Walrat

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Der oder das Walrat, auch als Spermazeti/Spermaceti bezeichnet, ist eine fett- und wachshaltige Substanz aus dem stark vergrößerten Vorderkopf des Pottwals. Sie unterscheidet sich in ihrer Zusammensetzung von den Substanzen in den Melonen anderer Wale. Die Eignung von Walrat zur Herstellung feiner Kerzen sowie als Schmierstoff machte den Pottwal zu einem bevorzugten Objekt des industriellen Walfangs.

Etymologie[Bearbeiten]

Ursprünglich ging man davon aus, dass Walrat das Sperma des Pottwals sei. cetus bedeutet auf lateinisch Seeungeheuer oder Wal, wörtlich übersetzt bedeutet Spermazeti also Walsperma. Bis heute wird der Pottwal auf englisch sperm whale genannt.[1] Die deutsche Bezeichnung Walrat rührt daher, dass die Substanz als Heilmittel galt (dieweil es bald hilft und rath thut in etlichen gebrechen, Adam Lonitzer).[2] Walrat ist nicht mit Ambra zu verwechseln.

Eigenschaften und Zusammensetzung[Bearbeiten]

Bei Körpertemperatur ist Walrat eine flüssige, klare Substanz. Wenn Walrat abgekühlt wird, so verfestigt es sich, wird weißlich und nimmt eine wachsartige Konsistenz an. Chemisch gesehen ist Walrat ein Gemisch aus Triglyceriden, verschiedenen Diacylglycerylethern (~ 2 %) und Wachsen. Die Wachse sind mit einer Fettsäure veresterte langkettige einwertige Alkohole, vornehmlich Cetylalkohol (C16H33OH) und Oleylalkohol (C18H35OH).[1]

Das Spermaceti unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung merklich von den Fettgemischen in den Melonen anderer Wale. Während Wachse bei den meisten Walen nur einen geringen Anteil des Gemisches ausmachen, reicht ihr Anteil beim Pottwal je nach Alter und Geschlecht von 38 bis 98 %. Nur bei Zwergpottwalen (Kogiidae), Flussdelfinen (Iniidae) und Gangesdelfinen (Platanistidae) wird ein ähnlicher Wert erreicht. In den Triglyceriden und Wachsen des Walrat fehlt Isovaleriansäure - dieses Merkmal zeigen neben Triglyceriden des Walrat nur die Fette des Amazonasdelfins (Inia geoffrensis). Auch enthalten die Wachse dieser beiden Arten überwiegend langkettige (C10-C22) Fettsäuren, während bei anderen Walen kürzerkettige Fettsäuren häufiger sind.[1]

Vorkommen und Bedeutung[Bearbeiten]

Schnitt durch den Kopf eines Pottwals, Spermaceti golden markiert.

Walrat findet sich im sogenannten Spermacetiorgan des Pottwals (Physeter macrocephalus), welches im Prinzip eine überdimensionierte Melone darstellt. Dieses weiße, weiche, schwammige Gewebe befindet sich über den Kieferknochen und ist mit Spermaceti gesättigt. Sticht man einen lebendigen bzw. noch warmen Pottwal in den Vorderkopf, fließt Spermaceti aus der Wunde. Da verschiedene Bestandteile unterschiedlich im Organ verteilt sind, dient es als eine Art „akustische Linse“ für die Echoortung.[1] Die These, dass es durch Verfestigen bei niedrigen Temperaturen die Dichte erhöht und somit den Auftrieb eines tauchenden Pottwals senkt, gilt durch Messungen an tauchenden Tieren als widerlegt.[3]

In einem etwa 15 m großen Pottwal liegen rund 3000 l Spermaceti mit einem Gewicht von etwa 2500 kg vor.[4]

Verwendung[Bearbeiten]

In einer Walrat-Raffinerie wird Walrat in Flaschen abgefüllt. USA 1902.

Walrat ist für die Herstellung feiner Kerzen geeignet und wurde daher separat vom Blubber gelagert und verarbeitet. Blubber hingegen wurde Brennstoff für Lampen. Der Pottwal stellte somit ein attraktives Ziel für den Walfang dar. Mit noch traditionellen Methoden wurden z. B. 1837 insgesamt 5.349.138 Gallonen Walrat an US-amerikanischen Häfen umgeschlagen, beim damaligen Preis von 82,5 Cent/Gallone war das Geschäft mit Spermaceti damals 4.413.039 Dollar wert. Die Menge entspricht 7472 Walen. Die Erschließung von Erdöl als Ressource um 1859 machte die Jagd auf Pottwale jedoch vorerst unlohnend. Zum Ende des 2. Weltkriegs waren die Bestände weiterhin bejagter Wale (überwiegend Bartenwale) derart reduziert, dass die Jagd auf Pottwale wieder aufgenommen wurde – gleichzeitig entdeckte die Industrie neue Einsatzgebiete von Walrat.

Darstellung des Walfangs. Whalers off Twofold Bay. New South Wales (1867) von Oswald Brierly (1817–1894)

Es wurde nun primär als Hochdruck-Schmierstoff verwendet, war aber auch Bestandteil von Hydraulikflüssigkeiten, Tinten, Reinigungsmitteln, Kosmetika, Weichmachern und Gerbstoffen. Ihren Gipfel erreichte die erneute Jagd 1964, als 29.255 Exemplare erlegt wurden und rund 152.700 t Walrat einbrachten. Die Jagd endete 1984 mit dem allgemeinen Verbot des Walfangs durch die International Whaling Commission. Als Ersatz für Walrat dient heute insbesondere das Öl aus den Samen der Jojoba (Simmondsia chinensis).[1] Die Verwendung von Walrat in pharmazeutischen Zubereitungen (z. B. Kühlsalbe) ist mit dem Erscheinen der achten Ausgabe des Deutschen Arzneibuchs im Jahr 1978 durch künstlich hergestelltes Cetylpalmitat ersetzt worden.

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b c d e D. W. Rice: Spermaceti. In: William F. Perrin, Bernd Würsig, Johannes G. M. Thewissen (Hrsg.): Encyclopedia of Marine Mammals. 2nd Edition. Academic Press, Burlington MA u. a. 2009, ISBN 978-0-12-373553-9, S. 1098–1099.
  2. Grimms Wörterbuch. Abgerufen am 15. Mai 2011.
  3. Patrick J. O. Miller, Mark P. Johnson, Peter L. Tyack, Eugene A. Terray: Swimming gaits, passive drag and buoyancy of diving sperm whales Physeter macrocephalus. In: The Journal of Experimental Biology. Vol. 207, 2004, ISSN 0022-0949, S. 1953–1967, doi:10.1242/​jeb.00993.
  4. Malcolm R. Clarke: Structure and Proportions of the Spermaceti Organ in the Sperm Whale. In: Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom. Vol. 58, Nr. 1, 1978, ISSN 0025-3154, S. 1–17, (Online; PDF; 6,9 MB).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Spermaceti – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien