Amtsgericht Homberg an der Ohm

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Das 1539 erbaute Rathaus war bis 1892 Sitz des Land- bzw. Amtsgerichtes

Das Amtsgericht Homberg an der Ohm (bis 1879 Landgericht Homberg) war ein von 1821 bis 1968 bestehendes Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit Sitz in Homberg (Ohm).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Homberg“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht in Homberg an der Ohm. In den standesherrlichen Gebieten der Provinz Oberhessen bestanden weiterhin Justizkanzleien für Gerichtsfälle zweiter Instanz in Büdingen und Hungen, die dem Hofgericht nachgeordnet waren. Das Deutsche Gerichtsverfassungsgesetz von 1879 führte zu einer einheitlichen Gerichtsorganisation im ganzen Reich. Das „Hofgericht Gießen“ wurde nun als „Landgericht Gießen“ zur übergeordneten Zweiten Instanz in der Provinz, während die Gerichte erster Instanz in Amtsgericht umbenannt wurden.

Landgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge der Abschaffung der Administrativ- und Justizämter durch die Großherzoglich Hessische Verordnung vom 14. Juli 1821[1] kam es zur Bildung des Landgerichts Homberg an der Ohm, das zu Beginn zuständig war für

Leusel wurde aber noch im Jahre 1821 abgetrennt und dem Landgericht Alsfeld zugeteilt.[2] Als 1822 die Freiherren von Schenck zu Schweinsberg die Patrimonialgerichtsbarkeit in den Orten Herrmanstein, Rülfenrod und Wisselsheim an das Großherzogtum abtraten, wurde Rülfenrod dem Landgericht Homberg zugeteilt.[3] Dagegen wurde zum Jahresanfang 1823 die Gemeinde Zell an das Landgericht Alsfeld abgegeben.[4] Ebenso mussten 1831 die Gemeinde Ermenrod an das Landgericht Grünberg[5] und 1839 die Orte Angenrod und Billertshausen an das Landgericht Alsfeld[6] abgetreten werden.

Amtsgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Oktober 1879 erfolgte aufgrund des Gerichtsverfassungsgesetzes die Umbenennung in Amtsgericht Homberg und die Zuteilung zum Bezirk des neu errichteten Landgerichts Gießen. Des Weiteren wurden Arnshain, Bernsburg und Heimertshausen an das Amtsgericht Alsfeld abgegeben, während Bernsfeld vom bisherigen Landgerichtsbezirk Grünberg neu hinzukam. Der Amtsgerichtsbezirk Homberg bestand jetzt also aus Appenrod, Bernsfeld, Bleidenrod, Burg-Gemünden, Büßfeld, Dannenrod, Deckenbach, Ehringshausen mit Oberndorf, Elpenrod, Erbenhausen, Gleimenhain, Gontershausen, Haarhausen, Hainbach, Homberg, Höingen, Kirtorf, Lehrbach, Maulbach, Nieder-Gemünden, Nieder-Ofleiden, Ober-Gleen, Ober-Ofleiden, Otterbach, Rülfenrod, Schadenbach und Wahlen.[7] Mit Wirkung vom 1. Januar 1882 wurden noch die bis dahin zum Amtsgericht Grünberg gehörenden Orte Rüddingshausen und Weitershain dem Amtsgericht Homberg zugeteilt.[8] Weitershain ging aber bereits wieder zum 1. Juli 1886 an den Sprengel des Grünberger Gerichts zurück[9] und auch Rüddingshausen musste am 1. Oktober 1938 an den Amtsgerichtsbezirk Grünberg zurückgegeben werden[10].

Am 15. Juni 1943 wurde das Gericht zur Zweigstelle des Amtsgerichtes Alsfeld[11], aber bereits wieder mit Wirkung vom 1. Juni 1948 in ein Vollgericht umgewandelt[12]. Am 1. Juli 1968 erfolgte die Auflösung des Amtsgerichts, die Gemeinden Burg-Gemünden, Nieder-Gemünden, Otterbach, Rülfenrod, Ehringshausen, Elpenrod, Hainbach und Ober-Gleen wurden dem Amtsgericht Alsfeld, die restlichen Gemeinden des Sprengels dem Amtsgericht Kirchhain zugelegt.[13]

Gerichtsgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BW

Das Land- und später das Amtsgericht hatte seine Diensträume 1821 bis 1892 im Rathaus Homberg (Ohm). 1892 wurde das Amtsgerichtsgebäude in der Frankfurter Straße 1 bezogen. Nach der Aufhebung des Amtsgerichtes 1968 ging das Gebäude in den Besitz der Stadt über.

Richter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Richter wirkten am Gericht:

  • Landrichter Ludwig Bötticher (1821–1824)
  • Landrichter Georg Ludwig Klingelhöfer (1824–1864)
  • Landrichter Ludwig Eckstorm (1865–1870)
  • Landrichter Josef Weyer (1870–1873)
  • Landrichter Wilhelm Eigenbrodt (1874–1879)
  • Oberamtsrichter Friedrich Rübsamen (1879–1897)
  • Amtsrichter Dr. August Scriba (1879–1882)
  • Amtsrichter Ludwig Hechler (1882–1887)
  • Amtsrichter Karl Schödler (1887–1891)
  • Amtsrichter Georg Olt (1891–1903) (ab 1898: Oberamtsrichter)
  • Amtsrichter Richard Schudt (1897–1899)
  • Amtsrichter Friedrich Schnitzspahn (1899–1904)
  • Amtsrichter Eugen Funk (1903–1905)
  • Amtsrichter Theodor Jost (1904–1922) (ab 1913: Oberamtsrichter)
  • Amtsrichter Dr. Willy von Becker (1905–1913)
  • Amtsrichter Karl Gundrum (1913–1945) (ab 1922: Oberamtsrichter)
  • Amtsgerichtsrat Ferdinand Elbertt (1922)
  • Amtsgerichtsrat Karl Bachmann (1922–1925)
  • Amtsgerichtsrat Adolf Schudt (1925)
  • Amtsgerichtsrat Walter Leun (1925–1926)
  • Amtsgerichtsrat Richard Schaeg (1926–1931)

Ab 1931 wurde die zweite Richterstelle nicht mehr besetzt.

  • Amtsgerichtsrat Berthold Wilhelm (1949–1961)
  • Amtsgerichtsrat Justus Wagner (1961–1968)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otfried Keller: Die Gerichtsorganisation des Raumes Marburg im 19. und 20. Jahrhundert, 1982, ISBN 3-9800490-5-1, S. 120–122, 183–185

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821 (Hess. Reg.Bl. S. 413)
  2. Die Zutheilung des Orts Leusel zu dem Landrathsbezirke Romrod und Landgericht und Rentamtsbezirke Alsfeld betr. vom 15. September 1821 (Hess. Reg.Bl. S. 602)
  3. Abtretung der Patrimonial-Gerechtsame in den Orten Herrmanstein, Rülfenrod und Wisselsheim betr. vom 17. April 1822 (Hess. Reg.Bl. S. 187)
  4. Die Zutheilung der Gemeinde Zell zum Landrathsbezirk Romrod, und zum Landgericht und Rentamt Alsfeld betreffend vom 14. Dezember 1822 (Hess. Reg.Bl. S. 535)
  5. Bekanntmachung, die Zutheilung der Gemeinde Ermenrod zu dem Landrathsbezirke und Landgerichte Grünberg betr. vom 19. Februar 1831 (Hess. Reg.Bl. S. 95)
  6. Bekanntmachung, die Trennung der Orte Angenrod und Billertshausen von dem Landgerichts- und Physicatsbezirke Homberg a. d. O. und deren Zutheilung zu dem Landgerichtsbezirke Alsfeld und Physicatsbezirke Romrod betr. vom 19. April 1839 (Hess. Reg.Bl. S. 159)
  7. Großherzog von Hessen und bei Rhein: Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1879 Nr. 15, S. 197–211 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 17,8 MB]).
  8. Bekanntmachung, die Bildung der Amtsgerichtsbezirke Hungen, Lich, Laubach, Grünberg, Homberg, Alsfeld, Vilbel und Friedberg betreffend vom 24. Dezember 1881 (Hess. Reg.Bl. S. 203–204)
  9. Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz: Bekanntmachung, die Bildung der Amtsgerichtsbezirke Grünberg und Homberg betreffend vom 9. April 1886. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1886 Nr. 10, S. 75 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 11,8 MB]).
  10. Verordnung über die Änderung von Gerichtsbezirken vom 3. September 1938 (RGBl. I S. 1154)
  11. Rundverfügung des Reichsministers der Justiz vom 20. Mai 1943 — 3200/7 — Ia9 995 — Betrifft: Vereinfachung der Gerichtsorganisation.
  12. Erlass des Hessischen Ministers der Justiz vom 24. Mai 1948 — 3210/1 — Ia 1961 — Betrifft: Umwandlung des Zweigstellen-Amtsgerichts Homberg (Oberhessen). (Der Hessische Minister der Justiz: Gesetz über Maßnahmen auf dem Gebiete der Gerichtsorganisation und Gerichtsverfassung vom 17. November 1953. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1953 Nr. 30, S. 189–191, Anlagen 1. (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 1,3 MB]).)
  13. Der Hessische Minister der Justiz: Zweites Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes (Ändert GVBl. II 210–16) vom 12. Februar 1968. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1968 Nr. 4, S. 41–44, Artikel 1, Abs. 2 cb und Artikel 2, Abs. 4 a) und Abs. 8 c) (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 298 kB]).

Koordinaten: 50° 43′ 40,7″ N, 8° 59′ 51,8″ O