Wolfgang Schluchter

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den Heidelberger Soziologen. Für den gleichnamigen Cottbuser Sozialwissenschaftler siehe Wolfgang Schluchter (Cottbus).

Wolfgang Schluchter (* 4. April 1938 in Ludwigsburg) ist ein deutscher Soziologe.

Seine Forschungsschwerpunkte sind soziologische Theorie (Max Weber), Kultursoziologie, Religionssoziologie sowie deutsche Gesellschaftsgeschichte. Er ist Mitherausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Wissenschaftlicher Werdegang[Bearbeiten]

Schluchter studierte an den Universitäten Stuttgart, Tübingen und München und an der Freien Universität Berlin (Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Politische Wissenschaft, Philosophie). Diplom und Promotion an der Freien Universität Berlin, Habilitation in Soziologie an der Universität Mannheim.

Er war Professor für Sozialwissenschaft an der Universität Düsseldorf und ab 1976 Professor an der Universität Heidelberg. Von 1991-1992 war er Gründungsdirektor für die Fächer Soziologie und Politische Wissenschaft an der Universität Leipzig, von 1997-2002 für den Wiederaufbau der Universität Erfurt abgeordnet. In Erfurt arbeitete er als Max-Weber-Professor, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, Gründungsdekan des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien und Gründungsdekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät. Von 2007-2014 baute er zusammen mit Georg Kräusslich das Marsilius-Kolleg an der Universität Heidelberg auf.

Als Gastprofessor wirkte er an den Universitäten: University of Singapore; University of Pittsburgh; New School for Social Research, New York; University of California at Berkeley; Chinese University of Hongkong; Universität Leipzig.

Schluchter gab verschiedene Fachzeitschriften mit heraus, so die Soziologische Revue, die Zeitschrift für Soziologie und die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (13 Jahre lang). Er ist Herausgeber von 6 Kommentarbänden zu Max Webers Religionssoziologie und von mehreren Bänden der Max Weber-Gesamtausgabe.

Seit 1973 ist er Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, davon 4 Jahre als stellvertretender Vorsitzender. Von 1976-2006 war er regelmäßig Direktor des Instituts für Soziologie und Dekan zunächst der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften, dann der neu gegründeten Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Heidelberg, von 1987-1997 Mitglied des Verwaltungsrates der Universität Heidelberg. Von 1990-2003 gehörte er verschiedenen Ausschüssen der Alexander von Humboldt-Stiftung an, u.a. dem Auswahlausschuss für die Vergabe von Forschungspreisen an ausländische Gastwissenschaftler, von 2001-2003 als Vorsitzender. Von 2000-2006 war er Mitglied des Wissenschaftsrates. Seit 1992 ist er Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 2004 Auswärtiges Mitglied der Accademia delle Scienze di Torino (Italien).

1993 wurde Wolfgang Schluchter mit der Caspar-Borner-Medaille der Universität Leipzig geehrt, 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und dem Erwin-Stein-Preis. 1994 erhielt er zusammen mit Shmuel N. Eisenstadt den Max-Planck-Forschungspreis. 2004 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Erfurt verliehen. 2007 wurde er mit der Großen Universitätsmedaille der Universität Heidelberg ausgezeichnet. 2006 wurde Schluchter emeritiert. Sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl wurde Thomas Schwinn.

Schluchter ist verheiratet und hat eine Tochter und zwei Söhne. Er lebt bei Heidelberg.

Schriften[Bearbeiten]

Schluchter hat es unternommen, Max Webers Forschungsprogramm einer „problemabhängigen Analyse der Abfolge von Strukturprinzipien ohne universalgeschichtlichen Anspruch“ zu rekonstruieren und weiterzuführen. In Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus hatte er Webers Projekt zunächst auch „Gesellschaftsgeschichte“ genannt.[1] Bei einer Neuauflage der Schrift unter dem Titel Die Entstehung des modernen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Entwicklungsgeschichte des Okzidents zog er diese Bezeichnung jedoch zurück, weil ihm nunmehr klar geworden war, dass bei Weber an Stelle des Begriffs der „Gesellschaft“ der Begriff der Ordnung stehe.[2]

Bei der authentischen Rekonstruktion des Weber-Werkes geht es darum, die Zugaben der früheren Herausgeber zu isolieren und in der Abfolge der überlieferten Manuskripte die sich ändernde Problemstellung Webers herauszuarbeiten. In der Auseinandersetzung mit der von Friedrich H. Tenbruck aufgestellten Interpretation[3]geht es vor allem um die Frage, inwieweit Weber selber eine Entwicklungstheorie angestrebt habe.

„Methodologisch geht es um den ‚evolutionstheoretischen Status‘ dieses Forschungsprogramms, sachlich um das Problem der gesellschaftlichen Rationalisierung, um eine gehaltvolle empirisch-historisch angelegte Rationalisierungstheorie.“

Wolfgang Schluchter [4]

Schluchter verknüpft in seiner Schrift den Ansatz Webers mit der makrosoziologischen Debatte zwischen Niklas Luhmann und Jürgen Habermas, knüpft dabei aber auch an Emile Durkheim, Talcott Parsons und Immanuel Kant an. Für Webers methodologische Ausrichtung betont er die Relevanz der einschlägigen Schriften aus dem badischen Neukantianismus, insbesondere von Heinrich Rickert und Emil Lask. Dies ist in den Werken Religion und Lebensführung sowie Grundlegungen der Soziologie, jeweils zwei Bände, näher ausgeführt.

Beurteilung[Bearbeiten]

M. Rainer Lepsius, als Schluchter mit der Großen Universitätsmedaille Mai 2007 ausgezeichnet wurde: „Ohne die Präsenz Wolfgang Schluchters in Heidelberg würde der ‚Geist’ Max Webers, mit dem sich Heidelberg gerne schmückt, wieder zu einer blassen Erinnerung werden.“

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Schluchter: Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen 1979. ISBN 3-16-541532-3. S. 13
  2. Wolfgang Schluchter: Vorwort zur Taschenbuchausgabe. In: ders.: Die Entstehung des modernen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Entwicklungsgeschichte des Okzidents. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-518-28947-0. S. 16f.
  3. Friedrich H. Tenbruck: Das Werk Max Webers. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 27 (1975). S. 663
  4. Vorwort zur Taschenbuchausgabe. In: ders.: Die Entstehung des modernen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Entwicklungsgeschichte des Okzidents. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-518-28947-0. S. 40.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Wertfreiheit und Verantwortungsethik. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik bei Max Weber. Gesellschaft und Wissenschaft. Band 3, Mohr, Tübingen 1971.
  • Entscheidung für den sozialen Rechtsstaat. Hermann Heller und die staatstheoretische Diskussion in der Weimarer Republik. Kiepenheuer und Witsch, Köln und Berlin 1968, 2. Auflage 1983.
  • Aspekte bürokratischer Herrschaft. Studien zur Interpretation der fortschreitenden Industriegesellschaft. List, München 1972, 2. Auflage 1985.
  • Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Gesellschaftsgeschichte. Siebeck, Tübingen 1979. Neuausgabe unter dem Titel: Die Entstehung des modernen Rationalismus. Eine Analyse von Max Webers Entwicklungsgeschichte des Okzidents. Suhrkamp, Frankfurt 1998.
  • mit Günther Roth: Max Weber’s Vision of History. Ethics and Methods. University of California Press, Berkeley 1979, 2. Auflage 1984.
  • Rationalismus der Weltbeherrschung. Suhrkamp, Frankfurt 1980.
  • Religion und Lebensführung. Suhrkamp, Frankfurt 1988, Studienausgabe 1991. Band 1: Studien zu Max Webers Kultur- und Werttheorie. Band 2: Studien zu Max Webers Religions- und Herrschaftssoziologie.
  • Rationalism, Religion, and Domination. A Weberian Perspective. University of California Press, Berkeley 1989.
  • Paradoxes of Modernity. Culture and Conduct in the Theory of Max Weber. Stanford University Press, Stanford 1996.
  • Unversöhnte Moderne. Suhrkamp, Frankfurt 1996.
  • Neubeginn durch Anpassung? Studien zum ostdeutschen Übergang. Suhrkamp, Frankfurt 1996.
  • Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt. Velbrück Wissenschaft, Weilerswirt 2000.
  • W. Schluchter, S. N. Eisenstadt und B. Wittrock (Hrsg.): Public Spheres and Collective Identities. Transaction Publishers, New Brunswick, New Jersey 2000.
  • Hindrances to Modernity: Max Weber on Islam, In: Toby E. Huff und Wolfgang Schluchter (Hrsg.): Max Weber and Islam. Transaction Publishers, New Brunswick, New Jersey 2000.
  • Religion und Rationalismus. In: Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schwentker (Hrsg.): Max Weber und das moderne Japan. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999.
  • Psychophysics and Cultur. In: Stephen Turner (Hrsg.): The Cambridge Companion to Weber. Cambridge University Press, Cambridge 2000.
  • Handlungs- und Strukturtheorie nach Max Weber. In: Berliner Journal für Soziologie. Heft 1, 2000, S. 125–136.
  • Rechtssoziologie als empirische Geltungstheorie. In: Horst Dreier (Hrsg.): Rechtssoziologie am Ende des 20. Jahrhunderts. Gedächtnissymposion für Edgar Michael Wenz. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 2000.
  • Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie (1921/22). In: Walter Erhart und Herbert Jaumann (Hrsg.): Jahrhundertbücher. Große Theorien von Freud bis Luhmann. Beck, München 2000.
  • Neubeginn durch Anpassung? Studien zum ostdeutschen Übergang. Suhrkamp Verlag, 1996.
  • Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt. Velbrück Wissenschaft, 2000.
  • mit Peter E. Quint: Der Vereinigungsschock - Eine vergleichende Betrachtung zehn Jahre danach. Velbrück Wissenschaft, 2001.
  • Hrg. zusammen mit Friedrich Wilhelm Graf: Asketischer Protestantismus und der Geist des modernen Kapitalismus. Max Weber und Ernst Troeltsch. Tübingen 2005, ISBN 3-16-148546-7.
  • Handlung, Ordnung, Kultur. Studien zu einem Forschungsprogramm im Anschluss an Max Weber. Mohr-Siebeck, Tübingen 2005.
  • Grundlegungen der Soziologie. Eine Theoriegeschichte in systematischer Absicht. 2 Bände, Tübingen 2006, ISBN 3-16-149005-3 und Tübingen 2007.
  • Die Entzauberung der Welt. Sechs Studien zu Max Weber. Mohr-Siebeck, Tübingen 2009.

Weblinks[Bearbeiten]