Wessel Freytag von Loringhoven

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wappen der Freytag von Loringhoven

Wessel Freiherr Freytag von Loringhoven (* 10. Novemberjul./ 22. November 1899greg.[1] in Groß Born, Kurland; † 26. Juli 1944 in OKH Mauerwald, Ostpreußen) war Oberst im Generalstab der deutschen Wehrmacht. Er war Mitglied des militärischen Widerstandes gegen Adolf Hitler und seit 1937 befreundet mit Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der das Attentat vom 20. Juli 1944 ausübte.

Leben[Bearbeiten]

Wessel Freytag von Loringhoven entstammte dem baltischen Zweig einer alten westfälischen Adelsfamilie und wuchs in Adiamünde (heute Skulte (Lettland)) in Livland auf. Nach dem Abitur trat er 1918 in die Baltische Landeswehr ein, mit deren Umwandlung in das 13. Infanterieregiment der Lettischen Armee er lettischer Soldat wurde. 1922 verließ er als Deutsch-Balte die neu gegründete Republik Lettland, um in die deutsche Reichswehr einzutreten.

Seine militärische Laufbahn führte ihn 1943 als Oberst i.G in das Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Anfangs ein Sympathisant des Nationalsozialismus schloss er sich aufgrund seiner Erlebnisse während des Ostfeldzuges und der damit verbundenen deutschen Verbrechen dem Widerstand an. Durch seine Arbeit als Ic der Heeresgruppe Süd gegen die Sicherheitspolizei kollidierte er schon im Frühjahr 1942 mit den Spitzen der SS in der Ukraine (siehe hierfür „Geheimes FS SS-Brigadeführer Dr. Max Thomas (BdS, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienst) an SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann (HSSPF)“).[2] Er konnte sich jedoch den im Fernschreiben angekündigten weiteren Ermittlungen der SS entziehen. 1943 wurde er auf Betreiben von Admiral Wilhelm Canaris als Oberst i.G. zum OKW nach Berlin abgeordnet und dort unter Canaris in der Abwehr Chef der Abteilung II. Sabotage eingesetzt. Sein Vorgänger in diesem Amt war Generalmajor Erwin Lahousen, mit dem er und Admiral Canaris am 29. Juli 1943 nach Venedig flogen, um den italienischen Geheimdienstchef Cesaré Amé über die SS-Pläne zur Beseitigung von Papst und König zu informieren.[3] Canaris war es gelungen, den Venedig-Flug bei Keitel unter „Überprüfung der Bündnistreue Italiens“ genehmigt zu bekommen. Den Erfolg dieser Reise bestätigen die „Erinnerungen“ des damaligen deutschen Botschafters beim Vatikan, Ernst von Weizsäcker (Seite 362ff.).

Wessel Freytag von Loringhoven besorgte den Sprengstoff, mit dem Claus Graf Schenk von Stauffenberg das Attentat vom 20. Juli 1944 unternahm. Nach dem Ausscheiden von Wilhelm Canaris aus dem Amt Abwehr / Ausland hatte Freytag-Loringhoven die Abwehr verlassen müssen. Er fand seine nächste Aufgabe als Leiter der Heerwesenabteilung im Generalstab des Heeres. Dort konnte er dank seiner Position englischen Sprengstoff mit Zündern beschaffen, den er nun vorgab, Ende Juni 1944 im Mauersee versenkt zu haben. Die Gestapo konnte jedoch nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 nachweisen, dass die Zünder und Sprengmaterial aus ebendieser Quelle stammten und Freytag-Loringhoven das Material an Stauffenberg übergeben hatte. Dies stimmt überein mit der Darstellung von Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff, der die Sprengstoffe bei der Heeresgruppe Mitte gehandhabt und wie Tresckow und Schlabrendorff getestet hatte (S. 121 u. 144 in "Soldat im Untergang", Foto des zweiten, von Stauffenberg und Werner von Haeften bei ihrer Fahrt zum Flugplatz weggeworfenen Sprengstoff-Pakets.)[4] Ernst Kaltenbrunner vom Reichssicherheitshauptamt gelang es, Freytags Täterschaft im Detail aufzuklären. Am 26. Juli 1944, unmittelbar vor seiner Verhaftung durch die Gestapo, setzte Freytag-Loringhoven seinem Leben selbst ein Ende, da ihm als Offizier der militärischen Abwehr die zu erwartenden Verhörmethoden zum Aufspüren von Mitverschwörern bekannt waren.

Die Erfolgsaussichten eines Attentats hatte er überaus skeptisch gesehen. So auch bei einem Treffen von Widerstands-Offizieren in Schloß Tolksdorf (Nähe "Wolfsschanze") im Frühsommer 1944. Er sagte damals: "Aber, auch wenn es nicht gelingt, wird wenigstens in der deutschen Geschichte stehen, dass Menschen ihr Leben eingesetzt haben, um diesen Verbrecher zu beseitigen." (aus Fürst Alexander Dohna-Schlobitten: "Erinnerungen eines alten Ostpreußen", S.186). Freytag-Loringhovens Abschiedsbrief an seine Frau befindet sich im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Nach seinem Tod wurde seine Frau zusammen mit den Frauen der anderen Beteiligten des 20. Juli in Moabit gefangengesetzt. Seine vier Söhne wurden von ihrer Mutter getrennt und in Bad Sachsa in Sippenhaft genommen, aus der sie im Oktober 1944 freikamen.

Werke[Bearbeiten]

Als Nachrichtenchef der Heeresgruppe B legte er vor der Schlacht um Stalingrad Anfang Oktober 1942 eine Denkschrift vor, die den russischen Großangriff am Don erwartete, wo er am 19. November auch tatsächlich losbrach. Die kommende Kesselschlacht sah er darin untrüglich voraus, doch der Inhalt der Denkschrift hinterließ im Führerhauptquartier und bei Hitler keinerlei Wirkung.

Literatur[Bearbeiten]

  • Astaf von Transehe-Roseneck u.a.: Genealogisches Handbuch der Baltischen Ritterschaften. Band Livland, Görlitz 1929, S. 416ff.
  • Bernd Freytag von Loringhoven: Freytag von Loringhoven. Eine kurzgefaßte Familiengeschichte, München 1986
  • Ulrich Cartarius: Opposition gegen Hitler. Deutscher Widerstand 1933-1945 Berlin 1984, ISBN 3-88680-110-1
  • Harald Steffahn: Die Wahrheit über Stalingrad, in: Christian Zentner: Adolf Hitler, Hamburg 1979
  • Kaltenbrunner-Berichte an Bormann und Hitler über das Attentat vom 20. Juli 1944, in: Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Spiegelbild einer Verschwörung, Stuttgart 1961
  • Sven Steenberg: Wlassow - Verräter oder Patriot?< Köln 1968
  • Peter Hoffmann: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 1969
  • Wessel Baron Freytag von Loringhoven. Zum 25. Jahrestag des 20. Juli 1944, in: Nachrichtenblatt der Baltischen Ritterschaften< 11. Jg. (1969), Heft 2 (Juni)
  • 20. Juli 1944, hrsg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst, Bonn 1960
  • Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff: Soldat im Untergang, Ullstein, 1977
  • Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten: Erinnerungen eines alten Ostpreussen, Siedler Verlag, 1994
  • Antje Vollmer: Doppelleben: Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop. Eichborn, 2011
  • Helmuth Groscurth: Tagebücher eines Abwehroffiziers 39-40, Deutsche Verlags-Ges., 1970

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag im Taufregister der Gemeinde Born (lettisch: Bornes, nach 1925: Kaplava)
  2. SS-Fernschreiben im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde BDC, SSO Max Thomas. Zum Holocaust in der Ukraine siehe Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und Weißrussland. Ferdinand Schöningh Verlag, 2006.
  3. Aussage E. Lahousen, Nürnberg 1. Februar 1946, 1330-1430 und Schlabrendorff, "Offiziere gegen Hitler"
  4. Seite 881 bei Peter Hoffmann, Widerstand (1969).