Neurussland

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Dieser Artikel behandelt die historische Region Neurussland; zur 2014 bestehenden ukrainischen Separatistenregion siehe Neurussland (Separatistenregion).
Neurussland 1800
Das Gebiet vor dem Entstehen Neurusslands, 1648, (Süden oben) mit einem breiten Streifen von «Loca deserta» („verlassenen Gegenden“). Am linken Kartenrand links Asow. "Meotis Palus" ist das Asowsche Meer

Neurussland (russisch Новороссия, Noworossija) ist ein historisches Gebiet, das vor allem den Süden der heutigen Ukraine mit dem historischen Gebiet Bessarabien, teilweise auch die Ostukraine sowie Teile Südrusslands umfasst, die am Asowschen und am Schwarzen Meer liegen.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Gouvernement Neurussland wurde mit dem Zurückdrängen der Osmanen und Krimtataren im Jahr 1765 etabliert und bestand bis 1802[1]. Vor der Eingliederung ins Russische Reich war das Gebiet Neurusslands lange Zeit unter Polen-Litauen, dem Osmanischen Reich und dem Russischen Reich umstritten gewesen. Dies und die regelmäßigen Überfälle der Tataren des Krimkhanats und der Nogaier-Horde hatten zur Folge, dass diese Steppengebiete trotz ihrer fruchtbaren Schwarzerde nur gering besiedelt waren und den Namen „Wildes Feld“ trugen. Der nördliche Teil der Provinz Neurussland wurde jedoch ab dem 16. Jahrhundert zum Land der Saporoger Kosaken, flüchtiger ruthenischer Bauern aus Polen-Litauen, die dort kurzfristig das Kosaken-Hetmanat errichteten. Von dort überfielen und verwüsteten sie ihrerseits das Hinterland der osmanisch-tatarischen Küstenstädte. Das Hetmanat schloss sich bereits 1654 im Vertrag von Perejaslaw Russland an. Gegen die Kosaken war von den Osmanen das Eyâlet Silistrien eingerichtet worden, das Teile der Gebiete umfasste, die später (wie auch das Krimkhanat) als Neurussland an Russland fielen.

Eine breitangelegte Kolonisierung und Erschließung Neurusslands erfolgte während und nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1768–1774 unter der Führung des tatkräftigen Fürsten Grigori Potjomkin, der von der Kaiserin Katharina der Großen als Feldherr und oberster Verwalter Neurusslands beinahe unbeschränkte Kompetenzen erhielt. Das Land wurde an den russischen Adel verteilt, der Kolonisten aus Zentralrussland mitbrachte. Nicht zuletzt wurden viele ausländische Kolonisten angeworben, überwiegend Deutsche, Serben und Griechen. In kurzer Zeit wurden zahlreiche neue Städte gegründet, darunter Odessa, Noworossijsk, Sewastopol, Jekaterinoslaw (heute: Dnipropetrowsk), Alexandrowsk (heute: Saporischschja), Nikolajew (heute: Mykolajiw), Cherson, Mariupol und andere.

Die Hauptstadt Neurusslands war kurzzeitig Krementschug, später wurde das neugegründete Jekaterinoslaw zum Verwaltungszentrum. Eine besondere Rolle fiel dem Aufbau der Hafenstädte zu, weil Russland auf seinem Drang zu den Meerengen eine leistungsfähige Flotte im Schwarzen Meer brauchte, um die Osmanen weiter zurückzudrängen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts bestand das Generalgouvernement Neurussland-Bessarabien. Odessa entwickelte sich in dieser Zeit zu einem wichtigen Handelshafen und der nach Sankt Petersburg, Moskau und Warschau viertgrößten Stadt des Kaiserreichs. Zum wichtigsten Kriegshafen wurde Sewastopol auf der Krim.

Nach der Russischen Revolution entstanden auf dem Gebiet Neurusslands die kurzlebigen Sowjetrepublik Odessa und Sowjetrepublik von Donezk und Kriwoi Rog, die sich gegen die Ansprüche der ebenso neu entstandenen Ukrainischen Volksrepublik mit der Hauptstadt in Kiew wehrten. Bei der Erschaffung der Ukrainischen SSR durch die Bolschewiki wurde ihr der Großteil des ehemaligen Neurusslands angeschlossen, da Wladimir Lenin und Leo Trotzki die Ukrainer mit großzügigen Territorialgeschenken zu mehr Loyalität bewegen wollten. Damit sollte auch die einheitsrussische Weiße Bewegung geschwächt werden. Im Rahmen der bolschewistischen Nationalitätenpolitik (Korenisazija und Ukrainisierung) wurde der traditionelle Name der Region genauso verboten[2], wie auch der historische Name Kleinrussland für den Norden der Ukraine. 1954 wurde der Ukraine durch Nikita Chruschtschow auch die Halbinsel Krim übergeben, die bis dahin unter der Verwaltung der Russischen SFSR stand.

Als Folge des politischen Umsturzes im Zuge des Euromaidans und der damit verbundenen Proteste in der Südost-Ukraine erfuhr der Begriff in der jüngsten Zeit eine erneute Verbreitung. Aktuell tritt unter diesem historischen Namen die konföderative Union der nicht anerkannten Volksrepublik Donezk und der Volksrepublik Lugansk auf.

Einwanderungspolitik[Bearbeiten]

Die Vormundschaftskanzlei für ausländische Ansiedler in Sankt Petersburg war bis ins Jahr 1766 für die Verwaltung der nichtrussischen Ansiedler zuständig. Danach entstand das Saratower Fürsorgekontor für ausländische Ansiedler in Saratow. Dieser Ansatz bewährte sich und so entstand 1799 das Neurussland-Fürsorgekontor für ausländische Ansiedler und 1803 ein Kontor unter der Leitung des Herzogs von Richelieu für die Siedler im Gebiet von Odessa. 1804 übernahm er zusätzlich noch die Leitung des Neurussland-Fürsorgekontors. Im Jahr 1818 beaufsichtigte das Neurussland-Fürsorgekontor 84 Kolonien mit 17.000 Bewohnern und das Kontor in Odessa 44 Kolonien mit 15.500 Bewohnern.

1818 wurde die Verwaltung der Siedler reorganisiert und das Fürsorgekomitee für ausländische Ansiedler in Südrussland in Cherson gegründet, welches drei Niederlassungen in den Gouvernements Jekaterinoslaw (heute: Dnipropetrowsk), Cherson (mit Odessa) und Bessarabien hatte, welche jeweils die wirtschaftlichen und rechtlichen Probleme in ihrem Gebiet regelten. Das Komitee bestand bis 1871 bis zur Abschaffung der Privilegien für die Kolonisten. Siedler wurden unter anderem auch im deutschsprachigen Raum angeworben, daraus entstanden die in verstreuten Ortschaften lebenden Schwarzmeerdeutschen. Viele Siedler in die Steppe Neurusslands westlich des Dnepr und südlich von Krementschug waren polnische Juden. Sie kamen vor allem von 1839 bis 1882 aus dem Gebiet des heutigen Weißrussland östlich von Mogilew am Dnepr, das durch die erste Teilung von Polen-Litauen im Jahre 1772 russisch geworden war.[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. С. А. Тархов Изменение административно-территориального деления России за последние 300 лет // газета «География». — М.: ИД «Первое сентября», 2001
  2. Дергачёв В. А. Геополитическая трансформация украинского Причерноморья. Научные труды в семи книгах. — 1-е. — Издательский дом профессора Дергачёва. — Т. 7.
  3. Elk, Julius: Die Jüdischen Kolonien in Russland, Georg Olms Verlag, 1970