Stoßtrupp

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Stoßtrupp ist eine Angriffsformation der Infanterie, die durch Umgliederung eines Infanteriezuges in eine Sturmgruppe und eine Deckungsgruppe gebildet wird. Entwickelt wurde sie als Angriffsform gegen Feindkräfte in offenen Feldbefestigungen (siehe dazu auch Sturmbataillon). Heute wird diese Formation insbesondere im Orts- und Häuserkampf sowie im Waldkampf gegen einen Feind in Feldstellungen eingesetzt. Der Begriff Stoßtrupp wird auch umgangssprachlich benutzt.

Der Kampf im Stoßtruppverfahren erfordert eine intensive Ausbildung und hohe körperliche Leistungsfähigkeit aller eingesetzten Soldaten. Neben dem drillmäßigen Beherrschen von Standardsituationen muss jeder Soldat in der Lage sein, in die nächsthöhere Führungsebene zu wechseln, falls sein militärischer Führer während des Gefechts ausfällt. Die Führer der einzelnen Sturmtrupps sind häufig Mannschaften. Straffe, örtliche Führung, Schnelligkeit in der Bewegung, das rasche und entschlossene Ausnutzen günstiger Gelegenheiten und das enge Zusammenwirken mit dem Deckungsfeuer der schweren Waffen und den Nachbarn sind der Schlüssel zum Erfolg.

Sturmtruppen können durch Mörser der Infanterie und Artillerie, Schützenpanzer oder Kampfpanzer, gegebenenfalls auch durch Pioniere oder Sturmpioniere unterstützt werden.

Gliederung[Bearbeiten]

Die Stoßtruppgliederung dient der Optimierung des Prinzips von „Feuer und Bewegung“ durch Bildung je eines Stoßelementes (Bewegung) und eines Deckungselementes (Feuer) unter gemeinsamer Führung.

Die Stärke besteht grundsätzlich aus einem Zug. Eine Kompanie kann einen oder mehrere Stoßtrupps bilden. Der Stoßtrupp ist eng mit dem Feuer der Artillerie zu unterstützen.

Wesentlich ist, dass dem Stoßtrupp Verstärkung nachgeführt wird.

Deutschland[Bearbeiten]

Beispiel: Ein Infanteriezug gliedert hierzu um in:

  • Führungstrupp bestehend aus
    • Zugführer, meist geht der Zugführer als Führer Sturmgruppe mit dem Stoßelement vor
    • Melder
    • Funker
  • Stoßelement: aus 1 oder 2 Sturmgruppen mit je
    • 1 Sturmtrupp zu je 3 Soldaten, ausgerüstet mit Sturmgewehren und Handgranaten
    • 1 Sturmtrupp als Granatpistolentrupp zum Niederhalten des Feindes durch die Sturmgruppe in der Annäherung, dabei führt der Gruppenführer (meist) diesen Trupp selbst
    • Spreng-/Blendtrupp mit (meist) 2 Soldaten
  • Deckungsgruppe als Deckungselement, geführt durch den stellvertretenden Zugführer mit den schweren Waffen des Zuges
    • 1 Scharfschützentrupp, 2 Zielfernrohrschützen, oft getrennt eingesetzt
    • 2 MG-Trupps zum Niederhalten des Feindes in der Annäherung und Abriegeln des Einbruchraumes nach links und rechts
  • 1–2 Trägertrupp(s) für das Nachführen von Kampfmitteln und Munition
  • 1 Sanitätstrupp.

Ein Panzervernichtungstrupp wird nur bei einer besonderen Lage zur Panzerabwehr gebildet.

Schweiz[Bearbeiten]

In der Schweiz wird das Deckungselement als Unterstützungselement bezeichnet.

Beispiel 1: Verstärkte Füsiliergruppe[1]

Beispiel 2: Verstärkter Füsilierzug[2]

  • Führung: Zugführer mit Teilen des Zugstrupps
  • Stosselement:
  • Unterstützungselement:
    • Chef: Zugführerstellvertreter (Sturmgewehr)
    • 2 Verstärkte Sturmgewehrgruppen mit
      • je 1 Gruppenführer (Sturmgewehr)
      • je 2 Schützentrupps: je 3 Füsiliere (Sturmgewehre)
      • je 1 Raketenrohrtrupp: 2 Füsiliere (Sturmgewehre, 1 Raketenrohr) aus Panzerabwehrgruppe
      • je 1 Gewehrgranattrupp: 2 Füsiliere (Sturmgewehr, Gewehrgranaten) aus Unterstützungsgruppe

Vorgehen[Bearbeiten]

Eine Infanteriekompanie kann mehrere Einbruchstellen für je einen Zug befehlen oder führt die jeweils anderen Züge nach um den Angriff in die Tiefe zu führen.

Der Kompaniechef führt den Stoßtrupp oder die Stoßtrupps durch enge Koordinierung von Feuer und Bewegung. Insbesondere legt er eine oder zwei Einbruchstellen fest, an die zunächst die Annäherung unter Feuer der Artillerie oder Mörser – oder lautlos unter Überwachung durch diese – erfolgt und in die dann durch Sturm und Einbruch der Stoßtrupp angreift. Er setzt weitere Kräfte für den Kampf durch die Tiefe der feindlichen Verteidigung so an, dass möglichst rasch feindliche Gefechtsstände genommen werden, um die Führungsfähigkeit des Feindes zu beeinträchtigen, und feindliche Gegenstöße abgeriegelt werden können. Anschließend werden feindliche Kräfte links und rechts der Einbruchstelle von rückwärts oder flankierend durch eigene Kräfte aufgerollt. Die Kompanie ist dazu möglichst tief gegliedert, der Einsatzraum daher schmal.

Besondere Risiken entstehen für die eingesetzten Soldaten dann, wenn der Feind zuvor Gelegenheit hatte, sich zur Verteidigung einzurichten. Gefahr droht insbesondere von Landminen und Sprengfallen.

Geschichte[Bearbeiten]

Sturmtrupp in Flandern
Deutscher Stoßtrupp im Ersten Weltkrieg

Das Stoßtruppverfahren wurde im Ersten Weltkrieg von General Oskar von Hutier im Osten und Major Willy Rohr im Westen entwickelt, als herkömmliche Angriffsverfahren angesichts der verstärkten Abwehr unter Einsatz von Schützengräben, Stacheldrahtverhauen und Maschinengewehren wirkungslos geworden waren. Insbesondere Rohr war mit der Bildung von Sturmbataillonen als Lehrtruppenteilen an der Entwicklung maßgeblich beteiligt. Dabei bezog sich Hutier auf die 1916 von Brussilow in der Brussilow-Offensive aus rein materieller Not erfolgreich angewandte Taktik gegen die Österreicher mit einem kurzen Feuerüberfall durch Artillerie, gefolgt von einem Infanterieangriff. Diese Taktik hatte den Vorteil, dass anders als durch den sonst üblichen langen und massiven Dauerbeschuss der Gegner nicht vorgewarnt wurde und keine Reserven mehr bereitstellen konnte.

Seit Ende 1917 wurden aus besonderen Freiwilligen Sturmkompanien, später auch Sturmbataillone gebildet, die als Eliteformationen besondere taktische Erfolge erzielen konnten. Ernst Jünger war gegen Ende des Ersten Weltkrieges ein hochdekorierter Stoßtruppführer und schrieb 1920 über diese Zeit seinen ersten großen Roman In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers.

Integraler Bestandteil der Sturmbataillone waren eine eigene Pionierkompanie und eine Mörserkompanie zur unmittelbaren Feuerunterstützung. Gebräuchlich war allgemein und bei den deutschen Sturmtruppen des Ersten Weltkrieges ein Oberkörperpanzer in Form einer Stahlplatte. Als Nahkampfwaffe erlangte der feststehende Kurzspaten Bedeutung, da ein Einsatz von Bajonetten im Grabenkampf nicht sinnvoll war. Die Sturmbataillone erhielten auch als erste Verbände die Bergmann Maschinenpistole MP18.

Das Stoßtruppverfahren wurde auch bei der Deutschen Frühjahrsoffensive 1918 angewendet. Trotz der Erfahrungen im Ersten Weltkrieg war der Großteil der Generalität skeptisch gegenüber der neuen Taktik.

Später wurde es von der Reichswehr und der Wehrmacht übernommen. Felix Steiner, ehemaliger Offizier der Reichswehr, führte das Prinzip des Stoßtrupps in die Ausbildung der Waffen-SS ein, um diese unter Anwendung dieser Taktik zu einer Armee neuen Typs zu formen. Die Begriffe Sturmgrenadiere und Sturmpioniere wurden für Bataillone benutzt, die besonders im Orts- und Häuserkampf wie während der Schlacht um Stalingrad eingesetzt wurden.

Nach 1945 übernahmen die NVA und die Bundeswehr diese Taktik für den Angriff der Infanterie im Orts- und Häuserkampf und beim Handstreich im Jagdkampf.

Mediale Rezeption[Bearbeiten]

Zeitgeschichte – Spezialeinheiten im 2. Weltkrieg: Sturmtruppen (Dokumentation von 2004).

Zu anderen Verwendungen des Begriffs siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ian Drury: German Stormtrooper 1914–1918 (= Osprey Military. Warrior Series Bd. 12). Osprey, London 1995, ISBN 1-85532-372-9.
  • Ralf Raths: Vom Massensturm zur Stoßtrupptaktik. Die deutsche Landkriegstaktik im Spiegel von Dienstvorschriften und Publizistik 1906 bis 1918 (= Einzelschriften zur Militärgeschichte. Bd. 44). Rombach, Freiburg (Breisgau) u. a. 2009, ISBN 978-3-7930-9559-0.
  • Hans von Dach: Gefechtstechnik. Band 2: Kampf unter besonderen Umständen. 6. Auflage. Schweizerischer Unteroffiziersverband, Biel 1995, ISBN 3-924753-15-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dach: Gefechtstechnik. Band 2: Kampf unter besonderen Umständen. 1995, S. 82–83.
  2. Dach: Gefechtstechnik. Band 2: Kampf unter besonderen Umständen. 1995, S. 37–40.

Weblinks[Bearbeiten]