Staroschwedske

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Lage des Ortes

Staroschwedske (ukrainisch Старошведське, früher Werbiwka/Вербівка; schwedisch Gammalsvenskby, deutsch historisch Altschwedendorf) war ein Dorf und ist heute der nordöstlichste Gemeindeteil in der Gemeinde Smijiwka, welche sich in der südukrainischen Oblast Cherson befindet. Dieses wurde von schwedischen Siedlern 1782 gegründet. Auch heute lebt noch eine kleine Minderheit von Schweden in dem Dorf, welche auch noch die schwedische Sprache sprechen. Darüber hinaus gibt es dort eine Gemeinde der deutsch-lutherischen Kirche in der Ukraine.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten]

Die schwedischen Gründer des Dorfes waren ursprünglich Estlandschweden aus dem Reigi[1]bezirk von der Ostseeinsel Dagö (Hiiumaa). Dieses Gebiet, welches heute zu Estland gehört, war mehrere Jahrhunderte unter schwedischer Hoheit gewesen, bevor es im Nordischen Krieg vom Russischen Reich einverleibt wurde.

In der Folge kam es zu Konflikten mit den russischen Behörden, da die bis dahin freien Bauern keine Leibeigenen werden wollten. Unter Katharina der Großen siedelten sie in die damals gerade vom Russischen Reich eroberte heutige Südukraine um, wo fruchtbares Land und Privilegien versprochen waren, wodurch sie nicht als Leibeigene arbeiten mussten. Allerdings ist es umstritten, ob die Bauern letztendlich angesichts der schlechten Perspektiven in der alten Heimat mehr oder weniger freiwillig aufbrachen oder ob sie gezwungen wurden.

Bei dem Fußmarsch in die neue Heimat, welcher von August 1781 bis Mai 1782 dauerte, verloren viele der etwa 1.000 aufgebrochenen Einwohner ihr Leben. Nachdem sie in Steppengebieten angekommen waren, ließen sie sich zirka 15 km östlich der Stadt Beryslaw an den Ufern des Dneprs nieder. Allerdings fanden sie von den ursprünglich versprochenen Häusern keine Spur. In der Folge verlor eine noch größere Gruppe (336)[2] ihr Leben, so dass im März 1783 nur noch 135 Personen am Leben waren.

Bis zur russischen Revolution[Bearbeiten]

die ehemalige renovierte Schwedische Kirche in Gammalsvenskby

In der Folge kamen deutsche Kolonisten in diese Region, welche 1804 in der Nähe von Gammalsvenskby drei Dörfer gründeten: Schlangendorf, Mühlhausendorf und Klosterdorf. Heute gehören alle diese Orte zu der ukrainischen Gemeinde Smijiwka. Deren Name ist vom deutschen Dorf Schlangendorf abgeleitet.

Da die deutschen Kolonisten zahlreicher waren, war es in den folgenden Jahren für die Schweden sehr schwierig, ihre Kultur zu bewahren, da viele Priester und Lehrer Deutsche waren. Auch kam es zu Konflikten zwischen Deutschen und Schweden um freie Ackerböden, welche aufgrund der Zuwanderung zunehmend knapper wurden.

Auch wenn die Bewohner des Dorfes für etwa ein Jahrhundert keinen Kontakt zu ihrer schwedischen Heimat hatten, so konnten sie dennoch ihre Traditionen und den lutherischen Glauben bewahren. Darüber hinaus bewahrten sie in dieser schwedischen Sprachinsel auch einen alten schwedischen Dialekt.

Ende des 19. Jh. wurden wieder Kontakte zur schwedischen Heimat aufgenommen. Es wurde in Schweden und Finnland Geld gesammelt, womit eine schwedische Kirche gebaut werden konnte, welche 1885 eröffnet wurde. Das Dorf wurde relativ oft von Schweden besucht und Dorfbewohner konnten sogar schwedische Zeitungen im Abonnement beziehen. Im Zuge des Ersten Weltkriegs wurden aber erneut alle Kommunikationskanäle abgeschnitten.

Zwischenkriegszeit[Bearbeiten]

Nach der russischen Revolution baten die Dorfbewohner darum, die Sowjetunion verlassen zu können und sich in Schweden niederzulassen. Dort wurde ihr Anliegen von einer Bewegung mit nationalistischem Anstrich unterstützt, welche von dem Erzbischof Nathan Söderblom unterstützt wurde. Am 1. August 1929 siedelten 900 Dorfbewohner per Sonderzug und Schiff nach Schweden über, wobei nur wenige im Dorf zurückblieben. Dort war ihnen eigentlich versprochen worden, dass sie sich in einem eigenen Dorf niederlassen können. Dieses Versprechen konnte auch aufgrund der Weltwirtschaftskrise nicht erfüllt werden.

Etwa 100 ehemalige Bewohner gingen von Schweden aus nach Kanada, wo bereits einige Emigranten aus Gammalsvenskby siedelten; die meisten nach Manitoba. Rund 250 kehrten nach Gammalsvenskby zurück, die zusammen mit Mitgliedern der schwedischen Kommunistischen Partei die kleine Kolchose Sjvedkompartija gründeten.

Gedenkstätte der Opfer von 1937/38

Stalinistischer Terror und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Nachdem das Dorf 1932/33 ebenfalls von der schweren Hungersnot im Zuge der Kollektivierung betroffen war, bei der auch in diesem Dorf viele das Leben verloren, wollten einige wieder nach Schweden zurückkehren. So wurde eine Liste mit auswanderungswilligen Dorfbewohnern aufgestellt. Dies führte dazu, dass etwa 20 von der Geheimpolizei GPU verhaftet wurden. In der Folge verloren weitere Dorfbewohner im Zuge des stalinistischen Terrors ihr Leben.

Als das Dorf im August 1941 von den Deutschen erobert wurde, wurden diese als Befreier begrüßt. Mit deren Rückzug 1943 wurden die Schweden zusammen mit den deutschen Bewohnern evakuiert. Die meisten kamen nach Krotoschin im Warthegau, wo sie letztendlich doch unter sowjetische Besatzung kamen. Etwa 150 der Dorfbewohner wurden verhaftet und in Gulags gebracht. Sie durften erst 1947 nach Gammalsvenskby zurückkehren. Anderen gelang es, direkt nach Gammalsvenskby zurückzukehren.

das inoffizielle Wappen von Gammalsvenskby, erstellt von Christopher-Joseph-Ravnopolski Dean

Gegenwart[Bearbeiten]

Mit der Auflösung der Sowjetunion sind die Kontakte zwischen den Dorfbewohnern und Schweden wieder aufgelebt. So erhielten die Dorfbewohner u.a. Unterstützung von der schwedischen Kirche. Heute hat das Dorf etwa 150-200 Einwohner schwedischer Abstammung, allerdings sprechen nur noch wenige den alten schwedischen Dialekt fließend. Zeitweise unterrichtete eine schwedische Lehrerin in der Schule schwedische Sprache. Daneben wurden auch einige Forschungsarbeiten in der Gemeinde durchgeführt.

Söhne und Töchter des Ortes[Bearbeiten]

  • Kristoffer Thomasson Hoas, (1877-1941), Pastor in Gammalsvenskby, organisierte 1928 die Rückführung der Einwohner von Alt-Schwedendorf

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Staroschwedske – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carl Friedrich Wilhelm Russwurm: Eibofolke oder die Schweden an den Küsten Ehstlands und auf Runö, Erster Theil, Reval, 1855, pg. 94
  2. Jörgen Hedman: Gammalsvenskby, The true story of the Swedish settlement in the Ukraine pg. 11

46.87467533.587664Koordinaten: 46° 52′ N, 33° 35′ O