Andreas Georgiou (Statistiker)

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Andreas Georgiou

Andreas Georgiou (griechisch Ανδρέας Γεωργίου, * 1960 in Patras) ist ein griechischer Wirtschaftswissenschaftler. Er wurde am 2. August 2010 Präsident der griechischen Statistikbehörde ELSTAT[1]. Am 2. August 2015 legte er sein Amt überraschend mit sofortiger Wirkung nieder. Er werde auch nicht kommissarisch im Amt bleiben.[2][3]

Im Juli 2016 hat Griechenlands oberster Gerichtshof (Άρειος Πάγος) entschieden, dass Georgiou sich wegen Verletzung des „nationalen Interesses“ verantworten muss.[4] Im Juni 2018 wurde er vom obersten Gericht Griechenlands zu zwei Jahren Haft, ausgesetzt auf Bewährung, verurteilt.[5]

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georgiou absolvierte das Athens College und studierte am Amherst College in USA bis zum Bachelor-Abschluss. An der University of Michigan promovierte er in Wirtschaftswissenschaften mit dem Hauptfach Geldtheorie und Internationale Handels- und Finanzbeziehungen.

Von 1989 bis Juli 2010 war er beim Internationalen Währungsfonds (IWF) tätig. Er leitete Missionen für die Vorbereitung, Verhandlung und Überwachung von IWF-Programmen in zahlreichen Ländern. Von März 2004 bis Juli 2010 war er stellvertretender Leiter der Statistikabteilung des IWF. Er lehrte Wirtschaftswissenschaften an der University of Michigan und als Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität Bratislava (Bratislava, Slowakei).[1]

Präsident der ELSTAT und Zeit danach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 29. Juni 2010 wurde Andreas Georgiou vom griechischen Parlament zum Präsidenten der neuen unabhängigen griechischen Statistikbehörde (ELSTAT) ernannt. Hintergrund der Auflösung des bisherigen Statistikamtes ESYA und der Neugründung der ELSTAT war, dass eine Analyse von Eurostat das Bild einer regelrechten Fälscherwerkstatt ergeben hatte,[6] die die Höhe des griechischen Staatsdefizits unter Außerachtlassung der europäischen Regeln verschleiert hatte. Die EU-Kommission urteilte in einem Bericht, das griechische Statistikamt ESYE liefere keine zuverlässigen Daten, da es am Gängelband der Politik sei. Solange diese Schwäche nicht behoben sei, bleibe die Zuverlässigkeit der Daten fragwürdig.[7] Nach seinem Amtsantritt im August 2010 korrigierte Georgiou das Etatdefizit für 2009 auf 15,4 Prozent. Zuvor wurde dieses mit 3,9 Prozent angegeben.[8]

Georgiou, der für die Tätigkeit in seiner Heimat seinen lukrativen Posten beim IWF aufgegeben hatte und erworbene Pensionsansprüche verfallen ließ, arbeitete hart an der Reform der griechischen Statistikbehörde.[9] Er stieß bei dem Vorhaben, die Glaubwürdigkeit der griechischen Statistik durch realistische Daten wiederherzustellen, von Anfang an auf Widerstände in der ELSTAT. Das Leitungsgremium wurde nach heftigen Auseinandersetzungen weitgehend neu besetzt.[10] Vorwürfe einer ausgeschiedenen Mitarbeiterin, Georgiou habe nach Vorgaben der EU und des IWF das griechische Staatsdefizit übermäßig hoch dargestellt, führten zu staatsanwaltlichen Ermittlungen[11][12] und belebten in Griechenland kursierende Verschwörungstheorien, die EU – insbesondere die deutsche Regierung – und der IWF hätten die griechische Finanzkrise bewusst herbeigeführt, um das Land ihrem Austeritätsdiktat zu unterwerfen.[13] Im Februar 2013 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Georgiou wegen Untreue.[14]

Im März 2015 – die von 2012 bis Januar 2015 regierende ND-PASOK-Koalitionsregierung unter Andonis Samaras war inzwischen abgewählt und von der Regierung Tsipras abgelöst worden – wurde Georgiou erneut verhört.[15] Georgiou gab 2015 von der heftigen Kritik in Griechenland entnervt seinen Chefposten bei der Statistikbehörde auf und ging wieder in die USA, wo er eine kleine Gastprofessur hatte, ansonsten aber arbeitslos war.[16]

Weil Georgiou die damaligen Statistiken seiner Behörde öffentlich „betrügerisch“ genannt hatte, wurde er im März 2017 von einem Berufungsgericht zu 12 Monaten Haft verurteilt. Seine Aussage sei ehrabschneidend gewesen.[17]

Die Strafverfolgung von Georgiou wurde in den Medien teilweise kritisch kommentiert.[18]

Im November 2017 verurteilte ein Gericht in Athen Georgiou: er habe zwar nichts Unwahres gesagt, hätte aber die Aussagen nicht per Pressemitteilung verbreiten dürfen. Georgiou hatte 2014 in einer Pressemitteilung gefragt, warum er angeklagt werde für korrekte Statistiken, während gegen jene, die für falsche Daten über die griechischen Haushaltsdefizite bis 2009 verantwortlich sind, nicht ermittelt werde. Das Gericht meinte, ein früherer Abteilungsleiter des Statistikamtes habe dadurch „einfache üble Nachrede“ erlitten; es verurteilte Georgiou zu 10.000 Euro Schadenersatz.[19] Georgiou kündigte an, in die Berufung zu gehen.[20] Im Juni 2018 wurde er nach mehreren eingelegten Widersprüchen schließlich durch das oberste Gericht Griechenlands in letzter Instanz zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.[21] Das International Statistical Institute bezeichnete das Urteil als „zerstörerisch“ für die Glaubwürdigkeit Griechenlands.[22]

Internationale Unterstützung für Georgiou[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die American Statistical Association hat brieflich die Strafverfolgung verurteilt und die griechische Obrigkeit aufgerufen, die Strafverfolgung gegen Georgiou und andere Elstat-Funktionäre zu stoppen. Der Brief wurde auch von neun Wirtschaftsnobelpreisträgern und vierzig Statistikorganisationen unterzeichnet.[23]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b [Andreas Georgiou (Statistiker) www.statistics.gr] (undatiert)
  2. sueddeutsche.de 3. August 2015: Athener Börse öffnet wieder - und stürzt ab
  3. Kathimerini 2. August 2015: Αποχωρεί από την ΕΛΣΤΑΤ μετά τη λήξη της θητείας του ο Ανδρέας Γεωργίου
  4. Aktenzeichen 1331/2016 (Supreme Court refers Andreas Georgiou with felony charges (2. August 2016))
  5. sueddeutsche.de 11. Juni 2018 [1]
  6. Griechenland: Meister kreativer Buchführung. In: FAZ.net. 4. Februar 2010, abgerufen am 5. Mai 2010.
  7. Griechenland: Statistik-Sirtaki. In: Frankfurter Rundschau. 12. Januar 2009, abgerufen am 5. Mai 2010.
  8. sueddeutsche.de 11. Juni 2018 [2]
  9. Der ehrliche ist der Dumme, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2018, S. 5
  10. Christiane Schlötzer: Griechenlands langer Kampf gegen Korruption Zahltage in Athen. In: Süddeutsche Zeitung. 27. Oktober 2011, abgerufen am 3. Juni 2015.
  11. Tobias Piller: Manipulationsvorwürfe: Streit um die Haushaltsdaten Griechenlands. In: FAZ. 1. Dezember 2011, abgerufen am 3. Juni 2015.
  12. Papandreou droht Anklage wegen Statistik-Fälschung. In: Deutsche Mittelstands-Nachrichten. 22. Januar 2012, abgerufen am 3. Juni 2015.
  13. Manipulationsvorwürfe: Griechischer Chef-Statistiker muss mit Anklage rechnen. In: Spiegel Online. 22. Januar 2013, abgerufen am 3. Juni 2015.
  14. Christiane Schlötzer: Gefährlich ehrlich. Andreas Georgiou räumte auf mit griechischen Statistiklügen – dafür wird er angeklagt. In: sueddeutsche.de. 13. Februar 2013, abgerufen am 3. Juni 2015.
  15. wsj.com 22. März 2015: Greeks Investigate Statistics Chief Over Deficit Figure
  16. Der Ehrliche ist der Dumme, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2018, S. 5
  17. FAZ 29. März 2017 / Tobias Piller: Haftstrafe für griechischen Chefstatistiker
  18. heise.de 15. August 2017: Wird die griechische Justiz von der Regierung gesteuert?
  19. FAZ.net / Philip Plickert 12. November 2017: Strafe für ehemaligen Chefstatistiker Griechenlands
  20. FAZ.net: Empörung über Strafe für griechischen Chefstatistiker
  21. sueddeutsche.de 11. Juni 2018 [3]
  22. Der Ehrliche ist der Dumme, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2018, S. 5
  23. FAZ.net 12. Januar 2018: Nobelpreisträger unterstützen griechischen Statistiker