Altinum (Stadt)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Altinum war eine Stadt im Nordosten Italiens, an der Lagune von Venedig, die wohl schon im 8. Jahrhundert v. Chr. entstand, und die zwei Nekropolen aufweist. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt während der römischen Kaiserzeit, als sie rund 20.000 Einwohner hatte.[1] Sie wurde im 5. und 6. Jahrhundert nach den Überfällen der Hunnen und der Langobarden partiell aufgegeben und gilt als eine der Vorgängersiedlungen von Venedig. Endgültig aufgegeben wurde sie nach 900.

Straße in Altinum, 2009

An der seit 2007 unter Leitung des Paduaner Archäologen Paolo Mozzi und des Geographen Andrea Ninfo nach der Auswertung von Luftbildern erneut beforschten Fundstätte entstand bereits auf der Basis früherer Funde ein Museum unter Leitung von Margherita Tirelli. Es handelt sich um das Museo Archeologico Nazionale di Altino.

Inzwischen gilt die Stadt mit einer Fläche von rund 100 ha als die größte antike Stadt Norditaliens und wird von Mozzi mit Pompeji verglichen.[2] Allerdings fanden bisher nur geophysikalische Studien und einige Bohrungen statt, wie etwa an der Stadtmauer. Das archäologische Erbe soll zunächst gesichert werden.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gut erhaltenen Fundamente von Altinum liegen nördlich des Flughafens von Venedig unter einer etwa 100 Hektar großen Ackerfläche in der Nähe von Quarto d’Altino. Zwei bis drei Meter höher als die umgebende sumpfige Meeresbucht bot die Fläche günstigen Siedlungsraum und war schon mindestens sechs Jahrhunderte bewohnt, ehe sie zum römischen Reich kam. Der antike Ort war umgeben von Flüssen und Kanälen, darunter ein großer Kanal, der mitten durch die Stadt führte und sie mit der Lagune verband.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teil eines Mausoleums aus der Nekropole

Der Name der Stadt geht möglicherweise auf einen Gott der Veneter namens Altino/Altno zurück, worauf eine lokale Kultstätte aus dem frühen 6. Jahrhundert v. Chr. hinweist.[4]

Foto einer Inschrift an der Via Claudia Augusta Altinate, das zwischen 1935 und 1938 während der Ausgrabungen unter Leitung von Alessio De Bon im Auftrag des Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti entstand.

Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Region römisch. Ab 131 v. Chr. entstand die Via Annia, die Hadria mit Patavium und von dort ostwärts über Altinum und Concordia mit Aquileia verband. Wahrscheinlich erreichte auch die Via Popilia die Stadt. Die beiden Straßen überwanden auf Dämmen die Lagune, die die Stadt umgab.

Zwischen 89 und 49 v. Chr. begann die verstärkte Urbanisierung, nachdem die Bewohner der Region das volle Bürgerrecht erhalten hatten und aus der Stadt ein Municipium geworden war.

Ihre größte Ausdehnung erreichte die Stadt im 1. Jahrhundert, ihre Blütezeit lag zwischen dem 1. Jahrhundert v. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. Im 1. Jahrhundert umfasste das Pomerium der Stadt eine Fläche von 120 ha.[5] Zahlreiche Funde von Gewichten für Webrahmen deuten darauf hin, dass hier möglicherweise in größerem Maßstab Wolle produziert und verarbeitet wurde[6], zumal Martial die dortige Wolle hervorhebt.[7] Derselbe meint, die Villen von Altinum könnten sich mit denen von Baiae messen (Mart. 4,25).[8] Vor dem Hintergrund der großen Bedeutung der Stadt ist es vielleicht kein Zufall, dass Lucius Verus, der Mitkaiser Marc Aurels, hier die letzten Tage seines Lebens verbrachte. Ab dem 2. Jahrhundert lässt sich ein Rückgang erkennen, der wahrscheinlich auch ökologische Ursachen hatte und sich im 3. Jahrhundert verstärkte.

Als erster Bischof gilt Heliodorus († nach 404), der das Amt Ende des 4. Jahrhunderts übernahm. Allerdings begann die Umgebung der Stadt bereits seit dem 3. Jahrhundert zu versumpfen, der Hafen der Stadt wurde zunehmend unbenutzbar.

Altinum wurde 452 durch Attilas Truppen zerstört. Folgt man der venezianischen Historiographie, so gründeten Flüchtlinge aus Altino die Siedlung auf Torcello.

Der ersten Welle der langobardischen Landnahme ab 568/69 konnte die Stadt widerstehen, fiel jedoch wenige Jahre später an die neuen Herren Oberitaliens. 590 gelang es einem gemeinsamen Unternehmen von Franken und Byzantinern, die Stadt zurückzuerobern.[9] Zunächst wurde Altinum Sitz der Provinzverwaltung, die allerdings inzwischen auf den schmalen Küstenstreifen geschrumpft war.

Der Bischofssitz von Altino wurde auf die leichter zu schützende Insel Torcello verlegt, der Bischof Maurus behielt allerdings den Titel eines Bischofs von Altinum. 639/640 eroberten Langobarden die Stadt, die Bevölkerung floh auf die Insel. 639 begann auf Torcello der Bau der Kirche Santa Maria Assunta.

Die archäologischen Untersuchungen ergaben zum einen, dass die Langobarden die Stadt nicht besiedelten, sondern, dass sie erneut von Byzantinern besiedelt wurde. Dies geschah allerdings in wesentlich reduziertem Umfang. Zum anderen zeigte sich, dass die auf Torcello errichtete Insel eine Besonderheit aufwies, die man sonst nur von zwei Befestigungswerken in Altinum kennt: Ihr Fundament ruht ausnahmsweise nicht auf den sonst üblichen, in den Untergrund getriebenen Holzpfählen und einem Schwellrost, sondern die acht Säulen der Kirche sowie ihre Front lagern auf Steinplatten, die ihrerseits auf Ziegeln und mit Kalk und Sand versetztem Mörtel ruhen. Zwischen diesen Blöcken der Säulen wurden Kanäle gezogen, die mit Sand und Keramikscherben verfüllt wurden. Erst diese Lage konnte aufgrund ihrer Porosität auf den stark schwankenden Feuchtigkeitsgehalt des Untergrunds reagieren, womit eine Art Drainage-System entstand, das Bauten auf Untergrund zuließ, der dafür ungeeignet war.

Da die Langobardem um diese Zeit auch Oderzo (Opitergium) eroberten, reduzierte sich die byzantinische Herrschaft endgültig auf die Inseln in der Lagune. Der Sitz der Provinzverwaltung ging nach Herakleia, die Bevölkerung von Altinum zog auf Torcello. Wohl 643 kam es zur Schlacht an der Scultenna, in der Langobarden die Truppen des Exarchen Isaakios (624/25–643) schlugen und in der Byzanz nach Paulus Diaconus 8.000 Mann verlor.[10]

899/900 erreichten ungarische Plünderer die Lagune und zerstörten die Stadt, deren Überreste auf dem Gebiet des Ortes San Michele del Quarto liegen. Noch eine Urkunde Ottos I. vom 13. Juli 960 nennt die Straße von Altino über Concordia nach Aquileia die „via Ungarorum“.

Das Gebiet einschließlich der Stadt wurde vollständig aufgegeben, erst Bonifikationen des 20. Jahrhunderts gestatteten wieder eine landwirtschaftliche Nutzung. Allerdings wurde die Ruinenstadt über mehrere Jahrhunderte als Steinbruch benutzt, bis sie unter Schwemmland bedeckt wurde.

Wasserwege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altinum dürfte von einer seichten Lagune umgeben gewesen sein. Im 1. Jahrhundert konnte man auf Wasserwegen, also über Kanäle und durch die Lagune von Venedig, von Ravenna nach Altinum gelangen. Die fossa Clodia, die bis Chioggia reichte, und die Booten die Vorbeifahrt an Pellestrina, Poveglia und dem alten Malamocco gestattete, ließ den Verkehr von Ravenna entlang dieser Wasserwege über S. Pietro di Castello, Murano, San Giacomo in Paludo und Torcello bis nach Altino zu. Hafenstrukturen mit zwei Magazinen (?), die 47 mal 42 und 50 mal 46 m maßen, fand man unweit Treporti (Canal Scanello). Dabei war das im 10. Jahrhundert verlassene und heute am Festland liegende Altino im Frühmittelalter von seichten Lagunengewässern umgeben, die die Römerstraßen auf Dämmen überwanden.[11]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fundstücke im Museo Archeologica Nazionale di Altino
Löwenkopf

Die Ruinen der Stadt wurden nie überbaut, und blieben daher im Zustand des Frühmittelalters zurück. Unklar ist, wie Stücke aus dem Bereich des Theaters bereits in den 1950er Jahren in das Museum gelangen konnten. Die Universität Venedig, Ca' Foscari, konzentrierte ihre archäologischen Aktivitäten ab 1997 unter anderem auf Altino und schloss 1999 ein dementsprechendes Übereinkommen mit der zuständigen Soprintendenza per i Beni Archeologici del Veneto. Dazu gehörte auch die Einrichtung einer Grabungsschule. Fünf Publikationen befassten sich mit den Erträgen der Grabungen, darunter eine zu den kultischen Einrichtungen entlang der Via Annia mit dem Schwerpunkt Alinate.[12] Unterstützung erfolgte von 2007 bis 2010 durch das Projekt Via Annia, das von Arcus, der Region Venetien und der Kommune Padua getragen wird, sowie von mehreren Kommunen entlang der antiken Straße. Koordinatorin war Francesca Veronese.

Luftbildarchäologen fertigten im besonders trockenen Sommer 2007 Aufnahmen im sichtbaren und infraroten Bereich an. Sie konnten dadurch detaillierte Informationen über den Straßenplan und viele Gebäude erhalten.[13] Ein Team von Geomorphologen der Universität Padua wertete die Fotos aus. An Bauwerken wurden Stadtmauern, ein Theater, ein Odeon, eine mehr als 60 m lange Basilika und ein Forum mit Tempeln nachgewiesen. Weitere Flächen zeigen ein Straßenraster mit Wohnbebauung sowie zwei Kanäle, die sich durch die Stadt zogen. Zu ihrer Blütezeit war die Stadt etwas mehr als doppelt so groß wie Pompeji, das 44 ha umfasste. Diese Aufnahmen regten die Forschung stark an, so dass selbst die Tourismusindustrie stärker auf die Via Annia und die dortigen Ausstellungsorte aufmerksam wurde.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrea Ninfo, Alessandro Fontana, Paolo Mozzi, Francesco Ferrarese: The Map of Altinum, Ancestor of Venice, in: Science 325, Issue 5940 (31. Juli 2009) 577.[14]
  • Michele Asolati: Altino tardoantica e bizantina attraverso i ritrovamenti monetali, in: Archeologia Veneta 16–19 (1993–1995) 87–132.
  • Robin Brigand: Centuriations romaines et dynamigues des parcellaires. Une approche diachronique des formes rurales et urbaines de la plaine centrale de Venise (Italie), archäolog. Diss., Université de Franche-Comté und Università degli Studi di Padova, 2 Bde., 9. Dezember 2010.
  • Andrew Curry: Ancient Roman City Rises Again. In: ScienceNOW Daily News, 30 July 2009 Ancient Roman City Rises Again - ScienceNOW.
  • Christian Hülsen: Altinum 2. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I,2, Stuttgart 1894, Sp. 1697 f.
  • Andrea Ninfo, Alessandro Fontana, Paolo Mozzi, Francesco Ferrarese: The Map of Altinum, Ancestor of Venice, in: Science 325 (31. Juli 2009).
  • Bianca Maria Scarfì: Gli scavi e il museo di Altino, in: Aquileia e l'arco adriatico: Atti della 20 Settimana di Studi Aquileiesi, 22 - 28 aprile 1989, Udine 1990, S. 311–327.
  • Franco Bordin: Da Altino a Venezia. Ccontinuità di una civiltà: storia documentata di Venezia dalle origini alla pace del 1177, Helvetia, 2008.
  • Margherita Tirelli: Altino. Frontiera lagunare bizantina, in: Gian Pietro Brogiolo (Hrsg.): Città, castelli, campagne nei territori di frontiera (secoli VI-VII). 5. Seminario sul Tardoantico e l'Altomedioevo in Italia Centrosettentrionale, Monte Barro - Galbiate (Lecco), 9 - 10 giugno 1994, Mantua 1995, S. 115–120.
  • Margherita Tirelli: Il porto di Altinum, in: Claudio Zaccaria (Hrsg.): Strutture portuali e rotte marittime nell'Adriatico di età romana. Atti della XXIX Settimana di studi aquileiesi, 20– 23 maggio 1998, Collection de l'École française de Rome 280. Antichità Altoadriatiche 46 (2001) 295–316.
  • Margherita Tirelli: Altino antica. Dai Veneti a Venezia, Marsilio, Venedig 2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Altinum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Original Venice: Pictures Show Roman Town Beneath Venetian Cornfields (Memento vom 10. Juli 2012 im Webarchiv archive.is), Heritage Key, 1. August 2009, abgerufen am 23. November 2015.
  2. Ancient Roman City Rises Again (Memento des Originals vom 17. Juni 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/news.sciencemag.org, in: Science, 30. Juli 2009.
  3. Schon durch Ur-Venedig zog sich ein Canal Grande. In: Der Spiegel. 31. Juli 2009 (Volltext).
  4. A. Marinetti: Da Altno- a Giove : la titolarità del santuario. I. La fase preromana, in: G. Cresci Marrone, M. Tirelli (Hrsg.): Altnoi. Il santuario altinate : strutture del sacro a confronto e i luoghi di culto lungo la Via Annia [Atti del Convegno, Venezia, 2006], Rom 2009, S. 81–127.
  5. M. Tombolani: Altino, in: G. Cavalieri Manasse (Hrsg.): Il Veneto nell'età romana. Note di urbanistica e di archeologia del territorio, Verona 1987, S. 311–344, hier: S. 324.
  6. Cottica 2003, S.
  7. Jinyu Liu: Collegia Centonariorum. The Guilds of Textile Dealers in the Roman West, Brill 2009, S. 82.
  8. Jochen Werner Mayer: Imus ad villam: Studien zur Villeggiatur im stadtrömischen Suburbium in der späten Republik und frühen Kaiserzeit, Franz Steiner Verlag, 2005, S. 75.
  9. Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. I, S. 49–51.
  10. Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, IV, S. 45 (Ed. Schwarz: 252).
  11. Hans-Jürgen Hübner: Die Lagune von Venedig.
  12. Altnoi. Il santuario altinate. Strutture del sacro a confronto e i luoghi di culto lungo la via Annia. Atti del Convegno (Venezia, 4-6 dicembre 2006) (Studi e ricerche sulla Gallia Cisalpina), Venedig 2006.
  13. Andrea Ninfo, Alessandro Fontana, Paolo Mozzi, Francesco Ferrarese: The Map of Altinum, Ancestor of Venice. In: Science. Band 325, Nr. 5940, 31. Juli 2009, S. 577, doi:10.1126/science.1174206 (Volltext).
  14. Lost Roman city photographed for the first time, The History Blog.

Koordinaten: 45° 32′ 58″ N, 12° 23′ 29″ O