Tannhäuser (Dichter)

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Der Tannhäuser (Codex Manesse, um 1300)

Tannhäuser, mittelhochdeutsch Tanhûser († nach 1265), war ein deutscher Minnesänger und Spruchdichter. Seine Lebensdaten sind unbekannt; historisch datierbare Hinweise in seiner Lyrik weisen auf die Jahre zwischen 1245 und 1265.

Leben[Bearbeiten]

Über seine Biographie ist wenig bekannt. Tannhäuser war ein fahrender Berufsdichter. Eine Zeit lang wirkte er am Hof Herzog Friedrichs des Streitbaren von Österreich (Leich I). Die Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse) bildet ihn in Deutschordenstracht ab und in der Deutschhauskirche zu Würzburg befindet sich die Grabplatte des Siboto von Tanhusen. Eine Teilnahme am Kreuzzug Friedrichs II. ist möglich.

Urkundliche Nennungen[Bearbeiten]

Der Minnesänger Tannhäuser entstammte einer Reichsministerialenfamiliede Tanhusen”, deren Mitglieder in folgenden Urkunden erwähnt wurden, die den Leitnamen Sigiboto/Siboto führte und in enger Beziehung zur Familie Rindsmaul stand. Die Familie Rindsmaul (1. urkundliche Nennung 1191) war zu dieser Zeit eine der angesehensten Reichsministerialenfamilien, die über 17 Dienstmannengeschlechter verfügte. Ihre Ahnen könnten nach Gustav Voit die von Penzenhofen gewesen sein, da diese auch Besitz in Pyrbaum (13 km westlich von Neumarkt i. d. Opf.) hatten und gleiche Rufnamen führten. Nachweisbar war als Ansitz der Familie Rindsmaul ab 1234 die Burg Grünsberg (zwischen Altdorf und Burgthann).[1]

In der Klosterkirche von Kastl wurde im Wappenfries aus 69 beschrifteten Wappen ein Tannhausen-Wappen neben das Wappen der Familie Rindsmaul gemalt.

Die folgenden Urkunden werden gekürzt wiedergegeben.

1. Urkunde: 1145 übergab Bischof Bruno von Straßburg der Bamberger Kirche einen Eigenmann seiner Familie, Hertwic genannt, durch die Hände der Verwandten und der Treuhänder seines väterlichen Erbes (per manus cognatorum et delegatorum patrimonii sui), Sigiboto von Tanehusen und Adelbert von Hengen (heute Postbauer-Heng) und Ulrich, dem Sohn seiner Schwester.[2]

Sigiboto I. von Tanehusen und Adelbert von Hengen entstammten Reichsministerialengeschlechtern aus dem Raum der Reichsgüter Neumarkt-Berngau. Nach Gustav Voit stammte Bruno aus der gräflichen Familie von Habsberg. Sein Großvater Otto I. Graf von Kastl-Habsberg war einer der Mitbegründer von Kloster Kastl. Der freieigene Grundbesitz des Habsberger Grafenhauses gruppierte sich um Neumarkt. Bruno Graf von Habsberg war zunächst Bamberger Kanoniker, von 1112 bis 1122 war er Dompropst zu Straßburg und Kanzler Kaiser Heinrichs V. Der Kaiser setzte ihn zum Bischof von Straßburg ein, doch kam er mit dem Domkapitel und den Straßburger Bürgern nicht zurecht. 1131 gab er sein Amt auf und kehrte nach Bamberg zurück, wo er sich Bischof Bruno nannte. 1162 verstarb er.[3]

2. Urkunde: Am 22. Dezember 1215 waren Albert Rindsmaul und Siboto II. von Tanhusen in Eger Zeugen, als König Friedrich II. einem Gütertausch zustimmte, wobei Bischof Konrad von Regensburg die Stadt Nördlingen und die villa Orngau dem Reich überließ, dafür die beiden Frauenklöster Ober- und Niedermünster zu Regensburg vom Reich erhielt.[4]

3. Urkunde: Am 10. Juli 1240 bezeugten Friderich Rindesmul und Lupold von Tanhusen in Bamberg, dass Friedrich von Zwernitz, genannt Waltpoto, auf Vogteigüter des Klosters Banz verzichtet hat.[5]

4. Urkunde: Am 22. Januar 1242 waren Marquard, Butigler von Nürnberg, sein Sohn Jordan, Wolfer von Porta, Bertold von Cratero, Lupold von Tanhusin und weitere fünf Herren in Nürnberg Zeugen für den Bamberger Bischof Poppo, der seine Stadt Amberg an den Markgrafen Berthold von Hohenburg verpfändet hat.[6]

Von 1235 bis 1246 lebte der Minnesänger Tannhäuser nachweisbar in Wien am Hof seines Gönners Herzog Friedrich des II., genannt der Streitbare. In der Schlacht gegen die Ungarn fiel Friedrich II. am 15. Juni 1246 an der Leitha. Er war der letzte Herzog von Österreich und Steiermark aus dem Hause der Babenberger. Der Tannhäuser verpfändete seine Lehensgüter, ein Haus in Wien, das kleine Dorf Leopoldsdorf und ein Gut bei Himberg, (die er nie mehr einlöste), und verließ Wien.

5. Urkunde: Am 29. August 1246 befanden sich in Augsburg dominus (= Herr) Siboto III. und dominus Lupold von Tanhusen mit Friedrich Rindsmaul unter den 52 Zeugen, als Gottfried von Hohenlohe in Gegenwart von Konrad dem IV., dem Sohne Kaiser Friedrichs des II., Otto Bogenarius (= Bogner) ein Haus in Augsburg verlieh.[7]

In einem später geschriebenen Preislied zählte der Minnesänger Tannhäuser seine Bekannten auf, darunter auch: "darzuo der Bogenaere (= Bogner)".[8] Zur Zeit der Unmündigkeit Konrads des IV. war Gottfried von Hohenlohe Haupt der Regierung.[9]

Siboto III. von Tanhausen trat dem Deutschen Orden bei. In der Ordensniederlassung zu Nürnberg wurde er als Ordensbruder zweimal genannt. Am 7. Mai 1259 verkaufte Burkart von Rutmarsperg (= Ruppmannsburg bei Thalmässing) ein Eigen zu Oberndorf bei Ellingen an die Brüder des Deutschen Hauses in Nürnberg, wobei neben anderen Herren frater (= Bruder) Siboto von Tanhusen als Zeuge genannt wird. Er trat nochmals 1261 als Zeuge auf, als Konrad von Lauffenholz für sein Seelenheil den Brüdern des Deutschen Ordens in Nürnberg Güter geschenkt hat.[10]

In Thannhausen, heute ein Ortsteil von Freystadt, befand sich westlich der Kirche eine mit Wall und Graben umgebene Turmburg, die nach Karl Bosl eine Reichsministerialenburg gewesen war.[11] Jetzt führt die Staatsstraße 2220 durch das ehemalige Burgareal.

Der Minnesänger kann nicht von den niederadeligen Herren und späteren Freiherren von Thannhausen (Tannhausen im Ostalbkreis) abstammen, denn diese Herren waren Ministeriale der Grafen von Oettingen.[12]

Wirken[Bearbeiten]

Tannhäuser war Vertreter der Leich-Dichtung (Lieder-Dichtung). Seine Dichtungen waren Minne- und Tanzlieder für Adel und Volk.

Einige seiner Texte nehmen parodistisch die ernste Minnedichtung auf den Arm, sind stark in der Selbstironie und enthalten burschikose Strophen, die an Studentenlieder erinnern. Seine Lieder handeln von Abenteuern, Sagen und Helden, sind durchsetzt mit gelehrtem Unsinn und tollen Fremdwörtern.

Überlieferte Werke von Tannhäuser sind 6 Tanz-Leichs und 36 Strophen. Diese findet man in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse). Darin nimmt sein sogenanntes Bußlied eine Sonderstellung gegenüber der erotischen Thematik der restlichen Sammlung ein. Es ist hier nur in der Jenaer Liederhandschrift (mit Melodie) notiert.

Die Tannhäuser-Sage[Bearbeiten]

Hauptartikel: Tannhauser

Das ernste Bußlied mit der Hinwendung zu geistlichen Werten (Kreuzzug) ist vielleicht Ausgangspunkt für die Tannhäuser-Sage (Aufenthalt im Venusberg, Bußfahrt nach Rom) geworden, für die erste Zeugnisse seit etwa 1430 vorliegen. In den Tannhäuser-Balladen seit 1450 bildete sich parallel zu anderen Dichtersagen (Bremberger-, Möringer-Ballade) diese Legende literarisch aus. Sie erzählt von dem Ritter Tannhäuser, der sich vom Venusberg zum Papst (Urban IV., 1261-1264) nach Rom begibt, um dort für sein sündiges Treiben mit Frau Venus Vergebung zu erhalten. Dieser weist ihn jedoch ab: Ebenso wenig wie der Stab in seiner, des Papstes, Hand, zu grünen beginne, so wenig könne Tannhäuser auf Gottes Gnade hoffen. Der Ritter kehrt in den Venusberg zurück; die Boten des Papstes, dessen Stab zu grünen begonnen hatte, erreichen ihn nicht mehr. 1515 in Nürnberg erstmals gedruckt, entfaltete die Ballade große Wirkung. Vor allem nach ihrer Aufnahme in die Gedichtsammlung Des Knaben Wunderhorn (1805-1808) erzählten die Dichter der Romantik die Legende in vielen Fassungen neu (Ludwig Tieck Der getreue Eckart und der Tannhäuser 1799; Heinrich Heine 1836[13]). Der Mythos um sein Leben lieferte schließlich Richard Wagner den Grundstoff für seine romantische Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg (Uraufführung 1845).

Vertonungen[Bearbeiten]

Ein Auszug aus Tannhäusers Bußlied wurde von der deutschen Mittelalter-Rockband In Extremo unter dem Titel Tannhuser auf ihrem Album Mein rasend Herz (2005) vertont.

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Ralf-Henning Steinmetz [u.a.] (Hrsg.): Die Dichtungen des Tannhäusers – Kommentierte Kieler Online-Edition. Germanistisches Seminar, Kiel 2006–2011. [vollständige Textausgabe im PDF-Format, nach modernen Prinzipien ediert und größtenteils mit textnahen Übersetzungen versehen]
  • Maria Grazia Cammarota, Jürgen Kühnel: Tannhäuser, Die Gedichte der Manessischen Handschrift. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Einleitung, Edition, Textkommentar von Maria Grazia Cammarota, Übersetzungen von Jürgen Kühnel. Kümmerle, Göppingen 2009, ISBN 978-3-86758-004-5 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik; Band 749). [eigenwillig edierter Text, aktueller Kommentar, recht freie Übersetzung, die zum Teil auf eine andere Textgrundlage zurückgeht]
  • Burghart Wachinger (Hrsg.): Deutsche Lyrik des Spätmittelalters. Deutscher Klassiker-Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-618-66220-3, S. 172–217 u. 717–737 (Bibliothek des Mittelalters, Band 22 = Bibliothek deutscher Klassiker, Band 191). [modern edierte Teilausgabe von Nr. I, III, X, XI, XIII, XIV mit Übersetzungen und ausführlichem Kommentar]
  • Werner Höver, Eva Kiepe[-Willms]: Gedichte 700–1300; nach den Erstdrucken und Handschriften in zeitlicher Folge. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1978, ISBN 3-423-04015-7 (Epochen der deutschen Lyrik in 10 Bänden, hrsg. von Walther Killy; Band 1). [handschriftennah edierte Teilausgabe von Nr. III, IX, XI, XIII, XIV mit Übersetzungen]
  • John Wesley Thomas: Tannhäuser, poet and legend: with texts and translations of his works. University of North Carolina Press, Chapel Hill 1974, ISBN 0-8078-8077-9 (University of North Carolina studies in the Germanic languages and literatures; Band 77). [fehlerhafter diplomatischer Abdruck der handschriftlichen Texte, gereimte und sehr freie englische Übersetzung]
  • Helmut Lomnitzer, Ulrich Müller (Hrsg.): Tannhäuser: die lyrischen Gedichte der Handschriften C und J; Abbildungen und Materialien zur gesamten Überlieferung der Texte und ihrer Wirkungsgeschichte und zu den Melodien. Kümmerle, Göppingen 1973, ISBN 3-87452-111-7 (Litterae; Band 13). [Abbildungen der handschriftlichen Texte und des Textes von Siebert]
  • Johannes Siebert: Der Dichter Tannhäuser: Leben, Gedichte, Sage. Niemeyer, Halle/Saale 1934. Nachdruck: Olms, Hildesheim 1980. [lange Zeit die einzige vollständige und vollständig kommentierte Ausgabe und als solche Grundlage der Forschung des 20. Jahrhunderts, heute in vielem veraltet, enthält auch weitere Texte der Tannhäuser-Tradition]

Forschungsliteratur[Bearbeiten]

  • Philip Stefan Barto: Tannhauser and the Mountain of Venus. A Study in the Legend of the Germanic Paradise. Kessinger Pub. Co. 2007. ISBN 978-0548099131 (Bei zeno.org)
  • Richard M. MeyerTannhäuser. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 37, Duncker & Humblot, Leipzig 1894, S. 385–388.
  • Dietz-Rüdiger Moser: Die Tannhäuser-Legende. Eine Studie über Intentionalität und Rezeption katechetischer Volkserzählungen zum Buß-Sakrament. Fabula: Supplement-Serie, Reihe B. Untersuchungen; 4. De Gruyter, Berlin 1977, ISBN 3-11-005957-6 (Besprechung)
  • Wolfgang Rappel: Tannhäuser. In: Karl Bosl (Hrsg.): Bosls bayerische Biographie. Pustet, Regensburg 1983, ISBN 3-7917-0792-2, S. 770 (Digitalisat).
  • Johann Schrenk: Tannhäusers Heimat. Gunzenhausen 2003, ISBN 3-924270-38-4 (Auf den Spuren der Dichter und Denker durch Franken, Band 1).
  • Rudolf Stöckl: Tannhäuser. In: Wolfgang Buhl, Hrsg., Fränkische Klassiker, Nürnberg 1971, ISBN 3-920701-28-3, S. 96-109. Gute Beschreibung von Leben und Dichtung des Minnesängers
  • Burghart Wachinger: Tannhäuser. In: Verfasserlexikon, Band 9, 2. Auflage de Gruyter, Berlin [u.a.] 1995, Sp. 600-610.
  • Burghart Wachinger: Vom Tannhäuser zur Tannhäuser-Ballade. In: Zeitschrift für deutsches Altertum. 125, 1996, S. 125-141.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tannhäuser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gustav Voit, Adel an der Pegnitz, 1100-1400, Neustadt/Aisch 1979, S. 12 und S. 204 ff.
  2. Regesta Boica, Bd. 1, S. 179. Paul Wentzcke, Regesten der Bischöfe von Straßburg bis zum Jahr 1202, Bd. I, Innsbruck 1908, S. 308. Dort werden Sigiboto von Tanehusen und Adelbert von Hengen fälschlicherweise als Verwandte des Bischofs bezeichnet.
  3. Gustav Voit, Die Schlüsselberger, Geschichte eines fränkischen Adelsgeschlechts, Altnürnberger Landschaft, Bd. 37, Nürnberg 1988, S. 37 ff. G. Voit zitiert die Urkunde von 1145 ohne 'cognatorum'.
  4. Regesta Imperii, V, Nr. 840.
  5. Nürnberger Urkundenbuch, bearb. vom Stadtarchiv Nürnberg, Nürnberg 1959, Nr. 294.
  6. Regesta Imperii, V, Nr. 4448. Nürnberger Urkundenbuch, Nr. 302.
  7. Regesta Imperii, V, Nr. 4511.
  8. Johannes Siebert, Der Dichter Tannhäuser, Tübingen 1979, Nachdruck von 1934, S. 106.
  9. Karl Bosl, Die Reichsministerialität als Träger staufischer Staatspolitik in Ostfranken und auf dem bayerischen Nordgau, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken, Bd. 69, 1941, S. 57.
  10. Nürnberger Urkundenbuch, Nr. 383 und Nr. 391.
  11. Karl Bosl, wie oben, S. 56 f.
  12. Richard Dertsch und Gustav Wulz, Die Urkunden der fürstl. oettingischen Archive in Wallerstein und Oettingen, 1197-1350, Augsburg 1959, Nr. 62, 289, 301, 330.
  13. Der Tannhäuser. In: Heinrich Heine: Neue Gedichte. 1844. Ausgabe bei wikisource.