Geschichte Lettlands

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Livland – Lettland und Estland auf einer Karte des 16. Jahrhunderts

Etwa 14.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, am Ende der letzten Eiszeit, bildete sich die heutige Moränenlandschaft des Baltikums heraus.[1] Im Gefolge jagbarer Tiere erschienen etwa 9000 v. Chr. die ersten Menschen, über deren ethnische Zugehörigkeit nichts bekannt ist.

Vor- und Frühgeschichte[Bearbeiten]

Baltische Stämme im 12. Jahrhundert

Die Vorgeschichte Lettlands wird gewöhnlich in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit eingeteilt und dauerte bis ins 12. Jahrhundert n. Chr.

Ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. wanderten aus dem Norden und Nordosten finnugrische Stämme in dieses Gebiet ein. Sie wurden im 2. Jahrtausend v. Chr. von indoeuropäischen Stämmen teilweise verdrängt oder assimiliert. Diese Vorläufer der späteren Letten und Litauer lebten von Land- und Viehwirtschaft und benützten bronzene Werkzeuge. In antiken Schriften werden die Balten als Aisti oder Aesti bezeichnet und das gesamte Land als „Estland“. Noch der angelsächsische Reisende Wulfstan benutzte im 9. Jahrhundert dieses Wort in der antiken Bedeutung.

Die Balten lebten unter lokalen Fürsten, hatten aber keinen einheitlichen Staat, was eine militärische Schwäche bedeutete und bereits in der Vendelzeit erste skandinavische, Kiewer, später dann polnische und deutsche Interessen anzog.

Zum Beispiel, Kurische Waffen und Schmuckstücke aus dem 10. Jahrhundert (Ziernadeln, Fibeln und Schwerter) fand man an der gotländischen Küste. In Hugleifs enthielt ein Frauengrab typisch kurischen Schmuck. Das Grab belegt die Anwesenheit von Kuren auf der Insel. Dieselben Ziernadeln und Schwerter findet man auch in großer Zahl in der Umgebung von heutigen Klaipėda und Kretinga. Die Funde auf Gotland und Öland sowie im mittelschwedischen Uppland deuten auf Handelsbeziehungen zu den Balten schon im 10. und 11. Jahrhundert.

Deutscher Orden[Bearbeiten]

Die Unterwerfung der lokalen Fürstenstaaten von Liven, Letten, Esten, Kuren und Semgallen durch den Deutschen Orden und ihre Eingliederung in den Ordensstaat

Die Niederlage von 1237 des Schwertbrüderordens in der Schlacht von Schaulen (litauisch Šiauliai) gegen Litauen führte zur Übernahme Lettlands durch den Deutschen Orden und zur Angliederung Livlands an den Ordensstaat (Siehe Livländischer Orden). Einige Landesteile verblieben in der Hand des Bischofs von Riga beziehungsweise der Stadt Riga.

Mit der Unterwerfung der Stämme der Liven, Kuren und Semgallen durch den Deutschen Orden kamen deutsche Einwanderer nach Livland. Die deutsche Oberschicht stellte jahrhundertelang das Stadtbürgertum und den Großgrundbesitz und somit die gesamte Intelligenz.

Hanse[Bearbeiten]

Im Mittelalter verbanden sich die livländischen Städte Riga usw. in der livländischen Konföderation mit der Hanse und waren wirtschaftlich durch die Ostseehandels-Verbindungen nach Dänemark, Skandinavien und Russland geprägt.

Reformation[Bearbeiten]

Infolge der Reformation wurde der Ordensstaat ein Herzogtum und Livland wurde dabei lutherisch. Der Livländische Krieg dauerte von 1558 bis 1583. Livland (als Teil des Ordensstaates) wurde nach Ende des livländisch-litauischen Krieges im Vertrag von Wilna (28. November 1561) aufgeteilt. Estnische Landesteile gingen an Schweden, einige kleinere Gebiete fielen an Dänemark oder kamen unter polnische Hoheit. Kurland wurde als Erbherzogtum vom letzten Deutschordensmeister Herzog Gotthard Kettler unter polnischer Oberherrschaft geführt, der restliche Teil kam zum vereinten Polen-Litauen. Riga kam nach kurzer Unabhängigkeit, ebenso wie einige der dänischen Besitzungen, ebenfalls zu Polen.

Schweden, Polen und Russland[Bearbeiten]

1629 eroberte Schweden Livland. Kurland blieb ein selbständiges Herzogtum unter polnischer Oberhoheit (Herzogtum Kurland und Semgallen). Auch der südöstlichste Teil Livlands um Dünaburg blieb polnisch (Polnisch Livland). Der Große Nordische Krieg von 1700 bis 1721 brachte einen erneuten Herrschaftswechsel. Durch den Frieden von Nystad wurden Livland und Estland russische Provinzen. Durch die Dritte Teilung Polens 1795 kam auch Kurland und Polnisch Livland (Lettgallen) zu Russland. Kurland und Livland bildeten gemeinsam mit Estland die Ostseegouvernements, die eine gewisse Sonderstellung hatten: sie waren von deutschen Oberschichten geprägt und lutherisch; die städtische Selbstverwaltung war stärker ausgeprägt.

Unabhängiges Lettland zwischen den Weltkriegen[Bearbeiten]

Lettland, 1920-1940
Wappen Lettlands (seit 1921)

Ein erwachendes Nationalgefühl der von Russland dominierten Letten führte zu Unabhängigkeitsbewegungen. Im Jahre 1917 wurden Gebiete im Baltikum umstrukturiert: Livland trat seinen estländischen Teil an Estland ab, bekam dafür aber im Süden Kurland angegliedert. Nach der deutschen Besetzung am Ende des Ersten Weltkrieges kam es zur Unabhängigkeitserklärung (18. November 1918) durch den Lettischen Volksrat. Die Roten Lettischen Schützen konnten den Anspruch Sowjetrusslands und die erste Lettische Sowjetrepublik gegen das von Esten und Deutsch-Balten (Baltische Landeswehr, Eiserne Division) unterstützte Lettland nicht durchsetzen und mussten sich aus dem Baltikum zurückziehen. Einem gescheiterten Putsch der deutsch-baltischen Minderheit folgte dann eine lettische Regierung, die am 11. August 1920 im Friedensvertrag von Rīga auch die Anerkennung durch Russland erreichte. Die in diesem Vertrag durch die Sprachgrenze bestimmte Grenzziehung sprach Lettland auch Lettgallen zu. Das damals über eine tolerante Minderheitsgesetzgebung verfügende Land erlebte eine wirtschaftliche wie kulturelle Blüte.

Am 15. Juni 1921 wurde vom Parlament der Beschluss über die Flagge und die Wappen Lettlands getroffen. Diese Insignien wurden von diesem Tag an von allen staatlichen Einrichtungen verwendet. Mit Stand vom 15. Juni 1921 hatte das unabhängige Lettland in vielen europäischen Ländern sowie in China und den USA diplomatische Vertretungen. Durch einen Staatsstreich am 15. Mai 1934 endete die Zeit der parlamentarischen Regierung, danach regierte Kārlis Ulmanis den Staat autoritär.

Ende der Unabhängigkeit 1939/1940[Bearbeiten]

Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen Estland, Lettland und Deutschland am 7. Juni 1939. Von links nach rechts: Außenminister Munters (Lettland), Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Außenminister Selter (Estland).

Während der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg geriet Lettland zunehmend unter Druck der Sowjetunion und Deutschlands. Am 7. Juni 1939 in Berlin wurde ein Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und Lettland unterzeichnet. In einem geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (oder so genannten Hitler-Stalin-Paktes) am 23. August 1939 vereinbarten die beiden Großmächte jedoch, dass Lettland zur Einflusssphäre der Sowjetunion zählte.

Am 5. Oktober 1939 zwang die Sowjetunion Lettland ein Beistands- und Stützpunktabkommen auf. Am 31. Oktober 1939 wurde ein Umsiedelungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Lettland unterzeichnet und anschließend schnell durchgeführt: 48.600 Deutschbalten wurden nach Deutschland umgesiedelt. Diese so genannte Repatriierung wurde am 15. Dezember 1939 für abgeschlossen erklärt. Unter Gewaltandrohung musste Lettland 1940 der Stationierung von sowjetischen Truppen zustimmen, welche Lettland am 17. Juni 1940 besetzten.

Eine prosowjetische Regierung wurde installiert und ersuchte um Eingliederung in die Sowjetunion - ein Vorgang, der von den meisten Letten bis heute als eine völkerrechtswidrige Okkupation und Annexion betrachtet wird.

Etwa 35.000 Letten wurden 1940 bis 1941 nach Sibirien deportiert. Die Reste der deutschen Minderheit, die jahrhundertelang die Bildungsschicht des Landes gestellt hatte, wurden umgesiedelt.

Deutsche Besetzung 1941–1945[Bearbeiten]

Deutsche, pro-nazistische und anti-sowjetische Propagandatafel (Sommer 1941), Aufnahme einer Propagandakompanie

Von 1941 bis 1945 war Lettland von der Wehrmacht besetzt. Es wurde als Generalbezirk Lettland unter deutsche Zivilverwaltung gestellt, die dem Reichskommissariat Ostland unterstand, vom 25. Juli 1941 bis zur Düna (ohne Riga) und ab dem 1. September 1941 auch nordöstlich davon. Diese Zivilverwaltung war mit wenigen Leuten besetzt, die es nach dem Jahr der stalinistischen Schreckensherrschaft jedoch leicht hatten, sich als Befreier darzustellen und eine kollaborierende lettische Selbstverwaltung aus so genannten Vertrauensleuten aufzubauen.

Lettische SS-Verbände aus Freiwilligen,[2] später auch zwangsrekrutierte Soldaten, kämpften im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion. Einheimische Kollaborateure waren in allen Bereichen am von den Besatzern initiierten Holocaust beteiligt, von Erschießungsaktionen bis zur Registrierung und Beschlagnahme jüdischen Eigentums.[3] Während der deutschen Besetzungszeit fanden Vernichtungsaktionen der deutschen Besatzungsmacht gegen Juden statt, die zur fast völligen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Lettlands führten. Wichtiges Instrument waren hierbei die lettische Hilfspolizei und ein lettisches Sonderkommando unter Victors Arājs, das dem SD unterstand und eine große Zahl von Massenerschießungen durchführte.

Am 2. Januar 1942 wurde der Ort Audrini von deutschen Sicherheitskräften dem Erdboden gleichgemacht und 205 Einwohner in einem nahe gelegenen Wald erschossen. 30 Männer aus Audrini wurden am 4. Januar 1942 in Rēzekne öffentlich erschossen. Grund für das Massaker war die angebliche Unterstützung sowjetischer Soldaten und Partisanen. Zeitweise bestanden jüdische Ghettos in den Städten Riga, Daugavpils und Liepāja. Berüchtigte Orte von Massenmorden waren Rumbula und Šķēde.

Bis zum 8. Mai 1945 hielten deutsche Truppen inklusive etwa 14.000 Kämpfer der 19. SS-Division die „Festung Kurland“, wo noch im März 1945 unter deutscher Besatzung eine unabhängige Republik Lettland ausgerufen worden war. Nachdem die Rote Armee im Juni 1944 die Landesgrenze überschritten und bis Mai 1945 das gesamte Land unter Kontrolle gebracht hatte, wurden etwa 57.000[4] Einwohner zur Roten Armee, vor allem dem 130. Lettischen Schützen Korps eingezogen. Außerdem setzte die Deportation, Inhaftierung und Tötung von Letten – vor allem aus der Ober- und Mittelschicht und Kollaborateure – durch die sowjetische Besatzungsmacht wieder ein. Etwa 200.000[4] Flüchtlinge waren vor Kriegsende nach Deutschland und etwa 5000 nach Schweden gelangt. Die meisten zogen später weiter in die USA und nach Australien. In diesen Ländern entstanden diverse Exilanten-Gemeinden. Bis 1953 hielten sich im Baltikum Widerstandsnester der „Waldbrüder“, lose Gruppen antikommunistischer Untergrundkämpfer, die offiziell erst 1953 nach dem Tode Stalins und einer politischen Amnestie die Waffen niederlegten.

Lettische SSR 1945–1990[Bearbeiten]

Grenzveränderungen zugunsten Russlands in der Zeit der sowjetischen Okkupation

In der Nachkriegszeit wurde die Lettische SSR erneuert, die laut der sowjetischen Geschichtsschreibung bereits seit 1940 bestand. Die in den Augen lettischer Patrioten völkerrechtlich illegale Zugehörigheit Lettlands zur Sowjetunion wurde von den Alliierten bei den Vereinbarungen zur Nachkriegsordnung (Konferenzen von Teheran und Jalta 1943 und 1945) und bei der Gründung der UNO nicht in Frage gestellt. Anfänglicher Widerstand durch als „Waldbrüder“ bezeichnete Partisanen wurde bald gebrochen.

In der Folge drohten Maßnahmen der sowjetischen Zentralregierung die lettische Bevölkerung zur Minderheit in ihrem eigenen Land zu machen. Der bereits erwähnten ersten großen Welle der Massendeportation im Jahr 1941 folgten zwei noch größere in den Jahren 1945 und im März 1949. Betroffen waren überwiegend lettische Bauern, mehrheitlich Frauen und Kinder, die in diverse Gebiete Sibiriens zwangsumgesiedelt wurden. Neueren Berechnungen zufolge wurden in den Jahren 1940 bis 1953 etwa 140.000 bis 190.000 lettische Staatsbürger von der Sowjetmacht deportiert oder inhaftiert.[5] Bürger aus anderen Regionen der UdSSR strömten dagegen in Lettland ein, übernahmen dort führende Positionen. Wer die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in Sibirien überlebte, durfte erst nach Stalins Tod im Jahr 1956 zurückkehren. Es war jedoch verboten, über das geschehene Unrecht zu reden, so dass die Aufarbeitung erst im Zuge der politischen Veränderungen ab 1987 erfolgen konnte.

1935 lebten in Lettland 77 % Letten, 8,8 % Russen, etwa 5 % Juden, etwa 4 % Deutsche, 2,5 % Polen, 1,4 % Weißrussen und 0,1 % Ukrainer. Dagegen 1989 waren es nur noch 52 % Letten, aber 34 % Russen, 4,5 % Weißrussen, 3,5 % Ukrainer, 2,3 % Polen und 1,3 % Litauer.

Wiederherstellung der Unabhängigkeit 1990[Bearbeiten]

Freiheitsmonument in Riga

Am 4. Mai 1990 erklärte Lettland seine Unabhängigkeit für wiederhergestellt. Dieser Vorgang, dem die sogenannte Singende Revolution vorausgegangen war, wurde seitens der Sowjetunion am 21. August 1991 gemeinsam mit der Unabhängigkeit Litauens und Estlands anerkannt.

Anfangs galt Lettland politisch und wirtschaftlich als instabil. Dem Land stellte sich die Aufgabe, die nationale Identität Lettlands mit der lettischen Identität (der Identität der ethnischen Letten) und der Identität der nicht-lettischen Ethnien in Lettland in Einklang zu bringen,[6] was durch eine umstrittene Minderheitenpolitik[7] versucht wurde. Zugleich mussten das politische und das wirtschaftliche System vom Kommunismus zu westlicher Demokratie und Marktwirtschaft transformiert werden. Im Laufe der 90er Jahre erlebte die Wirtschaft einen Aufschwung.

Am 20. September 2003 stimmten in einem Referendum 67 % der Letten für den Beitritt ihres Landes am 1. Mai 2004 zur EU, 32 % stimmten dagegen und 0,7 % enthielten sich bei einer Wahlbeteiligung von 72,5 %. Am 29. März 2004 wurde Lettland auch Mitglied der NATO. Seit dem 1. Januar 2014 nimmt Lettland an der Europäischen Währungsunion teil, der Euro löste den Lats ab.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Lettland – Quellen und Volltexte

Historisches Kartenmaterial[Bearbeiten]

Grenze zu Russland 1993[8]

Aus dem Atlas To Freeman's Historical Geography, Edited by J.B. Bury, Longmans Green and Co. Third Edition 1903 ist von der Universität zu Texas (Austin):

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ilgvars Butulis, Antonijs Zunda: Latvijas vēsture. Riga 2010, ISBN 978-9984-38-827-4, S. 13.
  2. [1] (Version vom 5. Juni 2011 im Internet Archive)Vorlage:Webarchiv/Wartung/Linktext_fehlt
  3. Katrin Reichelt: Kollaboration und Holocaust in Lettland 1941-1945. In: Wolf Kaiser: Täter im Vernichtungskrieg. Der Überfall auf die Sowjetunion und der Völkermord an den Juden. Berlin/München 2002, ISBN 3-549-07161-2, S. 115.
  4. a b Ilgvars Butulis, Antonijs Zunda: Latvijas vēsture. Riga 2010, ISBN 978-9984-38-827-4, S. 148.
  5. Daina Bleiere, Ilgvars Butulis, Antonijs Zunda, Aivars Stranga, Inesis Feldmanis: Latvijas vēsture: 20. gadsimts. Jumava, Rīga 2005, ISBN 9984-05-865-4, S. 304.
  6. Julija Perlova: Identitätskonstruktionen in den Medien am Beispiel Lettlands. Eine Frameanalyse zu den Europawahlen 2004 und 2009 (PDF; 891 kB) 2010, S. 16f.
  7. Toms Ancitis: Geschenkte Einbürgerung? In Lettland wird nach einer Unterschriftenaktion erneut über den Status der Nichtbürger debattiert. Neues Deutschland, 19. September 2012
  8. RIA Novosti archive, image #631781 / V. Borisenko / CC-BY-SA 3.0