellungen zu verschiedenen Themen.[3] Im Jahr 2000 wurden die zahlreichen Schlösser an der Loire sowie die Naturlandschaft des Loiretals zwischen den Städten Sully-sur-Loire und Chalonnes-sur-Loire zum Eintrag "Tal der Loire zwischen Sully-sur-Loire und Chalonnes"[4] in der UNESCO-Weltkulturerbeliste zusammengefasst.

Schlossanlage[Bearbeiten]

Architektur des Bauwerks[Bearbeiten]

Grundriss des Schlosses

Der Baumeister des Schlosses ist unbekannt. Vermutungen, dass Leonardo da Vinci oder Domenico Cortona an den Plänen beteiligt waren, sind bis dato nicht bestätigt. Mit dem Bau wurde 1519 begonnen, und 1539, als der König dort Kaiser Karl V. empfing, war er immer noch nicht abgeschlossen. Um 1539 ergaben sich Finanzierungsprobleme. Es folgte eine „Baupause“. Die Bauarbeiten waren sehr aufwändig: 1.800 Arbeiter trieben Holzpfähle als Fundamente fünf Meter tief in den sumpfigen Boden. Maurer schichteten über 15 Jahre lang Stein auf Stein. Das Schloss zählt sechs hohe Türme, 440 Räume, 365 Feuerstellen und 84 Treppen. Insgesamt dauerte die Bauzeit 25 Jahre – mit Umbauten und Nachbesserung aber noch länger.

Das auffälligste Merkmal des Schlosses ist die ungewöhnlich reiche Dachlandschaft, die in dieser Form nahezu einzigartig ist. Der kreuzförmige Grundriss des Corps de Logis wird über den Eckappartements von vier steilen Pyramidendächern überragt, die direkt in die kegelförmigen Dächer der Ecktürme übergehen. Wo sich in den darunter liegenden Stockwerken die kreuzförmigen Korridore befinden, ist das Dach an dieser Stelle begehbar, so dass die Aufbauten, die aus diversen Lukarnen, Schornsteinen und Laternen bestehen, den Eindruck einer Stadtlandschaft vermitteln. Der Schriftsteller Chateaubriand verglich den Kontrast der ebenmäßigen Fassaden und des überbordenden Dachaufbaus mit einer Frau mit vom Wind zerzausten Haaren.[5] Die Schieferbedachungen und die Menge von Fialen im Flamboyantstil der Spätgotik bilden einen Kontrast zum symmetrischen Aufbau des Anwesens im Stil der Renaissance.

Der zentrale doppelläufige Wendelstein des Corps de Logis

Der Grundriss ist regelmäßig: Das Corps de Logis, das auch oft als Donjon bezeichnet wird, hat die Grundform eines Quadrates, dessen Ecken in je einem Turm aufgehen. Die Mitte dieses Quadrates bildet das bis oben hin offene Treppenhaus, das durch eine riesige bis zum Dach durchlaufende doppelläufige Treppe beherrscht wird. Diese Treppenanlage mündet in eine ziboriumähnliche offene Laterne. Möglicherweise geht die für die Bauzeit einmalige doppelläufige Treppe auf eine Idee Leonardo da Vincis zurück. Von diesem Wendelstein gehen auf jeder Etage kreuzförmig und orthogonal zu den Seiten des Quadrates vier große Korridore ab. In den Ecken des Quadrates, also linker und rechter Hand jedes Korridors, befinden sich Appartements, d. h. abgeschlossene Wohnungen für je eine Person, bestehend aus Vorzimmer, Zimmer und Kabinett oder Garderobe. Auch in jedem der Türme befindet sich pro Etage ein solches Appartement, sodass sich auf jeder Etage insgesamt acht Wohnungen befinden (vier in den Ecken und vier in den Türmen). Das Corps des Logis wird von zwei Galerieflügeln flankiert, die in zwei weiteren Türmen enden (der westliche beherbergt die Schlosskapelle), die wiederum zwei der Eckpunkte der gesamten Anlage bilden. Hofseitig ist das Schloss von drei niedrigen Wirtschaftsflügeln umgeben, deren entgegengesetzte Ecken durch niedrige Turmstümpfe betont werden.

Einer der vier Kachelöfen aus Fayence, deutlich erkennbar die Kartusche am Kranzgesims mit dem sächsischen Wappen

Das architektonisch konsequente und allein gestalterischen Gesichtspunkten unterworfene Konzept des Schlosses lässt jedweden Wohnkomfort vermissen. Die Innenräume werden zum Teil durch offene Galerien an den Außenwänden verbunden, die großen Räume ließen sich durch die Kamine kaum erwärmen. Dennoch sind die (wenigen) sanitären Einrichtungen von erstaunlicher Raffinesse: die den Unrat in den Keller führenden Latrinen werden wie das große Fäkaliensammelbecken über vom Keller bis auf das Dach führende Lüftungsschächte entlüftet, in denen der über die dachseitigen Öffnungen streichende Wind einen Unterdruck erzeugt und somit die Gase und Gerüche über des Dach abführt. Unter Moritz von Sachsen wurden einige Umgestaltungen an den Innenräumen vorgenommen, die nicht nur im Geschmack der Zeit neu dekoriert wurden, sondern durch hohe Kachelöfen aus Sachsen nun auch besser zu beheizen waren.

Symbolik[Bearbeiten]

Der Neubau des Renaissanceschlosses war ein Bauwerk von rein symbolhafter Bedeutung; prächtig, aber im Prinzip unbewohnbar. Die Baugestalt wurde durch die Beschreibung des auf die Erde herabkommenden Neuen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes inspiriert. Das gigantische Schloss blieb immer nur prachtvoller Ausdruck einer gescheiterten Idee von einem neuen, glanzvollen Heiligen Römischen Reich unter der Vorherrschaft Frankreichs.

Die scheinbare Wehrhaftigkeit war ohne jede verteidigungstechnische Bedeutung. Auch die Grundstruktur des Bauwerks spiegelt das mittelalterliche Denken wider. Der massive Unterbau symbolisiert die (irdische Welt) mit dem Achsenkreuz der vier Himmelsrichtungen, in dessen Kreuzungspunkt die (in Form der doppelläufigen Treppe) Weltenachse die Unterwelt mit der irdischen und der überirdischen Welt verbindet. Sie endet in der beherrschenden Laterne, die sowohl Christus (daher die Tabernakelform) als auch (durch das Monogramm Franz I. und die königliche Lilie) seinen irdischen Stellvertreter symbolisiert. Darauf erhebt sich eine dem Irdischen entrückte Dachlandschaft aus Zinnen, Türmchen, Kaminen, Giebeln und Gauben (stellvertretend für Klerus und Adel?). Im Turm befinden sich zwei Zimmer. Überall findet sich symbolhaft das „F“, die Verschmelzung von Franz und Frankreich, sowie der Feuer speiende und vom Feuer umgebene Salamander, das Wappentier des Königs und Verkörperung des Mottos „Ich ernähre mich davon und ich lösche es aus“ (lat. Nutrisco et extinguo, frz. Je m’en nourris et je l’éteins) – Franz I. Idee des im und vom Feuer lebenden Feuersalamanders – übertragen: Leben vom guten Feuer (Geist) – Vernichten der schlechten Feuer.

Blick vom Corps de Logis in das Wald- und Jagdgebiet

Park und Jagdgebiet[Bearbeiten]

Das Schloss befindet sich auf einer rechteckigen Grundfläche von 156 mal 117 Metern, die nach mittelalterlichem Vorbild von Wassergräben bzw. von der hier kanalisierten Cosson, einem Nebenfluss der Loire, umflossen wird. Der Haupt- und der Hoffassade liegen große schlichte Rasenparterres vor, und der Schlossbereich führt weiträumig in die Landschaft. Das Schloss und der Park sind von einer 32 Kilometer langen Mauer umgeben, nach damaliger Messung acht Wegstunden lang. In dem dazugehörigen Wald inszenierte Franz I. seine Parforcejagden, bei denen Wildschweine und Hirsche zu Tode gehetzt wurden. Das Jagdgebiet war mit 5.433 Hektar fast so groß wie die Fläche von Paris.

Literatur[Bearbeiten]

  • Claudine Lagoutte: Das Loire-Schloß Chambord. Ed. Geißelbr., Lübeck 1986, ISBN 3-89031-094-X.
  • Wolfgang Metternich: Schloss Chambord an der Loire. Der Bau von 1519–1524. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, ISBN 3-534-01580-0.
  • Wolfgang Metternich: Schloss Chambord an der Loire – Elemente des Burgenbaus in einem Schloss an der Loire. In: Hartmut Hofrichter (Hrsg.): Die Burg – ein kulturgeschichtliches Phänomen. (=Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V., Reihe B, Schriften Band 2 und Sonderheft Burgen und Schlösser). Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1134-5, S. 110–118.
  • Manfred Franz: Geschichte und Ikonologie des Schweriner Schlosses. (Kunstgeschichtlicher Teil der Restaurierungskonzeption, Typoskript. 8 Bd.). erarbeitet im Auftrag des Landtages Mecklenburg-Vorpommerns und der Stiftung Denkmalschutz, einsehbar – nicht ausleihbar – u. a. in der Landtagsbibliothek MVPs und der Bibliothek des Schweriner Schlossmuseums (fälschlich unter dem Titel „Baugutachten“). Darin: Kapitel über Schloss Chambord und umfangreiche Literaturangaben u. a. zur Omphalos-Thematik.
  • Rainer G. Richter: Die Öfen des Dresdener Kunstgewerbemuseums. Eine kleine Museums- und Ofengeschichte in Sachsen. In: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. 35. 2009, Dresden 2011, S. 8–27 (speziell S. 20 und 21).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schloss Chambord – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. wissen.de: Schloss Chambord an der Loire
  2.  Rainer G. Richter: Die Öfen des Dresdener Kunstgewerbemuseums. Eine kleine Museums- und Ofengeschichte in Sachsen. In: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 35. Dresden 2011, S. 20f.
  3. Ausstellung Made in Chambord im Schloss
  4. whc.unesco.org
  5. Zitat von Chateaubriand

47.6159722222221.5172222222222Koordinaten: 47° 36′ 57″ N, 1° 31′ 2″ O