Allgemeine Pädagogik

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Johann Friedrich Herbart, der Begründer der Allgemeinen Pädagogik

Die Allgemeine Pädagogik ist diejenige wissenschaftliche Disziplin innerhalb der Pädagogik, die sich mit den theoretischen Grundlagen des Nachdenkens über Erziehung beschäftigt. So zählt zu ihren Aufgaben beispielsweise die genaue inhaltliche Bestimmung der für das Fach axiomatischen Begriffe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Begründer der Allgemeinen Pädagogik gilt Johann Friedrich Herbart (1776–1841), der – ausgehend vom Begriff der Bildsamkeit – als erster den Versuch unternahm, die Begriffe Erziehung und Unterricht theoretisch zu begründen. Sein Thema war nicht diese und jene Erziehung, sondern Erziehung überhaupt.[1] Mit seinem 1806 erschienenen Buch Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet hat Herbart dem Fach auch seinen Namen gegeben.

1947 veröffentlichte Alfred Petzelt, ein Schüler Richard Hönigswalds, eine „Systematische Pädagogik“, die darauf zielte, die Pädagogik nach Maßgabe des Vernunftgedankens des Neukantianismus zu reorganisieren.[2] 1962 folgte ihm Theodor Ballauff.[3] Im Zentrum der Systematischen Pädagogik stehen, wie Dietrich Benner gezeigt hat, nicht wissenschaftstheoretische und forschungslogische, sondern „kategoriale Bestimmungen des Gegenstandes theoretischer und praktischer Pädagogik“.[4] Heute weist die Allgemeine Pädagogik sich nur noch ganz vereinzelt als „Systematische Pädagogik“ aus.[5]

Seit Mitte der 1990er Jahre wird in der Erziehungsdebatte ein allgemeiner „Rückzug“ oder gar „Niedergang“ der Allgemeinen Pädagogik konstatiert; manche Kritikern halten sie heute für schlichtweg überflüssig. Hintergrund dieser Diskussion ist das rasante Wachstum, das die Erziehungswissenschaft seit den 1960er Jahren infolge einer Expansion des Erziehungs-, Bildungs- und Sozialsystems erlebt hat. Die Aufsplitterung der pädagogischen Praxis in eine Vielzahl von Tätigkeiten hat eine starke Ausdifferenzierung der Erziehungswissenschaft nach sich gezogen.[6] Wie Dietrich Benner aufgewiesen hat, besitzt die pädagogische Praxis heute weder eine einheitliche Aufgabenstellung, noch gibt es eine sie orientierende und überprüfende systematisch gegliederte Wissenschaft.[7] Die Kritiker des Faches gehen von der Annahme aus, dass die Allgemeine Pädagogik dieser Ausdifferenzierung der Erziehungswissenschaft nicht gerecht werde. Die Rezeption der postmodernen Philosophie mit ihrem Wertepluralismus tat Ende der 1980er Jahre ein Übriges, um jede Formulierung einheitlicher pädagogischer Handlungsziele als prekär erscheinen zu lassen. Die Allgemeine Pädagogik hat dadurch einen Teil ihrer Hauptfunktion verloren. Weitere Teile hat sie eingebüßt, weil die Subdisziplinen sich mittlerweile auch in ihren theoretischen Grundannahmen, methodischen Orientierungen und konstituierenden Referenzen stark verselbstständigt haben.[8]

Verbreitung und Lehrstühle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Fach Allgemeine Pädagogik ist vornehmlich im deutschsprachigen Raum, in Dänemark (Generel pædagogik), Polen (Pedagogika ogólna), Russland (Общая педагогика) und Italien (Pedagogia generale) von Bedeutung. In den meisten anderen Kulturkreisen – insbesondere überall dort, wo die aus dem deutschen Idealismus stammende Unterscheidung von Erziehung und Bildung sich nicht durchgesetzt hat – spricht man bei der theoretischen Grundlegung von Erziehung von „Bildungstheorie“.

Einen Zweig Allgemeine Pädagogik gibt es in Deutschland u. a. im Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen; dort lehren gegenwärtig unter anderem Markus Rieger-Ladich und Anne Rohstock.[9] An der Universität Bamberg hat Annette Scheunpflug einen Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik inne.[10] An der Universität Leipzig wird das Fach von Heinz-Werner Wollersheim, und an der Universität Bayreuth von Iris Clemens vertreten.[11] An der LMU München lehren Hartmut Ditton, Thomas Eckert, Rudolf Tippelt, Sabine Walper und Natalia Wächter.[12]

In Österreich gibt es am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität in Graz einen Arbeitsbereich Allgemeine Pädagogik, an dem derzeit Johanna Hopfner die Leitung trägt.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Armin Bernhard: Allgemeine Pädagogik: auf praxisphilosophischer Grundlage. Schneider, Hohengehren 2011, ISBN 978-3-8340-0884-8.
  • Ines M. Breinbauer: Einführung in die Allgemeine Pädagogik. 3. Auflage. Facultas, 2000, ISBN 978-3-85114-520-5.
  • Dietrich Benner: Allgemeine Pädagogik: Eine systematisch-problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns. 8. Auflage. Beltz Juventa, 2015, ISBN 978-3-7799-2181-3.
  • Margit Stein: Allgemeine Pädagogik. 3. Auflage. UTB, 2017, ISBN 978-3-8252-4791-1.
  • Alfred K. Treml: Allgemeine Pädagogik: Grundlagen, Handlungsfelder und Perspektiven der Erziehung. Kohlhammer Urban, 2000, ISBN 978-3-17-016201-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Friedrich Herbart: Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet. Röwer, Göttingen 1806.
  2. Alfred Petzelt: Grundzüge systematischer Pädagogik. W. Kohlhammer, Stuttgart 1947.
  3. Theodor Ballauff: Systematische Pädagogik. Quelle & Meyer, Heidelberg 1962.
  4. Dietrich Benner: Systematische Pädagogik. Die Pädagogik und ihre wissenschaftliche Begründung. In: Leo Roth (Hrsg.): Handbuch für Studium und Praxis. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1991, ISBN 978-3-486-03321-2, S. 6.
  5. Ulrich Wehner: Pädagogik im Kontext von Existenzphilosophie. Eine systematische Untersuchung im Anschluss an Eberhard Grisebach, Otto Friedrich Bollnow und Theodor Ballauff. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2225-4, S. 170 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Nadine Grochla: Bildung – Qualität – Disziplin. Eine Studie im Feld von Allgemeiner Pädagogik, Empirischer Bildungsforschung und Religionspädagogik. Lit, Berlin 2011, ISBN 978-3-643-11140-1, S. 21 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Dietrich Benner: Allgemeine Pädagogik: Eine systematisch-problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns. 4. Auflage. Beltz Juventa, 2001, ISBN 978-3-7799-1518-8, S. 16.
  8. Nadine Grochla: Bildung – Qualität – Disziplin. Eine Studie im Feld von Allgemeiner Pädagogik, Empirischer Bildungsforschung und Religionspädagogik. Lit, Berlin 2011, ISBN 978-3-643-11140-1, S. 25 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Allgemeine Pädagogik. Abgerufen am 21. Januar 2017 (Webseite der Uni Tübingen).
  10. Universität Bamberg: Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik. Abgerufen am 21. Januar 2017.
  11. Prof. Dr. Iris Clemens. Archiviert vom Original am 30. Januar 2017; abgerufen am 21. Januar 2017. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.allgemeine-paedagogik.uni-bayreuth.de
  12. Webseite des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik/Erziehungs- und Sozialisationsforschung. Abgerufen am 15. Februar 2017. Webseite des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung. Abgerufen am 15. Februar 2017.
  13. Webseite der Karl-Franzens-Universität. Abgerufen am 24. März 2018.