Wir sind Kirche

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Wir sind Kirche (WsK) ist eine Initiative aus Österreich, die das Kirchenvolks-Begehren vom 3. bis 25. Juni 1995 organisiert hat.

Ziele und Positionen[Bearbeiten]

Ziel der Bewegung ist es, grundlegende Reformen im kanonischen Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche herbeizuführen. Zu den konkreten Zielen von Wir sind Kirche gehört ein geschwisterliches Leben der römisch-katholischen Kirche, der Abbau des Klerikalismus und die Stärkung der Gemeinschaft zwischen Laien und Klerikern als „Volk Gottes“, die Beteiligung aller betroffenen Gläubigen an Entscheidungsprozessen in der römisch-katholischen Kirche, die Gleichstellung der Frau in den Ämtern der Kirche und eine eben solche Gleichstellung der Laien mit dem Klerus sowie eine menschenfreundlichere Sexualethik. Weitere Forderungen sind die Abschaffung des Zölibats[1], die Verkündigung des Glaubens als Frohbotschaft und nicht als „Drohbotschaft“ sowie Fortschritte in der Ökumene.

Im November 2006 machte sich der WsK-Vorsitzende Weisner die Aussagen von Wir sind Kirche zu eigen: Jesus selbst habe keine Kirche gegründet. Er habe ihr daher … keine institutionelle Struktur gegeben; ein hierarchisches Prinzip habe mit dem Wesen der Kirche nichts zu tun und bezeichnete die Aussagen von Papst Benedikt XVI. über Priester und Laien als „wirklichkeitsfremd“.[2][3]

Zum Paulusjahr äußert sich Wir sind Kirche, dass es „für Paulus kein ‚kirchliches Amt’ gibt, sondern nur eine Reihe von auch für Frauen offen stehenden Diensten, die sich auf Lehr- und Leitungsaufgaben beziehen“.[4]

„Wir sind Kirche“ äußerte sich kritisch über das Apostolische Schreiben Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI. zur Erlaubnis der Feier des Außerordentlichen Form des Römischen Messritus in der Form vor der Liturgiereform vom 7. März 1970 und hält dahingehende Schritte für eine rückschrittliche, gegen das Zweite Vatikanisches Konzil gerichtete Aktivität. Zur Unterstützung des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde im Anschluss an die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfen, darunter der Holocaust-Leugner Richard Williamson, gemeinsam mit Theologen die internationale, mehrsprachig verbreitete Petition Vaticanum 2[5] gestartet. Sie tritt für die bedingungslose Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils (in der Auslegung desselben, wie sie es verstehen) sowie gegen jeden Antijudaismus ein. Die Petition hatte sich auch gegen die Aufhebung der Exkommunikation des Traditionalisten-Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson gewandt.[6] Die Petition wurde u.a. von der Fördergemeinschaft Theologisches kritisiert als „widersprüchlich“, „theologisch unzureichend“ und abgelehnt wegen „unhaltbare(r) Unterstellungen“ gegenüber Papst Benedikt XVI. Vor allem wird bezweifelt, dass die Unterzeichner der Petition selbst tatsächlich uneingeschränkt zu den Beschlüssen des Konzils bezüglich Abtreibung, Empfängnisverhütung, Liturgie, etc. stehen.[7] Drei der Unterschreiber, bei denen es sich um Regensburger Theologen handelt, wurden von Bischof Gerhard Ludwig Müller gemaßregelt und zur Distanzierung von dieser Petition ultimativ aufgefordert, da der Text laut Müller schwere Unterstellungen gegen den Papst enthalte.[8]

Im Mai 2011 protestierte "Wir sind Kirche" gegen die Entlassung des Theologen David Berger.[9] Berger hatte kurz zuvor das Buch "Der heilige Schein" veröffentlicht.

Kirchliche (Nicht-)Anerkennung[Bearbeiten]

Die Initiative ist von der römisch-katholischen Kirche offiziell nicht anerkannt, da die Forderungen „zum Teil der christlichen Lehre widersprechen und in offenem Gegensatz zur kirchlichen Ordnung stehen“ (Kardinal Joseph Ratzinger, 1997). Nach Aussage der römischen Apostolischen Signatur haben „die Kongregation für die Glaubenslehre wie auch die Konferenz der Bischöfe Bayerns öffentlich festgestellt […], dass einige von der Bewegung ‚Wir sind Kirche‘ veröffentlichte Erklärungen mit der katholischen Lehre nicht in Einklang gebracht werden können“.[10] Die Bewegung sieht dagegen weder ihre Ziele noch ihre Forderungen gegen die Treue zum Evangelium noch gegen die ökumenischen Glaubensbekenntnisse verstoßend, auch nicht gegen die Ex-Cathedra-Entscheidungen des Papstes oder gegen Konzilsbeschlüsse – und somit nicht gegen die Grundsätze der katholischen Lehre. Nach Meinung von Wir sind Kirche waren die meisten Forderungen, die das Kirchenvolks-Begehren aufstellte, schon lange vorher in vielen Synoden, beginnend von der Würzburger- und Dresdner Synode über die Schweizer Synode bis hin zu den österreichischen Diözesansynoden, fast gleichlautend formuliert worden.[11]

Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn kritisierte 2003 scharf das Vorgehen von „Wir sind Kirche“ zur Streichung des Artikel 51 des EU-Verfassungsentwurfs, der strikte weltanschauliche und religiöse Neutralität bei Anwendung staatlicher Gewalt national und auf EU-Ebene einschränken würde. Der Artikel sollte festlegen, dass die EU „den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen“, achten und ihn nicht beeinträchtigen solle, wodurch rechtliche Einschränkungen, z.B. in Tendenzbetrieben in Deutschland weiterbestehen würden. „Wir sind Kirche“ hätte sich – so Schönborn – dazu mit Freimaurern und der „Europäischen Humanistischen Föderation“ zusammengeschlossen, diesen Artikel zu verhindern.[12]

Unterstützung und Verbreitung[Bearbeiten]

Maßgeblich organisiert durch „Wir sind Kirche“ Österreich und Deutschland, in Deutschland durch den Städteplaner Christian Weisner. Zu den Erstunterzeichnern und Sympathisanten dieser Aktion gehörten viele Prominente. In Deutschland unter anderen: Lea Ackermann, Franz Alt, Roland Breitenbach, Magdalene Bußmann, Eugen Drewermann, Peter Eicher, Norbert Greinacher, Bernhard Häring, Gotthold Hasenhüttl, Friedhelm Hengsbach, Hanns Dieter Hüsch, Hans Küng, Dieter Kürten, Norbert Mette, Christa Nickels, Norbert Piechotta, Annette Schavan, Wolfgang Seibel SJ, Rita Süssmuth, Erwin Teufel, Wolfgang Thierse. In Österreich ist der Psychotherapeut Richard Picker ein prominenter Vertreter.

WsK ist in allen österreichischen und deutschen Bistümern vertreten. Seit 1995 begleitet die nunmehr weltweite Kirchenreformbewegung die kirchlich-politische Entwicklung der römisch-katholischen Kirche in Österreich, Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt kritisch. „Wir sind Kirche“ ist mit „We are Church“, die in allen fünf Erdteilen tätig und mittlerweile in 41 Staaten vertreten ist, verbunden. In Österreich heißt sie „Plattform Wir sind Kirche“.

Literatur[Bearbeiten]

  • Martha Wegan: „Wir sind Kirche“. Eine Kirchen-Volks-Bewegung zur Erneuerung der römisch-katholischen Kirche auf der Basis des II. Vatikanischen Konzils. In: Meier, Platen, Reinhardt, Sanders (Hgg.): Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in Theologie und Kirchenrecht heute. (Beihefte zum Münsterischen Kommentar 55), Münster 2008, S. 645–665.
  • Richard Picker: Heiliger Spagat. Ein Handbuch für das die Kirche begehrende Volk. Va Bene, Wien u. Klosterneuburg 2001, ISBN 3-85167-108-2
  • Wir sind Kirche - sind wir Kirche? Eine Bestandsaufnahme aus Österreich, hg. von Dolores Bauer / Franz Horner / Peter Krön. Salzburg: Otto Müller Verlag 1989, ISBN 3701307482

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wir sind Kirche: Erzbistum reagiert auf Priestermangel
  2. www.we-are-church.org/de/koeln/thesen_1_79.htm
  3. „Wir sind Kirche“ wettert gegen Benedikt XVI. aif kath.net, 12. November 2006
  4. Wir sind Kirche-Webauftritt: Zum Paulusjahr 28. Juni 2008 - 29. Juni 2009
  5. Petition Vaticanum2 im Wortlaut und (Erst-)Unterzeichnende
  6. Theologen trotzen Bischof Mueller. In: Süddeutsche Zeitung. 18. Februar 2009
  7. http://www.theologisches.net/Theol7-8.2009.pdf
  8. Bistum Regensburg, Bischöfliche Pressestelle, 17. Februar 2009: Bischof fordert auch von Theologie-Professoren Anerkennung des II. Vatikanums
  9. zeit.de 5. Mai 2011: Kardinal Meisner entzieht schwulem Theologen die Lehrerlaubnis. - David Berger darf nicht länger Religion unterrichten – offiziell wegen seiner Kritik an der katholischen Kirche. Als wahres Motiv vermutet der Lehrer seine Homosexualität.
  10. Oberstes Gericht der Apostolischen Signatur: Dekret der Apostolischen Signatur vom 12. Januar 2007; Wiedergabe durch die Bischöfliche Pressestelle des Bistums Regensburg vom 22. Februar 2007
  11. Wir sind Kirche: Frequently Asked Questions
  12. Schönborn kritisiert UN-Klonbeschluss und „Wir sind Kirche“ auf kath.net, 7. November 2003