Andrei Andrejewitsch Wlassow

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Andrei Andrejewitsch Wlassow 1942 in deutscher Gefangenschaft
General Wlassow mit Soldaten der Russischen Befreiungsarmee (ROA)

Andrei Andrejewitsch Wlassow (russisch Андрей Андреевич Власов; wiss. Transliteration Andrej Andreevič Vlasov; * 1. Septemberjul./ 14. September 1901greg.[1] in Lomakino, Gouvernement Nischni Nowgorod; † 1. August 1946[2] in Moskau) war ein sowjetischer Generalleutnant. In deutscher Gefangenschaft wechselte er die Seiten und baute die Russische Befreiungsarmee – Russkaja Oswoboditelnaja Armija, ROA, auch Wlassow-Armee genannt – auf, die auf der Seite des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion kämpfte.

Leben[Bearbeiten]

In den Reihen der Roten Armee bis zum Beginn des Großen Vaterländischen Krieges[Bearbeiten]

Wlassow trat 1919 in die Rote Armee ein. Nach der Beendigung eines viermonatigen Kommandeurskurses wurde er als Zugführer bei den bewaffneten Kräften im Süden Russlands bei der Südfront eingesetzt. Er diente in der 2. Dondivision. Nach der Liquidierung der weißen Truppen im Nordkaukasus kämpfte Wlassow in Nordtaurien gegen die Truppen Wrangels. Wlassow war Kompaniechef und diente danach im Stab. Ende 1920 war Wlassow zur berittenen und Fußaufklärung kommandiert und nahm an der Liquidierung der Machnowschtschina teil.

Seit 1922 bekleidete Wlassow Kommandeurs- und Stabsfunktionen, beschäftigte sich aber auch mit seiner Fortbildung. 1929 beendete er die Wystrel-Kurse (Militärakademie für Infanterie). 1930 trat Wlassow in die Kommunistische Partei ein. 1935 war Wlassow Hörer an der Frunse-Militärakademie. Der Historiker A.N. Kolsnik fand heraus, dass Wlassow in den Jahren der „Großen Säuberung“ 1937–1938 Mitglied des Militärgerichtshofes im Leningrader und Kiewer Militärbezirk war. Seit August 1937 war Wlassow Kommandeur des 133. Schützenregiments der 72. Schützendivision und seit April 1938 stellvertretender Kommandeur dieser Division. Im Herbst 1938 wurde er als Militärberater nach China geschickt, wobei er das volle Vertrauen der politischen Führung genoss. Von Mai bis November 1939 diente er beim Obersten Militärrat. Dafür erhielt er den Orden des Goldenen Drachen.

Im Januar 1940 wurde Generalmajor Wlassow Kommandeur der 99. Schützendivision, welche als beste Division des Kiewer Militärbezirks im Oktober 1940 mit dem Rotbannerorden geehrt wurde.

Im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Wlassow kämpfte im Zweiten Weltkrieg zunächst auf sowjetischer Seite gegen die Deutschen. Er führte im Juli 1941 mit dem IV. Mechanisierten Korps bei Berdytschiw einen Gegenangriff, befehligte im September 1941 vor Kiew die 37. Armee und eroberte bei der Winteroffensive der Sowjets im Januar 1942 nahe Moskau die Stadt Solnetschnogorsk zurück. Dafür wurde er von dem sowjetischen Dichter Ilja Ehrenburg literarisch verewigt. Im April 1942 löste er General N.K. Klykow als Oberbefehlshaber der 2. Stoßarmee ab und kämpfte unter Merezkow an der Wolchow-Front um die Befreiung Leningrads (Wolchow-Schlacht). Der 2. Stoßarmee gelang es, weiter als die anderen Armeen vorzustoßen, sie konnte allerdings in den erreichten Stellungsräumen nicht versorgt werden; ein Rückzug wurde untersagt. Nachdem die Soldaten ihre Pferde, später Baumrinde und Gegenstände aus Leder verzehrt hatten und viele verhungert waren, wurde der Rest von den Deutschen aufgerieben. Wlassow konnte sich noch fast zwei Wochen lang verbergen, wurde aber am 12. Juli 1942 gefangengenommen.

Opposition zu Stalin[Bearbeiten]

Andrei Andrejewitsch Wlassow 1944

In deutscher Gefangenschaft initiierte er unter den Häftlingen ein gegen Stalin gerichtetes Komitee. Der SS-Chef und Oberbefehlshaber des Ersatzheeres Heinrich Himmler überzeugte den zunächst zögerlichen Adolf Hitler davon, eine Russische Befreiungsarmee mit zehn Grenadier-Divisionen, einem Panzer-Verband und eigenen Luftstreitkräften zu gründen. Die Rekrutierung begann im Herbst 1944. Wlassow verbündete sich mit Hitlers Wehrmacht und baute mit ihrer Hilfe die Russische Befreiungsarmee auf. Am 10. Februar 1945 übernahm er in Münsingen auf der Schwäbischen Alb den Oberbefehl über die neue Armee.

Am 11. April 1945, unmittelbar vor der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, beschoss die bei Buchenwald stationierte Wlassow-Armee noch das Lager. Kurz darauf, in den ersten Maitagen 1945, brach Wlassow das Bündnis mit Deutschland, indem er es zuließ, dass sich seine 1. Division unter General Sergei Kusmitsch Bunjatschenko vorübergehend den Aufständischen in Prag anschloss. Er selbst stand diesem Unternehmen offenbar distanziert gegenüber. Nach der endgültigen Befreiung Prags von der deutschen Besatzung durch die Rote Armee ergab sich Wlassow den amerikanischen Truppen. Den herangerückten Sowjets gelang es, Wlassow am 12. Mai 1945 während einer Autofahrt festzunehmen. Ob die Amerikaner der Festnahme Vorschub geleistet haben, um ihn auf diese Weise an die Sowjets auszuliefern, ist umstritten.

Prozess und Hinrichtung[Bearbeiten]

Sein Prozess, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt wurde, begann am 30. Juli 1946 und endete schon zwei Tage später mit dem Todesurteil. Am 1. August 1946 wurde Wlassow im Moskauer Taganka-Gefängnis gehängt.

Politische Ziele[Bearbeiten]

Denkmal für Wlassow und die Russische Befreiungsarmee, von der russisch-orthodoxen Gemeinde in Nanuet im US-Bundesstaat New York errichtet

Seine politischen Ziele veröffentlichte Wlassow im propagandistisch motivierten sogenannten Prager Manifest vom 14. November 1944. Er wollte einen Sturz des Bolschewismus, aber keine Rückkehr zum Zarentum. Er proklamierte den Schutz des Einzelnen vor der Willkür und die Möglichkeit der Aneignung der Früchte eigener Arbeit, ferner die bürgerlichen Freiheits-Grundrechte und den Schutz des durch eigene Arbeit erworbenen Privateigentums.

Rezeption[Bearbeiten]

Die Sowjetunion betrachtete Wlassow als Verräter, doch wird seine historische Rolle im heutigen Russland von einigen wenigen Historikern auch positiver gesehen. In ihren Augen war er der Exponent einer in Russland weit verbreiteten, wegen des blutigen Terrors jedoch nicht organisierten Opposition zu Stalin, die keine andere Möglichkeit sah, als mit dessen Feinden zu kooperieren. Unerklärt bleibt seine Kollaboration mit den Nazis vor dem Hintergrund ihrer Lebensraum-Pläne, die im Generalplan Ost mit der Vernichtung und Versklavung eines Großteils des russischen Volkes konkretisiert wurden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Catherine Andreyev: Vlasov and the Russian liberation movement: Soviet reality and émigré theories. Cambridge University Press, Cambridge [u. a.] 1988, ISBN 0-521-30545-4.
  • Wladimir Batsew: Vlasov. Opyt literaturnogo issledovanija. Mosty, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-9808038-8-0.
  • Edwin Erich Dwinger: General Wlassow – Die Tragödie des Osten. Authentischer Bericht. Otto Dikreiter Verlag 1951.
  • Mark Elliott: Andrei Vlasov. Red Army General in Hitler’s Service. In: Military Affairs. Jg. 46, Nr.2, 1982, ISSN 0026-3931, S. 84–87.
  • Julij A. Kwicinskij: General Vlasov: put’ predatel'stva. Sovremennik, Moskva 1999, ISBN 5-270-01284-7.
  • Joachim Hoffmann: Die Geschichte der Wlassow-Armee. 2., unveränd. Aufl. Rombach, Freiburg 1986, ISBN 3-7930-0186-5.
  • ders.: Die Tragödie der „Russischen Befreiungsarmee“ 1944/45. Wlassow gegen Stalin. Herbig, München 2003, ISBN 3-7766-2330-6.
  • Aleksandr Lapsin: Rokovaja schvatka: Vlasov, Stalin, Allilueva, Gitler, Berija i drugie – neizvestnoe. Kron-Press, Moskva 1997, ISBN 5-232-00496-4.
  • Matthias Schröder: Deutschbaltische SS-Führer und Andrej Vlasov 1942–1945. „Rußland kann nur von Russen besiegt werden“: Erhard Kroeger, Friedrich Buchardt und die „Russische Befreiungsarmee“. Schöningh, Paderborn u. a. 2001, ISBN 3-506-77520-0 (= Dissertation, Universität Münster 2000).
  • Sven Steenberg: Wlassow, Verräter oder Patriot? Wissenschaft und Politik, Köln 1969.
  • Wilfried Strik-Strikfeldt: Gegen Stalin und Hitler. General Wlassow und die russische Freiheitsbewegung. 2. Aufl. Von Hase und Koehler, Mainz 1970, ISBN 3-7758-0785-3.
  • Jürgen Thorwald: Die Illusion. Rotarmisten gegen Stalin. Die Tragödie der Wlassow-Armee. Aktualisierte und überarb. Ausgabe der 2. Aufl. von 1976. Droemer Knaur, München 1995, ISBN 3-426-80066-7.
  • Ernst-Joachim Westerburg: Deutschland und Russland. Zu den außenpolitischen Konzepten des deutschen Widerstandes und der Vlasov-Anhänger im 2. Weltkrieg. Europaforum, Lauf an der Pegnitz 2000 (Magisterarbeit, Universität Marburg).
  • Helmut Roewer, Stefan Schäfer, Matthias Uhl: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert. Herbig, München 2003, ISBN 3-7766-2317-9.
  •  Aus Hitlers Fehlern lernen. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1950, S. 17 (online).
  • Günther Hecht: General Wlassow. Millionen Russen vertrauten ihm. Zeitbiographischer Verlag, Limburg an der Lahn, 1960, DNB 451885198.

Filme[Bearbeiten]

  • Der Überläufer. Der Fall Wlassow, TV-BRD 1977, Regie Hans Quest.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Andrei Andrejewitsch Wlassow – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fedor Davydovich Sverdlov: Sovetskie generaly v plenu. Izd-vo fonda "Kholokost", 1999, S. 97.
  2. Catherine Andreyev: Vlasov and the Russian liberation movement: Soviet reality and émigré theories. Cambridge University Press, Cambridge [u. a.] 1988, ISBN 0-521-30545-4, S. 113.