Andreas Müller (Richter)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Andreas Müller (* 5. Juli 1961 in Meppen) ist ein deutscher Jugendrichter in Bernau bei Berlin.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Müller stammt aus dem Emsland; seine Eltern führten eine Bäckerei in Meppen. Über Bruder und Vater schrieb er: „Der eine kiffte, der andere soff.“[1] Heute lebt er in Glienicke/Nordbahn. Er ist geschieden und hat zwei Töchter.[2]

Nach dem Jura-Studium und anschließenden Referendariat in Berlin wurde Andreas Müller 1994 Richter im Land Brandenburg, zunächst als abgeordneter Richter aus Münster (NRW) in Frankfurt (Oder) und Strausberg. Seit 1997 ist Müller am Amtsgericht in Bernau bei Berlin als Richter tätig, die meiste Zeit davon ausschließlich als Jugendrichter.[3]

Bundesweites Aufsehen erregte er, als im Jahr 2000 bekannt wurde, dass er neben harten Arreststrafen Neo-Nazis als Bewährungsauflage das Tragen von Springerstiefeln, die er als Waffen einstufte, untersagte.[4] Ebenso ließ er eine 15-Jährige, die öffentlich den Hitlergruß zeigte, eine Moschee in Berlin-Kreuzberg besuchen und mit jungen Türken zusammen Döner essen.[5] Seit dieser Zeit ist Müller häufig zu Gast in Fernsehsendungen zum Thema Jugendgewalt, wie Hart aber fair[6] und Anne Will,[3] sowie bei Vortragsveranstaltungen.[7]

2002 ließ er sich von der PDS als parteiloser Kandidat für ein Direktmandat bei der Bundestagswahl 2002 im Bundestagswahlkreis Märkisch-Oderland – Barnim II[8] aufstellen.[9] Den Wahlkreis gewann die SPD-Kandidatin Petra Bierwirth.[8] In der TAZ äußerte er danach allerdings: „Im Übrigen stand ich die letzten 20 Jahre ohnehin den Grünen bzw. den Linken in der SPD näher.“[10]

2004 entstand eine 30-minütige Dokumentation über seine Arbeit für den Fernsehsender Phoenix.[11]

2010 berichtete die Die Welt, dass in Bernau – früher einer der Neonazi-Hochburgen Brandenburgs – seit Jahren kein Verbrechen mit rechtsextremem Hintergrund mehr verübt worden sei und bringt diesen Umstand in direkten Zusammenhang mit Müllers Urteilen.[12]

Am 8. September 2013 stellte er in der Ausgabe Tatort U-Bahn – machtlos gegen Jugendgewalt? der Sendung Günther Jauch sein erstes Buch Schluss mit der Sozialromantik vor. Ursprünglich sollte es den Titel Springerstiefel, Cannabis und Depressionen erhalten.[13] Es ist stark autobiografisch gehalten; darin erinnert er immer wieder an Kirsten Heisigs Erfolgstitel Das Ende der Geduld.

Müller war ein Freund und Mitstreiter der verstorbenen Juristin Kirsten Heisig,[5] die ihn in ihrem posthum erschienenen Buch „Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ besonders hervorhebt.[2]

Müller gilt als „Abschrecker“ und „Querulant im Namen der Gerechtigkeit“.[2][14]

Im September 2015 veröffentlichte Müller sein zweites Buch, Kiffen und Kriminalität, in dem er sich einem seiner großen Themen, der Legalisierung von Cannabis, widmet.

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Müller fordert von der Justiz die Einführung einer Generalprävention bezogen auf Jugendliche, die zeitnahe Verurteilung und den „Erziehungsrichter“. Er engagiert sich ebenfalls für die Freigabe von Cannabis und wehrt sich gegen die Behauptung, es sei eine Einstiegsdroge.[9] Dieses Engagement begründet er nicht zuletzt mit der Alkoholsucht seines verstorbenen Vaters und der Heroinabhängigkeit seines vier Jahre älteren Bruders.[10]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik an Müllers Positionen erfolgte vor allem aus den Reihen der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ). So bezeichnet Theresia Höynck Müllers „Erziehungsrichter“ als „Laiensicht“; Christian Pfeiffer nennt das Werk „Gruselliteratur“. Manfred Günther verreißt den Titel umfänglich.[15]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (mit Carsten Tergast): Schluss mit der Sozialromantik. Ein Jugendrichter zieht Bilanz. Herder, Freiburg 2013, ISBN 978-3-451-30909-0.
  • (mit Carsten Tergast): Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz. Herder, Freiburg 2015, ISBN 978-3-451-31276-2.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Müller: Schluss mit der Sozialromantik. 2013, S. 15
  2. a b c Michael Mielke: Ein Querulant im Namen der Gerechtigkeit. Spaziergang mit Jugendrichter Müller. In: Berliner Morgenpost. Axel Springer AG, 8. Januar 2012; abgerufen am 1. November 2012.
  3. a b Anne Will – Sendung vom 31. Oktober 2012 im Ersten Programm
  4. Ein Richter gegen Neonazis: Rechtsradikale unter Kontrolle. In: Kontraste. Abgerufen am 1. November 2012.
  5. a b Sandra Dassler: "Es bringt nichts, Skinheads die Glatze zu streicheln". Der Tagesspiegel, 8. November 2010; abgerufen am 1. November 2012.
  6. Halts Maul, du Opfer – wer stoppt die jungen und gnadenlosen Gewalttäter? Sendung vom 26. Mai 2011. In: Hart aber fair (Link zu Upload auf YouTube). Abgerufen am 1. November 2012.
  7. Interview mit dem WESER-KURIER am 1. März 2014, Seite 2: „Bedrohung gehört zum Job“
  8. a b Endergebnis des Bundestagswahlkreises 59 Märkisch-Oderland - Barnim II. 2. Oktober 2002; abgerufen am 8. September 2013.
  9. a b Helmut Uwer: „Roter Richter Gnadenlos“ will Direktmandat holen. Erst Grün, dann rot, jetzt parteilos. Doch für die PDS kämpft Andreas Müller in Brandenburg um ein Direktmandat. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. August 2002; abgerufen am 1. November 2012.
  10. a b Plutonia Plarre: „Ich stand oft auf der Abschussliste“. die tageszeitung, 15. März 2004; abgerufen am 1. November 2012.
  11. Dominic Egizzi (Drehbuch und Regie): Ein Mann greift durch. Der Jugendrichter von Bernau. Reportage, 30 Min. Phoenix, 10. November 2004; abgerufen am 1. November 2012.
  12. Freia Peters: Jugendrichter Müller verteidigt Kirsten Heisigs Erbe. Nach dem Vorbild der Berliner Richterin fällt Andreas Müller in Bernau strenge Urteile. Die Kriminalität sinkt deutlich. In: Die Welt. 29. Dezember 2010; abgerufen am 1. November 2012.
  13. Müller: Schluss mit der Sozialromantik. 2013, S. 12
  14. Heinrich Wefing: Der Abschrecker. Andreas Müller ist Jugendstrafrichter und brennt dafür – bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit. In: Die Zeit. Nr. 42, 10. Oktober 2013 (online [abgerufen am 18. Oktober 2013]).
  15. vgl. „Jugendhilfe“ H6 2013 (siehe „Literatur“). Der Kriminologe Wolfgang Heinz differenziert gleichwohl, konfrontiert aber Müllers Thesen mit dem Forschungsstand und findet für die zentralen Behauptungen keine Belege und plädiert dafür, die Aus- und Fortbildung von Jugendrichtern von einer Soll- (§ 37 JGG) in eine Muss-Vorschrift hochzustufen.