Verdingung

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Dieser Artikel erläutert die Fremdplatzierung von Kindern; zur Verdingung als Bezeichnung für den Abschluss eines Arbeitsvertrages siehe Ausschreibung.
Verdingbub ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum Spielfilm des Schweizer Regisseurs Markus Imboden aus dem Jahr 2011 siehe Der Verdingbub.

Verdingung bezeichnet in der neueren Schweizer Geschichte die Fremdplatzierung von Kindern zur Lebenshaltung und Erziehung. Oft wurden die (faktisch schon durch die Behörden entrechteten) Kinder an Bauern vermittelt, von denen sie als günstige Arbeitskraft meist ausgenutzt, misshandelt und missbraucht wurden.

Ähnlich wurden in Deutschland vom 19. Jahrhundert bis etwa 1921 Bergbauernkinder, die sogenannten Schwabenkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol und auch der Schweiz, die alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben zogen, zur Kinderarbeit vermittelt.

Geschichte[Bearbeiten]

Verdingkinder, meistens Waisen- und Scheidungskinder, wurden von 1800 bis in die 1960er-Jahre[1] von den Behörden den Eltern weggenommen und Interessierten öffentlich feilgeboten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam jene Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen Märkten "wie Vieh abgetastet wurden". In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten.

Sie wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld. Nach Augenzeugenberichten von Verdingkindern wurden sie häufig ausgebeutet, erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige kamen dabei ums Leben.

Misshandlungen wurden nur sehr selten verfolgt. Wenn solche behördlich festgestellt wurden, wurde den Pflegeeltern das Recht, neue Verdingkinder zu erwerben, für mindestens fünf Jahre entzogen.

Neben der Verfolgung der Jenischen durch die Organisation „Kinder der Landstrasse“, deren Kinder selbst häufig von verschiedenen Amtsstellen und (auch privatrechtlichen) Institutionen verdingt wurden, gilt die Verdingung als eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Erst in den letzten Jahren griffen die Medien dieses Thema intensiver auf, nachdem es lange Zeit verdrängt worden war.

Die genaue Anzahl der Verdingkinder ist unbekannt. Nach Schätzungen sind es „Hunderttausende“, welche bis in die 1960er und 1970er-Jahre verdingt wurden.[2] Vor dem 1. Weltkrieg wurden laut dem Berner Historiker Marco Leuenberger im Kanton Bern gegen 10 Prozent aller Kinder verdingt[2]. 1910 sollen etwa 4 Prozent aller Schweizer Kinder unter 14 Jahren verdingt worden sein, von 1,17 Millionen Kindern sind es 47.000.[3]

Heutige Situation[Bearbeiten]

Heute lebt in der Schweiz eine vermutlich fünfstellige Zahl ehemaliger Verdingkinder, welche nicht selten psychische Probleme haben. Sie erwarten heute von der Regierung eine öffentliche Entschuldigung und finanzielle Entschädigungen. Am 12. April 2013 bat die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga die ehemaligen Verdingkinder öffentlich im Namen der Schweizer Regierung um Entschuldigung für das begangene menschliche Unrecht und bezeichnete den früheren Umgang mit den Verdingkindern als eine Verletzung der Menschenwürde, die nicht mehr gutzumachen sei.[4][5] In Mümliswil (SO) hat die Guido Fluri Stiftung 2013 die erste nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder eröffnet.[6][7]

Die Situation der Verdingkinder wurde 2005 im Expertenbericht Das Pflegekinderwesen in der Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Justiz dargestellt.[8] Der Bundesrat schlug eine Totalrevision der Pflegekinderverordnung vor, sistierte aber 2011 die weiteren Arbeiten.[9]

Die Zahl der heutigen Pflegekinder ist statistisch nicht erfasst und wird auf ca. 15.000 geschätzt.[10] Kritiker bemängeln, dass die Vermittlung der Pflegekinder über Private teilweise profitorientiert erfolge und nicht staatlich geregelt sei.[11] Wenn die Platzierung jedoch auf Wunsch der Eltern geschieht, ist diese neue Form nicht mit der alten Verdingung, sondern eher mit einem familiären Hort zu vergleichen.[12]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Ausstellungen[Bearbeiten]

  • Verdingkinder Reden / Enfances volées. Fremdplatzierungen damals und heute (deutsch und französisch). Tournee durch die Schweiz seit 2009, bisher 7 Stationen.
  • Waisenkinder - Verdingkinder in der Schweiz von Walter Emmisberger Bilder der Ausstellung

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marco Finsterwald: Verdingkinder. Kindswegnahmen durch das Jugendamt Bern 1945-1960 und swissinfo.ch: Bern entschuldigt sich bei Verdingkindern
  2. a b Der Verdingbub
  3. http://www.tagblatt.ch/index.php?artikelxml=1489519
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatVerdingkinder: Sommaruga bittet um Entschuldigung. Neue Zürcher Zeitung, 12. April 2013, abgerufen am 12. April 2013.
  5. Bericht über die Entschuldigung der schweizer Regierung auf tagesschau.de Zugriff am 12. April 2013
  6. NZZ, Juni 2013, Erste nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder
  7. Radio SRF, Mai 2013, Mümliswil wird zur ersten nationalen Gedenkstätte
  8. Das Pflegekinderwesen in der Schweiz – Analyse, Qualitätsentwicklung und Professionalisierung. (PDF; 1,0 MB)
  9. Ausserfamiliäre Betreuung von Kindern, Webseite des Bundesamtes für Justiz.
  10. http://www.kath.ch/index.php?na=11,0,0,0,d,17858
  11. http://www.kinderohnerechte.ch/web/artikel.php?kapitel_ID=19
  12. Verdingt und verdrängt. Bis vor 40 Jahren wurden in der Schweiz Kinder als Arbeitssklaven missbraucht. Süddeutsche Zeitung 19. Oktober 2009, S. 9
  13. Neues Buch soll Schicksal von Berner Verdingkindern beleuchten in: Berner Zeitung vom 15. März 2011
  14. Buchvernissage «Die Behörde beschliesst» - zum Wohl des Kindes? - Neue Erkenntnisse zur Geschichte der Verdingkinder Medienmitteilung in: Kanton Bern vom 15. März 2011
  15. Als Fürsorge noch hiess, ein Kind zum Ding zu machen. In: Tages-Anzeiger vom 25. Oktober 2011