Verdingung
Verdingung bezeichnet in der neueren Schweizer Geschichte die Fremdplatzierung von Kindern zur Lebenshaltung und Erziehung. Oft wurden die (faktisch schon durch die Behörden entrechteten) Kinder an Bauern vermittelt, von denen sie als günstige Arbeitskraft meist ausgenutzt, misshandelt und missbraucht wurden.
Ähnlich wurden in Deutschland vom 19. Jahrhundert bis etwa 1921 Bergbauernkinder, die sogenannten Schwabenkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol und auch der Schweiz, die alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben zogen, zur Kinderarbeit vermittelt.
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Geschichte [Bearbeiten]
Verdingkinder, meistens Waisen- und Scheidungskinder, wurden zwischen 1800 und 1960[1] von den Behörden den Eltern weggenommen und Interessierten öffentlich feilgeboten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam jene Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen Märkten "wie Vieh abgetastet wurden". In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten.
Sie wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld. Nach Augenzeugenberichten von Verdingkindern wurden sie häufig ausgebeutet, erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige fanden dabei den Tod.
Misshandlungen wurden nur sehr selten verfolgt. Wenn solche behördlich festgestellt wurden, wurde den Pflegeeltern das Recht, neue Verdingkinder zu erwerben, für mindestens fünf Jahre entzogen.
Neben der Verfolgung der Jenischen durch die Organisation "Kinder der Landstrasse", deren Kinder selbst häufig von verschiedenen Amtsstellen und (auch privatrechtlichen) Institutionen verdingt wurden, gilt die Verdingung als eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Erst in den letzten Jahren griffen die Medien dieses Thema intensiver auf, nachdem es lange Zeit verdrängt worden war.
Die genaue Anzahl der Verdingkinder ist unbekannt. Nach Schätzungen sind es "Hunderttausende", welche bis in die 1960er und 1970er-Jahre verdingt wurden.[2] Vor dem 1. Weltkrieg wurden laut dem Berner Historiker Marco Leuenberger im Kanton Bern gegen 10 Prozent aller Kinder verdingt[2]. 1910 sollen etwa 4 Prozent aller Schweizer Kinder unter 14 Jahren verdingt worden sein, von 1,17 Millionen Kindern sind es 47.000.[3]
Heutige Situation [Bearbeiten]
Heute lebt in der Schweiz eine vermutlich fünfstellige Zahl ehemaliger Verdingkinder, welche nicht selten psychische Probleme haben. Sie erwarten heute von der Regierung eine öffentliche Entschuldigung und finanzielle Entschädigungen. Am 12. April 2013 bat die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga die ehemaligen Verdingkinder öffentlich im Namen der Schweizer Regierung um Entschuldigung für das begangene menschliche Unrecht und bezeichnete den früheren Umgang mit den Verdingkindern als eine Verletzung der Menschenwürde, die nicht mehr gutzumachen sei.[4][5]
Die Situation der Verdingkinder wurde 2005 im Expertenbericht Das Pflegekinderwesen in der Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Justiz dargestellt.[6] Der Bundesrat schlug eine Totalrevision der Pflegekinderverordnung vor, sistierte aber 2011 die weiteren Arbeiten.[7]
Die Zahl der heutigen Verdingkinder ist statistisch nicht erfasst und wird auf ca. 15.000 geschätzt[8]. Kritiker bemängeln, dass die Vermittlung der Pflegekinder über Private teilweise profitorientiert erfolge und nicht staatlich geregelt sei[9]. Wenn die Platzierung jedoch auf Wunsch der Eltern geschieht, ist diese neue Form nicht mit der alten Verdingung, sondern eher mit einem familiären Hort zu vergleichen.[10]
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Elmar Bereuter: Die Schwabenkinder. Die Geschichte des Kaspanaze. [Roman], 9. Auflage, Herbig, München 2004, ISBN 978-3-7766-2304-8 (Als Taschenbuch: 10. Auflage, Piper-TB 4066, München 2011, ISBN 978-3-492-24066-6).
- Daniela Freisler-Mühlemann: Verdingkinder. Ein Leben auf der Suche nach Normalität. Hep, Bern 2011, ISBN 978-3-03905-735-1 (Zugleich Dissertation an der Universität Zürich 2009).
- Manfred Hertzog: Libellen und ihre Lebensräume im Thurgau, Selbstverlag Hertzog, Scherzingen 2010, ISBN 978-3-033-02736-7 (Seiltanz zwischen Leben und Tod: Das bewegte Leben von Manfred Hertzog – Verdingkind, Fremdenlegionär, Insekten-Experte, NZZ, 13. Dezember 2010)
- Arthur Honegger: Die Fertigmacher. Neuausgabe, Huber, Frauenfeld / Stuttgart / Wien 2004 (Erstausgabe Zürich 1974), ISBN 978-3-719-31354-8 (Mit einem Anhang: Wenn ich kann, schreibe ich gegen das Unrecht an, Arthur Honegger im Gespräch mit Charles Linsmayer).
- Otto Hostetter, Dominique Strebel: Man nahm ihnen sogar das Sparbüchlein. In: Der Schweizerische Beobachter. Nr. 21, Zürich 14. Oktober 2011, S. 28-36, ISSN 1661-7444.
- Marco Leuenberger, Mani, Lea; Simone Rudin; Seglias, Loretta: „Die Behörde beschliesst“ – zum Wohl des Kindes? Fremdplatzierte Kinder im Kanton Bern 1912–1978.[11][12] hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Baden AG 2011, ISBN 978-3-03919-203-8.
- Marco Leuenberger, Loretta Seglias (Hrsg.): Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen, Rotpunkt, Zürich 2010, ISBN 978-3-85869-382-2.
- Suzann-Viola Renninger: Dossier: Weggegeben, weggenommen: Verdingkinder. In: Schweizer Monatshefte, Nr. 968, Zürich März/April 2009, S. 18-40, ISSN 0036-7400.
- Franz Eugen Schlachter: Resli, der Güterbub, Geschichte eines Bernerjungen. (Reslis eignen Mitteilungen nacherzählt, Geschichte eines Bernerjungen Berner Verdingkindes Andreas Balli, Eigenverlag Freie Brüdergemeinde, Albstadt 2004 (online=PDF, 1 MB, 50 Seiten)/ Verlag der Brosamen, Biel 1891), St.-Johannis-Druckerei, Lahr 1936 (2. Auflage 1949).
- Loretta Seglias, Marco Leuenberger, Thomas Huonker; Vereinigung «Verdingkinder suchen ihre Spur» (Hrsg.): Bericht zur Tagung ehemaliger Verdingkinder, Heimkinder und Pflegekinder am 28. November 2004 in Glattbrugg bei Zürich Wildgang, Zürich 2005, ISBN 978-3-9523118-0-6.
- Dora Stettler: Im Stillen klagte ich die Welt an. Als «Pflegekind» im Emmental. Mit einem Nachwort von Jacqueline Fehr. Limmat, Zürich 2004, ISBN 978-3-85791-467-6.
- Rosalia Wenger: Rosalia G. Ein Leben. 15. Auflage, Zytglogge, Gümligen BE 1989 (Erstausgabe 1978), ISBN 3-7296-0081-8.
- Lotti Wohlwend, Arthur Honegger: Gestohlene Seelen. Verdingkinder in der Schweiz, 4. Auflage. Huber, Frauenfeld 2006 (Erstausgabe 2004), ISBN 978-3-7193-1365-4 (Ebenfalls im Weltbild-Verlag erschienen, Infos zum Buch unter http://www.verdingkind.ch)
- Kathrin Barbara Zatti: Das Pflegekinderwesen in der Schweiz – Analyse, Qualitätsentwicklung und Professionalisierung. [PDF, 1 MB, 70 Seiten], Expertenbericht im Auftrag des Bundesamtes für Justiz, Juni 2005 (ohne ISBN).
- Roland M. Begert: Lange Jahre fremd. Biographischer Roman, edition liebefeld, Liebefeld 2008, ISBN 978-3-9523510-1-7.
Ausstellungen [Bearbeiten]
- Verdingkinder Reden / Enfances volées. Fremdplatzierungen damals und heute (deutsch und französisch). Tournee durch die Schweiz seit 2009, bisher 7 Stationen.
Filme [Bearbeiten]
- Schwabenkinder aus dem Jahr 2003.
- Lotty Wohlwend, Renato Müller: Turi, ein Film über Arthur Honegger, Schweiz 2004.
- Markus Imboden: Der Verdingbub.[13] Regie: Markus Imboden, 2011.
Weblinks [Bearbeiten]
- Verdingung im Historischen Lexikon der Schweiz
- Webseite Verdingkinder Schweiz: Allgemeine Informationen über das Thema Verdingkinder und Fremdplatzierung
- Webseite Verein netzwerk verdingt
- Webseite zur Ausstellung Enfances volées/Verdingkinder reden
- Meta Zweifel, Ungeliebte Niemande, in: Leben & Glauben, Nr. 47, 20.November 2003.
- SF Schweiz aktuell: Geschichte der Verdingkinder, 29. Juni 2006, 07:14
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Marco Finsterwald: Verdingkinder. Kindswegnahmen durch das Jugendamt Bern 1945-1960 und swissinfo.ch: Bern entschuldigt sich bei Verdingkindern
- ↑ a b Der Verdingbub
- ↑ http://www.tagblatt.ch/index.php?artikelxml=1489519
- ↑ Verdingkinder: Sommaruga bittet um Entschuldigung. Neue Zürcher Zeitung, 12. April 2013, abgerufen am 12. April 2013.
- ↑ Bericht über die Entschuldigung der schweizer Regierung auf tagesschau.de Zugriff am 12. April 2013
- ↑ Das Pflegekinderwesen in der Schweiz – Analyse, Qualitätsentwicklung und Professionalisierung. (PDF; 1,0 MB)
- ↑ Ausserfamiliäre Betreuung von Kindern, Webseite des Bundesamtes für Justiz.
- ↑ http://www.kath.ch/index.php?na=11,0,0,0,d,17858
- ↑ http://www.kinderohnerechte.ch/web/artikel.php?kapitel_ID=19
- ↑ Verdingt und verdrängt. Bis vor 40 Jahren wurden in der Schweiz Kinder als Arbeitsskaven missbraucht. Süddeutsche Zeitung 19. Oktober 2009, S. 9
- ↑ Neues Buch soll Schicksal von Berner Verdingkindern beleuchten in: Berner Zeitung vom 15. März 2011
- ↑ Buchvernissage «Die Behörde beschliesst» - zum Wohl des Kindes? - Neue Erkenntnisse zur Geschichte der Verdingkinder Medienmitteilung in: Kanton Bern vom 15. März 2011
- ↑ Als Fürsorge noch hiess, ein Kind zum Ding zu machen. In: Tages-Anzeiger vom 25. Oktober 2011