Steinmetzzeichen

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Steinmetzzeichen aus Frankreich an der Burg Coucy.
Spanische Steinmetzzeichen in Samachona (Kantabrien)
Steinmetzzeichen aus England (Fountains Abbey)
Gipsabdrücke arabischer Steinmetzzeichen in der Mezquita de Córdoba.

Ein Steinmetzzeichen ist eine im Mittelalter übliche Markierung, die Steinmetzen auf ihrer Arbeit anbrachten. Die Steinmetzzeichen gehören ebenso wie Meisterpunze, zu den Zeichen, mit denen Handwerker ein Objekt als ihr Werk kennzeichneten. Das Zunftzeichen steht für einen Berufszweig. An vielen alten Bauten, vor allem an Kirchen, sind heute noch die Steinmetzzeichen zu erkennen, auch aus der Antike sind ähnliche Zeichen bekannt.

Allgemeines[Bearbeiten]

Die wahrscheinlichste Erklärung für Steinmetzzeichen ist, dass durch das Zeichen ein behauener Stein als das Werk eines bestimmten Steinmetzen (oder auch einer bestimmten Familie, Sippe oder Werkstatt) erkennbar war und dies die Abrechnung für die gelieferten Werksteine erleichterte. Eine Erklärung für den Zweck der Steinmetzzeichen anhand einer „Stapel-Theorie“, die von Karl Friederich stammt, ist bis heute in der Forschung gültig und die Bedeutung der Steinmetzzeichen wird im praktischen Bereich der Organisation der jeweiligen Baustelle selbst gesehen: „Der Steinmetz stapelte die gefertigten Quader in der Nähe seines Arbeitsplatzes auf und bei der Steinaufnahme am Zahltagsabschluß erhielten einzelne Steine, vielleicht die ganze oberste Schicht, das Zeichen.“[1] Die heutige Steinmetzzeichenforschung stimmt überein, dass diese meist geometrischen, auch monogrammartigen Zeichen als Gütezeichen zu Abrechnungszwecken Verwendung fanden. Ein nicht geklärter Widerspruch verbleibt, denn an manchen Werksteinen sind mehrere Steinmetzzeichen angebracht.
Die Steinmetzzeichen sind für moderne Archäologen eine wichtige Orientierungshilfe. Sie lassen Rückschlüsse auf die Baugeschichte und die Organisation auf einer historischen Baustelle zu.

Steinmetz- und Meisterzeichen[Bearbeiten]

Typisches gotisches Steinmetzzeichen an einem Profil

Werkmeister-, Baumeister- oder Meisterzeichen wurden an betonten Stellen in Wappenschilden oder an Baumeisterbildnissen selbst angebracht. Der Beginn der Entwicklung des Steinmetzzeichen wird als „Künstlersignatur“ bereits im 12. Jahrhundert angesehen: Funde an der Kathedrale von Lyon aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zeigen charakteristische Profile der Steinmetzen. Die erste bekannte „Künstlersignatur“ des Gislebertus taucht als Inschrift zwischen 1130 und 1140 am Westportal der Kathedrale von Autun auf. Meisterzeichen der Gotik sind teilweise von einem Wappenschild umschlossen.

Versatzzeichen bzw. Versetzzeichen[Bearbeiten]

Persönlich gebundene Steinmetzzeichen sind von ähnlich aussehenden, seit der Antike verwendeten „Versetz-“ oder Versatzzeichen“, „Setzmarken“ oder „Versatzmarken“ und im Speziellen von den „Höhenschichtenzeichen“ zu unterscheiden. Sie erfüllten eine rein bautechnisch bedingte Aufgabe. Meist wurden sie aus Zahlen, Buchstaben und einfachsten geometrischen Formen gebildet, die mit der Reihenfolge beim Versetzen der Steine zu tun hatten und sich in Gestalt und Systematik grundlegend von den Steinmetzzeichen unterschieden. Der heutigen Forschungsstand kann abschließend nicht klären, ob Steinmetzzeichen formal von Versatzzeichen zu unterscheiden sind und ob eine sichtbare oder im Steinverband verborgene Anbringung zu einer Unterscheidung beiträgt.

Steinbruchmarken[Bearbeiten]

Steinbruch-, Bruch-, Bau- oder Lieferantenmarken“ wurden als „Herkunftszeichen der Steinbrüche“ verwendet und dienten bereits in der griechischen und römischen Antike als Ursprungszeichen und Kontrollmarke bei der Abnahme des Materials durch den Bauherrn. Ausgrabungen an alten Steinbrüchen zeigen, dass Quader selbst in mittelalterlicher Zeit bereits am Steinbruch von professionellen Steinmetzen bearbeitet worden waren. Diese oft flüchtig ausgearbeiteten Zeichen wurden jedoch meistens im Laufe späterer Bearbeitungsschritte weggemeißelt.

Geschichtliche Entwicklung der Steinmetzzeichen[Bearbeiten]

Ägyptische Steinmetzzeichen[Bearbeiten]

Die ältesten Steinmetzzeichen finden sich in Ägypten. Sie wurden an einem Grabmal aus dem Jahre etwa 2450 v. Chr. entdeckt und ergeben – in der richtigen Reihenfolge gelesen – einen Satz. Es handelte sich hierbei um Steinbruch- oder Versatzmarken, die zumeist von eigenen Schreibern angeschlagen wurden und entweder die Herkunft des Materials aus einem bestimmten Steinbruch oder die Zugehörigkeit zu einer gewissen Baustelle kennzeichnen sollten.

Steinmetzzeichen der Phönizier und Perser[Bearbeiten]

Phönizische Steinmetzzeichen sind aus Sidon, Baalbek und Damaskus bekannt und die ältesten persischen Steinmetzzeichen wurden in Ekbatana und Persepolis gesichtet (ca. 700 v. Chr.). Sie sind groß, grob eingehauen und formal nicht mit griechischen und römischen Zeichen zu verwechseln. Ähnlich wie die ägyptischen Male waren auch diese Zeichen Arbeitsmarken, die auf Grund eines leistungsbezogenen Abrechnungsmodus von professionellen Steinmetzen selbst eingeschlagen wurden.

Steinmetzzeichen in Mesopotamien[Bearbeiten]

Die mesopotamische Bauweise kannte zunächst nur luftgetrocknete oder gebrannte Lehmziegel, die mit Ziegelstempeln und Pechmarken gekennzeichnet wurden.

Steinmetzzeichen der Griechischen und Römischen Antike[Bearbeiten]

Griechische Zeichen, die formal griechischen Buchstaben entsprechen, wurden in Troja, Pergamon und Olympia an Bauwerken gefunden.

Dagegen waren Römische Steinmetzzeichen in grober und weniger sorgfältiger Technik, meist in geraden Linien in der Größe zwischen 20 und 25 cm ausgeführt und bieten keinen persönlichen Bezug zum Steinmetz.

Weitere römische Zeichen fand man in großer Zahl an der Porta Nigra in Trier (2. Jahrhundert n. Chr.).

Frühes Christentum[Bearbeiten]

Aus altchristlich-byzantinischer Zeit (4. bis 7. Jahrhundert n. Chr.) wurden Steinmetzzeichen u.a. an der Zisterne von Birbindirek (550 n. Chr.) und an der Hagia Sophia (532 bis 537 n. Chr.) entdeckt. Diese Zeichen waren wohl Namensabkürzungen, die die Grundlage zur Abrechnung bildeten.

Steinmetzzeichen in der Vorromanik und Romanik[Bearbeiten]

Mit dem eigentlichen Beginn der abendländischen Architektur, als sich die Vorromanik in karolingischer Zeit durchsetzte, tauchen auch die Steinmetzzeichen im deutschen Reich auf. Es sind Kirchenbauten und keine Burgen gewesen, an denen die ersten Zeichen angeschlagen wurden[2]

Anhand der Steinmetzzeichenfunde ist an der Klosterkirche Murbach, der Klosterkirche Knechtsteden, der Klosterkirche Maulbronn und am Dom zu Gurk ein fast gleichzeitiges Auftreten im staufischen Herrschaftsgebiet gegen Mitte des 12.Jahrhunderts feststellbar.

In Frankreich traten Steinmetzzeichen bereits im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts auf. Im irischen Raum sind sie nach 1167 in Zusammenhang mit der Anglo-Normannischen Invasion zu beobachten.

Für Spanien berichtete George Edmund Street von frühen Steinmetzzeichen unter anderem an den Kathedralen von Salamanca (um 1178 vollendet) und Lugo (1129–1177). [3]

Gotische Steinmetzzeichen[Bearbeiten]

Architekt Leopold Oelenheinz in gotisierter Darstellung (ca. 1900) in der Marienkirche Königsberg (Bayern) mit Steinmetzzeichen (links unten)

Schriftliche Regelungen über Steinmetzzeichen in den Hüttenordnungen[Bearbeiten]

Einzig die Rochlitzer Ordnung von 1462 setzte sich als Abschrift der Hauptordnung im Art. 69 detaillierter damit auseinander und weist auf den Missbrauch der Steinmetzzeichen hin: „Welcher geselle nicht hulffe bithet, seinen stein auss oder ein zuwenden, brengen oder umbzuwenden, wen es not ist, oder sein zeichen auschlecht ob er recht gemacht sey, aber es soll geschehen, ehe man dem den stein besihet, das er in das leger komet ungefraget oder vordiget ungefinget (!), der sol geben zu busse ein halb pfund wachs.“ In der Strassburger Hauptordnung, die als die zentrale Hüttenordnung der Gotik gilt, wurden die Steinmetzzeichen nicht erwähnt.

Das Steinmetzzeichen entwickelte sich scheinbar im Laufe der Zeit auch zu einem „Ehrenzeichen“.

Darauf, ob Zeichen ausschließlich von ausgelernten Steinmetzen angeschlagen wurden, bezieht sich Art. 30 der Rochlitzer Ordnung. Er räumte die Erlaubnis ein, einem Lehrling noch vor Beendigung seiner Lehrzeit ein Zeichen zu verleihen, damit dieser auf Wanderschaft gehen konnte. Dies deutet wiederum darauf hin, dass man sehr wohl Wert darauf legte, ein Zeichen zu besitzen, welches allerdings kein Beweis für eine absolvierte Lehrzeit war.

Meister- oder Gesellenstücke dürften nicht als Grundlage für die Zeichenverleihung gedient haben.

Steinmetzzeichen in gotischen Hüttenbüchern[Bearbeiten]

Das Admonter Hüttenbuch in der Steiermark vermerkt die jeweiligen Steinmetz- oder Meisterzeichen. Für das österreichische Gebiet sind weiters das Tiroler Bruderschaftsbuch, die Gründungsurkunde und ein Nekrolog einer Kärntner Bruderschaft, die Thanner und Klagenfurter Ordnung, das Tamsweger Bruderschaftsverzeichnis sowie weitere Abschriften erhalten geblieben. Überall sind die Meister und Gesellen jedoch nur namentlich vermerkt.

Steinmetz- oder Versatzzeichen auf gotischen Bauzeichnungen[Bearbeiten]

Nicht selten finden sich „Steinmetzzeichen“ auch auf alten Bauzeichnungen eingetragen, so auf den Rissen der Bauhütte des Ulmer Münsters und dem Skizzenbuch von Villard de Honnecourt (1220/1230). Neuere Forschungen, die u.a. H. Deneux an der Kathedrale von Reims anstellte, lassen jedoch vermuten, dass es sich hier um Versatzzeichen gehandelt haben muss. Alois Kieslinger wiederum verglich die Werkzeichnung der Kanzel des Wiener Stephansdomes, an der die unterschiedlichen Segmente durch Versatzzeichen nummeriert wurden, mit den tatsächlichen Kanzelbauteilen, an denen sich heute jedoch richtige Steinmetzzeichen befinden. Dafür konnte Kieslinger keine befriedigende Erklärung finden.[4]

Teilweise wurden Architekturzeichnungen sogar mit Steinmetz- oder Meisterzeichen „signiert“. Peter Pause mahnte bei mit Monogrammen, Namen, Steinmetzzeichen und Jahreszahlen versehenen Zeichnungen zu Vorsicht bei der Interpretation, da nicht vorausgesetzt werden kann, dass diese vom Zeichner selbst stammen.[4]

Steinmetzzeichen an Siegeln, in Verträgen und Urkunden in der Zeit der Gotik[Bearbeiten]

Porträt von Peter Parler

Meisterzeichen wurden auch im Siegel geführt und zur Unterfertigung von Verträgen verwendet. In Strassburg fand man elf Spruchbriefe (1402–1418) mit dem Siegel des Ulrich von Ensingen. Louis Francis Salzman publizierte einen Kaufvertrag zwischen „Thomas Maude off Maydston“ und „Rychard Young off Bowton“ von 1536, in dem Vertragssumme und Ausmaß einer Steinlieferung festgesetzt wurden. Dieser wurde nicht – wie sonst üblich – mit Siegeln oder Namen der Vertragspartner, sondern mit deren Steinmetzzeichen unterfertigt.[5]

In diesem Zusammenhang berichtete Clemens Pfau von einem silbernen Daumenring aus dem frühen 16. Jahrhundert, der ein Meisterzeichen mit zwei flankierenden Buchstaben zeigt, die für Vor- und Nachnamen des Besitzers stehen könnten.[6] Scheinbar wurde der Ring vom Vater an den Sohn weitervererbt, da der Buchstabe des Vornamens ausgebessert wurde, während das Zeichen selbst sowie der zweite Buchstabe unverändert blieben.

Ebenso bezugnehmend auf die Ableitungstheorie der Steinmetzzeichen sei an dieser Stelle vermerkt, dass das gemeinsame Meister- und Steinmetzzeichen der gesamten [!] Familie Parler, der Kantenpfahl – das doppelt gewinkelte Maßbrett des Parliers –, als „Familien-Zeichen“ sowohl für Bau- und Bildwerke als auch auf Siegeln Anwendung fand.

Steinmetz- und Werkmeisterzeichen an gotischen Baumeisterbildnissen[Bearbeiten]

Gleichzeitig mit der angesehenen persönlichen Stellung der Werkmeister wurden im gotischen Zeitalter Meisterbildnisse oft an statisch wichtigen und symbolträchtigen Positionen der Bauwerke angebracht. So trägt der Meister Hans Bock heute noch stellvertretend die Last des Kirchengewölbes der zwischen 1514 und 1516 durch ihn erbauten St. Galluskirche in Frickenhausen. Die eigentliche Geschichte der Baumeisterbildnisse setzte jedoch zur selben Zeit in Südwestdeutschland am Münsterbau in Basel mit einem der später für die Gotik typischen Bildnispaare ein: Das Denkmal zeigt zwei Männer, den Bau- und Werkmeister, und wurde im Inneren des Georgsturmes eingelassen.

Hervorzuheben ist natürlich die selbstbewusste Darstellung Peter Parlers (1330–1399), der sich gemeinsam mit dem Baumeister Matthias von Arras (gest. um 1358) bereits um 1380 gleichberechtigt neben den Büsten des Kaisers und dessen Familie, den Erzbischöfen und Baurektoren im Triforium des Prager Domes verewigte.

Zudem wurde die Wertschätzung des Werkmeisters seit dem 13. Jahrhundert durch die Ideenlehre des Thomas von Aquin gesteigert, der zufolge der Meister bei der Konstruktion einer Kathedrale wie der Schöpfergott bei der Konstruktion des Kosmos vorging und dabei geometrisch-mathematischen Grundsätzen folgte.

Kein anderer als Ulrich von Ensingen hat sich jemals „in so großartiger Form immer wieder ein monumentales Denkmal gesetzt“: Er brachte sein Zeichen im Meisterschild viermal in und am genialen Strassburger Münsterturmaufsatz an sowie an der Innenseite der Balustrade an exakt die Stelle, wo seine Bildnisfigur zur Turmspitze emporblickend kniet.

Meisterzeichen sind aber außer an Konsol- und Schlusssteinen auch im direkten Verbund mit anderen architektonischen Bauteilen zu beobachten: Eine derartige Ausführung in monumentaler Form findet sich am Helm des Münsterturmes St. Theobald zu Thann, wo im Gegensatz zu erwähntem Beispiel des Strassburger Münsters das Meisterzeichen ohne Schild [!], direkt und in plastischer Ausführung in eine Krabbenkonstruktion gesetzt wurde.

Steinmetz- und Werkmeisterzeichen an gotischen Epitaphien[Bearbeiten]

Einhergehend mit der steigenden sozialen Stellung der Werkmeister hinterließen diese – nördlich der Alpen ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts – Inschriften am Bauwerk selbst.

Häufig wurden solche Grabsteine und Epitaphien an der Außen- oder Innenwand von Kirchen angebracht um den Baumeister, dessen die Nachwelt gedenken soll, zu rühmen. Bloßen Grabinschriften wurden auch oft Bildnisse, Werkzeugdarstellungen und Steinmetz- oder Meisterzeichen hinzugefügt. Letztere sollten auf den Beruf des Verstorbenen verweisen.

Als Beispiel eines Grabsteines, auf dem ein Meisterzeichen verewigt wurde, soll u.a. der von Matthäus Ensinger (1463, Ulmer Münster) genannt sein. Auch das Bildnis des Epitaphs von Moritz Ensinger (1492, Ulmer Münster) bildet dessen Meisterzeichen ab.

Steinmetzzeichen des Wiener Barock-Dombaumeisters Hans Georg Haresleben
Steinmetzzeichen an der Martinikirche in Braunschweig

Steinmetzzeichen in der Renaissance, im Barock und Rokoko[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu der gut erforschten Zeit der Romanik und der Gotik, sind die Forschungen über Steinmetzzeichen in der Renaissance, im Barock und Rokoko sehr mäßig. Einen Hinweis gibt Alfred Schottner:„Auch im Verlauf der Renaissance treten Steinmetzzeichen, die denen der Gotik sehr ähneln, in Fülle auf. Im Zeitalter des Barocks (...) nimmt der Zahl merklich zu, ohne sich in Form und Größe zu ändern. Bauwerke aus der Zeit des Rokoko (...) sind nur ausnahmsweise mit Steinmetzzeichen versehen.[7]

Klassizismus und Historismus[Bearbeiten]

Ab 1770 begann die Zeit des Klassizismus, die 1820 in den Historismus überging.

Nach Elisabeth Schatz ist festzuhalten: „Im Zuge der in der ersten Hälfte des 19. Jh.s aufkommenden Mittelalterbegeisterung begann man sich bereits in der Romantik mit mittelalterlichen Bauwerken und ihren Steinmetzzeichen zu beschäftigen. Erste unwissenschaftliche Betrachtungen der deutschen Steinmetzbruderschaft entstanden aus dem Interesse der Freimaurer an der Legitimation ihrer eigenen Geschichte. Man rekonstruierte Wurzeln zurück bis hin zur mittelalterlichen „deutschen Bauhütte“ und behauptete, die „Gebrüderung“ der heutigen Freimaurer hätte bereits damals stattgefunden. Als Beweis wurde in den Schriften von F. Heldmann, K.C.F. Krause, G. Kloß und F.A. Fallou auf den Wortzusammenhang „Freimaurer“ und die Verknüpfung freimaurerischer Symbolik mit dem mittelalterlichen Bauwesen verwiesen. Man sah die Bauhütten als konspirative Zellen der Freimaurerei und führte im Logo den Steinmetzzeichen verwandte Signets“.[8] Des Weiteren stellte Schatz fest: „In der älteren, zum Teil durch die Freimaurerei geprägten Literatur, fanden sich Begriffe wie „Corporations-, Hütten- oder Bundeszeichen“, „Geschäfts- und Ehrenzeichen“ und in Zusammenhang mit dem „gerechten Steinmetzgrund“ und den „Konstruktionsgeheimnissen“ der Bauhütten auch der Begriff „Handgemal“ wieder. Steinmetzzeichen wurden damals neben „Merkzeichen“ und „Monogramm“ auch als „Garantiemarke“ bezeichnet, die der „Controlle der Güte und Quantität des Gefertigten, somit auch dessen, was der Einzelne verdient hat“ dienten.“[8]
Eine Unzahl von Veröffentlichungen erfolgten und es setzte eine gewisse Forschungstätigkeit ein. Insbesondere das Werk von Franz von Ržiha, in dem systematisch Steinmetzzeichen an historischen Bauwerken dokumentiert wurden, war zwar richtungsweisend, ist aber hinsichtlich seiner Aussagen zu den Steinmetzschlüsseln nicht haltbar.[9] Ržiha entwickelte die 14 Generalschlüssel, nach der sich alle Steinmetzzeichen seit der Antike [!] einordnen lassen. Diese Auffassung ist bis heute bei den Steinwerkern verbreitet. Inwieweit die Vergabe von Steinmetzzeichen seinerzeit noch verbreitet war, ist nicht exakt erforscht. Dennoch so ist anzunehmen, dass das Wissen und die Vergabe der Steinmetzzeichen vereinzelt erfolgte.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Zeichen des Reichsverbandes der Steinmetzen und Steinbildhauer
Steinmetzzeichen von 1968 an St. Stephan in Passau

Erst mit dem Werk des Ulmer Münsterbaumeisters, Karl Friederich, das 1929 veröffentlicht wurde, erfolgte eine systematische Erklärung der Steinmetzzeichen und über die Anordnung der Steinmetzzeichen an den Bauwerken.[10]

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 war im Dezember 1934 in den neuen Richtlinien für die Gesellen- und Meisterprüfung im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk des „Reichsfachverbandes des deutschen Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerks“ vom Dezember 1934 folgendes festgeschrieben worden: „Hat der Lehrling die Prüfung bestanden, so soll er in feierlicher Weise zum Gesellen losgesprochen werden. Er wird bei dieser Gelegenheit vom Obermeister der Innung auf Handwerks-Brauch und Gewohnheit verpflichtet und erhält dabei ein Ehrenzeichen (Steinmetz-Zeichen) zugeteilt, das er für sein ganzes Leben führen und wo es angebracht und erlaubt ist, in seine Arbeiten einhauen soll“.

Ein weiteres starkes Wiederaufleben der Steinmetzzeichen ist auf eine Anordnung des Reichsinnungsmeisters, Albert Wacker, vom 1. Oktober 1937 zurückzuführen, als die Nationalsozialisten alle regionalen Innungsverbände über den Reichsinnungsverband des Bildhauer- und Steinmetzhandwerksgleichschalteten“. In der Anordnung heißt es: „Der Obermeister verleiht in meinem Namen das Steinmetzzeichen seiner Innung allen Meistern, Lehrberechtigten und – nach bestandener Gesellenprüfung – allen Gesellen seiner Innung, soweit sie nicht im Besitze eines Steinmetzzeichens auf Grund dieser Anordnung sind“[11]. Als Gestaltungsgrundlage dieser Steinmetzzeichen diente einer der vier Generalschlüssel, der sogenannte Vierpass, von Ržiha. Die Basis dieser Überlegungen zur Wiedereinführung bildete die von den Nazis verbreitete Geschichtsklitterung über die Germanen mit ihren mythischen Thingplätzen und Runen. Die damaligen Initiative führte zweifelsfrei zu einer Vermehrung der Steinmetzzeichen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Steinmetzzeichen normalerweise nicht mehr vergeben. Allerdings verliehen und verleihen einzelne traditionell orientierte Steinmetzinnungen diese auch noch heute bei Abschlussfreisprechungen von Steinmetz- und Steinbildhauerlehrlingen. Der Deutsche Bundesinnungsverband des Steinmetz-, Steinbild- und Holzbildhauerhandwerks und seine Landesinnungsverbände führen ein abgewandeltes Steinmetzzeichen aus dem Jahre 1927, das auf einen Steinmetzmeister, Josef Aschenbrenner aus München, zurückgeht, der lange Jahre nach dem Ersten Weltkrieg 1. Vorsitzender der „Süddeutschen Arbeitsgemeinschaft der Verbände der Steinmetzmeister und Steinbildhauer“ war. Dieses Zeichen hat 1934 der Reichsinnungsverband als Verbandszeichen übernommen. Es ist heute beim Deutschen Patentamt mit der Nummer 850045 als geschütztes Steinmetzzeichen (Warenzeichen) eingetragen und darf nur von Innungsmitgliedern verwendet werden. Der Steinmetz- und Steinbildhauerinnungsverband der Schweiz führt ein ähnliches Zeichen, dessen obere Hälfte lediglich spiegelverkehrt zum deutschen Zeichen ist.

Signatur mit Steinmetzzeichen von Leopold Grausam bei einem 1985 geschaffenen Denkmal auf dem Morzinplatz in Wien

Ein weiterer Versuch des Wiederauflebens der Steinmetzzeichen aus dem Jahre 1960, stammt vom Wiener Landesinnungsmeister, Josef Aufhauser, der die Wiedereinführung eines „Ehrenzeichens auf historischer Grundlage“ vorschlug, die einstimmig von der Landesinnung Wien für Meister, Poliere und Gesellen beschlossen wurde. Man lehnte sich an die Studie von Otto Erwin Plettenbacher aus dem Jahre 1961 über Steinmetzzeichen an.

Des Weiteren führen Berufsschulen, die sogenannten Steinmetzschulen, beispielsweise in Demitz-Thumitz und Königslutter, Steinmetzzeichen als Logo, die aus den sogenannten Generalschüsseln entwickelt sind. Einzelne Steinmetz- und Steinbildhauerbetrieben führen auch heute als Logos Steinmetzzeichen, die teilweise modernisiert wurden. Inwieweit Steinmetzzeichen in den heutigen Steinmetzbetrieben neu einführt werden, gilt abzuwarten.

Steinmetzzeichen und heutige Bauforschung[Bearbeiten]

Heute ist der baugeschichtliche Wert der Steinmetzzeichen unumstritten, denn der Verwendungszweck und die Verteilung der Steinmetzzeichen sind für die Datierung und Baugeschichte eines steinernen Bauwerks von größter Bedeutung. Da sich an den historischen Gebäuden aufgrund der Umweltfaktoren die Steinkorrosion beschleunigt, ist die Sicherung von Steinmetzzeichen von großer Bedeutung. Neuerdings gibt es eine Software (siehe Weblinks weiter unten) zur gezielten und systematischen Archivierung und Dokumentation von Steinmetzzeichen an Bauwerken. Mit Hilfe dieser EDV-gestützten Systeme konnten aus Steinmetzzeichen Lebensläufe und berufliche Persönlichkeitsentwicklungen nachvollzogen werden. Hinter den anonymen Steinmetzzeichen verbargen sich Personen, die nach ihrer Zeit als Lehrling immer hochwertigere Aufgaben zugeteilt bekamen, manche waren Spezialisten und andere Alleskönner.

Aktuelle Initiativen zur Bauforschung über Steinmetzzeichen[Bearbeiten]

Eine interessante europäische Initiative zur systematischen Erforschung der Steinmetzzeichen findet seit 2000 über eine Datenbank „Stonemarks Database“ im Internet statt (siehe Weblinks). Des Weiteren gibt es eine europäische Initiative des „Wiener Dombauvereins“ über Steinmetzzeichen über Ländergrenzen hinweg.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Aktuelle Veröffentlichung
  • Elisabeth Schatz: Über Steinmetzzeichen. Zur Bedeutung und Dokumentation eines mittelalterlichen „Markenzeichens“ am Fallbeispiel der „Doppelwendeltreppe“ der Grazer Burg. Graz 2005 (Graz, Universität, Diplom-Arbeit, 2005 ).
Standard-Literatur
  • Franz von Ržiha: Studien über Steinmetz-Zeichen. Kaiserlich-Königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1883 (Nachdruck. Bauverlag, Wiesbaden u. a. 1989, ISBN 3-7625-2670-2).
  • Louis Schwarz: Die deutschen Bauhütten des Mittelalters und die Erklärung der Steinmetzzeichen. Vortrag auf dem Delegiertentag des Innungs-Verbandes Deutscher Baugewerksmeister in Berlin am 21. Oktober 1925. Verlag des Innungs-Verbandes Deutscher Baugewerksmeister, Berlin, 1926.
  • Karl Friederich: Die Steinbearbeitung in ihrer Entwicklung vom 11. bis zum 18. Jahrhundert. Filser, Augsburg 1932 (Teilweise zugleich: Karlsruhe, Technische Hochschule, Dissertation, 1929), (Nachdruck. Aegis, Ulm 1988, ISBN 3-924756-02-3).
  • Alfred Zappe: Steinmetzzeichen. Ihre geschichtliche Entwicklung und Bedeutung unter besonderer Berücksichtigung der Bauhütten. In: Archiv für Sippenforschung und alle verwandten Gebiete. Bd. 29, Nr. 9, 1963, ISSN 0003-9403, S. 22–27.
  • Alfred Schottner: Das Brauchtum der Steinmetzen in den spätmittelalterlichen Bauhütten und dessen Fortleben und Wandel bis zur heutigen Zeit (= Volkskunde. Bd. 6). Lit, Münster 1992, ISBN 3-89473-248-2 (Zugleich: Münster, Universität, phil. Dissertation, 1991).
  • Günther Binding: Baubetrieb im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-10908-2.
Speziellere Literatur
  • Clemens Pfau: Das gotische Steinmetzzeichen (= Beiträge zur Kunstgeschichte. NF Bd. 22, ZDB-ID 508967-0). Seemann, Leipzig 1895.
  • Otto Erwin Plettenbacher: Vom alten und vom neuen Steinmetzzeichen. (Was jeder Steinmetz von seinem Ehrenzeichen wissen muß). Landesinnung Wien der Steinmetzmeister, Wien 1961.
  • Hans Koppelt: Steinmetzzeichen in Ost-Unterfranken. Ein Beitrag zur Handwerks- und Baugeschichte (= Deutsche Steinkreuzforschung. 1977, ZDB-ID 960193-4). Festgabe der Handwerkskammer für Unterfranken zum Deutschen Handwerkstag 13./14. Juni 1977 in Würzburg. Handwerkskammer für Unterfranken u. a., Würzburg 1977.
  • Michael Werling: Die Baugeschichte der ehemaligen Abteikirche Otterberg unter besonderer Berücksichtigung ihrer Steinmetzzeichen (= Beiträge zur pfälzischen Volkskunde. Bd. 3, ISSN 0936-7632). Heimatstelle Pfalz, Kaiserslautern 1986 (Zugleich: Kaiserslautern, Universität, Dissertation, 1986).
  • Horst Masuch: Steinmetzzeichen. Eine Einführung zu einer systematischen Erfassung. In: Christiane Segers-Glocke (Hrsg.): Berichte über die Tätigkeit der Bau- und Kunstdenkmalpflege in den Jahren 1989–1990 (= Niedersächsische Denkmalpflege. Bd. 14). Niemeyer, Hameln 1992, ISBN 3-87585-314-8, S. 83–95.
  • Hans Dietl: Steinmetzzeichen im Bottwartal. In: Geschichtsblätter aus dem Bottwartal. Bd. 11, 2008, ISSN 0948-1532, S. 88–113.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Steinmetzzeichen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Friederich: Die Steinbearbeitung. 1932.
  2. Karl List: Die Steinmetzzeichen von St. Cyriak in Sulzburg (Kr. Müllheim). In: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Bd. 5, 1962, ISSN 0465-7519, S. 110–111.
  3. George Edmund Street: Some Account of Gothic Architecture in Spain. Edited by Georgiana Goddard King. 2 Bände. Dent u. a., London u. a. 1914.
  4. a b Alois Kieslinger: Die Steine von St. Stephan. Herold, Wien 1949.
  5. Louis Francis Salzman: Building in England down to 1540. A documentary History. Clarendon Press, Oxford 1992, ISBN 0-19-817158-7.
  6. Clemens Pfau Clemens: Das gotische Steinmetzzeichen. 1895.
  7. Alfred Schottner: Das Brauchtum. 1992, S. 217.
  8. a b Elisabeth Schatz: Über Steinmetzzeichen. 2005.
  9. Franz von Ržiha: Studien über Steinmetzzeichen. 1989.
  10. Karl Friederich: Die Steinbearbeitung. 1932.
  11. Alfred Schottner: Das Brauchtum. 1992, Anlage 18 u. 21.