Tollund-Mann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Tollund-Mann im Silkeborg-Museum
Das Gesicht des Tollund-Manns

Der Tollund-Mann (auch Tollundmann; dän. Tollundmanden) ist eine am 6. Mai 1950 in einem Hochmoor im Bjaeldskovdal, zehn Kilometer westlich von Silkeborg in Dänemark, von Viggo und Emil Højgaard entdeckte Moorleiche.[1] Der Erhaltungszustand des Mannes war so gut, dass die Finder zunächst von einem zeitgenössischen Mordopfer ausgingen.

Fund[Bearbeiten]

Der Tollund-Mann lag in entspannter Haltung auf der Seite, die Beine an den Bauch gezogen. Sein Alter wurde auf etwa 40 Jahre geschätzt, mit 161 cm war er eher klein. Die Fingerabdrücke und Hautlinienmuster auf den Fußsohlen unterscheiden sich nicht von denen heutiger Menschen. Er wirkte gepflegt, seine Haare waren geschnitten. Besonders sein Gesicht ist gut erhalten, sodass die persönlichen Gesichtszüge, Falten, Bartstoppeln zu erkennen sind. Der Leichnam war bei der Auffindung bis auf einen Gürtel und eine Pelzkappe nackt. Das Fehlen von Oberbekleidung deutet jedoch darauf hin, dass er mit Textilien aus pflanzlichen Fasern, wie Flachs, Hanf oder Nesseln, bekleidet war, die durch das saure Milieu im Moor zersetzt wurden.
56° 9′ 52″ N, 9° 23′ 34″ O56.1644444444449.3927777777778Koordinaten: 56° 9′ 52″ N, 9° 23′ 34″ O[2]

Befunde[Bearbeiten]

Neuere Radiokarbondatierungen ergaben einen wahrscheinlichen Todeszeitraum von 292 ± 82 v. Chr., der damit in die vorrömische Eisenzeit fällt.[3]

Die Pollenanalyse seines gut erhaltenen Mageninhalts ergab als Jahreszeit seines Todes den späten Winter oder das frühe Frühjahr. Der Mageninhalt, bestehend aus einem Brei oder einer Grütze ausschließlich aus Pflanzensamen, lässt vermuten, dass der Tollund-Mann wenige Stunden vor seinem Tod eine letzte Mahlzeit zu sich genommen hat.

Die Schlinge, die noch immer um seinen Hals liegt, zeugt von seinem gewaltsamen Tod durch Erhängen oder Erwürgen.

Der Tollund-Mann und seine Fundumstände sind nicht einzigartig; es finden sich viele Parallelen zu anderen Moorleichenfunden, zum Beispiel zur Frau von Elling, die nur 90 Meter entfernt gefunden wurde, oder dem zwei Jahre später gefundenen Grauballe-Mann, dessen Leiche im Museum von Moesgård bei Aarhus aufbewahrt wird.

Konservierung[Bearbeiten]

Moorleichen trocknen schnell ein und zerfallen, wenn sie dem schützenden Moor entnommen werden. Da das Gesicht des Tollund-Manns bis in kleinste Einzelheiten erhalten ist, und auch wegen der den heutigen Betrachter stark beeindruckenden Ruhe des wie schlafend wirkenden Leichnams, wurde beschlossen, die Leiche zu konservieren und museal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

In den 1950er Jahren war die Konservierung mit Polyethylenglykol die einzige Möglichkeit, so dass nur der Kopf konserviert wurde, während der Körper eintrocknete. In späteren Jahren wurde der Körper komplett mit Silikon rekonstruiert, so dass der Tollund-Mann heute wieder so zu sehen ist, wie er durch die Jahrhunderte im Moor gelegen hat.

Heute befindet sich der Leichnam im Museum von Silkeborg in Jütland.

Rezeption[Bearbeiten]

Der irische Lyriker und Nobelpreisträger Seamus Heaney thematisiert in zwei Gedichten - The Tollund Man (1973)[4] und The Tollund Man in Springtime (2005)[5] - den Tollund-Mann.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A Body Appears. In: The Tollund Man. Silkeborg-Museum, abgerufen am 7. Dezember 2011 (englisch, Fundgeschichte).
  2. http://www.tollundmanden.dk/ellingkvinden-kort-3.html
  3.  Johannes van der Plicht, Wijnand van der Sanden, A. T. Aerts, H. J. Streurman: Dating bog bodies by means of 14C-AMS. In: Journal of Archaeological Science. 31, Nr. 4, 2004, ISSN 0305-4403, S. 471–491, doi:10.1016/j.jas.2003.09.012 (PDF; 388 kB, abgerufen am 2. Juni 2010).
  4. Seamus Heaney: The Tollund Man. In: Internet Poetry Archive. Abgerufen am 7. Dezember 2011 (englisch).
  5. Seamus Heaney: The Tollund Man in Springtime. In: The Guardian. 16. April 2005, abgerufen am 7. Dezember 2011 (englisch).