Urania-Weltzeituhr

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Weltzeituhr am Alexanderplatz

Die Urania-Weltzeituhr ist eine Uhrenanlage in Baueinheit mit einer symbolischen Weltdarstellung auf dem Alexanderplatz im Berliner Ortsteil Mitte. Sie enthält auf ihrer metallenen Rotunde die Namen von 148 Städten.[1] Seit ihrer Aufstellung 1969 ist die zehn Meter hohe Weltzeituhr ein beliebter Treffpunkt für Berliner und Touristen in der deutschen Hauptstadt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die 16 Tonnen schwere Weltzeituhr wurde am 30. September 1969 feierlich der Öffentlichkeit übergeben – vorab zum 20. Jahrestag der DDR, zu dem auch der Berliner Fernsehturm eröffnet wurde. Das manifestierte in etwa den Abschluss der umfangreichen Neugestaltung des Alexanderplatzes im Sinne der sozialistischen Moderne und einer großzügigen Stadtplanung, in deren Folge „der Alex“ etwa viermal so groß war wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Symbolkraft und der Stolz über die von allen Teilen der Bevölkerung auch im Sprachgebrauch angenommene Weltzeituhr zeigen sich unter anderem in der Veröffentlichung von Briefmarken und einer Sondermünze.

Sondermünze: 5 Mark der DDR, 1987

Entworfen wurde die Weltzeituhr von dem Designer Erich John, als Mitarbeiter der Planungsgruppe zur Umgestaltung des Berliner Alexanderplatzes unter Leitung von Walter Womacka. Erich John unterrichtete seinerzeit als Dozent für Formgestaltung (heute: Produktdesign) an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin. John leitete auch die neunmonatigen Bauarbeiten. Der Bau der Weltzeituhr war eine Teamarbeit von etwa 120 Fachleuten verschiedenster Gewerke, darunter die Getriebefabrik Coswig und bauausführend vor Ort durch den Kunstschmied und Metallbildhauer Hans-Joachim Kunsch.[2] Es ist aufgrund der großen Popularität der Weltzeituhr anzunehmen, dass John bereits damals für seinen Entwurf einen Designpreis in der DDR erhalten hätte – wenn es ihn 1969 gegeben hätte. So bekam er ihn 1982 für ein anderes Produkt.

Die Idee zur Uhr kam 1968 bei der Neugestaltung einer 1966 bei Abrissarbeiten aufgefundenen Uraniasäule (svw. Wettersäule) im Zuge der Neuplanung des Alexanderplatzes.[3]

Zwischen Oktober und Dezember 1997 wurde die Uhr für 350.000 Mark (heute: rund 229.000 Euro) unter der Verantwortung von Hans-Joachim Kunsch als Metallrestaurator saniert. Bei der Sanierung wurden Städtenamen wie Leningrad in Sankt Petersburg und Alma Ata in Almaty aktualisiert. 20 neue Städte wurden hinzugefügt und die Zuordnung von Städten zu Zeitzonen geändert (Beispiel Kiew). Zu den erst 1997 hinzugefügten Städten gehörten auch Jerusalem und Tel Aviv,[4][5] deren Erwähnung in der DDR politisch unerwünscht war.

Stil und Funktion[Bearbeiten]

Über dem im Boden eingelassenen Steinmosaik in Form einer Windrose ist auf einer 2,7 Meter hohen Säule mit 1,5 Metern Durchmesser ein dreigeteilter Zylinder angebracht, dessen Grundfläche 24 Ecken und Seiten aufweist. Jede der 24 Seiten entspricht einer der 24 Zeitzonen der Erde. In das Aluminium sind die Namen wichtiger Städte der Zeitzone eingefräst. In diesem Zylinder dreht sich ein Stundenring. Auf diesem wandern die Stunden, farbig gekennzeichnet, durch die Zeitzonen. Über der Weltzeituhr rotiert einmal pro Minute eine vereinfachte Darstellung des Sonnensystems mit Planeten (Kugeln) und ihren mit Stahlkreisen dargestellten Bahnen. Insgesamt ist die Uhr zehn Meter hoch.[3]

Die Technik der Uhr befindet sich zwei Meter unter dem Platz in einem rund 5 Meter × 5 Meter großen und rund 1,90 Meter hohen Raum. Der das Planetensystem antreibende Elektromotor und das Getriebe stammen noch aus DDR-Zeiten.[3][6] Ein umgebautes Trabantgetriebe erfüllt gemeinsam mit einem Kugellager der Firma Rothe Erde seit Inbetriebnahme die wichtigste Funktion, den Antrieb des Stundenringes.[3]

Gesellschaftliche Bedeutung[Bearbeiten]

Die Urania-Weltzeituhr gilt seit Mitte der 1970er Jahre als beliebter Treff- und Verabredungspunkt auf dem Berliner Alexanderplatz.[7] Unter Berlinern gilt der Mythos, dass ein Liebespaar, das sich um 24 Uhr (Ortszeit) an der Weltzeituhr die Hände hält, für immer zusammenbleibt.[8]

Am 12. Mai 1983 entrollten die Bundestagsabgeordneten der Grünen Petra Kelly, Gert Bastian und drei weitere Abgeordnete vor der Weltzeituhr ein Transparent mit der Aufschrift „Die Grünen – Schwerter zu Pflugscharen“ und wurden kurz darauf vorübergehend festgenommen. Nach ihrer Freilassung trafen sie sich mit DDR-Bürgerrechtlern, was geduldet wurde, weil die Grünen den Natodoppelbeschluss ablehnten.[9]

Während der friedlichen Revolution und genau zu den Feiern des 40. Jahrestages der DDR am 7. Oktober 1989 versammelten sich im Umfeld der Weltzeituhr viele oppositionelle Menschen und formierten von dort unter Rufen wie „Wir sind das Volk“ einen friedlichen Protestzug zum Palast der Republik und weiter zur Gethsemanekirche. Bereits während des Marsches und vor allem im Anschluss kam es zu massiver Gewalt von Polizei und Staatssicherheit, mit insgesamt 1200 Verhaftungen. 33 Tage später fiel die Berliner Mauer.

Sonstiges[Bearbeiten]

Im Musikvideo des Titels Run To The Sun des britischen Synthie-Pop-Duos Erasure spielt die Urania-Weltzeituhr eine zentrale Bedeutung. In dem Video aus dem Jahr 1994 ist Sänger Andy Bell durch eine Animation tanzend mitten auf der Weltzeituhr zu sehen.[10]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Urania-Weltzeituhr – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helmut Caspar: Ärger mit der Weltzeiuhr am Alex. Städtenamen sind nicht korrekt. In: Märkische Allgemeine Zeitung, 24/25. Dezember 1997
  2. Homepage von Kunsch Metallbau; Referenzobjekte, abgerufen am 3. Juli 2013
  3. a b c d Auskunft des Gestalters der Weltzeituhr, Erich John
  4. Frisch poliert: Die Weltzeituhr dreht sich bald. In: Berliner Zeitung, 12. Dezember 1997, abgerufen am 3. Juli 2013.
  5. Weltzeituhr tickt jetzt wieder richtig. In: die tageszeitung, 20. Dezember 1997
  6. Weltzeituhr – Treffpunkt mit Innenleben. In: Berliner Zeitung, 30. Januar 2007, Abgerufen am 3. Juli 2013.
  7. Carl Endewerth: Soziale Funktionen populärer Orte. Vergleichende Studien kommunikativer Intertextualität in Sozialen Räumen Dissertation. Göttingen 1999
  8. Miriam Zoodlinger: Berliner Mythen. In Studien zu selbstverstärkender Resonanz Festschrift, Marburg 1994
  9. Udo Baron: Kalter Krieg und heißer Frieden. Lit Verlag, 2003, ISBN 3825861082, S. 188
  10. [1]

52.52117222222213.413308333333Koordinaten: 52° 31′ 16″ N, 13° 24′ 48″ O