Tic

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den Tic als medizinische Diagnose, für weitere Bedeutungen siehe TIC
Klassifikation nach ICD-10
F95 Ticstörungen
F95.0 vorübergehende Ticstörung
F95.1 chronische motorische oder vokale Tics
F95.2 kombinierte vokale und multiple motorische Tics (Tourette-Syndrom)
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Ein Tic (französisch tic „(nervöses) Zucken“[1]) oder Tick ist ein Krankheitssymptom. Es beschreibt eine kurze und unwillkürliche, regelmäßig oder unregelmäßig wiederkehrende und teilweise komplexe motorische Kontraktion einzelner Muskeln oder Muskelgruppen. Sie werden zu den extrapyramidalen Hyperkinesien gerechnet. Im sozialen Kontakt auffällig werden Tics meist erst, wenn sie sich als heftige körperliche Bewegungen oder Lautäußerungen zeigen. Tics kommen im Rahmen verschiedener neurologischer und neuropsychiatrischer Erkrankungen vor, sind jedoch vor allem als Leitsymptom des Tourette-Syndrom bekannt.

Symptome[Bearbeiten]

Man unterscheidet die primäre, idiopathische Ticstörung (Ursache noch unbekannt) von der sekundären, symptomatischen Ticstörung (Ursache bekannt). Nach Ausprägungs- und Schweregrad werden vier Subgruppen von Tics, die besonders im Kopf- und Schulterbereich auftreten, unterschieden:

  • Einfache motorische Tics (z. B. Stirnrunzeln, Augenblinzeln, ruckartiges Kopfbewegen, Hochziehen der Augenbrauen, Schulterzucken, Grimassieren),
  • Einfache vokale Tics (Räuspern, mit der Zunge schnalzen, Hüsteln, Schmatzen, Grunzen, Schniefen),
  • Komplexe motorische Tics (beispielsweise Springen, Berühren anderer Leute oder Gegenstände, Körperverdrehungen, Kopropraxie (Ausführung obszöner Gesten), selbstverletzendes Verhalten),
  • Komplexe vokale Tics (wie das Herausschleudern von zusammenhangslosen Wörtern und kurzen Sätzen, Koprolalie (das Ausstoßen obszöner Worte), Echolalie (Wiederholung von gehörten Lauten und Wortfetzen), Palilalie (Wiederholung von gerade selbst gesprochenen Worten)).

Vokale Tics unterscheiden sich von motorischen Tics dadurch, dass dabei Muskelgruppen beteiligt sind, die zur Vokalisation beitragen (z. B. Zwerchfell, Zunge, Rachenmuskeln usw.). Während einfache motorische und vokale Tics meistens schnell ablaufen und unbeabsichtigt wirken, können komplexe Tics durch ihren teils langsameren, strukturierteren Ablauf oft willkürlich erscheinen. Man kann zwar einen Tic über einen kurzen Zeitraum hinweg unterdrücken, ihn sich aber nicht abgewöhnen. Der Tic-Patient kann sowohl den Zeitpunkt des Auftretens als auch den des Verschwindens eines Tics nicht kontrollieren.

Diagnose nach ICD-10[Bearbeiten]

Im ICD-10 werden Ticstörungen unter den 'Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit oder Jugend' (F9) klassifiziert. D. h. für die Diagnose einer Ticstörung muss der Beginn vor dem 18. Lebensjahr liegen. Es werden drei Hauptformen von Tic-Störungen unterschieden:

  • Vorübergehende Ticstörung: Einzelne oder multiple motorische oder sprachliche Tics treten viele Male am Tag auf, an den meisten Tagen in einem Zeitraum von mindestens vier Wochen und höchstens 12 Monaten.
  • Chronische motorische oder vokale Tics: Motorische oder vokale Tics (aber nicht beides) treten viele Male am Tag auf, an den meisten Tagen in einem Zeitraum von mindestens zwölf Monaten. Im gegebenen Jahr gibt es keine Remission, die länger als zwei Monate andauerte.
  • Kombinierte vokale und multiple motorische Tics (Tourette-Syndrom): Während der Störung haben multiple motorische Tics und ein oder mehrere vokale Tics eine Zeit lang bestanden, aber nicht notwendigerweise gleichzeitig. Die Tics treten viele Male am Tag auf, fast jeden Tag länger als ein Jahr. Es gab keine Remission im gegebenen Jahr, die länger als zwei Monate dauerte.

Epidemiologie, Verbreitung und Altersrelevanz[Bearbeiten]

Tics treten v. a. im Kindesalter auf (bei ca. 4-12 % aller Kinder). Häufig sind sie in diesem Alter jedoch vorübergehender Natur, d. h. sie verschwinden innerhalb von 6 Monaten wieder. Tics treten bei Jungen ca. dreimal so häufig auf wie bei Mädchen. Die familiäre Häufung von Tics ist nachgewiesen.[2]

Bei leichteren Verlaufsformen hören die Tics in der Regel zu Beginn des Erwachsenenalters auf. Bei schwereren Verlaufsformen bleiben die Symptome auch im Erwachsenenalter bestehen, oft jedoch in abgeschwächter Form. Die schwerste und deshalb eindrücklichste Verlaufsform wird auch nach dem Erstbeschreiber, dem französischen Neurologen Georges Gilles de la Tourette als sogenanntes Tourette-Syndrom bezeichnet.

Patienten mit chronischen multiplen Tics oder mit Tourette-Störung weisen etwa in der Hälfte der Fälle zusätzlich eine hyperkinetische Störung (ADHS) auf. Bei Patienten mit Tourette-Syndrom werden häufig auch Zwangssymptome oder selbstverletzende Verhaltensweisen beobachtet. Fast immer entwickeln sich komplexe Tics nach einfachen Tics.[2] Auch im Rahmen einer Zwangsstörung können begleitend Tic-Symptome auftreten, ohne dass dabei das Vollbild eines Tourette-Syndrom erreicht werden muss.[3]

Differentialdiagnose[Bearbeiten]

Diagnostisch sind die auftretenden Tics abzugrenzen gegen

Ursachen[Bearbeiten]

Die genaue Ursache der Entstehung der häufigsten, primären Ticstörung ist bis heute nicht bekannt, eine genetische Grundlage gilt jedoch als sicher. In einer breit angelegten, paneuropäischen Studienreihe (EMTICS) soll bis 2017 erforscht werden, welche genaue Rolle die Genetik im Rahmen von Ticstörungen hat und welche weiteren Einflussfaktoren (z.B. Infektionen und autoimmune Faktoren) von Bedeutung sind.[4] Es wird eine hereditäre Störung in den Basalganglien angenommen. Seltener sind organische Tics als Folge einer generellen Hirnschädigung (z. B. Enzephalitis) oder einer Läsion der Basalganglien (des striato-pallidären Systems). Zunehmend wird die striatofrontale Dysfunktion für die Entstehung von Tics verantwortlich gemacht, was erklären würde, dass die Tic-Störung eine häufige Komorbidität von ADHS darstellt.

Sonderform[Bearbeiten]

Als Sonderformen mit anderer Ursache gilt der Tic douloureux (franz. der schmerzhafte Tic): ein kurzer, heftiger und sich oft wiederholender Schmerzanfall mit Gesichtszuckungen bei Trigeminusneuralgie.

Therapie[Bearbeiten]

Je nach Schweregrad der Tic-Störung stehen verschiedene Therapieansätze zur Verfügung. "Tiefenpsychologisch-orientierte Psychotherapie ebenso wie Psychoanalyse müssen als ungeeignet in der Therapie von Tics eingestuft werden, da die Ursache von Tics organisch und nicht psychogen ist. Verhaltenstherapeutische Ansätze werden hinsichtlich ihres Effektes kontrovers diskutiert."[5]

Neben einer umfassenden Aufklärung und Beratung der Bezugspersonen (bei betroffenen Kindern v. a. Eltern und Lehrpersonal) können bei einfachen Symptomen durch Psychoedukation und Verhaltenstherapie gewisse Entlastungserfolge erzielt werden.[6][7][8] Obwohl es sich um eine neurobiologische (medizinische) Erkrankung handelt[9], kann eine Verbesserung der Selbstwahrnehmungsfähigkeit des Patienten in Bezug auf die Tics (z. B. durch Protokolle und genaue Beschreibung) und das Erlernen inkompatibler Reaktionen (Habit-Reversal-Training) in manchen Fällen eine Linderung der Symptomatik erbringen.[10] Zudem wird mit Entspannungsverfahren (z. B. Progressive Muskelentspannung) und positiver Verstärkung (z. B. Token-System) gearbeitet.[2]

In schweren, komplexen und chronischen Fällen und im Falle von schweren Komorbiditäten ist eine pharmakologische Behandlung ebenso notwendig wie im Falle vokaler Tics, beim Auftreten weiterer Begleiterkrankungen und beim Vollbild des Gilles-de-la-Tourette-Syndroms.[11] Mittel der Wahl sind hochpotente Neuroleptika aus der Klasse der Dopamin-Rezeptor-Blocker (z. B. Tiaprid, Pimozid, Haloperidol) sowie bei entsprechender Begleitsymptomatik Antidepressiva (v. a. selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer).[12] Psychoedukation und sozialpsychiatrische Begleitung kann eine medikamentöse Therapie bei Bedarf unterstützen.[13]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harrap's Universal Dictionnaire Français-Allemand/Allemand-Français, 1999, ISBN 0-245-50401-X
  2. a b c d Manfred Döpfner: Tic-Störungen. In: Garhard W. Lauth, Udo B. Brack, Friedrich Linderkamp (Hrsg.): Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen, 2001, ISBN 3-621-27447-2, S. 339–346.
  3. Scamvougeras, Anton. „Challenging Phenomenology in Tourette Syndrome and Obsessive–Compulsive Disorder: The Benefits of Reductionism“. Canadian Psychiatric Association (February 2002). Retrieved on June 5, 2007
  4. Webseite der EMTICS Studie: http://www.emtics.eu/
  5. PD Dr. med. Kirsten R. Müller-Vahl: Behandlung des Tourette-Syndroms. Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie Medizinische Hochschule Hannover. 2005. S.16ff. [1] Abgerufen am 10. November 2013
  6. S1-Leitlinie Tics der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. In: AWMF online (Stand 2012).
  7. Robertson MM. "Gilles de la Tourette syndrome: the complexities of phenotype and treatment". Br J Hosp Med (Lond). 2011 Feb;72(2):100–7.
  8. Peterson BS, Cohen DJ. "The treatment of Tourette's Syndrome: multimodal, developmental intervention". J Clin Psychiatry. 1998;59 Suppl 1:62–72
  9. Michael B. Himle, MS: Brief Review of Habit Reversal Training for Tourette Syndrome. J Child Neurol August 2006 vol. 21 no. 8 719-725
  10. Du JC, Chiu TF, Lee KM, et al. "Tourette syndrome in children: an updated review". Pediatr Neonatol. 2010 Oct;51(5):255–64
  11. Miguel EC, do Rosario-Campos MC, Shavitt RG, et al. "The tic-related obsessive–compulsive disorder phenotype and treatment implications". Adv Neurol. 2001;85
  12. Steinhausen: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen., Urban&Fischer, 5.Auflage 2002.
  13. Roessner V, Plessen K J, Rothenberger A, Ludolph A, Rizzo R, Skov L, Strand G, Stern J, Termine C, Hoekstra P J, the ESSTS Guidelines Group: European clinical guidelines for Tourette syndrome and other tic disorders. Part II: pharmacological treatment. Eur Child Adolesc Psychiatry, 20(4): 173-96, 2011.
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!