Theodor Lohmann

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Theodor Christian Lohmann

Theodor Christian Lohmann (* 18. Oktober 1831 in Winsen an der Aller; † 31. August 1905 in Tabarz/Thüringer Wald) war ein deutscher Verwaltungsjurist und Sozialreformer des 19. Jahrhunderts. Er gilt als eine der treibenden Kräfte bei der Gesetzgebung zum Schutz der Arbeitnehmer, als Mitarchitekt der Bismarck'schen Sozialversicherung und als Schlüsselfigur für das Verhältnis von Diakonie und Sozialpolitik.

Inhaltsverzeichnis

Leben[Bearbeiten]

Theodor Lohmann wuchs als siebtes von acht Kindern in einem evangelisch-lutherischen Elternhaus auf. Sein Vater war der Kaufmann und Ziegeleibesitzer Ernst Heinrich Lohmann (1797–1856). Seine Mutter, Johanna Juliana Lohmann geborene Hardegen, verstarb früh. Thedodor Lohmann besuchte das Gymnasium in Celle und studierte ab 1850 Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Göttingen. Dort wurde er Mitglied der Burschenschaft Germania zu Göttingen. Vier Jahre später trat Lohmann in den Verwaltungsdienst des Königreichs Hannover ein. 1858 bestand er sein zweites juristisches Staatsexamen. Anschließend war er in verschiedenen Funktionen in der königlich-hannoverschen Verwaltung tätig.

1862 heiratete Theodor Lohmann die acht Jahre jüngere Louise Wyneken (1839–1879). Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Privat engagierte er sich beim Aufbau der Inneren Mission in Hannover. Zusammen mit dem Theologen Gerhard Uhlhorn und Anderen war er maßgeblich an der Gründung des Evangelischen Vereins und des Stephansstifts beteiligt.

Im Deutschen Krieg wurde das Königreich Hannover 1866 vom Königreich Preußen besetzt und annektiert. Hannover war nun eine preußische Provinz. Für den Verwaltungsjuristen Theodor Lohmann bedeutete dies – zeitverzögert – einen Karrieresprung: Er wurde 1871 nach Berlin versetzt. Dort war er im preußischen Handelsministerium als Referent für die gewerbliche Arbeiterfrage tätig. Als solcher wirkte er an verschiedenen Gesetzentwürfen mit, darunter an der Novelle der Gewerbeordnung, mit der die Fabrikinspektion, die heutige Gewerbeaufsicht, ins Leben gerufen wurde.[1]

1880 wechselte Lohmann ins Reichsamt des Innern. Dort unterstützte er Reichskanzler Otto von Bismarck bei der Gesetzgebung zum Aufbau der deutschen Sozialversicherung. Lohmann verfolgte jedoch andere Ziele als Bismarck: Während der Reichskanzler eine Sozialversicherung anstrebte, die die Arbeiter zu abhängigen „Staatsrentnern“ degradieren sollte, versuchte sein Referent, den Arbeitern Selbst- und Mitbestimmungsrechte einzuräumen. Die von Bismarck beabsichtigte enge Bindung der Arbeiter an den Staat im Sinne eines Staatssozialismus widersprach Lohmanns Bild vom „mündigen Arbeitnehmer“.[2] Beide Konzepte waren letztendlich nicht miteinander vereinbar.

Bei der Ausgestaltung der gesetzlichen Krankenversicherung konnte sich Lohmann zumindest teilweise durchsetzen: Die Arbeiter wurden an der Finanzierung und der Selbstverwaltung der Krankenkassen beteiligt. Auch wurden gegen Bismarcks Willen die Hilfskassen gestärkt.[3] 1883 kam es jedoch zum Bruch zwischen Lohmann und Bismarck. Anlass waren die unterschiedlichen Auffassungen zur Ausgestaltung der gesetzlichen Unfallversicherung. Während Lohmann für eine Beteiligung der Arbeiter an der Unfallversicherung eintrat, strebte Bismarck ein Zwangsversicherungssystem an, das von den Arbeitgebern in Form von Berufsgenossenschaften getragen und vom Staat bezuschusst werden sollte. Lohmann versuchte, Bismarcks Vorhaben zu hintertreiben. Im September 1883 kam es zur Aussprache zwischen Bismarck und Lohmann, in deren Folge Lohmann vom weiteren Verlauf der Sozialgesetzgebung ausgeschlossen wurde. Der Direktor im Reichsamt des Innern, Robert Bosse, notierte dazu in seinen Memoiren: „Lohmann hat dabei sein Amt und seine Zukunft aufs Spiel gesetzt. Alle Achtung vor ihm. Eine andere Frage ist, ob er sachlich recht hatte. Ich glaube nicht.“[4] Der Erfolg des 1884 in Kraft getretenen Unfallversicherungsgesetzes und der Siegeszug der Berufsgenossenschaften bestätigten diese Einschätzung Bosses und widerlegten Lohmanns Vorbehalte zumindest teilweise. Lohmann selbst war erleichtert, dass er künftig nicht mehr für Dinge eintreten musste, welche er für „verkehrt“ und „völlig unausführbar“ hielt.[5]

In der Folgezeit engagierte sich Lohmann verstärkt für die Innere Mission, unter anderem in der Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden, deren Präsident er von 1876 bis 1898 war, und in der Gesellschaft zur Beförderung der evangelischen Missionen unter den Heiden. Schon 1880 war Theodor Lohmann dem Central-Ausschuß für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche beigetreten, dem er bis zu seinem Tod im Jahr 1905 angehört.

Nach Bismarcks Abschied im Jahr 1890 wurde Lohmann vom neuen Handelsminister Hans Hermann von Berlepsch in die Arbeitergesetzgebung zurückgerufen. Eine seiner ersten Aufgaben war die Planung und Durchführung der im gleichen Jahr in Berlin stattfindenden Internationalen Arbeiterschutzkonferenz. Anschließend war er an der abermaligen Novellierung der Gewerbeordnung beteiligt, die weitere Verbesserungen für die Arbeiter mit sich brachte, beispielsweise das Verbot der Nachtarbeit für Frauen und Jugendliche. Nach mehreren Beförderungen avancierte Lohmann 1900 zum Leiter der Handelsabteilung im Handelsministerium. 1904 wurde er anlässlich seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums mit dem Wilhelm-Orden für besondere sozialpolitische Verdienste ausgezeichnet.

Theodor Lohmann verstarb am 31. August 1905 im Alter von dreiundsiebzig Jahren in Tabartz. Trotz großer Verdienste für den Arbeiterschutz und die Sozialversicherung steht der Sozialreformer Lohmann bis heute im Schatten Bismarcks.

Werke[Bearbeiten]

  • Communismus, Socialismus, Christenthum. In: Vierteljahrsschrift für Theologie und Kirche. 1853, S. 1–33.
  • Über bürgerliche und kirchliche Armenpflege mit Rücksicht auf hannoversche Verhältnisse. Hannover 1855.
  • Kirchengesetze der evg.-luth. Kirche des vormaligen Königreichs Hannover nebst den zu deren Ausführungen erlassenen Verordnungen, Bekanntmachungen und Ausschreiben. 1. Teil, Hannover 1871.
  • Die Fabrikgesetzgebungen der Staaten des europäischen Kontinents. Kortkampf. Berlin 1878 (als Herausgeber).
  • Mut zur Moral. Aus der privaten Korrespondenz des Gesellschaftsreformers Theodor Lohmann. Edition Tommen. 2001. Herausgegebenen von Lothar Machtan. ISBN 3-86108-281-0.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dirk Hainbuch/ Florian Tennstedt (Bearb.): Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871 bis 1945. Band 1: Sozialpolitiker im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Kassel University Press, Kassel, 2010, S. 100 f.; ISBN print 978-3-86219-038-6, ISBN online 978-3-86219-039-3 (Online, PDF; 2,2 MB)
  • Peter Koch: Lohmann, Theodor. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 129 f. (Digitalisat).
  • Lothar Machtan: Der Gesellschaftsreformer Theodor Lohmann. Grundanschauung und Programm. In: Soziale Demokratie und sozialistische Theorie. Festschrift für Hans-Josef Steinberg. Bremen 1995, S. 30–38.
  • Hans Otte: Den Ideen Gestalt geben. Der Sozialpolitiker Theodor Lohmann im Centralausschuß für Innere Mission, in: Soziale Reform im Kaiserreich, hrsg. von Wilfried Loth und Jochen-Christoph Kaiser, Stuttgart u.a.: Kohlhammer 1997, S. 32-55.
  • Florian Tennstedt: Sozialreform als Mission. Anmerkungen zum politischen Handeln Theodor Lohmanns. In: Von der Arbeiterbewegung zum modernen Sozialstaat. Saur. München 1994, S. 538–559.
  • Renate Zitt: Zwischen Innerer Mission und staatlicher Sozialpolitik. Der protestantische Sozialreformer Theodor Lohmann (1831–1905). Eine Studie zum sozialen Protestantismus im 19. Jahrhundert. Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts, Band 10, Heidelberg 1997. ISBN 3-8253-7065-8.
  • Renate Zitt: Theodor Lohmann. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 20, Bautz, Nordhausen 2002, ISBN 3-88309-091-3, Sp. 937–943.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Zu Lohmanns Eintreten für die Fabrikinspektion vgl. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914. I. Abteilung: Von der Reichsgründungszeit bis zur kaiserlichen Sozialbotschaft (1867-1881), 3. Band: Arbeiterschutz, bearbeitet von Wolfgang Ayaß, Stuttgart und New York 1996.
  2. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Erster Band: Arbeitswelt und Bürgergeist. C. H. Beck. München 1990. ISBN 3-406-34453-4. S. 341 f.
  3. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Erster Band: Arbeitswelt und Bürgergeist. C. H. Beck. München 1990. ISBN 3-406-34453-4. S. 346 f.
  4. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, II. Abteilung: Von der kaiserlichen Sozialbotschaft bis zu den Februarerlassen Wilhelms II., 2. Band, Teil 1: Von der zweiten Unfallversicherungsvorlage bis zum Unfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 1884, bearbeitet von Florian Tennstedt und Heidi Winter, Darmstadt 1995, S. 377.
  5. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, II. Abteilung: Von der kaiserlichen Sozialbotschaft bis zu den Februarerlassen Wilhelms II., 2. Band, Teil 1: Von der zweiten Unfallversicherungsvorlage bis zum Unfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 1884, bearbeitet von Florian Tennstedt und Heidi Winter, Darmstadt 1995, S. 382.