Wadi Haddad

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wadi Haddad (arabisch ‏وديع حداد‎, DMG Wadīʿ Ḥaddād; * 1927 in Safed, Palästina; † 28. März 1978 in Ost-Berlin), auch bekannt als Abu Hani, war ein führender Terrorist der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP).

Leben[Bearbeiten]

Haddad wurde als Sohn griechisch-orthodoxer Eltern in Safed im heutigen Israel geboren. Sein Vater war Lehrer an einer weiterführenden Schule in Haifa. Dort erhielt auch Wadi Haddad seine Schulausbildung. Während des Palästinakriegs im Jahr 1948 floh er mit seiner Familie in den Libanon.[1] Hier begann er ein Medizinstudium an der Amerikanischen Universität Beirut und traf zum ersten Mal auf George Habash.[1] Zusammen gründeten sie die Bewegung der arabischen Nationalisten, die panarabische Ziele verfolgte.[1]

Nach seinem Abschluss ging er zusammen mit Habash nach Amman, Jordanien und errichtete eine Klinik.[1] Dort arbeitete er 1956 mit dem UNRWA zusammen, wurde aber unter dem Vorwurf umstürzlerischer Umtriebe gegen das Königshaus unter Arrest gestellt. 1962 gelang ihm die Flucht nach Syrien. Ab 1963 sprach sich Haddad für einen bewaffneten Widerstand und terroristische Aktionen gegen den von ihm als zionistische Besatzer bezeichneten Staat Israel aus.[2]

Nach dem Sechstagekrieg ging der palästinensische Arm der ANM, unter der Führung von George Habash, in die PFLP über. Haddad wurde der Führer des militärischen Arms der PFLP, die an der Organisation von Anschlägen auf israelische Ziele beteiligt war.[2] Unter anderem war er 1968 an der Planung der ersten Flugzeugentführung der PFLP beteiligt, bei der eine Maschine der israelischen Airline El Al gekapert wurde.[3]

Am 6. September 1970 entführte die PFLP fast zeitgleich drei Flugzeuge der Fluggesellschaften BOAC, Swissair und TWA. Die Flugzeugentführung einer vierten Maschine der Airline El Al durch eine Gruppe unter der Leitung von Laila Chalid misslang. Die Flugzeuge mussten auf dem sogenannten Dawson Field, einem stillgelegten Flugplatz der britischen Armee, nahe der Stadt Zarqa in Jordanien landen. Die Entführer forderten die Freilassung palästinensischer Gefangener im Austausch gegen die Geiseln. Während der Verhandlungen wurde am 9. September 1970 eine fünfte Maschine der britischen Airline BOAC von einem PFLP-Sympathisanten unter seine Kontrolle gebracht und als Druckmittel für die Freilassung der inzwischen in London verhafteten Laila Chalid eingesetzt. Die Maschine landete ebenfalls auf dem Dawson Field. Schlussendlich wurden alle Geiseln freigelassen und die Flugzeuge gesprengt. Diese Ereignisse wurden als Teil des sogenannten Schwarzen September bekannt.[3] Bis 1975 arbeitete er mit Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos zusammen, den er 1970 erstmals getroffen und im Guerillakampf trainiert hatte.

Haddad wurde seitens der PFLP stark kritisiert und ihm wurde untersagt, weitere Ziele außerhalb Israels anzugreifen. Er gründete daraufhin die Volksfront zur Befreiung Palästinas - Externe Operationen (PFLP-EO) als Unterorganisation innerhalb der PFLP. Wadi Haddad wurde 1976 von der PFLP ausgeschlossen,[4][5] die von ihm gegründete Splittergruppe PFLP-EO bestand aber weiter.

Zwei Jahre vor seinem Tod organisierte Haddad die Entführung eines Flugzeugs der Fluggesellschaft Air France, das nach dem Start in Athen, Griechenland entführt wurde. Die Entführung wurde mit der Operation Entebbe beendet.[6]

Haddad gilt auch als Drahtzieher hinter der Entführung des Flugzeugs Landshut zur Unterstützung der Rote Armee Fraktion.[3] [7] [8]

Haddad starb am 28. März 1978 in Ost-Berlin, damals DDR, und wurde in Bagdad, Irak beerdigt. Zur genauen Todesursache gibt es widersprüchliche Angaben. Zum einen wird behauptet, dass er an Leukämie starb.[9] Einem Film von Egmont R. Koch zufolge starb Haddad durch belgische Pralinen, in die der Mossad ein langsam wirkendes Gift eingespritzt hatte. Der Film belegt dies durch Interviews mit Gad Shimron, einem ehemaligen Offizier des Mossad, des israelischen Auslandsgeheimdienstes, sowie durch Informationen von der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die Übergabe der Pralinen an Haddad soll durch einen bis heute nicht bekannten Informanten möglich gemacht worden sein. Demnach soll Haddad schon während der Landshut-Entführung so geschwächt gewesen sein, dass er den Verlauf nicht mehr voll überwachen konnte.[10][11]

Verbindungen zum KGB und zur Staatssicherheit der DDR[Bearbeiten]

Der damalige KGB-Chef Juri Andropow berichtete 1974 an den KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew

„Die Kontakte mit Haddad gestatten uns, die Tätigkeit der Abteilung für Außenoperationen der PFLP bis zu einem bestimmten Grad zu kontrollieren, sie in einem für die Sowjetunion günstigen Sinne zu beeinflussen sowie bei absoluter Geheimhaltung mit den Kräften seiner Organisation aktive Maßnahmen in unserem Interesse durchzuführen.“

Juri Andropow: Blätter für Deutsche und Internationale Politik, 2007, S. 1226

Laut Unterlagen des ehemaligen KGB-Archivars Wassili Mitrochin wurde Haddad 1970 unter dem Pseudonym "Nationalist" als Agent vom KGB angeworben.[12]

Der Journalistin Regine Igel zufolge soll Haddad auch inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sein.[13]

Literatur[Bearbeiten]

  • Aaron Mannes: Profiles in Terror, A Guide to Middle East Terrorist Organizations. Rowman & Littlefield, 2004, ISBN 978-0-7425-3525-1

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Österreichische Militärische Zeitschrift, 1976, S. 428 Online
  2. a b Kai Bird: Crossing Mandelbaum Gate: coming of age between the Arabs and Israelis, 1956, Simon and Schuster, 2010, S. 254 Online
  3. a b c Samuel M. Katz, Ron Volstad: Arab Armies of the Middle East Wars (2), Osprey Publishing, 1988 S. 22 Online
  4. Aaron Mannes, Profiles in Terror. A Guide to Middle East Terrorist Organizations. 2004, S. 311
  5. Jonathan R. White: Terrorism and Homeland Security, S. 300Online
  6. Michel Wieviorka: The Making of Terrorism, S. 254 Online
  7. Das Camp der Desperados: Wie die PFLP europäische Terroristen schulte in: Der Spiegel 3/1995 vom 16. Januar 1995
  8. Mogadischu: Spielfilm Deutschland 2008
  9. Oliver Schröm: Im Schatten des Schakals: Carlos und die Wegbereiter des internationalen Terrorismus, Ch. Links Verlag, 2002, S. 165 Online
  10. Tödliche Schokolade, Dokumentarfilm, 2010, gesendet am 7. Juli 2010 auf Das Erste
  11. Israel used chocs to poison Palestinian in: The Sidney Morning Herald vom 8. Mai 2006, abgerufen am 2. Dezember 2011
  12. Christopher Andrews und Wassili Mitrochin: Schwarzbuch des KGB. 2001, S. 472
  13. http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/buchkritik/-/id=10604496/property=download/nid=658730/3z1rtf/swr2-die-buchkritik-20121228.pdf