Toccata

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Toccata (von italienisch toccare „schlagen, berühren, betasten“) ist eine der ältesten Bezeichnungen für Instrumentalstücke, speziell für Tasteninstrumente, und ursprünglich von Sonata, Fantasia, Ricercar etc. nicht sehr verschieden, jedoch meist von freier musikalischer Struktur, im Charakter einer ausgeschriebenen Improvisation, die meist zwischen schnellen Passagen in kurzen Notenwerten und vollstimmigen Akkorden wechselt.

Frühbarock[Bearbeiten]

Girolamo Frescobaldi: Toccata avanti la Messa della Domenica

Die ältesten Toccaten für Orgel wurden von Claudio Merulo 1598 herausgegeben, jedoch früher geschrieben. Sie beginnen in der Regel mit einigen vollen Harmonien, die dann auf verschiedene Art mit Läufen, Akkordbrechungen und anderen Passagen durchbrochen werden; auch werden kleine fugierte Sätzchen eingestreut. Als besonders dramatische Ausprägung dieses Stiles entwickelte sich der Typus der Toccata con Durezze e Ligature, also mit "Härten" und "Bindungen", was die Kompositionsweise der entsprechenden Werke als besonders reich an (oft wirklich "hart" dissonanten, durch Überbindungen vorbereiteten) Vorhalten charakterisiert. Diese oft harmonisch sehr kühnen, raumgreifenden Werke finden eine weitere Ausprägung in den dem Zeitpunkt ihrer liturgischen Verwendung nach als Elevationstoccaten (Toccata all'Elevatione bzw. per l'Elevatione) bezeichneten, sehr beliebten, meist mystischen, getragenen Sätzen.

Diese sich so entwickelnde, sehr affektgeladene Kompositionsweise findet ihren ersten Gipfelpunkt in der Orgelkunst Girolamo Frescobaldis und wird bald von Komponisten wie Gottlieb Muffat, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar von Kerll oder Franz Xaver Murschhauser auch im süddeutschen Raum adaptiert.

Hochbarock[Bearbeiten]

Johann Pachelbel: Toccata e-moll

Der Gipfelpunkt des freien Orgelstils zur Zeit des Hochbarock im norddeutschen Raum ist der Stylus Phantasticus, in den auch und vor allem die Toccatenkunst einmündet. Die hier z. B. durch Dietrich Buxtehude bzw. in der mitteldeutschen Orgelmusik durch Johann Pachelbel gepflegte Form weist meistens noch eher fugierte Zwischensätze auf, als dass sie in der seit Johann Sebastian Bach vertrauten Paarform der Toccata und Fuge auftritt. Selbst Bachs Toccata E-Dur BWV 566 erinnert noch an diese Form der Toccata, geläufig wird dann aber ihre Verwendung als einleitendes Stück in Verbindung mit einer Fuge.

Das bekannteste Beispiel hierfür ist die unter Bachs Namen überlieferte Toccata und Fuge d-Moll BWV 565. Neben den weiteren großen Toccaten für Orgel wie der sogenannten Dorischen Toccata BWV 538, der großen Toccata und Fuge F-Dur BWV 540 oder der sogar zur Dreiteiligkeit erweiterten Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564 verfasste Bach auch sieben Toccaten für Cembalo BWV 910-916; diese stehen ebenso alle in Beziehung zu einer Fuge, bei manchen davon erklingt darüber hinaus sogar noch eine weitere Fuge. Auch andere Clavier-Werke Bachs wie z. B. das Präludium B-Dur BWV 866 aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers oder der erste Satz der Partita in e-Moll tragen toccatenartige Züge.

Romantik[Bearbeiten]

Louis Vierne: Final der Symphonie Nr. 1

In der Rückbesinnung auf Bach schrieb Robert Schumann 1830 seine Toccata C-Dur, Opus 7 für Klavier. Mit dem Bau großer Orgeln blühte diese musikalische Form in der Spätromantik noch einmal auf: In Deutschland griff sie Max Reger noch einmal auf, auf dem Gebiet der französisch-romantischen Orgelmusik erlangten die Toccata aus der 5. Orgelsinfonie von Charles-Marie Widor, diejenige aus der Suite gothique von Léon Boëllmann oder die Toccata über Tu es Petra von Henri Mulet, aber auch die Toccaten Théodore Dubois’, Paul Piernés und Eugène Gigouts große Beliebtheit. Auch verschiedene Sätze Louis Viernes wie z. B. das Prélude der Pièces de Fantaisie op 51 bedienen sich toccatenartiger Figuren.

Paul Pierné: Toccata d-moll

Standen sich in den Toccaten der italienischen Meister und des Barocks freie Läufe, Akkordbrechungen, Imitationen und vollgriffige Passagen gegenüber, so versteht man nun unter „Toccatenfiguren“ im Allgemeinen griffig zerlegte bzw. figurierte Akkorde, die sich leicht auf eine klare harmonische Grundlage zurückführen lassen. Insbesondere die Schule der französischen Improvisatoren wie Marcel Dupré, André Fleury, Pierre Cochereau oder später Jean Guillou, Daniel Roth und Thierry Escaich verwendet häufig solche toccatenartigen Elemente, deren Entwicklung und Verarbeitung Marcel Dupré in seinem Cours d'improvisation beispielhaft aufzeigt.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Das Wiederaufgreifen der Toccata durch die Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts auf die "Toccata" ist vor dem Hintergrund des Neoklassizismus und der Rückbesinnung auf alte Formen und Satztechniken zu sehen, so bei virtuose Toccata op. 5a von Hermann Schroeder, komponiert 1930. Hier wechseln freie virtuose Teile mit polyphonen Abschnitten ab, so wie es Buxtehude in der Toccata der norddeutschen Orgelschule praktizierte. Neben der von Marcel Dupré beschriebenen Gewinnung toccatenartiger Elemente z. B. aus gregorianischen Motiven, die ähnlich z. B. auch von Flor Peeters in seiner Toccata, Fuge & Hymne über Ave maris stella op. 28 oder in der einleitenden Toccata der "Partita "Veni creator spiritus" (1958) von Hermann Schroeder angewandt wird, experimentierte man nach dem Zweiten Weltkrieg außerdem mit der Verbindung des Toccatenstiles mit verschiedenen, oft lateinamerikanischen Tanzidiomen, so schrieb z. B. Peter Planyavsky eine Toccata alla Rumba, sein Lehrer Anton Heiller eine Tanz-Toccata. Die 1954 entstandene Totentanz-Toccata des früheren Organisten an der Lübecker Marienkirche, Walter Kraft, bildet die Einleitung seiner groß besetzten Komposition Lübecker Totentanz nach einem Gemäldefries von Bernt Notke. Eine berühmte Toccata eines englischen Komponisten ist die Festival Toccata von Percy Eastman Fletcher. Von John Rutter liegt eine Toccata in Seven vor. Der schwedische Organist Gunnar Idenstam verbindet im ersten Satz seiner Kathedralmusik den Archetyp der französisch-romantischen Toccata mit Elementen der Rockmusik. Sein Landsmann Bengt Hambraeus schuf mit seiner "Toccata Monumentum per Max Reger" (1973) ein Pasticcio aus lauter (in der Regel transponierten) Zitaten, die alle dem umfangreichen Orgelwerk Regers entnommen sind.

Die Neue Musik zeitigte vereinzelte Beispiele von Werken für Schlagzeug oder Klavier, die die Toccata wieder an ihre Ursprungsbedeutung des Schlagens führten (Paul Hindemith, Sergei Sergejewitsch Prokofjew, Witold Lutosławski, Bernd Alois Zimmermann in seiner Oper Die Soldaten), weitere Beispiele virtuoser Toccaten für Klavier finden sich z. B. bei Leopold Godowsky oder Aram Chatschaturjan.

Toccaten werden oft von Organisten zum Auszug oder Einzug der Gemeinde in die Kirche gespielt. Außerdem dienen Toccaten der Überprüfung von neuen oder überholten Kirchenorgeln, weil man mit diesen aufwändigen Stücken die Intonation der Pfeifen in sämtlichen Registern, das Leistungsvermögen des Windwerkes und die Funktion der Ventile besonders gut kontrollieren kann.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]