Das Slawische Epos

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Drei Bilder des Slawischen Epos von Alfons Mucha, 2012 im Prager Messepalast ausgestellt.

Das Slawische Epos, im Originaltitel: Slovanská Epopej ist ein Gemäldezyklus des tschechischen Malers Alfons Mucha. Es besteht aus 20 großformatigen Tempera-auf-Leinwand-Bildern, die in den Jahren 1911 bis 1928 entstanden.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Der Zyklus kann inhaltlich in die Motive Allegorie, Religion, Militär und Kultur aufgeteilt werden.[2] Die Gemälde sind durch die – auf fotografischen Vorlagen beruhenden – Figuren collagenartig, und nicht klassisch aufgebaut.[3] Sie zeigen eine deutliche Konzentration Muchas auf die tschechische Geschichte[4] und deren protestantische Linie[5]. Mucha widmete seinem Volk nämlich zehn Bilder, also genau die Hälfte des Slawischen Epos. Die übrigen zeigen drei allgemeinslawische, zwei russische und je ein bulgarisches, ein serbisches, ein kroatisches und ein polnisches Thema. Doch sogar in den Motiven der anderen Länder sind häufig tschechische Gestalten oder Hinweise versteckt.[6] Den Abschluss, den 20. Teil, bildet das alles zusammenfassende Gemälde „Apotheose“ (Verherrlichung). Dieses Werk entstand auch zeitlich als letztes des Epos.

Motive[Bearbeiten]

Alfons Mucha: Nach der Schlacht von Grünwald, 1924

Die Titel der einzelnen Bilder lauten:[7]

  • 1) Die Slawen in ihrer Urheimat;
  • 2) Die Svantovit-Feier auf der Insel Rügen;
  • 3) Die Einführung der slawischen Liturgie;
  • 4) Simeon, der Zar der Bulgaren;
  • 5) Ottokar II., König von Böhmen;
  • 6) Die Krönung des Stephan Duschan, König der Serben;
  • 7) Militsch von Kremsier;
  • 8) Nach der Schlacht bei Grünwald;
  • 9) Die Predigt des Meister Johann Hus in der Bethlehem-Kapelle;
  • 10) Das Zusammentreffen der ersten Hussiten „Na Krizkach“ bei Beneschau;
  • 11) Nach der Schlacht auf dem Berge Vitkov;
  • 12) Petr Chelcicky bei Vodnany;
  • 13) Georg von Podiebrad, König der Hussiten;
  • 14) Das Opfer des croatischen ban Nikolas Zrinsky in Sziget;
  • 15) Der Druck der Kralischen Bibel in Eibenschütz;
  • 16) Die letzten Tage des Comenius in Naarden;
  • 17) Der heilige Berg Athos, das Ziel der ostslawischen Pilger;
  • 18) Der Eid der slawischen Jugend;
  • 19) Die Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland;
  • 20) Apotheose. Das Slawentum für die Menschheit.
Die Slawen in ihrer Urheimat

Die Slawen in ihrer Urheimat[Bearbeiten]

Das Bild zeigt den Adam und die Eva der Slawen, dargestellt als unschuldige verängstigte Bauern. Im Hintergrund plündern Horden eine slawische Stadt. Die irdische Szene ist mit einem heidnischen Priester kontrastiert. An dessen Seite sind ein junger Mann, der den gerechten Krieg und eine junge Frau, die Frieden symbolisiert, zu sehen. Mucha zeigt die Slawen als Metapher für Frieden, die die Bedeutung von Freiheit erst erlernen muss.[8]

Die Svantovit-Feier auf der Insel Rügen[Bearbeiten]

Mucha ließ sich von baltischen Slawen und ihrem Svantovit-Kult inspirieren. Rügen widerstand lange Zeit der Christianisierung. Das Bild zeigt das jährliche Erntefest, in dem mit Opfern den Göttern gehuldigt und der Priester mit den Göttern kommunizierte. Im oberen Teil des Bildes ist der germanische Gott Thor und seine Wölfe zu sehen, die die baltischen Slawen unterwerfen. Svantovit selbst erhebt das Schwert gegen die Germanen.

Absicht[Bearbeiten]

Mit den Gemälden wollte Mucha die Liebe zu seinem Volk, verbunden mit einer Vision der Menschheit, bekunden.[9] Der Künstler selbst sagt über die ihm zugrundeliegenden philosophischen Absichten: „Der Zweck meines Werkes bestand […] im Aufbauen, im Brückenschlagen, denn uns alle muss die Hoffnung nähren, daß die gesamte Menschheit sich näher kommt, und zwar um so leichter, wenn sie sich gegenseitig kennenlernt.“[10]. Nationale Epen gibt es bei fast jedem Volk, die Gattung unterstreicht die „erzählerischen und episodischen Elemente“ einer Kultur, „alle Epen haben jedoch bei aller Vielfalt ein ganz bestimmtes, gemeinsames inneres Modell […]: das Vertrauen in den geistigen und humanen Fortschritt der Menschheit“[11]. Der Zyklus steht offensichtlich dem panslawischen Ansatz nahe, welcher eine kulturelle, geschichtliche und ideelle Verbundenheit in der slawischen Welt erreichen wollte, faktisch jedoch Utopie blieb.[12]

Entstehung[Bearbeiten]

Mucha bei der Arbeit zum Slawischen Epos
Plakat zur Ausstellung in Brünn, 1930

Muchas populäres und lukratives dekoratives Schaffen als „Gebrauchskünstler“, vor allem sinnliche weibliche Allegorien darstellend, füllte ihn nicht aus: In seiner Spätphase löste er sich von der kommerziellen Kreativität, um sich der Verwirklichung seines eigentlichen fortwährenden Anliegens zu widmen: Auf „dem Gipfel seines Erfolges, keimte in Mucha die Sehnsucht, mit der bisherigen Diensthaftigkeit seiner Kunst zu brechen und den unaufhörlichen Strom von Aufträgen […] anzuhalten“.[13] Die Idee zum Slawischen Epos war Mucha 1899 beim Entwerfen des Pavillons für Bosnien-Herzegowina für die Pariser Weltausstellung 1900 gekommen.[14] Im Anschluss muss er für seine Recherche viel durch die slawischen Länder gereist sein. Seine Inspirationsquellen suchte er in Fachliteratur und Debatten mit Historikern, Architekten sowie Folkloristen.[15] Realisiert werden konnte das SE durch die finanzielle Deckung des mit Mucha befreundeten, slawophilen Millionärs Richard Crane.[16] Der amerikanische Großindustrielle bezahlte alle benötigten Ressourcen, nicht bloß die Malutensilien, sondern auch die Miete für die Arbeitsstätte, welche auf Grund der riesigen Leinwände im Schloss Zbiroh in Westböhmen, gelegen war. Das Slawische Epos war nicht bloß im Unterschied zu Muchas vorherigem, dekorativem Schaffen tatsächlich unkommerziell, sondern besonders auch in eben jener Hinsicht, dass es nach seiner Fertigstellung und Präsentation 1928, der Stadt Prag kostenfrei übergeben wurde.[17] Mucha selbst sagte, die Arbeit „hielt ich für meine heilige Pflicht, und habe daher auch keinen Verdienst daran und sie sollte auch keine bezahlte Arbeit sein“[18]. Er stellte jedoch die Bedingung, dass in Prag ein eigener Pavillon für das Slawische Epos gebaut werden sollte.[19]

Rezeption[Bearbeiten]

Mucha schätzte das Slawische Epos zweifelsohne selbst viel höher als seine vorherigen, dekorativen Werke und schlug mit dem Slawische Epos eine Kehrtwende ein, wurde ernsthaft. Während das Slawische Epos im Ausland (dabei besonders in den USA) gefeiert und gelobt worden ist, wurde es in der damaligen Tschechoslowakei verspottet und abgelehnt.[20] Das Slawische Epos war oder wirkte damals unmodern und „sogar unangebracht“.[21] Dies lässt sich wohl aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein der Fertigungszeit heraus erklären; denn Mucha gehörte sowohl dem 19., als auch dem 20. Jahrhundert an und ist entsprechend, vor allem in seiner zweiten Lebenshälfte, nicht so leicht in eine feste Kunstepochen-Kategorie einzuordnen. Die militärischen Bilder sind sehr bewusst völlig gewaltfrei gehalten, und ebendiese unblutige Darstellung könnte als Ursache dafür herangezogen werden, dass sich auch „nationalistische Kreise nie wirklich für dieses ‚Nationalepos‘ begeistern konnten“[22]. Selbst „die Prager international orientierte Avantgarde hatte es […] verworfen“[23]. Lange wurde der Gemäldezyklus weltweit von der Forschung ignoriert, weil er „endgültig außerhalb der Kunstgeschichte“[24] stand.

Ausstellung[Bearbeiten]

Ab 1928 waren die Bilder im Prager Messepalast ausgestellt.[25] Danach waren sie für die Öffentlichkeit längere Zeit nicht zugänglich. Erst ab 1963 konnten die Bilder im Schloss Moravský Krumlov wieder präsentiert werden. Seit 2012 (bis voraussichtlich Mitte 2014) sind alle Gemälde in Prag in der Messepalastgalerie ausgestellt. Doch die Verhandlungen und Diskussionen um den Standort gehen weiter und spiegeln sich in tschechischen Pressemeldungen wider.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karel Srp (Hrsg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Kunsthalle Krems, Krems 1994, ISBN 3-901261-01-X.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 22.
  2. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 25f.
  3. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 34.
  4. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 26.
  5. Vgl. Kachlikova, M.: Spezial - Slawisches Epos: Alfons Muchas Vision der slawischen und tschechischen Geschichte. Radio Praha 2012. Online verfügbar unter www.radio.cz/de/artikel/149148 (Abruf 8. September 2012).
  6. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 27.
  7. Vgl. Srp, Karel (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 62.
  8. Alfons Mucha Slovanská epopej. Museumsführer der Messepalastgallerie
  9. Vgl. Mucha, G.; Mucha, J.: Zum Projekt. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 7.
  10. Mucha, A.: Einführung. 1928. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 63.
  11. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 37.
  12. Vgl. Vyslonzil, E.: Alfons Muchas "Slawisches Epos" vor dem Hintergrund des Panslawismus tschechischer Prägung. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1944, S. 155.
  13. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 22.
  14. Vgl. http://www.muchafoundation.org/gallery/themes/theme/slav-epic/object/231
  15. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 24f.
  16. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 22-24.
  17. Vgl. http://www.muchafoundation.org/gallery/themes/theme/slav-epic/object/231
  18. Mucha, Alfons: Einführung. 1928. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 63.
  19. Vgl. Kachlikova, M.: Spezial - Slawisches Epos: Alfons Muchas Vision der slawischen und tschechischen Geschichte. Radio Praha 2012. Online verfügbar unter www.radio.cz/de/artikel/149148 (Abruf 8. September 2012).
  20. Vgl. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 22.
  21. Bydzovska, L.; Srp, K.: Orbis pictus Alfons Mucha. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 22.
  22. Denk, W.: Mythen, historische Imaginationen und humanistische Botschaft. Das Slawische Epos - ein Nationalepos - aus heutiger Sicht. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 13.
  23. Denk, W.: Mythen, historische Imaginationen und humanistische Botschaft. Das Slawische Epos - ein Nationalepos - aus heutiger Sicht. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 11.
  24. Petricek, M.: Mucha zwischen den Zeiten. In: K. Srp (Hg.): Alfons Mucha. Das slawische Epos. Krems-Stein 1994, S. 19.
  25. Vgl. Kachlikova, M.: Spezial - Slawisches Epos: Alfons Muchas Vision der slawischen und tschechischen Geschichte. Radio Praha 2012. Online verfügbar unter www.radio.cz/de/artikel/149148 (Abruf 8. September 2012).